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Radikale Helferlein

Julika Förster |  29. Januar 2015 |   |  Drucken

[kommentiert]: Julika Förster über den Jugendverband der AfD

Vollends besiegeln mochte die AfD ihre formale Verwandtschaft mit der Jungen Alternative für Deutschland (JA) bislang noch nicht. Nur schleppend werden deren Landesverbände als offizielle Jugendorganisationen bestätigt; zunächst wolle man beobachten, wohin genau die „politische Reise geht“.[1] Freilich gelobt die AfD nicht grundlos abwartende Distanz, immerhin erhitzen die „jungen Wilden“ seit einigen Monaten verlässlich die Gemüter. Insofern würde ein Übermaß an Solidarität die AfD wohl mit einer deutlichen Verschärfung der ungeliebten Debatte um die eigene Seriosität konfrontieren. Doch so wachsam sie sich bisher im skeptischen Zögern übte, so sehr weiß sie bereits vom polarisierenden Gebaren der ungestümen Jugend zu profitieren.

Auf den ersten Blick stehen Adjektive wie „wild“ und „ungestüm“ in fast ironischem Kontrast zur Selbstpräsentation in der Kampagnenflut, mit der die selbsternannte Parteijugend seit Monaten die sozialen Netzwerke überschwemmt. So trägt Thomas*[2], ein betont würdevoll vor einer Zimmerpflanze posierender BWL-Student, sorgsam frisiertes Haar zum weißen Hemd, dessen Knitterfalten einen höchstens vagen Hinweis auf subversive Positionen geben mag. Natürlich versteht sich das adrette Äußere als vehemente Verneinung der Frage, die der ehemalige Offizier auf einem schlicht gestalteten Plakat der Kamera präsentiert: „Ich bin also eine Schande für Deutschland?“. Und nicht umsonst bezeichnet der ehemalige JA-Vorsitzende Philipp Ritz sich und seine Mitstreiter in diesem Sinne gern als „bürgerliche Rebellen“[3]. Die stolz demonstrierte Bürgerlichkeit soll vielmehr die sonstige Radikalität ihres Auftritts veredeln – so, als würden fragwürdige Positionen gepudert und gescheitelt salonfähiger.

Denn abgesehen von Kleiderwahl und Selbstbeschreibung entbehrten die Aktivitäten der Jungen Alternative bisher jeglicher Zurückhaltung. Immer wieder machten Mitglieder durch nationalistische und rassistische Äußerungen, teilweise auch Verbindungen zur rechtsextremen Szene von sich reden.[4] Besonderes Aufsehen erregte zudem die Facebook-Präsenz des Jugendverbands, seines Zeichens Hauptschauplatz besagter Kampagnen. In emsiger Regelmäßigkeit wird dort aggressiv Stellung bezogen, tagespolitisches Geschehen desavouiert und externe Kritik wenig respektvoll gekontert.

Markige Sprüche („Wenn der Staat seine Aufgaben nicht mehr wahrnimmt, werden es ANDERE tun“, „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei – P(r)o Vielfalt in Europa“) treffen auf ausgewählt anrüchige Fotografien, sogenannte AntifeministInnen und „Putinversteher“ schießen Selfies für die Sache. Das Ausmaß der ebenfalls regelmäßigen öffentlichen Empörung über solch sorgsam inszenierte Provokationen lässt sich im Folgenden bestens anhand einiger ihrer Gipfel illustrieren: eine Anzeige wegen des Verdachts auf den Aufruf zur Selbstjustiz, eine Nominierung für die von Terre des Femmes initiierte Auszeichnung für besonders frauenfeindliche Werbung sowie die Ernennung zum Verlierer des Tages von Seiten der für gewöhnlich gestählten Bild-Zeitung.

Derartige öffentliche Kritik vermag die Junge Alternative allerdings nur wenig zu bekümmern; jegliche Angriffe wurden bislang mit Begeisterung als Ausgangspunkt weiterer Kampagnen aufgegriffen. Gesucht wird die lebhafte Konfrontation, idealerweise coram publico, letztlich eine geeignete Bühne für radikalkonservative Provokation. Dass ihr jene streitsüchtige Attitüde und ihre chauvinistisch bis demagogisch anmutenden Parolen längst den Ruf einer radikaleren Ausgabe der AfD eingebracht haben, erscheint der JA schlichtweg nicht problematisch. Vielmehr deckt sich diese Einschätzung sogar mit ihrem eigenen Selbstverständnis: Schließlich gerieren sich die Jugendverbände von Parteien des öfteren als „Gralshüter der reinen Lehre“[5], bewachen die ideologischen Grundfesten ihrer Mutterpartei zuweilen mit dem Adlerauge des Dogmatismus. Ihre Radikalität begreift die JA daher als typisches Charakteristikum politischer Jugendorganisationen – ermöglicht durch die naturgemäß größere Narrenfreiheit, die sie im Vergleich zu der an Wähler und Parteiengesetz gebundenen AfD besitzt.[6]

Soviel Gelassenheit ist von der AfD selbst natürlich nicht zu erwarten. Wie sehr die Junge Alternative die eigene Authentizität gefährden kann, ist ihr wohl spätestens seit dem Wahlkampf zur Europawahl im vergangenen Jahr bekannt. Seinerzeit brüskierte die JA ihre Mutterpartei durch die Einladung des britischen Politikers Nigel Farage – nachdem sich Bernd Lucke bereits eindringlich gegen eine Zusammenarbeit mit dessen Partei, der rechtspopulistischen Ukip, ausgesprochen hatte. Doch so spannungsreich sich die Beziehung von AfD und JA bisweilen gestaltet, so wenig lässt sich ihre diskret verwaltete Verwandtschaft bestreiten. Eine umfassende offizielle Anerkennung ist streng genommen gar nicht nötig, um den stürmischen Jugendverband zweifelsfrei als Repräsentanten seiner Mutterpartei zu identifizieren.

Es ist nicht zuletzt das derzeit noch spaltende jugendliche Gebaren selbst, das diese Schlussfolgerung nahelegt. Die Lust am Tabubruch kennzeichnet bekanntlich ebenfalls die Rhetorik der AfD; der geteilte Drang, das „Unbequeme“ auszusprechen, ist schlichtweg Basis der gemeinsamen Philosophie. Und auch die Inhalte zeugen von geistiger Eintracht, finden sich die lakonischen Parolen der JA zu innerer Sicherheit oder Familienpolitik doch zumeist hübsch ausformuliert in Redebeiträgen und Parteiprogrammen der AfD wieder. Der statistische Exkurs von Philipp Ritz, demzufolge etwa neunzig Prozent seiner jungen Mitstreiter zugleich eine Mitgliedschaft in der Alternative für Deutschland aufwiesen,[7] bestätigt insofern nur das ohnehin Offensichtliche.

Insgeheim wird man sich diesbezüglich in der Mutterpartei jedoch nicht allzu sehr grämen. Freilich sind der AfD die generellen Vorzüge eines Jugendverbands, dem primär die Rekrutierung des politischen Nachwuchses obliegt, nur allzu geläufig. Nicht zu vergessen sein heilsamer Effekt auf die medialen Darstellungen der AfD als verstaubte Altherrenpartei, die nunmehr wohl gemächlich verworfen werden. Vor allem aber erfüllt die JA eine Mittlerfunktion, auf die die AfD im notwendigerweise mäßigenden politischen Alltag stetig angewiesen sein wird: Wo sie selbst bedauernd auf die Fesseln politischer Kompromisse und bürokratischer Schranken verweisen muss, bietet die JA dem enttäuschten Dogmatismus ein zuverlässiges Ventil. Im Idealfall gewährt die Jugendorganisation noch dem träumerischsten Konservatismus Identifizierungsangebote, vermittelt zwischen Vision und Wirklichkeit.

Insofern zeigt sich am ambivalenten Verhältnis von AfD und JA ein grundlegendes Verhaltensmuster der Alternative für Deutschland. Gleichgültig ob Junge Alternative, HoGeSa oder Pegida – gerne wird mit (vermeintlich) rechtslastigeren Gruppierungen kokettiert, ohne sich sofort endgültig zu binden. Zwar mag diese Taktik der AfD den offiziellen Gang in womöglich rufschädigende Milieus ersparen. Dennoch bröckelt ihre unablässig proklamierte Unschuld, indem sie in dieser Weise von den losen Verbindungen profitiert. Auch trifft sie bereits mit der zögerlichen Anerkennung der Jungen Alternative, die sich zuletzt im leisen Auftritt Bernd Luckes auf dem JA-Bundeskongress spiegelte, eine eindeutige Wahl.

Der Bundesparteitag der AfD am nahenden Wochenende könnte die Bande zwischen Partei und Jugend weiter verstärken. Wie auch immer der offizielle Standpunkt aussehen wird – denen, die im verworrenen Verwandtschaftsgeflecht eine zunehmend radikalkonservative Verwurzelung der Alternative für Deutschland erkennen, sei in Goethes Worten beigepflichtet: Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.

Julika Förster arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung und ist Mitautorin der Studie „Wettberwerbspopulismus. Die Alternative für Deutschland und die Rolle der Ökonomen“

 

[1]    Baum, Antonia: Jung und gar nicht naiv, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2014, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jugendorganisation-der-afd-jung-und-gar-nicht-naiv-13242815.html [eingesehen am 08.01.2015].

[2]    *Name geändert.

[3]    Steppat, Timo: Die Möchtegern-Rebellen, in: Handelsblatt, 30.05.2014, URL: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/junge-alternative-die-moechtegern-rebellen/9968898.html [eingesehen am 08.01.2015].

[4]    Vgl. etwa Feuerbach, Leonie: Ideologie statt Verstand, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2015, URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/die-junge-alternative-als-afd-nachwuchs-13354681.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 [eingesehen am 08.01.2015].

[5]    Krabbe, Wolfgang R.: Parteijugend in Deutschland. Junge Union, Jungsozialisten und Jungdemokraten 1945-1980, Wiesbaden 2005, S. 256.

[6]    Vgl. Clemens, Carlo: Verstand statt Ideologie, in: Blaue Narzisse, 06.02.2014, URL: http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/4412-verstand-statt-ideologie [eingesehen am08.01.2015].

[7]    Vgl. Asche, Christoph: AfD-Jugendorganisation Junge Alternative: „Fast unverhohlen rechtsradikal“, in: Spiegel Online, 17.10.2014, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/junge-alternative-umstrittene-afd-nachwuchsorganisation-a-997102.html [eingesehen am 08.01.2015].


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