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Ein Intellektueller auf Abwegen?

Christian von Eichborn |  31. Januar 2011 |   |  Drucken

[kommentiert]: Christian von Eichborn kommentiert den Umgang Intellektueller mit der Politik am Beispiel von Jean-Paul Sartre.

Jean-Paul Sartre hat ihn abgelehnt, den Nobelpreis. Dies ist außergewöhnlich und verstörend zugleich.  Die Franzosen zürnten, verstanden es nicht und hielten es ihm vor. Er habe Frankreich blamiert. Mit dem Geld hätte er zumindest eine südamerikanische Guerilla-Truppe unterstützen können, schrieben die bürgerlichen Zeitungen. Sartres eigene, öffentliche Erklärung blieb ebenso dürftig wie die bescholtene Kritik an seiner Entscheidung. Er habe das schwedische Komitee nicht in Verlegenheit bringen wollen, indem er das Geld für unorthodoxe Zwecke einsetze. Deshalb habe er schon im Vorfeld die Annahme der Ehrung ausgeschlossen. Außerdem stellte er klar:

„Ein Autor, der politisch, sozial oder literarisch Stellung bezieht, darf das nur mit dem geschriebenen Wort tun. Alle Auszeichnungen, die er erhält, setzen seine Leser einem Druck aus … Es ist nicht das gleiche, ob ich mit Jean -Paul Sartre unterzeichne oder mit Nobelpreisträger Jean-Paul Sartre.“ Und: „Ich bin nicht in der Lage, irgendwelche Auszeichnungen, die von bedeutenden Kulturorganisationen des Ostens oder des Westens verliehen werden, anzunehmen, obwohl ich ihre Existenz sehr gut verstehe… Ich würde auch den Lenin-Preis ablehnen.“

Sein Biograph – der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy – nimmt ihm diese Darstellung nicht ab. Vielmehr arbeitet er heraus, dass Sartre nicht aus Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Lesern,den Preis ablehnte, sondern sich aus einer tiefen inneren Ablehnung heraus gegen das Stockholmer Komitee stellte. Akzeptierte er Ehren und Auszeichnungen eines Systems, akzeptierte er das System. Und die Bourgeoise, die Demokraten, vielleicht auch die Liberalen hätten sich – aus seiner Perspektive – die Hände gerieben und gerufen: „Seht alle her! Selbst er gehört zu uns, selbst er, der große Querulant, erfreut  sich an unserem Respekt“. Kurzum: Sartre wollte nicht dazugehören. Er hielt Abstand und konnte so weiter mäkeln und wirken. Denn der Nobelpreis hätte ihn nicht nur in die gesellschaftlichen Einheitsstrukturen eingefügt, nein, er hätte ihn auch zu einem Denkmal, zu einer Statue gemacht. Und eine Statue ist bekanntermaßen starr und feststehend. Ungeachtet aller etwaigen politischen Motivationen wollte er sich seine Dynamik bewahren, wie Lévy schreibt, keine Mumie werden, sondern ein aktiver Intellektueller bleiben.

Ralf Dahrendorf dürfte diese Einstellung gefallen haben. In seinem Werk „Versuchungen der Unfreiheit – Intellektuelle in Zeiten der Prüfung“ analysiert er die Beweggründe der verschiedensten Denker, den Verheißungen des Totalitarismus zu verfallen oder eben von ihnen zu lassen. Ralf Dahrendorf stellt in diesem Buch einen erlesenen Kreis von Intellektuellen vor, die sich trotz widriger Umstände niemals dem Totalitarismus, den großen Erzählungen hingegeben haben. Er nennt diesen Kreis die „Erasmianer“. Erasmus von Rotterdam ist, so legt es zumindest die Beschreibung Dahrendorfs nahe, der erste konsequente Verfechter eines liberalen Geistes. Der reisende und schreibende Prediger und Schriftsteller gab sich während seiner Lebzeiten nicht dem aktiven politischen Handeln hin, sondern blieb inaktiv, beobachtete und kommentierte, blieb stets kritisch und unabhängig. Und er tat all dies in unruhigen Zeiten. Dahrendorf behauptet, er tat es in Zeiten der Versuchung. Martin Luther war dabei, die Kirche zu reformieren, Heinrich VIII polarisierte die Meinungen der Gelehrten. Und dennoch: Erasmus blieb stets der „engagierte Beobachter“. Er wahrte sich seine Unabhängigkeit und machte sich auf diesem Wege viele ehemalige Freunde zu Feinden – unter anderem eben auch Martin Luther. Ausgezeichnet habe Erasmus von Rotterdam, dass er in erregten Zeiten einen klaren Kopf bewahrt habe.

In seinem Buch analysiert Ralf Dahrendorf die Biographien etlicher Intellektueller des 20. Jahrhunderts und entscheidet dann, wer von ihnen in den erlauchten Kreis der Erasmier aufgenommen wird und wem die Pforten verschlossen bleiben. Hat sich der Intellektuelle der Versuchung hingegeben, die im Nationalsozialismus steckt, oder hat er die Sowjetunion unterstützt. Die Unversuchbaren, resistenten Intellektuellen und würdigsten Vertreter des liberalen Geistes sind für Dahrendorf Karl Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin. Um sie herum drapiert er etliche andere.

Das Buch behandelt vorwiegend potentielle Erasmier. Dahrendorf filtert die Biographien der unterschiedlichsten Denker nach sogenannten liberalen Tugenden. Hierzu zählt er die Eigenschaften Mut und Gerechtigkeit, Besonnenheit und Weisheit. Findet er Makel in den Biographien Einzelner erasmischer Anwärter, zeigt er sich gerne gnädig. So geschehen bei Hannah Arendt, die immer wieder die Grenze zur politischen Aktivität überschritt. Und dennoch legt Dahrendorf besonderen Wert darauf einem Intellektuellen, einem französischen Philosophen, den Zutritt zur Gruppe der Erasmier zu verweigern: Es ist Jean-Paul Sartre.

Denn „Sartre ist nicht nur das Gegenbild zu seinem petit camerade und Intimfeind Raymond Aron, sondern zu den Erasmus-Intellektuellen überhaupt. Ihn zeichnet keine der Tugenden aus, die den liberalen Geist prägen. Der Einzelkampf um Wahrheit lag ihm nicht; er brauchte Gesellschaft. Widersprüche löste er immer wieder auf neue Weise auf. An Engagement fehlte es ihm nie, wohl aber an der Distanz des Beobachters. Über die Qualität seiner Passion kann man streiten, aber mit Vernunft hatte sie wenig zu tun“ (Dahrendorf, Ralf: Versuchungen der Unfreiheit – Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2008, S. 191).

Doch wie kommt es zu diesen rigorosen Sätzen. Hatte sich Sartre zuvor nicht als unabhängiger Geist präsentiert, der sich eben nicht beeinflussen lässt und sich von nichts und niemandem einnehmen lassen wollte?

Simon de Beauvoir gibt Einblick in Sartres Leben und liefert Hinweise darauf, wie die französischen Intellektuellen der Nachkriegszeit mit den von Ralf Dahrendorf angesprochenen Versuchungen umgegangen sind. In ihrem Roman „Die Mandarins von Paris“ sind es der Journalist Henri und der Schriftsteller Dubreuilh, die sich ihrer eigenen Positionierung zwischen kritischer Öffentlichkeit, Politik und Privatleben bewusst werden müssen. Der Krieg ist vorbei, sie haben Wiederstand geleistet, jeder auf seine eigene Art. Der eine – der alte Dubreuilh – schrieb für sich und veröffentliche gelegentlich in der geheimen Zeitung seines Freundes Henris, dem Espoir. Henri griff auch ein. Er war nicht nur ein engagierter Beobachter, sondern hat während der Besatzungszeit getötet. Er hat die Grenze von der vita contemplative zur vita activa überschritten.

Nach dem Krieg wissen sie jedoch nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Bis zur Befreiung Frankreichs konnte man einfach zwischen Gut und Böse unterscheiden und die eigene selbstverständliche Rolle hatte man auch gefunden. Moralisch gab es keine Alternative. Doch nun, nach dem Krieg, zeichnen sich die Dinge anders. Die Welt scheint unbegreiflich komplex geworden zu sein und es steht keinesfalls fest, an welcher Stellschraube des öffentlichen Lebens der Intellektuelle seine Werkzeuge einzusetzen hat.

Henri und Dubreuilh streiten sich bitterlich über die Frage ihrer eigenen Positionierung. Henri, der Journalist und Zeitungsbesitzer, möchte seine Unabhängigkeit bewahren. Weder will er offen die kommunistische Partei unterstützen, noch will er sich hörig auf die Seite der vermeintlich unabhängigen sozialistischen Vereinigung seines alten „Waffenbruders“ stellen. Dubreuilh überzeugt ihn, zwingt ihm eine persönliche Intervention regelrecht auf und beide verlieren sich in der Politik. Sie irren umher und verlaufen sich, verfangen sich in den Fallstricken des politischen Lebens und entzweien sich.

Es ist unschwer zu erkennen, dass de Beauvoir in Dubreuilh ein Ebenbild Sartes geschaffen hat. Genau wie der echte Sartre ist er bemüht, seine Unabhängigkeit zu bewahren und will dennoch wirken und beeinflussen. Dubreuilh betrachtet die Kommunisten kritisch und missachtet ihr ideologisches Eingebundensein. Er weiß um die Notwendigkeit seiner Unabhängigkeit und gerät dennoch immer näher in die Sphäre der Ideologen bis er schließlich anfängt, ihre Interessen zu verteidigen oder besser: Nicht mehr engagiert zu beobachten.

Im Roman ist dieser Moment klar erkennbar. Henri, der Zeitungsbesitzer, möchte über die Zwangs- und Arbeitslager in der Sowjetunion berichten. Er ist erschüttert von der Ungeheuerlichkeit derartiger Einrichtungen. Dubreuilh hingegen findet viele Gründe, die Existenz der Lager nicht zu verkünden. Er weiß, früher oder später erfährt die Öffentlichkeit ohnehin von ihnen, und er will es nicht sein, der diese Nachricht übermittelt.

Auch die literarische Entsprechung Sartres, die de Beauvoir vorstellt, hätte wohl keinen Eingang in Dahrendorf Ehrenzirkel erhalten – Dubreuilh wäre kein Erasmier geworden. Er hat sich schützend vor die Ideologen gestellt, die Kommunisten gedeckt, sich auf diese Weise mit ihnen verbündet. Er sagt es ganz deutlich, als darüber diskutiert wird, wie er sich zu den Gulags positionieren will: „Die Öffentlichkeit in Aufruhr gegen die Sowjetunion zu versetzen! Gerade das müssen wir vermeiden, vor allem jetzt!“ Er sieht seine Aufgabe darin, Sowjetrussland zu schützen, notfalls zu rechtfertigen, was in diesem Land geschieht, denn „es geht nicht darum, das Regime der Sowjetunion zu ändern, sondern darum, dass wir heute in Frankreich die Vorstellung, die man sich von der Sowjetunion macht, lenken“. Die verschlossenen Pforten im Club der Erasmier wären für diesen literarischen Intellektuellen wohl berechtigt verschlossen gewesen.

Auch der echte Sartre suchte stets seinen Standpunkt zur Sowjetunion. Und tatsächlich leugnete er die Lager und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit im real existierenden Sozialismus noch viel vehementer als sein literarisches Pendant. Nach einer Reise in die Sowjetunion – es waren nur wenige Tage – lobt Sartre die Lebensbedingungen und Perspektiven der russischen Bevölkerung. Für die tausenden, wohl Millionen Inhaftierten muss dies der reinste Hohn gewesen sein.

Sartre auszuschließen aus dem erlesenen Kreis liberaler Intellektueller ist in Anbetracht der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei Frankreichs durchaus berechtigt. Er hat kein Maß gefunden, um die ideologischen Versuchungen auf Abstand zu halten. Irgendwann muss es einen Punkt gegeben haben, an dem Sartre sich nicht mehr gegen sie stemmen konnte, an dem er von ihnen überrollt worden ist.

Doch ist Dahrendorfs Urteil zu hart. Die Ablehnung des Nobelpreises ist nur ein Beispiel dafür, wie wichtig Sartre seine Unabhängigkeit war. Er hatte Angst, nicht mehr vorbehaltlos poltern zu können, sich durch eine Urkunde einer gewissen Abhängigkeit hinzugeben – egal wie schmeichelhaft und wirtschaftlich attraktiv die Auszeichnung gewesen wäre.

Insgesamt: Sartre hat sich der Unfreiheit hingegeben – später hat er sich jedoch auch wieder von ihr distanziert. Ralf Dahrendorf übertreibt jedoch maßlos, wenn er über Sartre schreibt, dieser „wäre immer neu bereit gewesen, seine Unabhängigkeit preiszugeben für die modische Zugehörigkeit zu diesem oder zu jenem.“ Denn dem Faschismus ist Sartre gewiss nicht erlegen, obwohl es dazu im besetzten Frankreich genügend Gelegenheiten gegeben hätte. Bernard-Henri Lévy – der Biograph – geht hart mit Sartre ins Gericht, verachtet ihn regelrecht für seine – wohlgemerkt kurzzeitige – Begeisterung für die kommunistische Ideologie Sowjetrusslands und verweist dennoch entschieden darauf, wie Sartre während der Besatzungszeit versucht hat, einen intellektuellen Austausch anzuregen und kritisch die Rolle Frankreichs zu diskutieren. Effizient war diese Tätigkeit nicht, eine Tatsache ist sie jedoch allemal. Sartre war bestimmt kein Widerstandskämpfer, aber das muss nach Dahrendorf ein Erasmier auch nicht sein, denn sonst wäre er gewiss auch kein „engagierter Beobachter“ mehr gewesen.

Christian von Eichborn ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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