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Ein undogmatischer Idealist

Matthias Micus |  31. Juli 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Matthias Micus über den französischen Politiker Jean Jaurès.

Es war heute vor hundert Jahren, am Abend eines langen Arbeitstages, den er wie üblich zunächst zu Hause in seiner Schreibstube im Pariser Vorort Passy, ab Mittag dann im Parlamentsgebäude und anschließend in den Redaktionsräumen der von ihm geleiteten Zeitschrift L‘humanité verbracht hatte und den er – wie ebenfalls nicht ungewöhnlich – mit einem Essen mit Redaktionskollegen im „Café du Croissant“ beenden wollte, als die Schüsse fielen. Das Opfer saß am Tisch mit dem Rücken zum geöffneten Fenster, der Täter, ein 29-jähriges Mitglied der nationalistischen „Liga der jungen Freunde Elsaß-Lothringen“, hatte auf der Straße schon auf ihn gewartet. Er feuerte zwei Schüsse durch das Fenster ab; der erste verfehlte sein Ziel, der zweite traf tödlich. Tatmotiv: Bellizismus. Der Kriegsgegner, der da erschossen wurde, war Jean Jaurès, der parlamentarische Führer der französischen Sozialisten. Doch wer war eigentlich Jean Jaurès? Warum ihm gedenken, den doch mutmaßlich kaum noch jemand kennt, dessen Bedeutung so groß insofern kaum gewesen sein kann?

In der Tat geriet Jaurès auch in seinem Heimatland Frankreich schnell in Vergessenheit. Bereits 1949 beklagten Anhänger und Zeitgenossen des mit 54 Jahren im – wie es so oft heißt – besten Mannesalter aus dem Leben Gerissenen den Mangel an Biografien und das Verblassen der Erinnerung an ihn. Später waren dann, gerade in Deutschland, andere sozialistische Denktraditionen als die reformsozialistische, als deren internationales Gesicht Jaurès fungierte, en vogue. In den letzten zwei Jahrzehnten galt ohnehin alle Theorie als verstockt, gestrig, ja amtsärztlich behandlungsbedüftig. Und zuvor bei den „68ern“ wurde der Reformsozialismus mit Revisionismus, Opportunismus, prinzipienlosem Verrat an den Idealen gleichgesetzt.

Indes zeigt sich bei Jaurès deutlicher als vielfach sonst, wie zeitabhängig das Urteil über Menschen häufig ist. Oder in den Worten seines Biografen John Hampden Jackson: „Jede Generation sollte Jaurès im Lichte ihrer eigenen Erfahrungen auslegen.“ Es scheint jedenfalls kein Zufall zu sein, dass es seit einiger Zeit ein gewisses Jaurès-Revival gibt. So gab es zuletzt doch mehrere Biografien, deren Fehlen zuvor ja wie bereits erwähnt wiederholt beklagt worden war. Und in Frankreich sind mittlerweile in zahlreichen Städten Straßen, Plätze und U-Bahn-Stationen nach ihm benannt.

Jean Jaurès 1907 in Stuttgart

Foto: Jean Jaurès 1907 in Stuttgart; gemeinfrei.

Und prinzipienlos war Jaurès ja auch keineswegs. Ungewöhnlich dagegen waren seine Positionen sehr wohl, auch und gerade zu seiner Zeit. So war er einerseits ein glühender Anhänger der Internationale, doch zeigte er gleichzeitig kräftige Sympathien für die französische Nation. Er sprach sich für Reformen und die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien aus, verfocht bisweilen aber vehementer als die vermeintlich radikaleren deutschen Genossen den Generalstreik. Er war ein Pazifist und schrieb militärwissenschaftliche Bücher über „Die Neue Armee“. Er erwähnte den Sozialismus, doch wusste er auch die Vorzüge der Republik zu schätzen.

Einige dieser vermeintlichen Widersprüche lösen sich jedoch bei einem Blick auf seine Biografie auf. Jaurès wird 1859 in Castres geboren, einer kleinen Gemeinde im ländlichen Département Tarn in der französischen Provinz weitab von Paris. Er schließt die staatlich-wissenschaftliche Hochschule – École normale supérieure – im Fach Philosophie 1878 als Jahrgangsbester ab, lehrt seit 1881 als Dozent an der Fakultät von Toulouse und wird im Jahr 1885 republikanischer Abgeordneter seines Heimatdépartements. Nach seiner gescheiterten Wiederwahl 1889 widmet er sich wissenschaftlichen Studien, die in eine Doktorarbeit münden. Parallel arbeitet er als Journalist. In Folge des Minenarbeiterstreiks wird er zum Abgeordneten von Carmaux gewählt, wendet sich dem Sozialismus zu und tritt der französischen Arbeiterpartei „Parti Ouvrier“ bei. Im Jahr 1902 wirkt er an der Gründung der „Parti Socialiste“ mit, kurz darauf gründet er die sozialistische Tageszeitung L‘humanité und spielt eine entscheidende Rolle bei der Vereinigung der verschiedenen sozialistischen Strömungen zur französischen Sektion der Arbeiter-Internationale (SFIO). In der Folgezeit zieht er durch seinen Kampf für die deutsch-französische Aussöhnung den Hass der Nationalisten auf sich, der schließlich zu seiner Ermordung am 31. Juli 1914 führt.

Aufgrund seines Werdeganges und seiner Herkunft war Jaurès ein „paysan cultivé“, ein gebildeter Mann vom Lande. Seine lebenslange Verbundenheit mit seiner Heimatregion und deren ländlicher Gemeinschaft schärfte seine Sinne für die Bedürfnisse der sogenannten einfachen Leute und ließ ihn den Sozialismus nicht als abstraktes Entwicklungsgesetz, sondern von den Menschen her denken. Er wusste daher, dass Angestellte, Kleinhändler und vor allem die Bauern nicht durch militante Forderungen einer umfassenden, alles umstürzenden Revolution gewonnen werden konnten, sondern nur durch die Ankündigung von Reformen, welche ihre persönliche Lage verbesserten. Mit Blick auf die Landbevölkerung hieß das zum Beispiel, ihren Besitz zu bewahren und ihre Schulden zu reduzieren. Wobei Jaurès eben erwartete, dass dadurch dann auch der Sozialismus ein Stück weiter verwirklicht oder doch zumindest vorbereitet werden würde.

In Folge seiner biografischen Prägung auch war Jaurès prädestiniert zum späteren Vereiniger der damals grob in sechs Strömungen gespaltenen Sozialisten, zum Synthetiker, d.h. zur Verknüpfung von Marx und Mystik, Materialismus und Moral. Ersteren schätzte er als einen „vorzüglichen Führer durch die Verwicklungen und Verwirrungen der Tatsachen“, doch könne der Materialismus nicht die ganze Realität erfassen, da er keinen Schlüssel für die Eigenheiten des menschlichen Charakters besäße. Kein Mensch aber wäre ausschließlich durch die Klassenlage bestimmt. „Gerade so“, schrieb Jaurès, „wie verschiedenen Temperaturen die gleichen chemischen Elemente zu ganz verschiedenen Zusammensetzungen bringen, so gibt es auch eine moralische, eine menschliche Temperatur, die bei denselben menschlichen Elementen die verschiedenartigen geschichtlichen Zusammensetzungen hervorruft.“

Ohne die Komponente des Charakters, des nationalen Temperamentes kann man auch Jaurès nicht verstehen. Er liebte gutes Essen und sprach gerne dem Wein zu, kurz: Er hatte einen Hang zum Savoir-vivre. Das gab Anlass zu mancher geharnischten Polemik von Seiten des politischen Gegners, der ihn als einen Vielfraß und Snob karikierte. Doch machte es ihn zugleich lebendig, greifbar und menschlich, zu einem von uns im Unterschied zu den üblichen blutleeren, lebensfernen politischen Bürokraten. Jaurès war Sozialist, aber er war ebenfalls Franzose. Auch deshalb, vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und ihrer Errungenschaften, schätzte er den Republikanismus und die Republik viel höher als etwa seine deutschen genossen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Doch zur Wiederaneignung durch heutige Sozialdemokraten empfiehlt sich Jaurès nicht durch seine Wertschätzung der Demokratie, die längst sozialdemokratisches Allgemeingut geworden ist. Auch nicht wegen seines Pazifismus oder Humanismus. Der „Geist von 1914“ ist seit seiner Diskreditierung im Ersten Weltkrieg zumindest in Westeuropa verflogen und puristische Materialisten sind die Nachfahren von Lassalle und Bebel ebenfalls seit geraumer Zeit schon nicht mehr. Entscheidend ist auch nicht das Vorbild des großen Parlamentariers Jaurès, wenngleich sein Beispiel viele Lehren dafür bereithält, wie ein guter Rhetor zu agieren hat – und wie man zum begeisternden Debattierer werden kann, auch wenn einem alle dazu erforderlichen Begabungen anfangs scheinbar fehlen.

Nein, Jaurès taugt als Vorbild durch seine Verbindung von taktischer Flexibilität und festen politischen Zielvorstellungen, mithin durch seinen undogmatischen Idealismus. Jaurès glaubte an die sozialistische Utopie, der Sozialismus war ihm eine säkularisierte Diesseitsreligion. Von seinem Ziel ließ er sich nicht abbringen. Aber er war in der Wahl der Mittel pragmatisch. Man kann das heute als „konkrete Utopie“ übersetzen. Eben daran mangelt es den Sozialdemokraten – nicht nur in Deutschland. Und insofern sollten sie sich an Jaurès erinnern.

Dr. Matthias Micus ist Akademischer Rat am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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