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Island: Schwul-lesbische Zufriedenheit und feministisches Utopia?

Julia Tiemann |  10. September 2015 |   |  Drucken

Das politische Geschlecht[kommentiert]: Julia Tiemann über den isländischen Umgang mit Gender-Fragen:

Reykjavík, Mitte August 2015: Eine Stadt sieht Regenbogen. Aufwendig dekorierte Umzugswagen schillern um die Wette mit den fantasievoll geschminkten und gekleideten Teilnehmenden und Zuschauenden der „Reykjavík Pride Parade“. Angeführt wird der Umzug durch Stadtratsabgeordnete aller Parteien, die zusammen ein buntes Reykjavík-Banner durch die Straßen tragen. Dahinter geht Dagur B. Eggertsson, amtierender Bürgermeister, eine riesige Regenbogen-Flagge schwenkend. In den letzten Jahren sorgte sein Vorgänger Jón Gnarr durch Auftritte in Drag für Begeisterung. Jahr für Jahr ist die Parade Höhepunkt des einwöchigen Festivals der LBTIQ+[1]-Gemeinschaft und zeigt, wie weit Island in den letzten Jahrzehnten augenscheinlich gekommen ist, was die Anerkennung von Geschlechtergerechtigkeitsthemen angeht.

So ist die Eintragung gleichgeschlechtlich eheähnlicher Lebensgemeinschaften in Island bereits seit 1996 zulässig. 2010 hat das überarbeitete Ehegesetz dann die Ehe als eine Institution definiert, die zwischen zwei Individuen geschlossen wird, unabhängig von deren geschlechtlicher Identität. Dies sind seit 2006 auch die Rechte bezüglich Adoption und künstlicher Befruchtung. Letztes Jahr führte Island gar den „Gay Happiness Index“ an. Denn trotz oder gerade wegen der geringen Bevölkerungszahl von 320.000 Menschen hat vor allem Reykjavík als Hauptstadt und einziges urbanes Zentrum des Landes eine starke LGBTIQ-Gemeinschaft. Wenn jeder mit offen Homosexuellen verwandt und bekannt ist, scheint deren Abweichung von der hegemonialen Geschlechterordnung nicht weiter problematisch und alltäglich.

Zusammen mit anderen skandinavischen Ländern gilt Island als weltweites Vorzeigebeispiel für die Gleichberechtigung der Geschlechter und wurde 2014 zum sechsten Mal in Folge im Rahmen des „Global Gender Gap Reports“ als Land mit der höchsten Geschlechtergerechtigkeit ausgezeichnet. Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele Frauen auch nach der Geburt ihrer Kinder berufstätig, ist die Elternzeit und Kinderbetreuung so selbstverständlich auch Aufgabe des Vaters. Island gehört zu den geburtenstärksten Ländern des geografischen Nordens. Mehr Frauen als Männer haben Universitätsabschlüsse, 49 Prozent der Abgeordneten im Landesparlament sind weiblich ebenso wie ein Drittel der Mitglieder von Aufsichtsräten in Firmen mit fünfzig oder mehr Mitarbeitenden.[2] Bereits 1980 wählte die isländische Bevölkerung mit der alleinerziehenden Vígdis Finnbogadóttir weltweit die erste weibliche Präsidentin einer Demokratie. Ebenso bemerkenswert war 2009 der Amtsantritt der ehemaligen Stewardess und offen lesbischen Jóhanna Sigurðardóttir als Premierministerin. Oberhaupt der isländischen Staatskirche ist mit Agnes M. Sigurðardóttir seit 2012 ebenfalls eine Frau.

Alles nur prominente Einzelbeispiele? Oder doch gesellschaftliche Grundstimmung? In Island ist es selbstverständlich, dass Partner Kinder aus vorherigen Beziehungen mit in eine neue Beziehung bringen – wird doch auf Island weltweit die höchste Zahl unehelicher Kinder geboren. Die prototypische Reihenfolge der Stadien einer isländischen Liebesbeziehung mögen Lesende, die in Deutschland sozialisiert worden sind, überraschen: sich abends im Tanzlokal körperlich näher kommen, Sex, erste Verabredung, gemeinsames Kind, Zusammenziehen, vielleicht Heirat.[3] Dass das Schließen des Ehebundes auch historisch gesehen keinen großen Reiz ausgeübt hat, mag v.a. an der engen Gemeinschaft der Bevölkerung liegen. Die Kinderbetreuung erfolgt aufgrund enger sozialer wie räumlicher Familienstrukturen oft durch Großeltern und andere Verwandte, sodass die alleinerziehende Mutter selbstverständlich wieder am Erwerbsleben teilnehmen kann. Isländerinnen sind also schon seit Langem ökonomisch selbstständig und nicht auf die finanzielle Versorgung durch einen Ernährer-Ehemann angewiesen.

Der Grundstein für diese Entwicklungen wurde v.a. in den 1970er Jahren gelegt. Am Maifeiertag 1970 machte erstmals die radikale feministische Bewegung der Rotstrümpfe (isl.: Rauðsokkahreyfingin) mit Forderungen nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufs- wie Privatleben von sich reden. Fünf Jahre später legten am ersten „Freien Tag der Frauen“ (isl.: Kvennafrí) rund 25.000 Frauen in der Hauptstadt ihre Arbeit nieder, um v.a. auf die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern hinzuweisen, und sorgten dabei für chaotische Zustände: Schulen, Kindergärten, Läden, Fischfabriken und andere Institutionen mussten geschlossen werden, weil das Personal fehlte. Mit der Betreuung und Versorgung ihrer Kinder überfordert, sorgten verzweifelte Väter in den Supermärkten der Stadt für den Ausverkauf von Würstchen, dem Convenience-Produkt der damaligen Zeit. Arbeitgeber deckten sich mit Süßigkeiten und Buntstiften ein, um die Kinder, von denen ihre Angestellten begleitet wurden, zu beschäftigen, die ja sonst durch ihre Mütter betreut worden wären. Weniger chaotisch, aber ebenso bedeutsam wird der Freie Tag der Frauen seitdem jährlich am 24. Oktober begangen. Viele Hürden der Geschlechterungerechtigkeit sind in dieser Zeit beseitigt worden, doch verdienen Frauen für die gleiche Arbeit bis heute nur etwa 74 Prozent des Gehalts von Männern.[4] Einen besonders abenteuerlichen und umso traurigeren Versuch, dies auszugleichen, unternahm Anfang dieses Jahres die Stadt Kópavogur nahe Reykjavík. Nach der Beschwerde einer Angestellten, der zufolge sie ungerechtfertigter Weise sieben Prozent weniger als ihr männlicher Kollege verdiene, verringerte die Stadtverwaltung dessen Gehalt um eben diese Differenz.[5]

Der Schein trügt also, wenn Island wie so häufig als feministisches Utopia dargestellt wird. So sehen sich bspw. Immigrantinnen Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt: Durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse und unzureichende familiäre Netzwerke werden sie häufig vom engen gesellschaftlichen Zusammenleben, mit dem sich die isländische Bevölkerung so rühmt, ausgeschlossen. Noch verstärkt wird diese Isolation durch fehlende Sprachkenntnisse seitens der Immigrantinnen. Auch beim Umgang mit Asylbewerbenden zeigt Island mitunter wenig professionelles Fingerspitzengefühl. Durchaus gibt es für das kleine Land im Nordatlantik also noch gesellschaftliche Baustellen, die sich nicht durch das Umhängen einer regenbogenfarbigen Blumenkette lösen lassen.

Julia Tiemann arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex and Questioning.

[2] Diese und weitere statistischen Angaben sind auf der Internetseite des isländischen Statistikamts zu finden, URL: http://www.statice.is [eingesehen am 13.08.2015].

[3] Siehe Gunnarsson, Valur: Love In The Land Of The Midnight Sun. Or: Why There Is No Dating Culture In Iceland, in: The Reykjavík Grapevine, 24.06.2014, URL: http://grapevine.is/mag/feature/2014/06/24/love-in-the-land-of-the-midnight-sun [eingesehen am 13.08.2015].

[4] Vgl. Fontaine, Paul: Iceland First In Gender Equality, in: The Reykjavík Grapevine, 24.10.2014, URL: http://grapevine.is/news/2014/10/28/iceland-first-in-gender-equality [eingesehen am 13.08.2015].

[5] Vgl. Tulinius, Kári: So What’s This I Hear About Men’s Pay Being Reduced To Match Women’s Salary?, in: The Reykjavík Grapevine, 08.02.2015, URL: http://grapevine.is/mag/articles/2012/07/20/so-whats-this-feminist-utopia-i-keep-hearing-about [eingesehen am 13.08.2015].


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