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Interview zur „Mitte“ in Deutschland

Daniela Kallinich |  14. Juni 2010 |   |  Drucken

[nachgefragt:] Britta Weddeling von Focus Online interviewte letzten Sommer unsere Mitarbeiterin Stine Harm zum Thema „Die Mitte in Deutschland.“

Zur Einführung unserer neuen Serie zum Thema „Mitte“ hier noch einmal das Interview in voller Länge:

FOCUS Online: Was hat diese viel zitierte Mitte, was der Rand nicht hat?

Stine Harm: Die Mitte ist erklärtermaßen frei von Extremen und hat die Deutungshoheit über das, was „normal“, sprich gesellschaftlich akzeptiert ist. Ihr werden systemstabilisierende Funktionen zugeschrieben. Sie verheißt Sicherheit, Ordnung und Ruhe.

FOCUS Online: Die Mitte ist demnach ganz schön mächtig?

Harm: In der Tat. Sie neigt schnell dazu, von sich zu behaupten, Mehrheit zu sein. Als vermeintliche Mehrheit fordert sie für sich ein, Richtschnur politischen Handelns zu sein. Deshalb erscheint sie für die Parteien so attraktiv…

FOCUS Online: …immerhin sagen auch ganze 60 Prozent der Deutschen, sie ständen politisch in der Mitte.

Harm: Der Grund dafür ist: Die Mitte birgt das Versprechen in sich, dass jeder, der sich ihr zuschlägt „normal“ ist, sicher ist. Die Mitte ist quasi ein Ort, an dem man sich durch Abgleich seiner selbst vergewissert.

FOCUS Online: Sind sich die 60 Prozent mit den Parteien einig, wo oder was Mitte ist?

Harm: Ich glaube nicht – aber das Schöne an der Mitte ist, dass dies nicht von Bedeutung ist, solange der Mythos der Mitte existiert. Die Ungenauigkeit des Begriffs erlaubt es, dass sich beinahe jeder in der Mitte verorten kann und dort heimisch fühlt. Gerade darauf hoffen diejenigen, die mit der Mitte auf Stimmenfang gehen.

FOCUS Online: Dann konkret: Wer ist deutsche Mitte? Mittelstand, Mittelschicht oder der Wähler mittleren Alters?

Harm: Ökonomisch betrachtet, gehören zur Mitte all jene, die zwischen 70 und 150 Prozent des Durchschnittsbruttoeinkommens verdienen. Definiert man die deutsche Mitte über die berufliche Position, sind es am ehesten die dienstleistenden Erwerbstätigen mit höherer Qualifikation. Milieuforscher, die die Mitte der Gesellschaft anhand der sozialen Lage bestimmen, verorten diese Mitte zwischen 15 und 60 Prozent der Bundesbürger. Wenn man jetzt die Mitte der Gesellschaft meint, halte ich die letztgenannte Möglichkeit am geeignetsten, sich jener zu nähern.

FOCUS Online: Wo wohnt und wie lebt sie?

Harm: Wir wissen aus Milieu-Studien: Der Großteil der Mitte lebt auf dem Land, in kleinen Gemeinden und Dörfern. In der Stadt bevorzugt sie die Randlagen. Die Mitte lebt nicht allein, sondern als Gemeinschaft und egal ob Patchworkfamilie, das traditionelle Ernährermodel oder Doppelverdiener – sie eint die Sorge um die Zukunft der Kinder. Sie hat die Erwartung, dass ihr Verdienst ihnen die Teilhabe ermöglicht, d.h. es soll ausreichen für den Kredit, den Urlaub, die Klassenfahrten, die neuen Rattanmöbel auf dem Balkon, die Altersvorsorge, die Fußballschuhe, den Zweitwagen.

FOCUS Online: Hört sich an, als sei die Mitte ganz schön mit sich selbst beschäftigt.

Harm: Ja, und gerade jetzt in der Krise ist ein wenig Distanz nötig zur bisherigen Praxis, die Mitte ausschließlich mit positiven Zuschreibungen zu versehen. Denn eine ängstliche, rückwärtsgewandte, sich in Krisenzeiten verstärkt nach unten abschottende gesellschaftliche Formation, die mit dem Hinweis auf ihre systemrelevante Bedeutung eine überproportionale Beteiligung am Sozialstaat einfordert, ist alles andere als ideales Bezugssystem auf der Suche nach Wegen aus der Krise.

FOCUS Online: Schon früher sind Parteien mit Mitteversprechen in den Wahlkampf gezogen. Als Erster prägte Willy Brandt 1972 den Begriff der „Neuen Mitte“. Worin unterscheidet sich dieser von der eines selbst erklärten „Mitte-Prototyps“ Gerhard Schröder oder der Mitte, die die CDU in diesem Wahlkampf meint?

Harm: Die „neue Mitte“ Brandts wollte das soziale Unten in die Mitte holen. Die „neue Mitte“ Schröders betonte hingegen die eigene Leistung, sich hart an die Spitze gekämpft zu haben und stellte hierfür Anerkennung in Aussicht. Die CDU bezeichnet sich seit Jahrzehnten als Volkspartei der Mitte und unterstreicht damit relativ unkonkret ihren Anspruch, die Gesamtbevölkerung anzusprechen, deren Interessen auszugleichen, nah an ihrer Lebenswirklichkeit zu sein.

FOCUS Online: Auch die FDP redet seit 2008 von der Mitte.

Harm: Die FPD setzt sich mit der Kampagne „Die Mitte stärken“ verstärkt als Anwalt derer in Szene, die den „Karren ziehen“, also jene Leistungsträger, die auch bereits 1998 Schröder mit seiner Mitte ansprechen wollte.

FOCUS Online: Hat sich das Mitte-Versprechen für die Parteien in der Vergangenheit gelohnt?

Harm: Ob das Gerede von der Mitte zündet, hängt immer damit zusammen, mit welchen Inhalten der Begriff gefüllt wird. Die „Neue Mitte“ signalisierte 1972 den Beginn einer neuen Reformära. Ihren Wahlsieg 1998 verdanken die Sozialdemokraten aber nicht der Mitte-Idee. Erst die Kombination aus Lafontaine und Schröder, der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und dem Hofieren der „Leistungsträger“ führte zum rot-grünen Bündnis.

FOCUS Online: Droht bei dieser Mitte-Fixierung, wie an der Auseinandersetzung der SPD mit der Linkspartei zu sehen ist, nicht Profilverlust?

Harm: Ja, das Gleichnis von den zwei Eisverkäufern am Strand folgt einer ähnlichen Logik. Durch das Zusammenrücken in der Mitte geben sie ihren Platz am Strandende auf und müssen sich die Kunden im Zentrum auch noch teilen. Keine Partei ist derzeit in der Lage, mit der Mitte jenseits von leierkastenartig wiederholten und derzeit völlig aussichtslosen Versprechen bezüglich der Steuererleichterungen ein Projekt zu verbinden, eine spezifische politische Idee. Die Mitte muss wieder mit neuem Inhalt gefüllt werden. Nicht nur den Parteien, auch der gesellschaftlichen Mitte fehlt es an Visionen, politischen Projekten oder Ideen. Eine leere Beschwörung der Mitte ist da nicht sehr erfolgsversprechend.

Stine Harm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zusammen mit dem Prof.  Walter hat sie anlässlich der Bundestagswahl das Buch „Patt oder Gezeitenwechsel. Deutschland 2009“ herausgegeben.

Das Original-Interview finden Sie unter: http://mitte.focus.de/wo-sie-ist/politische-mitte.html#more


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