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Intellektuelle im digitalen Zeitalter

Philipp Kufferath |  31. März 2011 |   |  Drucken

[kommentiert]: Philipp Kufferath über die jüngste Tagung zum Thema „Intellektuelle und neue Medien“ am Essener KWI

Das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) in Essen veranstaltete im Februar – gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Institut Paris – eine zweitägige Tagung über „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“. Der erste Tag widemte sich der Bestimmung des intellektuellen Feldes der Gegenwart, am zweiten Tag standen Digitalisierung und neue Medien im Mittelpunkt  (das Programm findet sich hier). In seiner Einführung wies Gastgeber Claus Leggewie auf die Vielzahl von Verlautbarungen zum Verschwinden der Intellektuellen hin, betonte aber zugleich den akuten Bedarf an empirisch angelegten Untersuchungen über das komplexe Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Intellektuellen. Auch die digitale Wissenschaftskommunikation – innerhalb der Forschung und mit der Öffentlichkeit – wecke Bedarf nach wissenschaftlicher Untersuchung.

Gudrun Gersmann (DHI Paris) benannte blinde Flecke der Intellektuellenforschung und wies auf Herausforderungen der gegenwärtigen Wissenschaft hin. Sie thematisierte dabei die jüngsten Veränderungen der Medienlandschaft, die sich direkt auf die Wissenschaft auswirkten, wie z.B. die Kooperation von Forschungsinstituten und Bibliotheken mit Google in der Retro-Digitalisierung der Bestände, das Spannungsverhältnis von Urheberschaft und Open Access, die fachinterne digitale Wissenschaftskommunikation und deren Öffnung in die Gesellschaft durch interaktive Netzangebote (Blogs, Facebook, Twitter). Beispielhaft für diese neuen Möglichkeiten konnte man den Verlauf der Tagung zeitgleich über diese interaktiven Kanäle beobachten und kommentieren. Mittlerweile sind auch viele Beiträge als Podcasts online verfügbar, ein Fotoalbum wurde bei Facebook eingestellt.

In seinem Impulsreferat zeichnete Jens Hacke (Hamburger Institut für Sozialforschung) die Entstehung des Intellektuellenbegriffs in der Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts nach. Lange seien spezifische nationale Konzepte des Intellektuellen vorherrschend gewesen. Das intellektuelle Feld in der Bundesrepublik prägten medial inszenierte Auseinandersetzungen um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und der ideologische Streit um linke Systemalternativen. Die gesellschaftliche Relevanz dieser Fragen ging jedoch nach Ende des Kalten Kriegs spürbar zurück. Auch die Akteure der großen Auseinandersetzungen der alten Bundesrepublik aus der „skeptischen Generation“ seien gleichfalls mitgealtert.

Diese um das Jahr 1929 geborene Alterskohorte mit Vertretern wie Jürgen Habermas, Ralf Dahrendorf, Martin Walser, Alexander Kluge oder Hans-Ulrich Wehler zeichnete sich durch die Erfahrung vom Bruch nach 1945 und dem darauf folgenden Aufstieg während Wirtschaftswunder und Bildungsexpansion aus und prägte mit einer selbstbewussten, zuweilen selbstbezogenen Präsenz die Mediendiskurse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch ihr Wirken sei sukzessive zurückgegangen und an ihre Stelle seien neue Formen intellektueller Intervention getreten. Auch habe sich der Kommunikationsraum erweitert, da viele drängende Debatten nun transnationale Fragen beträfen.

Ute Daniel (TU Braunschweig) erweiterte den Blick auf die hinter den oberflächlichen Begriffen liegenden Kommunikationsmuster. So tauche ständig das Zusammenspiel von Gegenwartsanalyse und Vergangenheitskonstruktion in den Argumentationen auf. Man beklage das Verwinden der Intellektuellen und stelle diesem Befund eine Vergangenheit gegenüber, die von intellektuellen Diskussionen dominiert gewesen wäre. Dieses Schema wurde von Daniel kritisch hinterfragt, da es zu Verklärungen und falschen Schlüssen führe. Sie forderte stattdessen, vielmehr die Erwartungen, Hoffnungen und Ansprüche, die sich hinter dem Mythos des Intellektuellen verbergen, selbst zum Thema zu machen.

Den Fokus auf das „medienökologische Gesamtgefüge“ richtete der Hamburger Medienphilosoph Mike Sandbothe. Dabei wies er auf den Umstand hin, dass das Leitmedium einer Zeit (aktuell das Web 2.0) vorschnell zum Paradigma der Theoriebildung avanciere. Statt eines Blicks auf technische Medien schlug er eine ganzheitliche Betrachtung aller Kommunikationsakte vor. Als Ergebnis stünde so ein dynamisches globales Netz von Klein- und Großintellektuellen, das über die unterschiedlichsten Kanäle gleichsam eine disperse Öffentlichkeit anspreche. Für aktuelle Großthemen wie Klimawandel, Menschenrechte oder Wirtschaftskrise existiere noch kein entsprechend aufmerksames transnationales Publikum, das von einzelnen Großintellektuellen erreicht werden könnte. Dies sei erst denkbar, wenn sich die verschiedenen Teilöffentlichkeiten mit partiellen Wahrnehmungen in eine wirkliche Weltöffentlichkeit transformierten.

Im Abendvortrag (hier zum Nachhören) arbeitete der Politikwissenschaftler und Blogger Christoph Bieber die Transformationen des Intellektuellenbegriffs heraus und versuchte sich an einer aktuellen Bestimmung. Er verfolgte die Metamorphosen des Intellektuellen im 20. Jahrhundert vom Schrift-Gelehrten zum Performer. Während die Intervention der schriftgelehrigen Intellektuellen wie Émile Zola über Artikel, eigene Zeitungen und Manifeste erfolgt sei, brachte der schon von Habermas beschriebene Strukturwandel der Öffentlichkeit den Aufstieg des Performers mit sich. Dieser zeichne sich dadurch aus, dass neben den Inhalten die Inszenierung des Auftritts bei Vorträgen, Fernsehdiskussionen oder Filmen an Bedeutung gewänne.

Als neueste Entwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheine der Intellektuelle als Programmierer und Hacker. In Berufung auf den US-amerikanischen Theoretiker Lawrence Lessig sei das „Schreiben des Codes“ ein intellektueller Akt, weil es in die Struktur des Internets eingreife. Als Beispiel nannte er Julian Assange und die Enthüllungsplattform Wikileaks die klassische Aufgaben des Intellektuellen (Kritik an der Macht, Öffentlichkeit herstellen) erfüllten.

In der anschließenden Diskussion gab es auch Widerspruch zu den Thesen von Christoph Bieber. Insbesondere die Theoriebildung und die Vermittlung komplexer Inhalte an ein größeres Publikum, ebenfalls Eigenschaften intellektueller Produktivität, seien bei den Programmierern nur bedingt vorhanden. Es zeigte sich wieder einmal, dass die inflationäre Verwendung des Intellektuellenbegriffs nur bedingt zu Klarheit und Verständnis beiträgt. Mitunter fehlten zudem stärkere Differenzierungen des intellektuellen Feldes nach nationalen, generationellen und milieubedingten Faktoren. Und auch nur am Rande wurde erwähnt, dass der Intellektuellenbegriff nach wie vor ein zumeist männliches Rollenbild evoziert.

Die Stärke der Tagung lag dagegen in den differenzierten Vorträgen aus der Praxis der interaktiven Wissenschaftskommunikation in recht unterschiedlichen Forschungsfeldern, die Anregungen für einen aufgeschlosseneren Umgang mit digitalen Medien gaben. Insbesondere die Forderung nach Einbeziehung von Laienöffentlichkeit und Amateurwissenschaftlern in Forschungsprojekte verdient stärkere Aufmerksamkeit. So könnte auch in der Demokratieforschung, ähnlich Großprojekten wie Galaxy Zoo oder dem Great War Archive, das in der Gesellschaft vorhandene Wissen genutzt werden, um mittels interaktiver Kommunikationsformen umfangreiche Datenerhebungen und Auswertungen durchzuführen und so zu einer ganz neuen Einbeziehung der Öffentlichkeit in die wissenschaftliche Forschung gelangen.

Die Affäre um Guttenberg hat eines gezeigt: Die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Internetöffentlichkeit, gemeinsam Wissen zusammenzutragen, sind enorm. Das Guttenplag-Wiki bezeugt nicht nur die Betrugsversuche eines Hochstaplers, sondern vor allem Leistungspotentiale von kollektiven Akteuren in einem prozessualen Werk. Wer weiß, vielleicht wird die überarbeitete Doktorarbeit ja doch noch einmal veröffentlicht – als wissenschaftliches Gemeinschaftswerk der Net-Community. Vielleicht fehlen aber auch der originelle Ausgangspunkt, die interessante These oder der gehaltvolle Gedanke, auf die auch kein kollektives Projekt verzichten kann.

Philipp Kufferath ist wissenschaftliche Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er schreibt eine Dissertation über Peter von Oertzen und forscht u.a. über die Krise der Intellektuellen.


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