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Integration – ein Blick zurück

Teresa Nentwig |  23. Juni 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Teresa Nentwig über die Integration der schlesischen Flüchtlinge in Niedersachsen nach 1945.

Am 25. und 26. Juni 2011 werden in Hannover wieder Tausende auf das Messegelände strömen. Anlass ist das Deutschlandtreffen der Schlesier, das alle zwei Jahre stattfindet. Dort kommen all diejenigen zusammen, die bei Musik, Tanz und Trachtenumzügen ihre schlesischen Wurzeln pflegen wollen. Nach 2007 und 2009 findet das Deutschlandtreffen der Schlesier erneut in Hannover statt. Niedersachsen ist das Patenland der Schlesier – am 3. Oktober 1950 übernahm die Niedersächsische Landesregierung die Patenschaft der wenige Monate zuvor gegründeten Landsmannschaft Schlesien. Sie tat dies, um ihre Verbundenheit mit den Schlesierinnen und Schlesiern zu zeigen, die während des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat im heutigen Polen vertrieben worden waren und in Niedersachsen ein neues Zuhause fanden.

Zwischen 1939 und 1947 erlebte Niedersachsen einen Bevölkerungsanstieg um fast 50 Prozent. Dazu trugen vor allem die über zwei Millionen Flüchtlinge bei. Laut der Volkszählung von 1950 kamen allein aus Schlesien 722.000 Flüchtlinge nach Niedersachsen, aus Ostpreußen und Danzig noch einmal 458.000. Niedersachsen war damit nach Schleswig-Holstein und Bayern das Bundesland mit den meisten Flüchtlingen. Für das Selbstverständnis der niedersächsischen Heimatbewegung bedeutete das gewaltige Anwachsen der Bevölkerung eine große Herausforderung. Bisher herrschte in ihren Kreisen ein statischer Heimatbegriff vor, nach dem das Land und seine Bewohner mit ihrer Geschichte und Kultur eine Einheit bildeten. Durch den Zustrom der Flüchtlinge aber hatte sich die Bevölkerungszusammensetzung in der Region stark gewandelt.

Die niedersächsische Heimatbewegung reagierte darauf mit Verunsicherung und Abwehrreflexen. In einem Brief des Heimatforschers Diedrich Steilen aus dem April 1946 heißt es etwa:

„Wir sind in der Tat ein Doppelvolk geworden. Zu der eingesessenen Bodenschicht kam eine fremde Schicht, die sich darüber lagerte und die untere zu ersticken droht. Wir steuern der Gefahr entgegen ein Volk ohne Heimat zu werden, wurzellos zu sein. Können wir diese Gefahr bannen?“

Angesichts dieses Urteils überrascht es nicht, dass die Heimatbewegung gegenüber den Flüchtlingen zunächst eine radikale Abwehrhaltung einnahm. Noch im Sommer 1947, auf dem ersten Niedersachsentag nach Kriegsende, wurde diese Abgrenzungsstrategie deutlich. Ein früherer Studiendirektor aus Hameln etwa beklagte dort,

„ … daß durch diese Massenzuwanderung aus dem Osten unsere gesamte bisherige Heimatarbeit in Frage gestellt ist, da durch sie der rassisch-völkische Bestand unserer westlichen Landschaft von Grund auf verändert wird“. Er warf deshalb die Frage auf, „ob man nicht den Flüchtlingsstrom irgendwie lenken kann, so daß die einzelnen Stammesteile dahin kommen, von wo sie früher, vor Jahrhunderten, einmal in den Osten eingewandert sind“.

Noch ein Stück weiter ging Wilhelm Seedorf, Professor für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Göttingen. Er vertrat die Ansicht,

„ … daß eine Verschmelzung der ostdeutschen Volksgenossen mit der niedersächsischen Bevölkerung für beide Teile nicht erwünscht sein könne. Im Gegenteil, beide müßten um ihrer angestammten Art willen den Anspruch der aus dem Osten Vertriebenen auf ihre deutsche Heimat aufrechterhalten.“

Diese xenophobe, gegen jede Integration gerichtete Haltung der Heimatbewegten verschwand in den folgenden Jahren nach und nach. Wie kam es dazu? Entscheidend war, dass sich bald herausstellte, dass die meisten Flüchtlinge in absehbarer Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten, ihre Integration also unerlässlich war. Zudem merkte die Heimatbewegung schnell, welch großes Mobilisierungspotenzial in den Flüchtlingen lag. Denn diese zeichneten sich durch ein ausgeprägtes Heimatbewusstsein aus, das durch die Flucht noch angewachsen war. Zahlreiche Flüchtlinge engagierten sich deshalb nicht nur in ihren Vertriebenenverbänden, sondern schlossen sich auch bestehenden Heimatvereinen an oder sorgten überhaupt erst für deren Neugründung. Die niedersächsische Heimatbewegung stellte sich infolgedessen der Herausforderung, die ihr durch den Flüchtlingszustrom entstanden war, und versuchte, die Neubürger in die bestehenden Organisationen zu integrieren. Teilweise wurden sogar neue Gremien eingerichtet. So schuf der Niedersächsische Heimatbund 1952 eine „Fachstelle für ostdeutsches Volkstum“, welche zur kulturellen Integration der Flüchtlinge beitragen sollte.

Für das Land Niedersachsen stellte die Aufnahme und Eingliederung der Flüchtlingsbevölkerung eines der drängendsten Probleme dar. Nachdem das Land Ende 1946 durch die Verordnung Nr. 55 der Britischen Militärregierung gegründet worden war, richtete das erste Kabinett die Stelle eines Staatskommissars für das Flüchtlingswesen ein. Die Sozialdemokratin Martha Fuchs aus Braunschweig übernahm das Amt. Im Juni 1948 schuf die Landesregierung dann ein Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten; besetzt wurde es mit dem charismatischen Pastor Heinrich Albertz, der sich mit außerordentlichem Engagement für die Flüchtlinge einsetzte.

Ein „Hoffnungsträger der Flüchtlinge besonderer Art“ (Helga Grebing) war aber vor allem der niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf. Ihm vertrauten die Flüchtlinge, mit ihm konnten sie sich identifizieren, da er im Januar 1945 selbst aus Schlesien geflohen war. Den gemeinsamen Erfahrungshintergrund, den Kopf mit den Vertriebenen teilte, betonte er dementsprechend immer wieder, so z. B. im März 1951 bei einem Schlesiertreffen:

„Betrachtet mich hier, wie ich vor Euch stehe, wie einen eigenen Landsmann und erlaubt mir, dass ich von der alten gemeinsamen Heimat Schlesien nicht als niedersächsischer Ministerpräsident spreche, sondern wie ein Schlesier zu Schlesiern!“

Da Kopf auf diese Weise sehr gut Identifikationsangebote machen konnte, verwundert es nicht, dass er zur Landtagswahl im April 1947 in einem Wahlkreis mit äußerst hohem Flüchtlingsanteil antrat: in Fallingbostel. Dass Fallingbostel eine Hochburg der welfischen Bewegung war, tat dem Erfolg Kopfs keinen Abbruch, im Gegenteil: Von den 25.469 abgegebenen gültigen Stimmen erhielt er 12.107, während sein Hauptgegner von der Niedersächsischen Landespartei (NLP) auf 10.435 Stimmen kam. Auf den restlichen Plätzen landeten weit abgeschlagen die Kandidaten der FDP, der KPD und des Zentrums. Mit anderen Worten: Indem er in einem Wahlkreis mit hohem Flüchtlingsanteil antrat, nutzte Kopf die Chance zu symbolischer Inszenierung.

In der Flüchtlingsfrage konnte sich der niedersächsische Staat selbstverständlich nicht auf Symbolpolitik beschränken. Er tat viel, um die teils dramatische materielle Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Die Versorgung mit Lebensmitteln, die Bereitstellung von Unterkünften, die Beschaffung von Möbeln und Hausrat, aber auch von Bekleidung, schließlich die Einrichtung von Arbeitsplätzen – so lauteten damals die wichtigsten staatlichen Tätigkeitsfelder in diesem Bereich. 1949 trat das Soforthilfegesetz in Kraft, das für die Flüchtlinge Unterstützungen, etwa in Form von Existenzaufbauhilfen, vorsah. Es wurde 1952 durch das Lastenausgleichsgesetz abgelöst. Letztlich aber war es das „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre, das für einen Ausgleich zwischen Ortsansässigen und Einheimischen sorgte und den materiellen wie geistigen Integrationsprozess der Flüchtlinge abschloss.

Teresa Nentwig ist wissenschaftlicher Mitarbeiterin im Projekt „Politische Führung im deutschen Föderalismus“.


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