Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Instinkt und Intuition

Franz Walter |  1. Oktober 2012 |   |  Drucken

30 Jahre Kohl

[analysiert]: Franz Walter über Helmut Kohls Aufstieg zur Kanzlerschaft.

Vor fünfzehn Jahren, im Herbst 1997, besuchte der Verfasser dieses Stücks den Bundesparteitag der CDU, um einige Blicke in das Innere der Parteimentalität werfen zu können. Auf dem Parteitag in der Leipziger Messehalle gab es eine Reihe sogenannter Foren mit prominenten Rednern, nicht nur der CDU, zu verschiedenen gesellschaftspolitischen Fragen. Auf einem dieser Podien wetterten die ökonomischen Experten und damaligen jungen Nachwuchskräfte der CDU gegen die Technikfeindschaft der Sozialdemokraten, welche aus ideologischen Gründen die Gentechnologie zu verhindern trachten würden. Dann war das Forum zu Ende. Die Stars der Partei und die Journalistenschar marschierten in die Lounge zum Büffet, wie seinerzeit üblich von einem Zigarettenkonzern großzügig gesponsert. Zurück blieben die einfachen Delegierten, die nun gewissermaßen unter Ausschluss der berichterstattenden Öffentlichkeit diskutierten. Etliche Kreisvorsitzende nahmen das Wort und gaben störrisch kund, dass auch sie die Gentechnologie und Genmanipulation ablehnten. Parteistrategisch lief das für die CDU in eine ganz falsche Richtung. Allein Helmut Kohl gelang es, die Stimmung noch zu drehen, indem er in bewegender Weise versicherte, dass er als Historiker Bescheid wisse über die NS-Zeit, über Eugenik und Euthanasie. Man solle ihm vertrauen, mit ihm laufe nichts, was dergleichen noch einmal möglich werden lasse. So bekam der CDU-Parteitag die wertekonservativen Kritiker des kessen Modernisierungskurses wieder ins Geschirr.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F041436-0027 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA

Bundesarchiv, B 145 Bild-F041436-0027 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA

Denn Helmut Kohl war ihr Mann, der Mann der Partei, der Mann des Milieus. Kohl hatte in den 1960er Jahren, in der Zeit des schwierigeren Interregnums, gelernt, was wichtig in der CDU war. Er hatte genau beobachtet, mit welchen Methoden Konrad Adenauer zäh und lange die Macht festgehalten hatte. Er hatte ebenso scharf registriert, wie rasch und erbarmungslos dessen Nachfolger, der zuvor so populäre Volkskanzler und Verächter der Partei- und Machtpolitik, vom Thron gestürzt wurde. Und schließlich hatte Kohl auch verfolgt, warum die beiden herausragenden politischen Begabungen der Union in den 1960er Jahren, die Herren Gerstenmaier und Schröder, ihr großes Ziel, die Kanzlerschaft, nicht erreichten. Sie waren sehr weltläufige Männer, sehr intelligent und sehr gebildet. Aber sie wärmten ihre Partei nicht. Gerstenmaier war dem Fußvolk der CDU zu intellektuell, zu unverständlich, zu theoretisch; Schröder war einfach zu kalt, zu arrogant, zu gescheit. Sie konnten mit der CDU nicht Kanzler werden.

Kohls Zeit war noch nicht gekommen. Aber im Hintergrund zog er schon Mitte der 1960er Jahre die Strippen. Kurt Georg Kiesinger wäre 1966 wohl nicht Kanzler geworden, hätte Kohl nicht eine Südschiene aus den CDU-Landesverbänden von Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg gelegt, über die der schwäbische Ministerpräsident an die Spitze des Bonner Kabinetts gelangte. Für Kohl war Kiesinger der Mann, der Zukunftschancen nicht verbaute. Das wäre bei Schröder und vor allem bei Rainer Barzel anders gewesen. Kiesinger taugte nur für die kurze Ära der Großen Koalition. Er amtierte präsidentiell, um die Partei kümmerte sich Kiesinger nicht; den Parteivorsitz übernahm er 1967 eher auf Drängen anderer als aus eigenem Willen; die Parteizentrale betrat er nicht ein einziges Mal. Entscheidend aber war, dass er seine Partei 1969 nicht rechtzeitig und energisch in eine neu-alte Koalition mit den Liberalen führte und dadurch unfreiwillig Willy Brandt den Vortritt ließ. So landete die CDU in der Opposition.

Bevor Kohl selbst zum Zuge kam, musste in dieser langen Interimszeit der Post-Adenauer-Ära erst noch Rainer Barzel scheitern. Barzel war ein durchaus gefährlicher Konkurrent für Kohl. Er war aus anderem Holz geschnitzt als Erhard und Kiesinger; er hatte im Grunde das Zeug zu einem umsichtigen Parteivorsitzenden und tüchtigen Bundeskanzler. Auch in ihrer pragmatischen Flexibilität, in ihrer taktischen Raffinesse unterschieden sich die beiden nicht. Doch setzte Barzel nicht auf die Partei, sondern auf die Bundestagsfraktion, um möglichst rasch Kanzler zu werden. Damit manövrierte er sich indessen in die Abhängigkeit der ebenso selbstbewusst wie seinerzeit unter Franz Josef Strauß destruktiv agierenden CSU, die dem Fraktionsvorsitzenden in den frühen 1970er Jahren einige bittere Demütigungen und Niederlagen bescherte.

Dadurch schlug die Stunde des Helmut Kohl. Er hatte seine Lektion aus dem schnellen Scheitern seiner drei Vorgänger gezogen. Kohl setzte auf die Partei. Da er 1973, als er an die Spitze der CDU kam, der Bundestagsfraktion nicht angehörte, blieb ihm auch kaum eine andere Wahl. Kohl wurde somit zum ersten CDU-Vorsitzenden, der die christdemokratische Partei als entscheidende Machtquelle seiner Führungsstellung nutzte und organisatorisch zu diesem Zweck perfektionierte. Kohl lebte gar in Symbiose mit seiner Partei, wie er sich später mit der Mehrheit der Deutschen symbiotisch verbunden fühlte. Kohl – und das machte ebenfalls seine innere Stärke und psychische Stabilität aus – glaubte an sich, plagte sich nicht mit nagenden inneren Zweifeln, war nicht gepeinigt durch Zwiespalt oder Zerrissenheit wie andere, ihm intellektuell oft weit überragende, aber politisch deutlich unterlegene Politiker. Kohl war keine ambivalente Figur, kein Mensch voller Widersprüche, weder schweifend noch ruhelos suchend. Sein Weltbild war schlicht, dabei prägnant; und es war zeitig gezimmert, seitdem stabil. Und früh schon stand für ihn ebenfalls fest, dass er politisch hoch hinaus wollte, unbeirrt und mit großer Freude daran. Auch das hielt sich so im Fortgang seiner Biographie: Kohl stöhnte nicht unter der Last der politischen Verantwortung, er litt nicht unter der Bürde der Kanzlerschaft – er liebte die Macht.

Kohl war ein Politiker, der mit Geduld ausgestattet war, der also in der Lage war, zu warten. Er war zäh, resignierte nicht vorschnell, saß schwierige Zeiten mit langem Atem aus, steckte Rückschläge weg, ohne in Depressionen zu verfallen. Kohl war ein robuster Politiker, weit robuster, als seine vier Vorgänger, Erhard, Kiesinger, Brandt, aber auch Helmut Schmidt. In Kohls Vorstellungswelt existierten keine großen Ziele oder gar Utopien; er konnte daher nicht schnell enttäuscht oder frustriert werden. Kohl war kein Intellektueller, der grüblerisch über Aporien nachdachte, dialektisch in Komplexitäten reflektierte. Kohl hielt sich eben für „normal“, im Einklang mit dem ganz alltäglichen Denken einfacher Menschen, die fleißig arbeiteten, aber auch fröhlich feierten, die in ihrer Heimat wurzelten, in ihren Familien geborgen waren, im Glauben Halt fanden. So lebte – dies die unerschütterliche Überzeugung Kohls – das Gros der Menschen in der Mitte der Gesellschaft; so war er selbst auch groß geworden; und so wollte er Politik machen: für die Mehrheit der Menschen in der Mitte – und nicht für Ideologien, Bürokratien oder Strukturen.

Dass Kohl etliche Krisen politisch überlebte, dass er länger Kanzler blieb als jeder andere in den deutschen Demokratien – dies führte Kohl auf seine Erdung zurück. Und die ungewöhnliche Dauer seiner Laufbahn reproduzierte seine Selbstsicherheit, politisch mit dieser Wahrnehmung richtig zu liegen. Auch das Staatsgeschäft, die auswärtigen Angelegenheiten betrieb er so, von Mensch zu Mensch, wenn er mit Mitterand, mit Gorbatschow oder Bush zusammentraf. Nur Maggie Thatcher mochte das partout nicht leiden; und deshalb mochte Kohl sie nicht. Kohl ging an Politik nicht analytisch heran, wie Helmut Schmidt. Er sah sich nicht als kühler Manager des politischen Prozedere, folgte nicht der Reihe: Problemdiagnose – Lösungsoptionen – Handlungsstrategie. Kohl urteilte nach praktischen Erfahrungsmaßstäben, auch nach Instinkt und Intuition. Gern versuchte Kohl auch Krisen ganz zu leugnen, gar nicht erst darüber zu sprechen, jedenfalls den verstörenden Begriff zu vermeiden.

Seine häufig kitschige Sprache, seine Sentimentalität, seine menschelnde Kleinbürgerlichkeit sollten den Alarmismus schriller Reaktionen dämpfen, die Erregung mildern. „Es kommt nicht so schlimm, wie man Anfangs denkt“ – diese Attitüde war eine mentalitätskonservierende Führungstechnik von Kohl, die gerade in den wahldominierenden älteren Kohorten der 1980er Jahre gut ankam, die in ihrer Kindheit und Jugend genug erschreckende Dramen erlebt hatten und das beruhigende Sicherheitsversprechen Kohls gerne goutierten. Und Kohl war Gefälligkeitspolitiker. Geld war für ihn ein wichtiges Schmiermittel zur Herstellung von Loyalitäten und zur Absicherung von Politik, vor allem: der Europa-, der Außenpolitik. Damit bürdete er seinen Nachfolgern erhebliche Lasten auf.

Was vielen, wohl klügeren Konkurrenten fehlte, das hatte er sich zielstrebig geschaffen: eine treue Prätorianergarde von Parteileuten, die ihm die Stange hielten, wenn die Gewitter der Medienkritik sich wieder einmal über das Kanzleramt entluden. Auch hier menschelte es, wenngleich es weniger harmlos zuging, als es die gemütliche Pose der Kanzlerrunden mit Riesling aus Wachenheim, Schweinebraten auf Toast und Bergen von Bratkartoffeln nahe legten. Es ist oft beschrieben worden: Kohl pflegte Männerfreundschaften seit den Tagen der Jungen Union. Er half und ihm wurde geholfen; er machte Karriere und zog die Getreuen nach. Er bewies Loyalität denen, die ihm treu ergeben waren. Wer irgendwann ausscherte oder sich gar widersetzte, den allerdings trafen Bann und Fluch. Hass, Ächtung, Feindschaft – auch das war Bestandteil des „Menschelns“ im System Kohl. Am Ende, schon nach Ablauf der Kanzlerschaft, wurden während des Parteispendenskandals 1999/2000 all die problematischen Züge grell offenbar, als Kohl unversöhnlich das Band zerschnitt, das ihn lange mit Wolfgang Schäuble und noch länger mit Norbert Blüm verknüpft hatte. Sie waren nun Verräter. Da blieb der Kanzler der Einheit unversöhnlich. Bis heute, noch im Alter von 82 Jahren.

Franz Walter leitet das Göttinger Institut für Demokratieforschung.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge