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Im Anfang war die Freiheit

Michael Lühmann |  9. Oktober 2014 |   |  Drucken


[analysiert]: Michael Lühmann blickt auf den 9. Oktober 1989 zurück.

Wenn Besucher in den Revolutionsjahren 1989 und 1990 nach Leipzig kamen, konnten sie auf den Ortsschildern der sächsischen Messemetropole die Worte „Heldenstadt der DDR“ lesen. Heute erinnert sich kaum jemand mehr an diesen Namenszusatz der Stadt, in der am 9. Oktober vor 25 Jahren Kerzen über Panzer siegten und das DDR-Regime vor der eigenen Bevölkerung kapitulieren musste. Was geschah an jenem 9. Oktober?

An die 70.000 Menschen nahmen im Anschluss an die bereits seit dem Frühherbst 1982 in der Leipziger Nikolaikirche stattfindenden Friedensgebete nicht den Weg nach Hause, sondern verharrten auf den Straßen im Zentrum. Eine merkwürdige, nervöse Stimmung herrschte an diesem Abend, die Stimmen waren gedämpft, überall bildeten sich kleinere und größere Menschenansammlungen. Entschlossenheit lag in der Luft, aber mehr noch Angst und Ungewissheit. Und was alle überraschte: Es blieb friedlich. Nicht die „chinesische Lösung“, also ein Massaker am der eigenen Bevölkerung, sondern der Leipziger Weg setzte sich durch. „Neues Forum zulassen“ und „Wir sind das Volk“ schallte es über den Leipziger Stadtring, die Bilder gingen um die Welt, der Weg zurück war verbaut. Was den Sicherheitskräften in den Wochen zuvor noch gelungen war – Demonstrationen im Anschluss an die Friedensgebete durch massiven Einsatz auseinanderzutreiben und Demonstranten festzunehmen – scheiterte am 9. Oktober an der Zivilcourage, der Friedlichkeit und der schieren Masse auf den Leipziger Straßen. „Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht mit Gebeten und Kerzen“, lässt Regisseur Frank Beyer den Stasi-Oberst Bracher in „Nikolaikirche“ – der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Erich Loest – sagen. Friedliche Massendemonstrationen in der gesamten DDR folgten, der Rest ist Geschichte.

Der 9. Oktober 1989 – Tag der Entscheidung?

War der 9. Oktober 1989 deshalb zugleich der Tag der Entscheidung, der Tag, der Deutschland veränderte? Gab es nicht vorher auch in Plauen bereits eine friedliche Demonstration oder die Proteste in Berlin zum 40. Jahrestag der DDR, die heftigen Auseinandersetzungen am Dresdener Hauptbahnhof, die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration Anfang des Jahres in Berlin? Ist es nicht vielmehr eine von DDR-Oppositionellen angeschobene und beförderte lineare Entwicklung gewesen – die mit den Gründungsaufrufen des Neuen Forums oder der Gründung der ostdeutschen Sozialdemokratie die ersten wichtigen Schlaglichter markierte –, die schließlich in Leipzig kulminierte? Waren es überdies nicht die Entwicklungen in Polen, Gorbatschows Perestroika und Glasnost oder die davon inspirierte Grenzöffnung Ungarns durch Gyula Horn, gar der drohende Bankrott der DDR-Wirtschaft, die den Anfang vom Ende der DDR eingeläutet hatten?

Es erscheint müßig, das exakte Datum, das entscheidende Ereignis für die Revolution von 1989 zu fixieren. Vieles spricht für ein ganzes Ursachenbündel, welches das System letztlich zum Einsturz brachte. Und doch ist der 9. Oktober 1989 der entscheidende Tag, von dem aus es kein Zurück mehr gab. Denn an jenem Oktoberabend zog sich die alte Herrschaftselite erstmals und vor den Augen der Welt öffentlich zurück, gelang es zehntausenden Demonstranten vor – heimlich – mitlaufender Kamera, den Herrschenden das Gewaltmonopol zu entreißen und auf den eigentlichen Souverän – das Volk – zu übertragen. Unter der Losung „Wir sind das Volk“ entschieden die Demonstranten von Leipzig die von den Machthabern ausgerufene Machtfrage für sich – gegen die Ankündigung des Kampfgruppenkommandeurs Günter Lutz in der Leipziger Volkszeitung vom 6. Oktober 1989, die DDR „wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand“ zu verteidigen.

Vom Vergessen und Verdrängen: Von der Freiheit zur Einheit

Und doch bleibt die Bedeutung des 9. Oktobers 1989 in der Geschichte des vereinten Deutschland häufig unterbelichtet – wohl auch deshalb, weil an diesem Abend noch nicht vom vereinten Deutschland die Rede war. Doch schließlich folgten auch die Forderungen auf den Straßen der Republik einer eigenen Dynamik, die die Zielrichtung der Revolution zunehmend veränderte, verschob und monolithisch in Richtung Einheit kanalisierte. Inzwischen sind die schlechten Kamerabilder des 9. Oktober ersetzt worden durch die medial besser in Szene gesetzte größte Demonstration in der Geschichte der DDR am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz und die Öffnung der Mauer nur wenige Tage später. Doch waren diese Eruptionen schon die ersten Kinder der Revolution, die Bestätigung der Leipziger Ereignisse.

Aber selbst in Leipzig ist man sich der eigenen historischen Leistung nicht mehr so sicher. Hier erinnert lediglich eine deplatziert wirkende Säule auf dem Nikolaikirchhof unter anderem an die Demonstration vom 9. Oktober 1989. Die Aufschriften „Heldenstadt der DDR“ sind aus der Öffentlichkeit verschwunden – aus Leipzig wurde Hypezig, ein Paradies für Hipster ohne historische Bedeutung. Ein Ort, der die Montagsdemonstrationen angemessen memoriert, ist bis heute nicht zu finden. Der Wilhelm-Leuschner-Platz, bis heute eine Brache am Rande des Innenstadtrings, wurde mit dem Namenszusatz „Platz der friedlichen Revolution“ versehen – nicht der Nikolaikirchof, auch nicht der Augustusplatz, welche beide für sich einen deutlich höheren Symbolgehalt besitzen. Auch auf der bundesdeutschen Erinnerungslandkarte haben sich die Koordinaten des Gedenkens in Richtung „Einheit“ verschoben. Gedacht werden sollte und soll weiterhin beiden Ereignissen, sozusagen aus einem (und in einem) Guss.

Dies führt in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings dazu, dass die Revolution nicht mehr als emanzipatorische Freiheitsrevolution memoriert wird, sondern hinter der nachholenden (Konsum-)revolution – die sprichwörtliche Banane – mit der Zielrichtung Einheit verschwindet. Der Ursprungsfehler des gesamten Denkmalskonzepts liegt in der Verkettung zweier Ereignisse, die eigentlich eine getrennte Würdigung finden müssten: Freiheit und Einheit. Denn am Anfang der Revolution stand in Leipzig der Ausspruch: „Wir sind das Volk“, nicht „Wir sind ein Volk“, schon gar nicht „Wiedervereinigung jetzt“. Ostdeutsche Selbstbefreiung und deutsch-deutsche Einheit sind mithin nicht ein Geschwisterpaar, sondern Mutter und Tochter.

Dem Vergessen entreißen

Der 9. Oktober 1989 besiegelte nicht das Ende der DDR. Der 9. Oktober war vielmehr zunächst ein Tag des Aufbruchs in eine andere, demokratischere DDR, der ostdeutschen Befreiung von der Allmacht der SED-Diktatur und damit der Beginn einer originär ostdeutschen Bewegung in Richtung Demokratie. Nicht Helmut Kohl, nicht der Westen zwangen die SED-Diktatur im Oktober 1989 in die Knie, sondern die ostdeutsche Bevölkerung.

Doch, wie beim Streit um ein Denkmal, findet der Tag der ersten friedlichen Großdemonstration in Leipzig kaum eine angemessenen historische Würdigung, auch weil die Suche nach einem Datum, das die Deutschen und insbesondere die Ostdeutschen an die Revolutionseuphorie erinnern soll, von dem Gedanken beseelt ist, einen gesamtdeutsch relevanten Nationalfeiertag zu küren. Für einen Tag, der an ein rein ostdeutsches Ereignis erinnert, scheint sich keine (politische) Mehrheit finden zu lassen. In Zeiten des Kalten Krieges war dies noch einfacher. Der 17. Juni, der Tag des Volksaufstandes in der DDR 1953, war in dieser Hinsicht ein probates Kunstprodukt – ein Tag, an dem westdeutsche Arbeitnehmer frei hatten, vielfach ohne zu wissen warum. Auch der 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit kann ob seiner Künstlichkeit keine Sympathien gewinnen, auch weil mit dem Tag der deutschen Einheit zugleich immer die vielen Fehler der Einheit mitverhandelt und die Probleme in Ostdeutschland assoziiert werden. Zugleich erscheint auch der mitunter vorgeschlagene 9. November als deutscher Feier- und Gedenktag wenig geeignet. Denn der originär ostdeutschen Revolution würde ein Tag nicht gerecht, dessen ostdeutscher Anteil lediglich in der Öffnung der Mauer durch das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski besteht.

Mit dem 9. Oktober 1989 dagegen hat sich die Bevölkerung des ostdeutschen Teilstaats symbolisch und unumkehrbar aus 56 Jahren Diktatur befreit, folgten die Bürgerinnen und Bürger der DDR der Opposition heraus aus den Nischen in die Öffentlichkeit. Mithin ist der 9. Oktober der Endpunkt der SED-Herrschaft und zugleich die Geburtsstunde der Freiheit in Ostdeutschland – zweifelsohne ein Jubeltag der deutschen, der europäischen Geschichte, wenngleich ein inzwischen verschütteter. Diesen Tag wieder „auszugraben“, mithin die Bedeutung des 9. Oktober 1989 wieder ins Bewusstsein zu rücken und gebührend zu würdigen, wäre nach wie vor eine wichtige Aufgabe im 25. Jahr der friedlichen Revolution von 1989.

Michael Lühmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung.


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