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„Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet.“

Viola Köster |  1. Juni 2017 |   |  Drucken

[präsentiert]: Viola Köster über die Inszenierung des Stückes „Geächtet“ von Ayad Akhtar am Deutschen Theater in Göttingen[1]

Wie ging sie doch gleich, die Formel des American Dream? Vom Tellerwäscher zum Millionär – Du bist das, was Du sein willst! Und wenn Du es noch nicht bist, dann streng Dich gefälligst an, es zu werden – indem Du fest daran glaubst und (an Dir) arbeitest! Und wenn Du es dann immer noch nicht schaffst, dann bist Du was? Genau. Ein Loser. Ein Opfer der Verhältnisse. Ein hoffnungsloser Fall.

In gewisser Weise schreibt Ayad Akhtar mit „Geächtet“ den Gegenbeweis zu diesem Traum der Selbstbestimmung. Seine Hauptfigur Amir versucht redlich – und nicht ohne Erfolg –, ein ‚Vollblutamerikaner‘ zu werden. Aber der Preis, den Amir für die Assimilation an die amerikanische Gesellschaft zahlt – nämlich seine islamische Herkunft zu verleugnen, anstatt mit ihr umzugehen –, ist hoch und rentiert sich am Ende nicht. Im Gegenteil. Das Verleugnete schlägt in Person von Arbeitskollegen und angeblichen Freunden zurück. Denn die sehen in ihm nach wie vor den eingewanderten Muslim und nicht vorrangig den atheistischen Juristen mit Künstlerfreundin, der auf der wohlhabenden Upper East Side wohnt. Isaac, der Kurator von Amirs Frau Emily, streut gezielt Salz in die Wunde: „Merkst Du nicht, dass Du Dich selbst verabscheust?“ Und seine Arbeitskollegin Jory, Isaacs Frau, bemerkt spitz, dass er ja wohl noch Einiges mit sich auszuhandeln habe und dass sein Problem nicht der Islam sei, sondern seine Verweigerung, seine Vergangenheit aufzuarbeiten.

In der Biographie Ayad Akhtars spielt die Tellerwäscherei zwar keine Rolle, aber der Islam, von dem er sich ebenfalls lossagen wollte, um – genau wie Amir – ‚Vollblutamerikaner‘ zu werden. In Interviews betont Akhtar immer wieder, wie gut er den Wunsch seiner Hauptfigur verstehen könne, diejenige Identität, in die er in Pakistan hineingeboren wurde, hinter sich zu lassen. Akhtars Eltern waren zwar bereits vor der Geburt ihres Sohnes in die USA immigriert, dennoch sei es für ihn nicht leicht gewesen, seine islamische Herkunft und sein amerikanisches Leben für sich in Übereinstimmung zu bringen, sich mit beiden zu versöhnen, beide gleichermaßen anzunehmen. Somit haben wir es bei „Geächtet“ mit einem autobiographischen Stück Akhtars zu tun, das davon handelt, mit welchen unterschiedlichen Strategien MigrantInnen und ihre Nachfahren in der neuen Gesellschaft ankommen. Amir verkörpert die Ablehnung seiner eigenen islamischen Herkunft zugunsten der Anpassung ans weltanschaulich liberale, reiche Amerika seiner Frau und Kollegen. Sein Neffe Abe bzw. Hussein steht zunächst für den Versuch, die islamische Religion mit dieser multireligiösen, sozialliberalen amerikanischen Kultur unter einen Hut – nämlich den seinen – zu bringen; er radikalisiert sich im Laufe des Stückes aber zunehmend, bis er schließlich den trennenden Dualismus von ‚Wir Muslime‘ und ‚Die Westliche Welt‘ offen ausspricht: „Die haben die Welt erobert. Wir holen sie uns zurück.“ Regisseur Dominik Günther erfindet in seiner Inszenierung von „Geächtet“ eine weitere Figur, den Hammambesitzer Khalid, der mit seinem islamischen Glauben und Traditionen selbstverständlich umgeht, ohne die Differenz zu seiner amerikanischen Umgebung zu problematisieren.

Nähme man diese drei Figuren aus „Geächtet“ – Amir, Abe/Hussein, Khalid – als Beispiele dafür, wie unterschiedlich muslimische Einwanderer mit der von der ‚Einwanderungsgesellschaft‘ geforderten Integration umgehen, dann ließe sich folgende These aufstellen: Entweder, der/die ‚NeubürgerIn‘ verleugnet seine/ihre Herkunft wie Amir (und anfänglich auch Abe bzw. Hussein) und versucht, sich unter allen Umständen zu assimilieren, um nicht mehr als die Person erkannt zu werden, die er/sie ist – bzw. die er/sie einmal war; oder er/sie radikalisiert sich zunehmend wie Abe bzw. Hussein und betont die eigene Herkunft, Religionszugehörigkeit und Lebensstil sogar stärker als zuvor in der Heimat, um der Angst vor Identitäts- und Kulturverlust radikal entgegenzuwirken; oder aber er/sie folgt, drittens, weiterhin den Traditionen ihrer Heimat wie Khalid – ohne sich dabei in eine Parallelgesellschaft zu flüchten. Ayad Akhtar selber geht darüber hinaus noch einen anderen Weg: nämlich die schmale Gratwanderung zwischen Tradition und Anpassung, über deren Schwierigkeiten er schreibend berichtet.

Aus Amirs Weg ergibt sich offensichtlich das Problem, den Bezug zu sich selber zu verlieren und den eigenen Emotionen und verdrängten Erinnerungen somit hilflos ausgeliefert zu sein. Außerdem scheinen die Anderen ihn noch längst nicht als das wahrzunehmen, was er sich selber vorgenommen hat, zu sein. Zunächst fällt beim Blick auf einen anderen Menschen sein Phänotyp auf – und wenn der sich von der Mehrheit der Phänotypen der Gesellschaft unterscheidet, hat der eine „Andere“ sich scheinbar sofort als Fremder geoutet. Wenn der Fremde auch noch Muslim ist, greift in Amerika und Europa heute allzu schnell die Assoziationskette ‚Islamismus – Gewalt gegen Frauen – Terrorismus‘. Genau mit diesem medial vermittelten Dreisatz provoziert uns Akhtar auch in Geächtet – und zwar dadurch, dass er seine Hauptfigur Amir eben diesen unseren Vorurteilen entsprechend handeln lässt.

Akhtar geht sogar noch einen Schritt weiter. Er lässt Amir die Vorverurteilung seiner Person sogar da spüren, wo es sie zunächst gar nicht gibt. Durch die gewohnten Nachteile, die er gegenüber seinen amerikanischen Kollegen und Freunden hat, reagiert er hochsensibel gegen jeden vermeintlichen Angriff auf seine muslimische Herkunft. Da er sich auf diese Weise aber schnell selber zum Opfer stilisiert, setzt ein Teufelskreis bzw. die von Akhtar gezielt so konstruierte Self-fulfilling prophecy ein: Er empfindet sich als anders wahrgenommen und eingeschätzt, woraufhin er sich selber wiederum als anders begreift. Diese Schlaufe, die sich Amir um den Hals gelegt hat, lässt ihn unfrei und unbeliebt werden. Er erlebt sich nicht mehr als selbstbestimmt, sondern als hochgradig abhängig von den Urteilen und der Anerkennung anderer. Und eben diese Abhängigkeit von den Blicken der anderen lässt ihn aggressiv werden und unkontrolliert „zurückschießen“.

Mit dieser Problematik ist Akhtars Amir nicht allein. Sie erzählt beispielhaft davon, womit (muslimische)EinwanderInnen in Amerika und Europa tagtäglich zu kämpfen haben. Und dieser Kampf geht noch weit über die finanziellen, behördlichen und politischen Kämpfe hinaus – nämlich bis tief hinein in die Psyche des Einzelnen. Im Interview mit der Zeit drückt Akhtar diese „tiefgreifende Verunsicherung der eigenen Identität“ so aus:

„ZEIT: Sprechen wir über Identitätspolitik. Sie sagten einmal, viele Menschen verbrächten heute sehr viel Zeit damit, den anderen zu demonstrieren, was sie nicht sind.

Akhtar: Ich dachte dabei an die Muslime, die immerzu beweisen wollen, dass man Vorurteile gegen sie hegt. Sie sagen so vehement ‚Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet!‘, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken, wer sie eigentlich sind.“[2]

Akhtars Provokation, die er „Geächtet“ einschreibt, besteht nun vor allem in der Pfadabhängigkeit der Entwicklung seiner Hauptfigur. Amir sei für ihn ein tragischer Held, weil er feststellen muss, dass er nicht länger Herr seines Lebens ist, dass das selbstbestimmte Leben eine Lüge ist, die Lüge des American Dream, die ihn gezwungen hat, den Islam zu verleugnen, ohne sich wirklich von ihm losgesagt zu haben. Letztlich tut Amir genau das, was er rational selber ablehnt. Er folgt der radikal frauenfeindlichen Auslegung des Korans, die er vorher vor seinen Freunden als patriarchisch und gewaltverherrlichend kritisiert hat: „Wenn Eure Frau nicht auf Euch hört, redet mit ihr. Wenn das nicht hilft, schlaft nicht mit ihr und wenn das nicht hilft, schlagt sie.“ Eben diesen Dreischritt verfolgt Amir in „Geächtet“ gegenüber seiner Frau Emily. Er verfällt den angeblichen Regeln seiner früheren Religionsgemeinschaft, obwohl er sie selber so vehement ablehnt. Oder eben genau deshalb, weil er sie so kategorisch ablehnt und kein gutes Haar an ihr lässt? Oder aber, weil ihn die anderen Figuren mit ihrem Verhalten ihm gegenüber zu dem machen, der er partout nicht sein will? Weil sie nicht akzeptieren, dass er dem Islam abgeschworen hat und nichts mehr von dessen Regeln wissen will? Vermutlich aus allen diesen Gründen zusammen, da sich die eigene Identität immer aus einer Beziehung zwischen unbewusster Prägung, Selbstbild und Fremdwahrnehmung konstituiert.

Mit „Geächtet“ erzählt uns Akhtar also von den Lügen des American Dream, der vereinfachenden Floskel über eine Selbstkonstitution abseits der eigenen, religiösen und nationalen Geschichte. „Muslim zu sein“, so Akhtar in einem Interview mit Die Deutsche Bühne, „ist in ‚Geächtet‘ eine Metapher dafür, Mensch zu sein“[3]. Es sei unmöglich, sich selbst zu verleugnen. Er appelliert sowohl an „uns“ als auch an „unsere muslimischen MitbürgerInnen“: Macht Euch keine falschen Illusionen – unsere Herkunft lässt sich nicht einfach auslöschen, sie ist uns eingeschrieben, so sehr wir sie auch verfluchen mögen. Findet Euch damit ab, niemals fertig zu sein mit dem Prozess der Identitätsbildung. Das ist eine starke und ernst zu nehmende Aussage in einer Zeit, in der die einen geschichtsvergessen und selbstbezogen, die anderen wiederum geschichtsbesessen zu sein scheinen und Gruppenidentitäten als feststehende Größen verklären.

Genau wie der Einzelne ist nun aber auch eine Gesellschaft niemals fertig und richtig aufgestellt für alle Zeiten – es sei denn, unser politisches System gäbe den Geist auf und müsste durch ein neues ersetzt werden. Aber gehört es nicht gerade zu den Stärken einer Demokratie, der Angst ihrer Bürger vor ‚dem Neuen‘ mit der Veränderung ihrer politischen, sozialen und kulturellen Rahmensetzungen zu begegnen – wichtig: ohne sich dabei selber abzuschaffen?

Viola Köster hat Politikwissenschaften studiert und arbeitet derzeit am Deutschen Theater Göttingen. „Geächtet“ ist eine ihrer Lieblingsinszenierungen, die sie als Dramaturgin betreut hat.

[1] Dieser Text erscheint in einer Urversion auch auf der Website des DT Göttingen zum Stück.

[2] „Amerika ist groß – und allein mit Gott“. Ayad Akhtar im Interview mit Peter Kümmel, in: Die Zeit, 19.01.2017.

[3] „Kein Stück über den Islam“. Ayad Akhtar im Interview mit Jens Fischer, in: die tageszeitung, 21.01.2017.


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