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Ränkespiele zweier Serien (1): House of Cards

Jöran Klatt |  17. Mai 2016 |   |  Drucken

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[analysiert]: Jöran Klatt über die Spieltheorie in der Politikserie „House of Cards“

Zwei der beliebtesten und erfolgreichsten Literaturverfilmungen unserer Zeit nutzen das Serienformat: der Politthriller „House of Cards“ und das (nicht minder politische) Fantasy-Epos „Game of Thrones“. Beide werden oft als besonders realistisch beschrieben: „Game of Thrones“, zwar ein fantastisches Märchen, zeichne glaubwürdige Charaktere und sei näher an den tatsächlichen Verhältnissen des Mittelalters als viele Historiendarstellungen zuvor. „House of Cards“ hingegen stelle die realen Niederungen des politischen Systems besonders wirklichkeitsgetreu dar. Realismus ist somit eines der Gütekriterien, die für beide Serien immer wieder angeführt werden.

In „House of Cards“ schlägt sich der fiktive egoistische Politprofi Francis Underwood (gespielt von Kevin Spacey) durch die politische Sphäre Washingtons. Die Serie sei, so der reale Politprofi Jürgen Trittin, ein politisches Lehrstück, man könne sie gar „uneingeschränkt für den Gemeinschaftskundeunterricht“ empfehlen. Underwood führe „durch das Unterholz von Max Webers Theorie über das Wesen von Politik im Kompromiss“[1].

Implizit schwingt bei der Diskussion über beide Serien immer wieder ein Argument mit, das selten explizit ausgesprochen wird: Realistisch seien diese besonders deswegen, weil sie düstern sind. Sie zeigen uns – so die verbreitete Ansicht – die vermeintlich wahren Abgründe der conditio humana. Es geht nun nicht darum, welche Serie besser oder schlechter ist; aber die Frage nach diesem zugeschriebenen Realismus ist für Politolog_innen durchaus von Interesse. Was sagt diese Einschätzung über das Publikum Underwoods, das aufmerksam zuhört, wenn er durch die vierte Wand seine lessons in ruthlessness erteilt?[2]

Wäre „House of Cards“ wirklich realistisch, dann „hätten wir es in der Realität an der Spitze des Staates mit Verbrechern zu tun, wie Francis ‚Frank‘ Underwood zweifellos einer ist“[3]. Seine Botschaften an das Publikum machen dieses dabei zu einem interpassiven Kollaborateur. Das meint: Der Zuschauer wird von Underwood scheinbar direkt angesprochen, belehrt und zum Mittäter gemacht. Doch tatsächlich sitzt das Publikum vor dem Fernseher und denkt sich einen fiktiven Anhänger, der diesen Weisheiten wirklich glaubt. Die wahre Verantwortung (in den Begrifflichkeiten der Psychoanalyse, woher der Begriff stammt, würde man sagen: der Akt) wird ausverlagert. Die Trennlinie zu der Gebetsmühle, an die wir das Glauben übertragen, verläuft über den wahrscheinlich mächtigsten Ideologieträger der reflexiven Moderne (Ulrich Beck): die Ironie. Denn von der wahren Mittäterschaft in der Entourage des zynischen und mordenden Underwoods trennt uns stets das selbstvergewissernde Lächeln, dass wir seinem Ruf doch nicht in Gänze folgen. Gleichwohl scheint das Realismussiegel auf eine grundsätzliche Zustimmung hinzudeuten, die zumindest so weit geht, dass wir glauben, Underwoods Botschaften seien – wenn auch unschön – eine Form der Klarheit und der Weisheit, frei von Naivität und verblendeter Ideologie.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat angemerkt, dass Interpassivität einen entscheidenden Beitrag zur Funktionsweise von Ideologie in unserer Zeit liefere. Underwood, so postideologisch er sich auch gibt, ist der Hohepriester des Politsystems einer spätkapitalistischen Postdemokratie, von welcher der Soziologe Colin Crouch spricht. In „Die bezifferte Welt“ beschreibt Crouch, wie der Kapitalismus neoliberaler Prägung seine reine ökonomische Beschaffenheit nach und nach erweitere und die Gedankenwelten, gar das Wissen selbst umzuschreiben beginne. Wenn „House of Cards“ realistisch genannt wird – und nicht selten ist damit „nüchtern“ gemeint –, zeigt sich darin eine Internalisierung der Spielregel des Neoliberalismus schlechthin: der Spieltheorie.

Der verstorbene Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hat in seinem Buch „Ego“ einen Menschen beschrieben, der den Egoismus und die Spieltheorie als ein „neues rationales Naturgesetz“ anerkennt: Er nennt ihn „Nummer 2“.[4] Die Spieltheorie als Grundlage nicht nur der Wirtschaft, sondern des Lebens generell dränge dazu, beides als Nullsummenspiel zu begreifen. In „House of Cards“ wird dieses Prinzip nun in der Sphäre des Politischen gezeigt – die dabei sogar ihren eigentlichen Zweck, das Zusammenführen sich im Konflikt befindender Interessengruppen, aus den Augen verliert: „Es gehört zu den größten Gemeinheiten von House of Cards, dass die offiziell politischen Themen um explodierende Benzinpreise, NSA-Überwachung und Enthauptungsvideos reine Verhandlungsmasse sind, während die persönlichen Verstrickungen seiner Protagonisten tatsächlich politisches Gewicht haben.“[5] Das Ich, „Nummer 2“, steht hier im Zentrum einer ästhetisch stilisierten politischen Sphäre, in welcher der Demos zu einer beeinflussbaren Masse degradiert ist. Wenn er überhaupt eine Rolle spielt, dann nur als hysterische (Über-)Reaktion auf die mal mehr, mal weniger erfolgreiche Inszenierung vor den Flatscreens des digitalen Mediensystems, in dem die Politiker sich behaupten müssen, es zum Vorteil nutzen oder daran scheitern können.

Auch wenn die Serie immer wieder Kritik an der arroganten Exklusivität von Machtsphären simuliert, hat „House of Cards“ eine neokonservative Botschaft: Um wirklich etwas zu bewegen, muss man drin sein. Drin in einem System, das düster, geheimbündlerisch und vernichtend ist, dabei aber eine unheilvolle Ästhetik ausstrahlt, die eine beängstigende Sogkraft auf den homo politicus des 21. Jahrhunderts ausübt. Franz Walter hat darauf hingewiesen, dass es nicht selten die vormals linken Kräfte seien, die inzwischen das Marschieren durch die Institutionen, den Weg an die „Schaltstellen“ der Macht bestens gelernt hätten.[6] So ergeht es auch der Idealistin Heather Dunbar, die in der Serie Underwood herausfordert. Im Interview mit der Zeit hat eine der Autorinnen von „House of Cards“, Laura Eason, erläutert, dass Dunbar zwar mit hohen Ansprüchen an sich selbst im Ränkespiel starte, jedoch ebenfalls schnell lerne, „schmutzige Tricks einzusetzen“. Dies sei ein Hinweis auf die realen Verhältnisse. Fast alle Politiker kämen „mit guten Vorsätzen nach Washington. Aber im Laufe der Zeit beginnen diese Vorsätze zu erodieren. Und sie lernen, wie Heather Dunbar, dass man mit Idealismus nicht weiterkommt.“[7] Diese Tricks werden zu einer nicht außerhalb dieses Systems erlernbaren Technik, die innerhalb der Weltanschauung des Postdemokraten gar als Tugend daherkommt.

Dabei zeigt vor allem das Beispiel der öffentlichen Kanäle, der Medien, den Mangel an Humor, an welchem die Serie oftmals krankt, wollte sie tatsächlich das Politische realistisch darstellen. Denn zum Politischen gehört ja nicht nur das tragische, sondern oft eben auch das (nicht selten unfreiwillig) komische Scheitern. Möller schreibt, dass die Comedy-Politserie „Veep“ womöglich gerade deswegen die viel realistischere Serie sei: Julia Louis-Dreyfuß spielt die Vizepräsidentin, die gemeinsam mit ihrem Stab oft und urkomisch scheitert. „Kein Plan geht auf, ständig bekleckern sich alle den Pullover mit Kaffee, man kann gar nicht viel entscheiden, von Strategie ganz zu schweigen – und trotzdem funktioniert es am Ende irgendwie: muddling through.“[8] So wird, nach dem anfänglichen Hype um den vermeintlichen Realismus, mittlerweile auch in den Rezensionen pointiert: „House of Cards“ sei eben doch „kein Spiegelbild echter Macht- und Verführungsspielchen in Washington“[9]. „Die Politik in House of Cards ist kein Max Webersches Bohren dicker Bretter. Hier gibt es kein Vor und Zurück, kein ewiges Ringen, keinen Stillstand.“[10] Dazu lässt die Serie zu viel außen vor, es gibt zu wenig Menschliches, Allzumenschliches – oder besser: Politisches, Allzupolitisches.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung und promoviert an der Uni Hildesheim. Für INDES war er (gemeinsam mit Julia Kiegeland) verantwortlich für die Ausgabe „Politikserien“. Zusammen mit Katharina Rahlf organisiert er die Blogreihe über Politikserien.

[1] Trittin, Jürgen: Wer das Feuer liebt, in: Der Freitag, 09.01.2014, URL: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-das-feuer-liebt [eingesehen am 30.07.2014].

[2] URL: https://www.youtube.com/watch?v=a5Ha3IWeXOo [eingesehen am 05.05.2016].

[3] Hanfeld, Michael: Über ihn darf man kein falsches Wort verlieren, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2016.

[4] Vgl. Schirrmacher, Frank: Ego. Das Spiel des Lebens, München 2013, S. 9f.

[5] Gerhard, Daniel: „House of Cards”: Underwood gegen Underwood, in: Zeit Online, 06.03.2016, URL: http://www.zeit.de/kultur/film/2016-03/house-of-cards-vierte-staffel [eingesehen am 11.05.2016].

[6] URL: https://www.youtube.com/watch?v=LzDFmNfDjUU [eingesehen am 05.05.2016].

[7] Kohlenberg, Kerstin: „Ideologie ist für Feiglinge”, in: Zeit Online, 03.03.2016, URL: http://www.zeit.de/2016/11/donald-trump-house-of-cards-gemeinsamkeiten [eingesehen am 09.05.2016].

[8] Möller, Kolja: House of Cards, Veep, Borgen. Was kann man von den neuen Polit-Serien lernen?, in: Prager Frühling, Februar 2015, URL: https://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/1209.house-of-cards-veep-borgen.html [eingesehen am 09.05.2016].

[9] Ebd.

[10] Baschek, Nicklas: Die teuerste Seifenoper der Welt, in: Zeit Online, 15.04.2015, URL: http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/house-of-cards-underwood-kritik [eingesehen am 22.04.2016].


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