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Homo homini ludus est

Jöran Klatt |  13. Februar 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Jöran Klatt zum 70. Todestag Johan Huizingas.

Leiden, April 1933. Wie bereits im vorangegangenen Jahr trafen zur Konferenz des International Student Service (ISS) Studierende und Dozenten aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Dieses Mal gelang es sogar, anders als zuvor, Vertreter einer Deutschen Delegation zu gewinnen. Es hätte eine harmonische Veranstaltung werden können, hätte nicht ein niederländischer Mittelalterhistoriker namens Johan Huizinga die Aufmerksamkeit auf den Leiter der deutschen Delegation gerichtet: Johann von Leers. Huizinga sprach von Leersʼ mögliche Autorschaft der Broschüre „Forderung der Stunde: Juden raus!“ an, die dieser auch einräumen musste. Huizinga, der zu diesem Zeitpunk das Amt des Universitätsrektors innehatte, verwies von Leer noch vor ihrem Abschluss der Tagung. Ohne Handschlag reisten die Deutschen zurück nach Hause. Wer war dieser Mann, der – nicht zum letzten Mal – couragiert den deutschen Antisemitismus angeprangert hatte und dessen Werk und Denken zweifellos Einfluss ausübten, aber dessen Name oft hinter prominenteren Vertretern von Geschichts- und Kulturtheorien verborgen bleibt?

Huizinga wuchs im niederländischen Groningen als Sohn einer Mennoniten-Familie auf. Die Niederlande des ausgehenden 19. Jahrhunderts boten neben der Industrialisierung eine bürgerliche Welt, die mitunter „liberal“ genannt wurde, sich aber vor allem durch die Abgrenzung zum aristokratischen Nachbarn im Osten auszeichnete.[1] Huzinga wurde vom aufgeklärten Historismus geprägt und entdeckte die neue Sprachwissenschaft für sich. Es war die Zeit, in der die Strukturalisten den Grundstein für einen späteren linguistic turn legten: Sie entdeckten, dass man die gesamte Kultur als eine Anordnung sprachlicher Muster zu dechiffrieren vermag. Davon erhofften sie sich nicht weniger, als aus der Lingustik eine Meistererzählung zu machen.

Huizinga griff wie viele seiner akademischen Zeitgenossen diese Gedanken auf und versuchte, dadurch das Phänomen Kultur besser zu verstehen. Mit dem Positivismus der Junggrammatiker konnte Huizinga, der diese in seiner Leipziger Zeit (als er sich dort auf die Dissertation vorbereitete) kennenlernte, wenig anfangen. Schon früh neigte er zu einer anderen, eher ganzheitlichen Sicht, hatte eine „romantische Ader“ und war geprägt von der in den Niederlanden wirkmächtigen Literaturbewegung der „Tachtigers“ – einer Gruppe von Autoren, die stilistisch geprägt war von Impressionismus, Naturalismus und Symbolismus.[2] Seine Promotion beendete er am 28. Mai 1897 bei Jacob Speyer über „De Vidûshaka in het Indisch toneel“, also über den Vidûshaka, eine Figur des Komischen im indischen Theater. Von 1905 bis 1915 hatte er den Lehrstuhl für allgemeine und niederländische Geschichte in Groningen inne. Sein zentrales Wirken begann jedoch in der Zeit ab 1915, als er eine Professur für allgemeine Geschichte und historische Geographie in Leiden annahm. Dort verfasste er 1919 „Herfsttij der Middeleeuwen“ (dt.: „Herbst des Mittelalters“), das bis heute als sein Hauptwerk gilt.

In den 1920er Jahren vertiefte Huizinga seine Studien über vergangene Lebenswelten. Er wurde zu einem Pionier der Kulturgeschichte und der historischen Anthropologie, richtete seinen Fokus auf Dinge, die – zuweilen bis heute – als Trivialitäten abgetan werden. Er war etwa – lange vor dem iconic, visual oder medial turn – von der Bildhaftigkeit der Geschichte fasziniert. Huizingas Interesse galt Aspekten, die meist nicht so recht in die Schemata großer Übertheorien passten. Und so widmete er 1938 eine seiner bekanntesten Publikationen dem Versuch, Kultur über etwas zu erklären, das seiner Ansicht nach von der Wissenschaft schwer vernachlässigt wurde: das Spiel.

Huizinga entwickelte eine Theorie, in der das Spiel nicht Beiwerk der Kultur, sondern ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Daseins ist. In „Homo Ludens“(„Der spielende Mensch“) stellt er selbigen den bis dahin bekannten homo sapiens und homo faber an die Seite. Der Mensch sei nicht nur denkend oder schaffend, er spiele auch. Das Spiel und das Spielerische widerstünden einer rein mechanischen Sichtweise auf das kulturelle Dasein. Spiel, das ist für Huizinga nicht alleine ein funktionielles Zahnrad, das nur biologisch oder nur psychologisch erklärt werden könne. Kultur und Spiel bedingen sich seiner Ansicht nach viel mehr. Gerade weil sich das Spiel der logischen Interpretation entziehe, biete es eine erklärungskräftige Perspektive auf die Beschaffenheit der Kultur.

„Spiel ist nicht das ‚gewöhnliche‘ oder das ‚eigentliche‘ Leben“, schränkt Huizinga ein, wohlwissend der Gefahr, wie viele kulturtheoretische Arbeiten einen zentralen Begriff derart überladen, dass er am Ende nichts mehr trägt.[3] Nichtsdestotrotz weitet er den Begriff deutlich aus. Wo der Alltagsbegriff im Spiel meist etwas per se Kindliches und auch etwas Unernstes vermutet, holt Huizinga ihn zurück in die Erwachsenenwelt, wo das Spielerische zuweilen durchdrungen wird von einem „heiligen Ernst“.[4] Spiele sind Rituale, die sowohl nach Regeln geschehen als auch in einem abgeschlossenen Zeitraum sowie an einem präzisen Ort stattfinden. Huizinga schreckte nicht davor zurück, sogar im Krieg Handlungen, Riten, Symbole, Typen und Klischees zu sehen, die aus einem spielerischen Element hervorgehen. In lesenswürdigen Passagen zeigt er hier, was es bedeutet, den Unterschied zwischen „Ernst und Spiel“ nicht als gegeben zu sehen. Spiel ist dabei für Huizinga nichts an sich Gutes oder Schlechtes. Seine Zeitgenossen, die Reformpädagogen, versuchten mitunter im Spiel – weil sie es eben als etwas per se Kindliches (und damit idealisiert Gutes) sahen – eine verlorengeglaubte Ursprungsordnung der Menschheit wiederzufinden. „Homo Ludens“ist kein solches Manifest, kein Ratgeber zum guten Leben und keine Utopie. Und dennoch ist es auch Zeitkritik, wenn Huizinga die Hybris anprangert, dass sich mit der Kultur des 19. Jahrhunderts die Menschheit dadurch selbst für erwachsen erklärte, als dass sie sich dem Spiel entwachsen sah.

Heute lohnt die Lektüre Huizingas aus mehreren Gründen: Sie ist zunächst ein Zeitzeugnis auf dem Weg der Wissensgenese des 20. Jahrhunderts. Mit „Homo Ludens“ nimmt Huizinga Gedanken von Ethnologen wie Victor Turner oder Clifford Geertz vorweg. Doch gleichermaßen war – wie ihm bewußt war – sein Denken auch kein gänzlich neues, fusste es doch auf Überlegungen, die bereits in der antiken Dramentheorie, von William Shakespeare, Friedrich Schiller (vor allem in „Über die Ästhethische Erziehung des Menschen“) und anderen bereits geäußert worden waren. Neu war lediglich die Radikalität, in der er das Spiel und die Kultur „ineinander verwoben“ sah.[5]

Aktualität gewinnt Huizinga auch vor dem Hintergrund mancher Gegenwartsdeutung. Die ausdifferenzierte Welt, in der wir leben, verbindet sich, betrachtet man sie im Hinblick auf das Spielerische: „Almost everything in postmodern culture can be described in terms of play, […].“[6] In Anlehung an den Soziologen Niklas Luhmann meint Minnema hier, dass die moderne Welt sich von einer vorwiegend hierarchischen zu einer in verschiedene Subsysteme ausdifferenzierten gewandelt habe. Täglich wechseln wir mehrfach zwischen diesen Subsystemen hin und her, kommen aus der Familie und Freundeskreisen in die Arbeitsweilt, übertreten Millieugrenzen und bedienen uns der unterschiedlichen notwendigen Sozialkapitale und Habitus, die wir benötigen, um die jeweils richtige(n) Rolle(n) zu spielen. Zygmunt Bauman greift implizit Huizinga auf, wenn er sagt: „Das Merkmal des postmodernen Erwachsenseins ist die Bereitschaft, das Spiel so rückhaltlos zu akzeptieren wie Kinder.“[7]

Nachdem von Leer 1933 wieder in Deutschland ankam, nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Reichsregierung tobte. Huizinga-Vorträge wurden von der Reichsschriftkammer wegen ihrer „deutschenfeindlichen Gesinnung“ verboten.[8] Sein Text über das mittelaterliche Burgung in der namhaften Historischen Zeitschrift befand sich zwar bereits im Druck, doch das Journal distanzierte sich von dem Kulturhistoriker. Nie wieder sollte dort ein Text von ihm erscheinen. Ab 1936 führte man seine Texte auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums.“ Zuhause in den Niederlanden waren die Stimmen zu Huizingas Akt gegen den Nationalsozialismus derweil geteilt, er erntete nicht nur Applaus. Während der Besatzung der Niederlande durch Deutschland, konnte Huizinga seine Professur noch ausüben, bis er 1942 um seine Emeritierung bat, und dann für kurze Zeit interniert wurde. Das Ende des Krieges erlebte Huizinga nicht mehr. Vor siebzig Jahren, am 1. Februar 1945, starb er.

Jöran Klatt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Krumm, Christian: Johan Huizinga, Deutschland und die Deutschen, Münster 1993, S. 23.

[2] Strupp, Christoph: Johan Huizinga. Geschichtswissenschaft als Kulturgeschichte, Göttingen 2000, S. 35.

[3] Ebd., S. 16.

[4] Ebd.. S. 27.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Minnema, Lourens: Play and (Post)Modern Culture. An Essay on Changes in the Scientific Interest in the Phenomenon of Play, in: Cultural Dynamics, H. 1/1998, S. 21-27, hier S. 21.

[7] Bauman, Zygmunt: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997, S. 161.

[8] Strupp, S. 40.


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