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Historiker in ihrem Element

Dr. Stine Marg |  29. September 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Stine Marg über ihre Eindrücke vom Historikertag in Göttingen.

Nun ist er zu Ende – der 50. Historikertag mit 3.120 angemeldeten Teilnehmern, über vierhundert Tagesgästen und noch einmal genauso vielen Referenten. In rund siebzig Sektionen wurde von der „Agonalität der politischen Kultur des antiken Roms“ bis hin zur Frage der „Wiedergutmachung vor und nach 1989“ referiert, umrahmt von einem Kultur- und Schülerprogramm, von Sonder- und Festveranstaltungen, ergänzt durch ein Doktorandenforum sowie die Mitgliederversammlungen der historischen Verbände. Alles gefasst unter dem Motto: „Gewinner und Verlierer“.

Während im Zentralen Hörsaalgebäude der Georgia-Augusta die Sektionen und Podiumsveranstaltungen mitunter bis zu 800 Zuhörer fanden, konnten auf der Verlagsausstellung mit circa 120 Vertretern im ersten und zweiten Obergeschosses des Betonbaus der Göttinger Universität beinahe alle Neuerscheinungen der letzten zwölf Monate begutachtet werden. Organisiert – und dies, so muss man anerkennen, sehr vorbildhaft – wurde der größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas von einem achtköpfigen Team junger studentischer Hilfskräfte um Benjamin Bühring. Dieses „Organisationsbüro“ bereitete die Tagung vor und richtete sie dann mit mehr als achtzig studentischen „Praktikanten“ aus. Diese packten die Historikertagstaschen, nahmen die Anmeldungen der Gäste entgegen, betreuten die Referenten, stellten Namensschilder aus, füllten Wassergläser, kontrollierten den Einlass, managten die Präsentations- und Übertragungstechnik, übernahmen die mediale Begleitung, waren schließlich als kompetente Ansprechpartner überall präsent. Allein diese Zahlen führen die Dimensionen dieses Kongresses, der mehr ein Großereignis denn eine Fachtagung gewesen ist, deutlich vor Augen.

Obwohl – wie die Organisatoren des Historikertages bereits zwei Minuten nach der Abschlussveranstaltung am Freitagabend twitterten – der Historikertag 2014 nun zu Ende und damit selbst Geschichte geworden ist, kann hier keine historische Analyse betrieben (da nicht alle Videomitschnitte angesehen, Papiere der Referenten durchgelesen, Tagungsberichte studiert wurden), sondern nur einige Impressionen wiedergegeben werden, die ich während des Besuchs einer Handvoll Sektionen gewinnen konnte.

Die Dimension dieser Tagung irritierte mich ein wenig. Ernsthafte Diskussionen, intensiver Austausch, Inspirationen für die eigene Arbeit oder kritische Reflexion war in einem solchen Rahmen nur schwer möglich. Die Kontaktpflege mit bereits bekannten „Kollegen“, das „Netzwerken“, der Modus des „Sehens- und Gesehen-Werdens“ ist sicherlich in einem solch räumlich, zeitlich und personell gedrängten Settings um ein Vielfaches einfacher. Überrascht war ich gleichfalls über den Umstand, dass es innerhalb des wissenschaftlichen Programms nicht wenige Veranstaltungen gab, in denen

a) Diskussionen mit dem (Fach-)Publikum entweder gar nicht vorgesehen waren oder

b) aufgrund der – weil sich die Referenten nicht an die jeweiligen zeitlichen Vorgaben hielten – vorangeschrittenen Zeit die Aussprachen enorm verkürzt wurden beziehungsweise

c) gar nicht möglich waren, da die referierten Themen einen zu speziellen Zuschnitt aufwiesen und

d) letztlich die Teilnehmer bestimmte Debatten nicht zu führen bereit waren, frei nach dem Motto, jeder Ansatz, jede Methode, jeder Zugriff habe seine Berechtigung, seine Vor- und Nachteile.

Spezialisierung und Differenzierung sind innerhalb der Geschichtswissenschaft sicherlich keine neuen Phänomene. Was mir jedoch oftmals bei der kleinteiligen Debatte fehlte, war ein Herauszoomen und In-Verbindung-Setzen mit allgemeineren Fragen und Problemen, eine gewisse „Anschlussfähigkeit“, wie man es offenbar nicht mehr auf dem Historikertag, aber wohl in einem wissenschaftlichen Kolloquium sagen würde.

Überraschend ist, dass ausgerechnet die Sektion über die These des deutschen Sonderwegs, anlässlich des Todes von Hans-Ulrich Wehler ins Programm genommen, offenbar noch die kontroverseste Debatte auslöste. Nun mag die eine oder andere Spezialforschung in den letzten Jahren hier noch dieses oder jenes Argument unterfüttert oder ausgehöhlt haben. Jedoch ist die Verhandlung über den Sonderweg im Grunde bereits geführt, sind hier die Schlachten schon geschlagen, die Argumente ausgetauscht worden.

Neue Kontroversen, mithin eine junge Generation von Wissenschaftlern, die nachdrücklich und systematisch die herrschenden Paradigmen oder dominanten Methoden und Zugriffe kritisiert, war nicht erkennbar. So musste erst einer der (herausragenderen) Vortragenden, Lutz Raphael, den „Stallgeruch des neoliberalen Paradigmas“, welches er von dem Motto des Historikertages ausgehen sieht, kritisieren; so erschöpften sich die Debatten zur Digitalisierung oftmals in der Frage nach der Publikationsstrategie.

Somit spiegelte der Historikertag eher die aktuellen bis älteren Trends der Zunft wider und war weniger eine Veranstaltung, auf der das, was in der Geschichtswissenschaft kommen mag, sichtbar werden kann. Die Historiker blieben also ganz in ihrem Element.

Dr. Stine Marg ist Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschug.


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