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Heute Cannabis, morgen Soma?

Christopher Schmitz |  21. August 2014 |   |  Drucken

[analysiert]: Christopher Schmitz kommentiert die Debatte um die Legalisierung von Cannabis.

Die Feuilletons und Kommentarspalten diverser Medien[1] waren im Frühjahr 2014 gefüllt mit Diskussionen über die Legalisierung von Cannabis. Von der Berichterstattung über die vom Kölner Verwaltungsgericht erteilten Ausnahmegenehmigungen beim Anbau für austherapierte Schmerzpatienten einmal abgesehen, positionieren sich die meisten Beiträge in der Frage, ob der Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis in Deutschland erlaubt werden sollte, auf einer Linie. Argumentiert wird vornehmlich aus der Perspektive der Nützlichkeit, die Kosten-Nutzen-Rechnung ist das Gebot der Stunde: Weniger Geld für die Strafverfolgung ermögliche mehr Mittel für die Prävention, weniger Umsätze für den Schwarzmarkt bedeuteten mehr Steuergelder für den Staat.

So lässt sich die Argumentation einer Resolution des Schildower Kreises knapp zusammenfassen, die auch die Einrichtung einer Enquete-Kommission fordert, um die Legalisierung zu diskutieren. Die Gegenreden halten sich in Grenzen, auch hier wird mit den Kosten argumentiert. Bei einer Legalisierungsrechnung müssten auch weitere potentielle Kosten für das Gesundheitssystem in Betracht gezogen werden, meint die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Das Argument, eine Legalisierung helfe bei der Eindämmung des Drogenkrieges, wird in diesem Zusammenhang nicht diskutiert. Daneben steht die generelle Frage, ob eine Legalisierung des Konsums (und eventuell auch des Anbau) von Marihuana und Cannabis in Deutschland die kriminellen oder menschenunwürdigen Produktionsbedingungen in den bisherigen Hauptproduktionsorten wirksam zu unterbinden vermag.

Nun zeugt der Umstand, dass sich die Auseinandersetzung vornehmlich auf eine Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen konzentriert, von einer gewissen Engführung in der Debatte. Wenn ein Verbot höhere Kosten als eine Legalisierung mit sich brächte, dann gehöre es abgeschafft – vor allem, wenn es die allgemeine Entfaltung der Persönlichkeit behindere. So weit, so einfach. Nun ließe sich diese Hierarchisierung der Argumente – erst die Kosten-Nutzen-Rechnung, dann die demokratischen Persönlichkeitsrechte – durchaus überspitzen: Der Rausch ist gut, wenn er effizient ist. Dadurch, dass die Debatte selbst überwiegend unter dem Vorzeichen des Effizienzkriteriums geführt wird, sich völlig in der Gegenüberstellung von Kosten und Vorteilen ergeht, verliert sie aber die Besonderheiten in Bezug auf Verwendung von Rauschmitteln jenseits dieser Fokussierung aus dem Blick.

Zur Illustration ein Szenenwechsel: Es ist das Jahr 632 nach Ford.[2] Die Menschen sind in Kasten eingeteilt. Von Epsilon Minus bis Alpha Plus werden die Menschen von Geburt an darauf konditioniert, dass die Kaste, die Arbeit und der Konsum alles sind. Der Kapitalismus ist ihre Religion, das T (nach dem „Model T“ von Ford) ihr Symbol und Signum. Es ist die Brave New World Aldous Huxleys. Im endlosen Kreislauf von Arbeit, Konsum und Hedonismus spielt „Soma“ die Schlüsselrolle. Der nächste Urlaubstrip, das Aphrodisiakum für das nächste Tête-à-Tête, das palliativmedizinische Präparat erster Wahl – Soma ist Alles. Soma ist die schöne neue Welt. Nebenwirkungen: keine. Huxley zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die auf Funktion und Konsum basiert. In gewisser Weise handelt es sich um eine perfekte Gesellschaft: Krankheiten gehören der Vergangenheit an; alle haben Arbeit, alle sind glücklich und zufrieden, machen regelmäßig Sport und sexuelle Frustration kommt auch nicht auf. Soma sei Dank!

Indes: Es ist eine totalitäre, eine gelenkte Gesellschaft. Einem Leviathan gleich thront der Kapitalismus über allem, hat selbst noch die kleinste Pore der Gesellschaft durchdrungen – der Preis für die Beseitigung der Unzufriedenheit war allerdings die Verdrängung jeder utopischen, demokratischen und politischen Energie. Nach acht, zehn oder zwölf Stunden Arbeit wird der Mensch mit der perfekten Droge wieder geerdet und erneut auf Spur gebracht. Im Soma-Rausch verlieren sich Erschöpfung und Ermattung, Müdigkeit verfliegt. Unzufriedenheit – jedenfalls solche, gegen die es nichts zu kaufen gibt – kommt nicht auf. Gerade weil in dieser schönen neuen Welt Krankheiten und körperliche Gebrechen faktisch der Vergangenheit angehören, ist Soma das Sinnbild schlechthin für die Funktionsweise eines Psychopharmakons.

Huxleys Soma ist die literarische Vollendung jenes Traums von der perfekten Droge, bei der die Unterscheidung zwischen Droge und Medikament obsolet wird. Ohne Nebenwirkungen, Abhängigkeiten oder Toxizität bedarf es keiner Diagnose, keiner gesonderten Dosierung mehr zu ihrer Anwendung. Die Grenze zwischen schwerer Krankheit und leichtem Unbehagen verschwindet. Die Menschen der schönen neuen Welt sind die – wie Alain Ehrenberg sie in seiner Kulturgeschichte der Depression im 20. Jahrhundert genannt hat – Realisierung von albtraumhaften „Pharmakomenschen“. Es geht nicht mehr um die Heilung des Individuums. Es geht um seine Betreuung und Transformation[3], um die Aufrechterhaltung seiner Funktions- und Leistungsfähigkeit, die Verdrängung von Unzufriedenheit. An dieser Stelle trifft der utopische Moment dieser schönen neuen Welt, der Glaube an die pharmakologische Herstellbarkeit von Glück und Zufriedenheit, auf die Zustände der Gegenwart, in der Ritalin und Cannabis gleichermaßen salonfähiger geworden sind.

Jenseits der Huxleyschen Utopie macht Ehrenbergs dies mit seiner kulturgeschichtlichen Rekonstruktion deutlich: Die Depression im 20. Jahrhundert ist Resultat, mehr noch: die Versinnbildlichung von Individualisierungsprozessen. Depression ist demzufolge die Abwehrhaltung eines Individuums gegenüber einer Kultur, die die Begriffe Projekt, Motivation und Kommunikation – Grundelemente des neoliberalen Leistungsethos – quasi fetischisiert hat. Demnach wird der Mensch depressiv, „weil er die Illusion ertragen muss, dass ihm alles möglich ist“[4]. Statt als Freiheitsgewinn empfunden zu werden, gerät die moderne Optionsfülle zur Bürde; denn sie entfaltet sich vor dem Hintergrund einer stillschweigenden Erwartung, stets effizient genutzt zu werden – und Psychopharmaka sind ein Mittel, die Lasten dieser Bürde zu lindern, ohne an ihren Ursachen zu rühren. „Ein künstlich hergestelltes Wohlbefinden übernimmt allmählich die Stelle der Heilung. […] Entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft der bequemen Abhängigkeit, in der jeder täglich seine psychopharmazeutische Pille nimmt?“[5]

Eine Diskussion über die Legalisierung von Psychopharmaka wie Cannabis, die von vornherein und vornehmlich auf der Ebene der Effizienz geführt wird, bettet sich so bruchlos in den Diskurs einer Banalisierung psychotroper Substanzen ein und ignoriert die Mahnung der schönen neuen Welt, in der jeder utopische Moment im Soma-Rausch stirbt. Sehnsüchte nach Veränderung, die den Kern und Wesensgehalt des Politischen ausmachen, weichen einer bloßen Verwaltung des Bestehenden. Denn „Utopien werden geboren“, wie Slavoj Žižek sagt, „wenn man tief in der Scheiße sitzt und einem nichts anderes übrig bleibt.“[6]

Christopher Schmitz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung

[1] Vgl. Knipper, Til: Konjunkturmotor Marihuana, online einsehbar unter http://www.cicero.de/kapital/dope-rausch-konjunkturmotor-marihuana/56913 [eingesehen am 28. Mai 2014]; Langer, Annette: Cannabis-Konsum in Deutschland: Strafrechtler wollen Drogen-Gesetze reformieren, online einsehbar unter http://www.spiegel.de/panorama/justiz/legalisierung-von-cannabis-strafrechtler-wollen-drogen-gesetzgebung-reformieren-a-963054.html [eingesehen am 28. Mai 2014]; Rövekamp, Marie: Berlin experimentiert mit Drogen, online einsehbar unter http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/cannabis-womoeglich-legal-berlin-experimentiert-mit-drogen/9653926.html [eingesehen am 28. Mai 2014].

[2] Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, Frankfurt am Main, 2009.

[3] Vgl. Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Frankfurt am Main 2008, S. 253 ff.

[4] Ebd., S. 305.

[5] Ebd., S. 16.

[6] Žižek, Slavoj: Utopien werden in tiefer Scheiße geboren, in: Horvat, Srećko (Hrsg.): Nach dem Ende der Geschichte: Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung. Gespräche mit Slavoj Žižek, Francis Fukuyama, Terry Eagleton, Gayatri Spivak, Michael Hardt, Séphane Hessel, Amos Oz, Zygmunt Bauman und anderen, Hamburg 2013, S. 233–252, hier S. 248.

 


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