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Helmut Schmidt: Reden und leiden in Bonn

Robert Lorenz |  12. November 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz über die Grundlagen der politischen Karriere von Helmut Schmidt

Die gegenwärtige Politikelite wird häufig als schwächer, blasser, jedenfalls grundlegend anders als die frühere empfunden. Dabei wird ein Name immer wieder als Kontrastfolie herangezogen: Helmut Schmidt. Der ehemalige Kanzler steht für den Typus des entschlossenen, überzeugungsstarken, prinzipienfesten, zudem kernigen Politikers. Aber was machte den Politikstil und Politiker Helmut Schmidt eigentlich genau aus und welche Eigenschaften waren für seine politische Karriere von Belang?

Schon in den 1960er und frühen 1970er Jahre ließen sich die Hauptstadtkommentatoren zu beinahe schwärmerischen Schilderungen der Redekunst eines Kurt Georg Kiesinger, Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt hinreißen. Die Auftritte des Letzteren im Bundestagsplenum schienen mehr einem Schauspiel als einem pflichtgemäßen Redebeitrag zu gleichen. Seine Rhetorik brachte Schmidt die respektbezeugenden Beinamen „The Lip“, „Le Feldwebel“ oder „Schmidt Schnauze“ ein. Noch bevor Schmidt im Mai 1974 Kanzler wurde, firmierte er im politischen Bonn überdies als außerordentlich belesener, sachkundiger, wenn nicht gar weiser Politiker, der sich vortrefflich auf das Regierungshandwerk verstehe. Über welchen aktiven Politiker könnte man das heute lesen?

Der exzellente Rhetor Schmidt kam freilich nicht von ungefähr. Schon als junger Erwachsener musste er sich mit seiner nationalistisch gefärbten, patriotischen Gesinnung, zumal als Offizier der Wehrmacht, in Diskussionen mit pazifistisch-internationalistisch gesinnten Freunden behaupten. Später dann, im Bundestagsplenum, wuchs Schmidt in die Rolle desjenigen, der die starken Redner aus den Reihen der Union, v.a. Rainer Barzel und Franz Josef Strauß, parieren sollte. Der ständige rhetorische Behauptungskampf, der mit Worten ausgetragene Konflikt, verlangte ihm also viel Redekunst ab und schulte seine Fähigkeiten. Solch konflikterprobte Persönlichkeiten finden sich inzwischen kaum noch, und so kann auch niemand an ihnen wachsen.

Aber auch mit seinen Kenntnissen in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen stach Schmidt schon zu seiner Amtszeit aus der Riege der deutschen Bundeskanzler heraus – weder Adenauer noch Brandt hätten mit seinem ökonomischen Wissen mithalten können. Wissensdefizite in Fachfragen sind unter Spitzenpolitikern allerdings völlig normal. Vielmehr kommt es in der Politik darauf an, trotz oftmals widersprüchlichen Expertenrats innerhalb kurzer Zeit eine Entscheidung treffen zu können – unter Heranziehung des Wissens anderer, ergänzt jedoch um das eigene Urteilsvermögen. Hier war Schmidt also eher schon Sachverständiger als Politiker, ein Exot. Trotzdem war sein Öffentlichkeitsbild starken Schwankungen ausgesetzt. Dem damaligen Bundesfinanzminister Helmut Schmidt sagte man in den frühen 1970er Jahren zunächst nach, dass er mit seiner Sturheit die Inflation anheize; wenig später galt derselbe Schmidt dann als der Politiker, der die Republik als „Eiserner Schatzkanzler“ vor dem Ruin bewahrt habe.

Schmidts Bild in der Öffentlichkeit verschlechterte sich jedoch zusehends und war relativ bald denkbar weit von dem der späteren Nach-Kanzler-Jahre entfernt. Dass die Wähler kaum mehr Unterschiede zum politischen Gegner, den Unionsparteien, wahrnähmen, ist keine aktuelle Diagnose, sondern entstammt Schmidts Zeit in der Regierungszentrale, in der er als „Kanzler der Allparteien-Union“[1] firmierte. In jenen Jahren waren Ansehen und Autorität des Kanzlers Schmidt niedrig veranschlagt, seine Regierung machte nach schier unzähligen Kabinettspannen und vermeintlichen Inkompetenzen einen ramponierten Eindruck – ein vorzeitiges Ende des knappen Wahlsiegers von 1976 schien bevorzustehen. In Kommentaren zeitgenössischer Meinungsführer wie etwa des Spiegel-Chefs Rudolf Augstein manifestierte sich mit Blick auf Schmidt jene Semantik des Scheiterns, die Politiker umgibt, wenn diese keiner langen Amtszeit mehr entgegensehen: Augstein schrieb vom „miserablen Einstand“ Schmidts zur zweiten Amtszeit, vom „schweren Verlust an Glaubwürdigkeit“ des Kanzlers, der vom „Glück verlassen […] immer tiefer in die Malaise“ rutsche und „[u]nvorbereitet und hilflos stolperte“.[2] Und mehr als fünf Jahre, bevor die Regierung Schmidt dann tatsächlich abgelöst wurde, hatte das Verhältnis von Schmidt zur SPD als distanziert gegolten.

Daran zeigt sich jedoch eine Eigenschaft Helmut Schmidts, die typisch ist für viele Spitzenpolitiker seiner Zeit und die der heutigen Politikelite, deren Vertreter im Angesicht von Widerständen nicht selten zurücktreten oder nach Niederlagen gar der Politik vollständig den Rücken kehren, vielleicht stärker abgeht als manch andere: die Fähigkeit zum Durchhalten, ja zum Leiden. Im Unterschied zu ihren Vorgängern aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren fehlen heute Politikern, die schnell, ja blitzartig aufsteigen, die Bewährungsproben. Mit zunehmender Häufigkeit gelangen ranghohe Amtsträger wie etwa Philipp Rösler, der FPD-Parteivorsitzende der Jahre 2011 bis 2013, in Spitzenämter, auf deren Widrigkeiten sie nur unzureichend vorbereitet sind. Andere wiederum, wie etwa der schleswig-holsteinische Grüne Robert Habeck, greifen nicht zu, wenn ihnen Machtpositionen in Aussicht gestellt werden, weil sie – nicht zu Unrecht – die gesundheitlichen Strapazen sehen oder sich – verständlicherweise – nicht von ihrer Familie entfremden wollen.

Leidensfähigkeit und das damit verbundene Durchhaltevermögen, auch Rücksichtslosigkeit gegen sich und andere, sind Eigenschaften, die der heutigen Politikelite zwar nicht völlig fehlen, aber wohl nicht mehr so drastisch ausgeprägt sind wie noch zu früheren Zeiten der Bundesrepublik – die aber den Kern derer ausmachten, die heute als Kontrastfiguren gelten. Am Beispiel des verstorbenen Altkanzlers lässt sich dies veranschaulichen: Mehrfach bewies Helmut Schmidt die Bereitschaft, seinen Amtspflichten über den körperlichen Verfall hinaus nachzukommen. Zu sagen, er hätte wegen seiner politischen Arbeit nicht mehr genug Zeit für Freunde, Familie und Hobbys, wäre ihm – wie wohl auch Helmut Kohl – niemals in den Sinn gekommen. Schmidt, der an einem einzigen Tag bis zu achtzig Zigaretten verqualmen konnte, war bereit, für seine Amtsausübung seine Gesundheit zu ruinieren. Als Verteidigungsminister musste er 1972 in ein Lazarett eingeliefert werden. Sein Körper zeigte sichtbare Zeichen schwerer Krankheit: Er hatte stark abgenommen, eingefallene Wangen und tiefe Augenhöhlen. In den Zeitungen kursierten Gerüchte über ständige Schwächeanfälle, Typhus, sogar Krebs. Die Ursache erwies sich zwar „nur“ als eine Fehlfunktion der Schilddrüse – doch Ruhe gönnte sich Schmidt keine: Beamte und Offiziere bestellte er zum Rapport nun eben an sein Krankenbett.

Auch Schmidts Urlaube dürften selten entspannend gewesen sein. Ein Beispiel hierfür ist Schmidts Ägypten-Trip Ende 1977. Aufgrund des Inszenierungsvorhabens seines Gastgebers, der damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen und einer Reihe von Politikertreffen geriet diese Reise zur Tortur. Inmitten von maschinenpistolenbewehrten Sicherheitsleuten und frenetischer Zuschauermengen besichtigte Schmidt antike Relikte. Den Nil befuhr er mit einer Barkasse voller Bodyguards, begleitet von Froschmännern und Scharfschützen, die ihn an eine ständige Todesgefahr gemahnten. Außerdem musste er den britischen Ex-Premier Edward Heath und den US-Präsidenten Jimmy Carter treffen, die ebenfalls dort weilten. An Erholung war jedenfalls kaum zu denken, der Kanzler-Tross reiste strapaziert nach Bonn zurück.

Eine andere Form des stummen Leidens zeigte Schmidt in der legendären SPD-Troika aus Willy Brandt, Herbert Wehner und eben Schmidt. Schon zu Zeiten von Brandts Kanzlerschaft war die Stimmung angespannt. Wehner raunte über die „Nummer Eins“: „Der Kanzler badet gern lau – so in einem Schaumbad.“[3] Brandt reagierte auf diesen Hohn mit machtspielerischen Einfällen, setzte etwa im Kanzler-Bungalow Walter Scheel auf Wehners Stammplatz, woraufhin dieser an eine entlegene Tischecke ausweichen musste. Und Schmidt dürfte sich im Hinblick auf Brandt, dem er als Minister unterstand, wohl als der qualifiziertere Bundeskanzler gesehen haben. Aber: Keiner aus der Troika scherte aus dieser masochistischen Konstellation aus, indem er kurzerhand die einfachste Lösung ergriff und zurücktrat. Das Dreiergespann machte stattdessen einfach weiter – Wehner behauptete sich als Machtstratege der SPD, Brandt avancierte zum später geradezu ikonischen Dauervorsitzenden und Schmidt zum Kanzler.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: die frühe Konfrontation mit drastischen Geschehnissen. In dem Alter, in dem der jetzige SPD-Chef Sigmar Gabriel im beschaulichen Göttingen auf das Lehramt für Gymnasien studierte oder die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner für den Südwestdeutschen Rundfunk in der Abteilung Landeskultur arbeitete, schoss der 26-jährige Helmut Schmidt in den Rückzugsgefechten der gescheiterten Ardennenoffensive im Januar 1945 mit seiner Flak-Batterie auf alliierte Jagdbomber. An der Ostfront hatte er zuvor in klirrender Kälte Orte passiert, die in Flammen standen und in denen die Straßen von verbrannten menschlichen Kadavern gesäumt waren. Auch musste er verwundete Kameraden verarzten, die unter Schmerzen schrille Schreie ausstießen.

Einige der heutigen Spitzenpolitiker weisen zudem eine geringere Verweildauer auf den einzelnen Etappen ihrer Karriere auf als frühere à la Schmidt. Auf die Bürden und Unannehmlichkeiten ihrer Ämter waren Letztere gut vorbereitet. Schmidts langsamer Aufstieg ließ ihn viele Herausforderungen bestehen. Politiker benötigen Handlungs- und Raumwissen, detaillierte Kenntnisse über die Chancen und Tücken ihres Wirkungsbereichs, sie müssen lernen, auf der Grundlage unvollständigen Wissens Entscheidungen zu treffen; noch der profundeste Sachverstand ersetzt nicht die langjährige Erfahrung.

Schmidt, auch Kohl und Strauß waren leidgeprüfte Politjunkies, die wussten, was sie erwartete. Doch glorifizieren muss man diese Politgeneration nicht: Ihre Protagonisten hatten sukzessive gelernt, auf Freizeit zu verzichten, die Familie zu kurz kommen zu lassen, Krankheiten am Schreibtisch auszukurieren. Aber in Sachen hartnäckiger politischer Führung und Karriere lässt sich von Charakteren wie Helmut Schmidt dennoch viel lernen.

Dr. Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zusammen mit Matthias Micus hat er das Buch „Von Beruf Politiker“ veröffentlicht.

[1] O.V.: „Schmidt erlebt die Macht des Kismet“, in: Der Spiegel, 28.03.1977.

[2] Ebd.

[3] Wehner zitiert nach o.V.: „Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf“, in: Der Spiegel, 08.10.1973.


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