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Hannah Arendt: Wenn das „Ganze“ überhaupt in Frage zu stellen ist

Julia Kiegeland & Marika Przybilla |  4. Dezember 2015 |   |  Drucken

[kommentiert]: Julia Kiegeland und Marika Przybilla zum 40. Todestag von Hannah Arendt

Immer öfter ist das Konterfei dieser elegant rauchenden Person auf Büchern oder Titelseiten von Zeitschriften zu sehen, immer öfter werden ihre Schriften und Aussagen zitiert und herangezogen, immer öfter schmückt ihr Name universitäre Vorlesungsverzeichnisse und immer mehr Menschen ist besagte Person ein Begriff. Wer hier nun an Helmut Schmidt denkt, dem sei dies nicht zu verübeln; aber dennoch liegt er falsch. Heute gedenken wir einer der scharfsinnigsten und komplexesten Denkerinnen Deutschlands: Hannah Arendt. Ihr 40. Todestag soll hier Anlass geben zu einem kurzen Einblick in ihr Denken.

Hannah Arendt ist und bleibt en vogue. Ihre Person und ihre Gedanken faszinieren heute sogar mehr denn je. Denn Arendts thematische Schwerpunkte stehen in engem Bezug zu ihrer Biografie und ihrem eindrucksvollen persönlichen Werdegang: Als Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland, als Emigrantin und zeitweise sogar als Deportierte widmet sie sich in ihrem Denken den Diskussionen ihrer Zeit. Zahlreiche ihrer Ideen – etwa die Forderung nach einer jüdischen Armee („Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen.“[1]) oder die Behauptung von einer Mitschuld der Judenräte am Holocaust[2] – waren unkonventionell und riefen in ihrer und in der heutigen Zeit vehemente Kritik hervor; Freunde und Verbündete nicht ausgenommen. Hinzukommt, dass Arendts Gedanken, Fragen und Antworten viele Probleme und offene Themen der Gegenwart berühren und dabei Diskussionen anregen.

Arendts Antworten zur ewig „alten Frage“: „Was ist Politik?“[3], erfahren keineswegs gemeingültige Akzeptanz. Arendt versteht Politik als agonal. Dieser Zustand führe dazu, dass der stetige Wettstreit von Interessen die wesentliche Pluralität der Perspektiven erzeuge.[4] An Arendts Gedanken wird sich immer noch gestoßen, sie ecken vielerorts unangenehm an, sind umstritten und dabei allerdings ebenso inspirierend wie herausfordernd. Etwa wenn sie fordert, dass „das Private“ nicht in die Politik gehöre und die Sphäre des Privaten nicht durch die Öffentlichkeit bestimmt werden dürfe;[5] oder dass ein politisches Repräsentativ-System im Sinne der Freiheit abzulehnen sei und das Politische nur zwischen den Menschen entstehen könne, im Kontext ihres eigenen Handelns und des geführten Dialogs.[6] Arendts Kritik am Prinzip der repräsentativen Demokratie berührt insbesondere Fragen und Probleme unserer Gegenwart und scheint auch nicht an Aktualität zu verlieren.

Diese Gedankengänge, so anfechtbar und unpopulär sie auf den ersten Blick auch anmuten können, sind an den damaligen historischen Kontext gekoppelt. Arendt ver- und bearbeitet den Totalitarismus als ein von ihr persönlich als besonders unheilvoll erlebtes Phänomen. Die Vermassung der Gesellschaft, Bürokratie als „Niemandsherrschaft“[7] und der kollektive Rückzug in die Sphäre des Privaten stellen für sie potenzielle Faktoren der Herausbildung eines totalitären Systems dar. Dies alles summiert sich zu einem düsteren Nährboden für Arendts umstrittene Aussagen.

„Ein merkliches Abnehmen des gesunden Menschenverstandes und ein merkliches Zunehmen von Aberglauben und Leichtgläubigkeit deuten daher immer darauf hin, daß die Gemeinsamkeit der Welt […] abbröckelt […] und daß daher die Menschen sich der Welt entfremden und begonnen haben, sich auf ihre Subjektivität zurückzuziehen.“[8]

Hierin lauere Arendt zufolge eine Gefahr, sowohl für den einzelnen als auch für die Gemeinschaft. Denn wenn das miteinander Gesprochene nicht in die Öffentlichkeit hinausgetragen und von anderen dort wahrgenommen und als existent bestätigt werde, vermöchte eben dieses Gesprochene den Sinn zu verlieren und in der Subjektivität zu verharren.[9] Dies impliziere indes, dass der gemeinschaftliche Raum, die durch Sprache gemeinsam hergestellte Welt, dauerhaft zu verdunkeln drohe, sodass der einzelne Mensch in die Bedeutungslosigkeit abrutsche. Insofern ist für Arendt der Austausch unterschiedlicher Perspektiven unverzichtbar für den gemeinschaftlichen und öffentlichen Raum.

Wer Arendt nun aber als pessimistisch und schicksalsergeben wahrnimmt, dem sei entgegnet: Die passionierte Raucherin steht für die Liebe zu der Welt, sie setzt auf den Menschen, als handelndes Wesen. Sie appelliert stets an den menschlichen Mut und an die natürliche Begabung, Neuanfänge zu setzen. Der Mensch ist bei Arendt kein zoon politikon wie bei Aristoteles, sondern erst sein Handeln und Sprechen im Miteinander geben ihm die Möglichkeit, einen politischen Raum entstehen zu lassen.[10] Und nur in diesem sei Freiheit als solche denkbar; denn überall dort, wo Menschen zusammenträfen, stecke das Potenzial für diesen Raum, in dem der Mensch handele und kommuniziere.

Arendts Verständnis von Freiheit innerhalb einer Gemeinschaft, deren Menschen ihre Pluralität und ihre Einzigartigkeit ausleben und dennoch einem genuinen Gemeinsinn folgen, bietet einen ebenso lohnenswerten wie spannenden theoretischen Blickwinkel. In diesem Kontext tragen Arendts Bürger eine intensive und normativ aufgeladene Verantwortung für die von ihnen gemeinsam konstituierte Welt. So verweist Arendt auf den amor mundi: eine Liebe zur Welt, die sich durch die Bejahung von Pluralität und die Sorge um die Welt in dem gemeinsamen Handeln in ihr ausdrücke. So stellt Arendt fest, dass „im Mittelpunkt der Politik […] immer die Sorge um die Welt [steht] und nicht um die Menschen“[11]. Hiervon ausgehend lässt sich die Bedeutung des einzelnen innerhalb der Gemeinschaft, aber eben auch innerhalb der Demokratie und somit des öffentlichen politischen Raums, nicht genügend hervorheben.

Die Demokratie als Regierungsform kommt Arendts Gedanken und Ideal des freien Menschen dabei sehr entgegen. Allerdings, wie zu Beginn bereits erwähnt, betrachtet sie Parteiungen als Hindernis für die Demokratie und die gelebte Freiheit der Bürger. Das Prinzip der Repräsentation minimiere den unmittelbaren Kontakt und Austausch zwischen Bürgern und Politikern. Die politischen Repräsentanten stehen zumeist für Parteien, die gebündelte materielle Interessen sozialer Gruppen vertreten. Dies ist nicht mit Arendts Ideal einer partizipierenden und urteilskräftigen Bürgerschaft – und somit wiederum des Einzelnen – zu vereinbaren.[12] Arendt selbst befand sich im ständigen Dialog, auch unter schwierigsten Bedingungen, wie dem Leben im Exil. Sie publizierte, referierte und entsprach somit ihren eigenen Idealen. Sie war Teil des öffentlich geteilten Raumes und formte so die gemeinsam konstituierte Welt mit. Selbst noch jetzt, vierzig Jahre nach ihrem Tod, stoßen ihre Gedanken und Überlegungen immer wieder neue Dialoge an.

So bewegend ihre Biografie gewesen sein mag, so expressiv sind eben diese Überlegungen, die sie im Laufe ihres Lebens gewonnen hat. Die Neo-Aristotelikerin und politische Philosophin Hannah Arendt rückt stets den Menschen und sein Handeln in den Fokus ihrer Arbeiten – und dies unter einem ganz besonderen Blickwinkel. So lässt sich abschließend nur Ernest Gellner zustimmend zitieren:

„Wenn Hannah Arendt nicht existiert hätte, man hätte sie erfinden müssen. Ihr Leben ist nicht nur eine Parabel unseres Zeitalters, sondern mehrerer Jahrhunderte europäischen Denkens und Handelns.“[13]

Julia Kiegeland ist studentische, Marika Przybilla wissenschaftliche Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Siehe Transkript des Interviews Arendt–Gaus, 1964, URL: https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw [eingesehen am 03.12.2015].

[2] Vgl. Benhabib, Seyla: Der Traum von einem anderen Europa, in: Berliner Zeitung, 03.12.1997, URL: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/hannah-arendts-kritik-an-den-judenraeten-waehrend-der-ns-zeit-war-vom-standpunkt-eines-utopischen-sozialismus-gepraegt-der-traum-von-einem-anderen-europa,10810590,9370372.html [eingesehen am 02.12.2015].

[3] Siehe Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, München/Zürich 1993, S. 35.

[4] Vgl. Marchart, Oliver: Das Agonale, in: Heuer, Wolfgang/Heiter, Bernd/Rosenmüller, Stefanie (Hrsg.): Arendt Handbuch. Leben–Werk–Wirkung, Stuttgart 2011, S. 263.

[5] Vgl. Schües, Christina: Leben als Geborene – Handeln in Beziehungen, in: Conradi, Elisabeth/Plonz, Sabine (Hrsg.): Tätiges Leben. Pluralität und Arbeit im politischen Denken Hannah Arendts, Bochum 2000, S. 78.

[6] Vgl. Arendt 1993, S. 11.

[7] Vgl. Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München/Zürich 1970, S. 39.

[8] Arendt, Hannah: Vita Activa oder vom tätigen Leben, Stuttgart 1958, S. 203.

[9] Vgl. Bohnet/Stadler (Hrsg.) 2006, S. 62.

[10] Vgl. ebd., S. 18.

[11] Arendt 1993, S. 24.

[12] Siehe Becker, Michael: Die Eigensinnigkeit des Politischen. Hannah Arendt über Macht und Gesellschaft, in: Imbusch, Peter (Hrsg.): Macht und Herrschaft, Wiesbaden 1998, S. 172.

[13] Gellner, Ernest: From Königsberg to Manhattan (or Hannah, Rahel, Martin and Elfride or Thy Neighbours Gemeinschaft), in: ders.: Culture, Identity, and Politics, London/New York 1987, S. 75.


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