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Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark

Christopher Schmitz |  7. Dezember 2012 |   |  Drucken

[kommentiert]: Christopher Schmitz über Demokratie im Star-Trek-Universum und ihre Betrachtung in der Politikwissenschaft Fraenkels.

Der Debatte um politische Theorie und eine Krisendiagnose der Demokratie kann man sich auf ganz verschiedenen Wegen nähern. Lösungsansätze, Antworten, aber auch Ausweglosigkeiten und in Vergessenheit geratene Beiträge können an den unterschiedlichsten Stellen gesucht und schließlich auch gefunden werden. Zum Beispiel im Star-Trek-Universum: Alles begann in den 1960er Jahren mit den fiktiven Abenteuern von Captain Kirk, Mr. Spock und Dr. McCoy in The Original Series (TOS).

Vom Schöpfer Gene Roddenberry als eine Art „wagon train to the stars“[1] umschrieben, eine Art Wilder Westen im Weltall, ging es darin um die Reisen der „Enterprise“ an entlegene Orte. Das Raumschiff mitsamt seiner Besatzung reiste zu Forschungszwecken durch den Kosmos, im Auftrag der Sternenflotte, dem hierarchisch organisierten Exekutivorgan der sogenannten Vereinigten Föderation der Planeten, einem Verbund aus dutzenden Völkern und hunderten Welten. Dabei zeichnete sich Star Trek von Anfang an durch eine gewisse Gegenwartsanalyse und Gesellschaftskritik aus. „Das Star Trek-Universum reflektiert als imaginärer Hohlspiegel kontinuierlich gesellschaftliche Realitäten im Spätkapitalismus.“[2] Im Laufe der Zeit gesellten sich zu TOS bislang fünf weitere Serien (darunter eine Zeichentrickserie) sowie elf Kinofilme hinzu – die zahlreichen Videospiel- und Roman-Adaptionen an dieser Stelle einmal außen vor gelassen. Obwohl ursprüngliche Charakteristika der TOS im Laufe der Zeit in den Hintergrund rückten und umgedeutet oder gar aufgebrochen wurden, ist die grundlegende Eigenschaft des Hohlspiegels erhalten geblieben und wurde mit der Zeit wohl sogar verschärft.

Die gesellschaftliche Realität des Spätkapitalismus umfasst, zumindest in unserem heutigen Selbstverständnis – auch das Befinden und den Zustand der Demokratie. Grund genug also, Star Trek auch einmal auf politiktheoretische Elemente abzusuchen und zu fragen, wo uns Star Trek den demokratietheoretischen Spiegel vorhalten könnte.

Dieser findet sich vermutlich am deutlichsten in der zweiten Serie The Next Generation (TNG). Die Geschichten um die Crew von Captain Picard nehmen dabei zwischen der ungebrochen optimistischen Utopie der TOS und der endgültig dem Unbestimmten, der Postmoderne Rechnung tragenden Serie Deep Space Nine (DS9)[3] eine Art Stellung in der Mitte ein. Diese drückt sich darin aus, dass die moralische Bestimmtheit, mit der Episoden der TOS zu enden pflegten, mehr und mehr durch Momente der Aporie und des Widerspruchs in TNG ersetzt wurden, die sich im Verlauf von DS9 schließlich weiter entfalteten.

Zentral für Picards Handeln ist dabei stets die sogenannte „Oberste Direktive“. Diese regelt den Umgang von Sternenflotten-Offizieren mit anderen Völkern und Kulturen. Das zugrunde liegende Prinzip ist hierbei die Nichteinmischung gegenüber weniger entwickelten Völkern, um deren natürliche Entwicklung nicht zu beeinträchtigen, während sie gegenüber ähnlich weit entwickelten Zivilisationen dazu dient, deren Souveränität und Eigenständigkeit nicht durch unberechtigte Intervention zu unterlaufen. Die oberste Direktive ist also die institutionell verankerte Toleranz gegenüber fremden Völkern und Spezies, ihren Kulturen, Werten, Normen, Traditionen, Lebensweisen und religiösen Gewohnheiten. All diese Punkte finden sich ebenfalls in den Grundwerten von Star Trek, wie sie von Torsten Dewi aufgelistet werden,[4] wieder.

Das überzeugende Spiel des passionierten Shakespeare-Darstellers Patrick Stewart und dessen Interpretation der Rolle Picards als die eines aufgeklärten Intellektuellen atmet förmlich den Geist der Aporie. So drücken die Handlungen seiner Figur den Respekt vor dem Anderen und Fremden aus und vermitteln die Bereitschaft, das Unverständliche, das Widersprüchliche im Namen des Ideals zu ertragen. Ohne die Darstellung von diesem tiefen und aufrichtigen Respekt vor der Obersten Direktive und der ihr zugrunde liegenden Ideale – gerade wegen der Aporien, die sie aufwirft – wäre die Botschaft wahrscheinlich nur halb so überzeugend.

Nun ist die Oberste Direktive mehr als nur ein Regelwerk für den Umgang mit Völkern und Kulturen, die nicht der Föderation angehören. Sie ist zudem die nach außen gerichtete Adaption jener Ethik des Pluralismus und der Toleranz, auf der die Föderation schlussendlich basiert. Diese interplanetarische Vielvölkerallianz mit ihrem Verwaltungssitz auf der Erde ist als eine repräsentative Demokratie strukturiert. Star Trek suggeriert, dass es der Föderation gelungen ist, über Jahrzehnte hinweg ein Bündnis aus verschiedensten Völkern und Kulturen zu bilden und auszuweiten, ohne dabei den eigenen demokratischen Idealen abzuschwören oder die Toleranz gegenüber den Mitgliedswelten aufgeben zu müssen; dass also die Föderation allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Ideale bewahren und ausweiten konnte.

Politiktheoretisch gedacht ist die Föderation also die fehlerfreie Realisierung einer pluralistischen Gesellschafts- und Politiktheorie, wie sie beispielsweise von Ernst Fraenkel vertreten wurde. Diese folgt „der Hypothese, in einer differenzierten Gesellschaft könne im Bereich der Politik das Gemeinwohl lediglich a posteriori als das Ergebnis eines delikaten Prozesses der divergierenden Ideen und Interessen der Gruppen und Parteien erreicht werden“[5]. Wobei die Verwirklichung des Gemeinwohls bedeutet, die Existenz eines „allgemein gültigen Wertekodex“ anzunehmen, der, als „tragende regulative Idee verstanden“, dafür Sorge trägt, dass bei der „ausgleichenden Regelung politisch kontroverser Angelegenheiten“ die Rücksicht auf den Kodex als „bindende Richtschnur“ berücksichtigt wird.[6]

Da Fraenkel seine Theorie in strikter Ablehnung reiner basis- bzw. direktdemokratisch organisierter Gesellschaften formuliert, gerät sie, wie im Hohlspiegel des Star-Trek-Universums deutlich wird, zu einer besonders eindrucksvollen Verteidigung der pluralistisch-repräsentativen Demokratie. Es würde etwas fehlen in einer Debatte über die Krise der Demokratie, besonders einer, in der ihr repräsentativer Charakter in Frage gestellt wird, ohne Fraenkel zu ihrer Verteidigung gelesen, ohne seine Argumente und Einwände gewürdigt zu haben. In einer solchen Debatte schließlich, in der Fraenkel wieder entdeckt werden würde, würden dann vielleicht auch weniger Zweifel an der repräsentativen Demokratie vorgebracht werden. Vielmehr könnte die Frage nach dem Status Quo des Gemeinwohls und wie es in einer repräsentativen Ordnung wiederbelebt werden könnte, erneut in den Fokus rücken. Oder, um es mit den Worten Fraenkels selbst auszudrücken: „Eine Politikwissenschaft, die zu dem Phänomen ‚Gemeinwohl‘ nichts zu sagen hat, ähnelt einer Vorführung des Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark.“[7]

Christopher Schmitz ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Gene Roddenberry zitiert nach Gibberman, Susan: Roddenberry, Gene, in: The Museum of Broadcast Communications, URL: http://www.museum.tv/eotvsection.php?entrycode=roddenberry [eingesehen am 24.10.2012].

[2] Rauscher, Andreas: Das Phänomen Star Trek. Virtuelle Räume und metaphorische Weiten, Mainz 2003, S. 11.

[3] Vgl. Klatt, Jöran: Star Trek, postkolonial, in: Litlog. Göttinger eMagazin für Literatur – Kultur – Wissenschaft, URL: http://www.litlog.de/star-trek-postkolonial/ [eingesehen am 24.10.2012].

[4] Vgl. Dewi, Torsten: Star Trek – Was ist das?, in: Hellman, Kai Uwe/Klein, Arne (Hg.): Unendliche Weiten. Star Trek. Zwischen Unterhaltung und Utopie, Frankfurt am Main 1997, S. 10-15, hier S. 12 f.

[5] Fraenkel, Ernst: Deutschland und die westlichen Demokratien, Frankfurt am Main 1991, S. 300.

[6] Ebd, S. 272.

[7] Ebd.


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