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Grüne und Liberale

Franz Walter |  21. November 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über zwei Gruppen, die sich schon auf dem Schulhof nicht mochten.

Unser früherer Kollege Franz Walter hatte sich schon im Jahr 2010 mit den Differenzen kultureller Art zwischen Grünen und Liberalen beschäftigt (Titel des Buches: Gelb oder Grün? Kleine Parteiengschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld 2010). Sein damaliges Resümee erscheint auch 2017 nicht ganz unaktuell. Daher hier in Auszügen in unserem Blog:

Freie Demokraten und Grüne dürften in den nächsten Jahren Zünglein an der Waage parlamentarischer Mehrheits- und Regierungsbildung werden bzw. bleiben: Und das möglicherweise im Paket: sei es in einer Ampel, sei es in den Farben von Jamaika.

Indes: Beide Parteien zieren sich. Christdemokraten und Sozialdemokraten halten sich für (fast) alles offen. Aber Freie Demokraten und Grüne machen ängstlich die Schotten dicht. Jene sträuben sich gegen die Ampel, diese verweigern sich Schwarz-Gelb-Grün. Grün und Gelb – das scheint sich in der Tat zu beißen. Das kann man paradox, ja: unreif finden. Denn im Grunde geht ein Teil der Ressentiments zurück auf die Pubertät der Hauptakteure in beiden Parteien. Die Jugendkultur vor etwa dreißig Jahren war geteilt in – wohl mehrheitliche – „Trittins“ und – seinerzeit weniger zahlreiche – „Westerwelles“.

Die einen gerierten sich sehr links, bekämpften zumindest mit Plaketten und Autoaufklebern die Atomkraft, verbrachten die Kneipenabende auf ziemlich schmuddeligen Sofas, trugen ausgefranste Parkas und lange Haare. Die anderen präferierten für die geselligen Abendstunden die mit teuren Alkoholika gut ausgestatteten Partykeller der Eltern, kleideten sich in gelben Pullis und nicht ganz billigen Cashmere-Schals, legten Wert auf Façon beim regelmäßigen Haarschnitt und gaben sich betont affirmativ gegenüber dem Staat, der Wirtschaftsordnung, der Leistungsgesellschaft.

Das mag klischeehaft klingen, aber es war eine hunderttausendfach geteilte Alltagserfahrung irgendwo in den Jahren 1973 bis 1983. Auf den Schulhöfen standen die beiden Gruppierungen sorgfältig getrennt in verschiedenen Ecken. Die beiden Kulturen begegneten sich mit herzlicher Abneigung, ja Verachtung. Es spricht viel dafür, dass sich selbst bei kühlen Machtmenschen in Sondierungsgesprächen, ob sie noch wollen oder nicht, sofort die eingeübten Reflexe ihrer Sozialisationsjahre einstellen, sobald sie sich nur über den Weg laufen.

Vieles an den Gegensätzen damals drückte sich also aus in Habitus, Expressivität und Stilisierung. Doch hat sich diese Divergenz bekanntermaßen abgeschliffen. Der frühere Aktivist des Kommunistischen Bundes, Jürgen Trittin, ist mittlerweile keineswegs schlechter gekleidet als die ehemalige Yuppies. Man wird überhaupt die größte Mühe haben, auf den Versammlungen von Grünen irgendwelche Exemplare einer demonstrativen Gegenkultur zu finden. Schmuddelkinder sind die in die Jahre gekommenen Ökos, wie zu sehen war, längst nicht mehr. Sie haben vielmehr – vergleicht man es mit der langen und mühseligen Dauer des Integrationsprozesses der sozialistisch orientierten Arbeiterbewegung – in erstaunlich kurzer Zeit ihren Aufstiegs- und Anpassungsprozess hinter sich gebracht.

Im Protest zu dieser Gesellschaft stehen die Grünen natürlich nicht mehr. Im Gegenteil, sie haben sich seit den späten 1990er Jahren zur Republikpartei schlechthin gewandelt. Eine Umfrage im Jahr 2009 ergab, dass niemand Deutschland als so gerecht verfasst empfindet wie die Sympathisanten dieser Partei. Und dass die deutsche Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, bezweifeln viele Bürger, am wenigsten aber diejenigen, welche sich zu den Grünen bekennen und die entschiedener als alle anderen für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr plädieren. Gemeinsam ist Grünen und Gelben, dass sie die Erwerbstätigenparteien schlechthin in der Republik sind. Fast vier Fünftel ihrer Wähler stehen aktiv im Beruf, während die Hälfte des Elektorats der beiden Volksparteien von Transfers lebt.

Dennoch können sich Grüne und Freie Demokraten auch im Jahr 2010 partout nicht ausstehen. Und natürlich geht das nicht allein auf frühere gymnasiale Fehden und pubertär überhitzte Abneigungen zurück. Es gibt nach wie vor tatsächliche Differenzen. Die grobe soziologische Betrachtung reicht nicht. „Das Sein bestimmt bei den Grünen-Wählern eben nicht weitgehend das Bewusstsein“, kommentierte Anfang 2010 das Parteiratsmitglied der Grünen Arvid Bell das Ergebnis einer neuen TNS-Infratest-Studie über Einstellungen grüner Sympathisanten, die in den meisten Fragen weiterhin links von der Mitte angesiedelt waren.

Grüne und Freie Demokraten teilen zwar den gutbürgerlichen Status, aber sie begründen gleichwohl zwei verschiedenartige Lebenswelten im Milieu der Besserverdienenden. Zwischen diesen Welten gibt es bemerkenswert wenig soziale Kontakte und normative Berührungspunkte. Selbst CDU-Wähler stehen den Grünen nachweislich nicht so misstrauisch-ablehnend gegenüber wie die Anhänger von Westerwelle. Auch die Analysen der Wanderungsbewegungen zwischen den Parteien bei Wahlen ergeben, dass sich zwischen FDP und Grünen faktisch nichts tut. Wer der FDP abtrünnig wird, geht nicht zu den Grünen; wer sich von den Grünen enttäuscht fortbewegt, strebt nicht ins Lager der Freien Demokraten.

Bei der FDP geben in den letzten Jahren wieder kleinere und mittlere Selbstständige politisch den Takt an. Bei den Grünen sind das die Beamten des höheren öffentlichen Dienstes. In der neuen FDP-Kernanhängerschaft dominiert der Typus des jungen Mannes, der laut damit hadert, dass nicht genug Netto vom Brutto bleibt. Im Spektrum der Öko-Partei überwiegen akademische Frauen mittleren Alters, denen eine ordentliche sozialstaatliche Infrastruktur und öffentliche Institutionen zur Unterstützung ausbalancierter Lebensmodelle wichtiger sind als kräftige Steuersenkungen für den Einzelnen. Ein stattlicher Anteil der FDP-Wähler beurteilt soziale Unterschiede als durchaus gerecht; bei den Grünen ist diese Weltsicht nur wenig vertreten.

Eben das macht das Problem einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Scharnierparteien der Mitte wirklich aus: Sie sind sich sozial nah, aber differieren im Ethos, in den Alltagsphilosophien, in ihren orientierenden Deutungsmustern nach wie vor erheblich. Sie unterscheiden sich v.a. dort, wo es ums Eingemachte geht, um die primäre politische Identität. Keine Formation wettert stärker über die vermeintliche Steuerlast in Deutschland als die der Liberalen. Niemand hält demgegenüber die steuerliche Beanspruchung der Bürger für so angemessen wie das grüne Pendant. Fast alle Grünen-Wähler hätten gern sämtliche Atommeiler abgeschaltet; nahezu drei Viertel der FDP-Wähler setzen dagegen eindringlich auf die Atomtechnologie. Grüne Anhänger sind in erheblicher Zahl ehrenamtlich aktiv, in den letzten Jahren zunehmend im kirchlichen Bereich. Die jungen Truppen der FDP hingegen kündigen vermehrt – nicht zuletzt wegen der Kirchensteuern – ihre Mitgliedschaft im institutionellen Christentum auf und zeigen wenig Sinn für bürgergesellschaftliches Engagement gleich welcher Art.

Es sind also nicht nur Phantomdifferenzen, welche die beiden Parteiführungen beschwören. In der wohlhabenden Mitte der Gesellschaft haben sich zwei eigene und konträre Lebenswelten entwickelt, nicht in materieller Hinsicht, aber in Hinsicht von Prinzipien, von Einstellungen, in der Sichtweise von dem, was man für wichtig hält, wie man die Zukunftsentwicklungen interpretiert, welchen Umgang man mit anderen Schichten erstrebt. Dahinter verbergen sich keine fundamentalistisch entgegengesetzten Ideologien. Aber Unterschiede in der normativ unterlegten Perspektive, was eine gute Gesellschaft ausmacht, lassen sich durchaus erkennen.

Und manchmal wünscht man sich, dass solche realen Differenzen der Gesellschaft auch in der Politik stärker zugespitzt und in einen ernsthaft ausgetragenen Streit überführt werden. Nicht alles sollte eingeebnet, planiert, entkernt, nivelliert werden. Die Differenz ist schließlich ein Motor für Produktivität. So gesehen, muss man tatsächlich nicht zwingend darauf drängen, dass Grüne und Freie Demokraten den koalitionären Schulterschluss vollziehen.


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