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Erklärung, Aufklärung und Verklärung

Robert Lorenz |  11. April 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz zur „Göttinger Erklärung“ vom 12. April 1957.

Vor sechzig Jahren war Konrad Adenauer äußerst ungehalten. So jedenfalls ließe sich die Alternativgeschichte zur „Göttinger Erklärung“, die am 13. April 1957[1] in den westdeutschen Tageszeitungen für Furore sorgte, erzählen. Denn an diesem Tag musste der Bundeskanzler Angst haben, dass ihm – dem politischen Vollprofi – eine Gruppe von Kernphysikern, die sich selbst als unpolitisch gerierten, den Wahlkampf verhageln könnten. Nicht die SPD, nicht investigative Journalisten, auch nicht die hinterlistige DDR-Kolportage, sondern Wissenschaftler. Aber das eigentlich Interessante an dem politischen Manifest ist etwas ganz anderes: Denn die Göttinger Schrift war nicht nur eine Erklärung, sondern zugleich eine Aufklärung wie auch eine Verklärung.

Was Konrad Adenauer – ein political animal, das damals bereits ein halbes Jahrhundert Erfahrung in der Politik gesammelt hatte – so in Rage versetzte, dass er noch Tage später in einem Brief an den Bundespräsidenten von einem „Aufstand“ sprach, der einen „Schwall von zum Teil wenig angenehmen Dingen“ über ihn gebracht habe,[2] war zunächst ein Text, ungefähr vom Umfang einer DIN-A4-Seite. Unterzeichnet hatten ihn 18 Kernphysiker, sämtlich Professoren, und ihn, kurz vor Ostern, an die Presse geschickt. Diese „Göttinger Erklärung“ (denn von dort erging sie, aus Otto Hahns Büro in der Max-Planck-Gesellschaft) wurde daraufhin in den wichtigen überregionalen Tageszeitungen – von der FAZ über die Süddeutsche bis zur Welt – auf den Titelseiten im Wortlaut abgedruckt und/oder in Kommentaren und Berichten besprochen – ein massenmediales Ereignis, das im Frühjahr 1957, wenige Monate vor der Bundestagswahl im September, zum beherrschenden Thema der Bundespolitik avancierte.

Dabei hatte Adenauer selbst den Auslöser gegeben, indem er vor Journalisten sogenannte taktische Atomwaffen als eine „Weiterentwicklung der Artillerie“ bezeichnet hatte. Und er hatte kundgetan, dass die – gerade erst aufgestellte – Bundeswehr künftig über diese Waffen verfügen müsse, weil diese inzwischen zum üblichen Waffenarsenal gehören würden.

Das war natürlich eine starke Untertreibung, vielleicht sogar eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, die sich Adenauer da erlaubte. Denn der Bundeskanzler tat so, als könne man Atomwaffen in „kleine“ und „große“ unterscheiden; dabei unterschlug er allerdings, dass selbst die damals kleineren Atomwaffen längst keine „konventionellen“ Waffen waren und z.T. bereits ganze Städte vernichten und Regionen verseuchen konnten. Überhaupt sind Atomwaffen nie konventionelle Waffen: Denn neben ihrer immensen Sprengkraft kennzeichnet sie schließlich das besondere Merkmal der Kontamination durch Radioaktivität, die sie noch lange Zeit nach ihrem Einsatz hinterlassen.

Ebendiese Aussage Adenauers über die „weiterentwickelte Artillerie“ nahmen die „Göttinger Achtzehn“ – als die sie sogleich der Spiegel in Anlehnung an die historischen „Göttinger Sieben“ mit einem griffigen Medienetikett versah[3] – zum Anlass ihrer Erklärung. Und zwar erklärten sie sich gegenüber der Bundesregierung; konkret gemeint waren Bundeskanzler Adenauer und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß. So formulierten sie ihre Meinung in einer politischen Stellungnahme, nämlich: „Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet.“[4] Diese Empfehlung untermauerten sie mit der Bekundung, selbst nicht bereit zu sein, „sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen“. Dass eine solche Mitwirkung deutscher Kernphysiker aus Sicht der Bundesregierung damals überhaupt nicht infrage kam, selbst wenn man sich um die militärische Verfügung über Nuklearwaffen bemühte, und dass die Unterzeichner somit auf nichts verzichteten, spielte in der anschließenden Rezeption der Erklärung freilich keine Rolle.

Das Manifest der Achtzehn war allerdings nicht nur eine Göttinger Erklärung, sondern auch eine Göttinger Aufklärung. Denn die Unterzeichner schrieben darin, dass auch die „kleinen“ Atomwaffen längst eine ähnliche Wirkung hatten wie die Bombe, die vor nicht allzu langer Zeit Hiroshima zerstört und verheert hatte. Und sie schrieben, dass es keine zuverlässige Methode gebe, die Bevölkerung vor solchen Bomben und deren Strahlung zu schützen. Die Göttinger Achtzehn kritisierten und korrigierten also die Aussage des Bundeskanzlers und lieferten damit, als einschlägige Experten, einen wichtigen Beitrag zur politischen Meinungsfindung – denn die wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger sollten ja im Herbst 1957 zur Bundestagswahl gehen und über die künftige Regierungspolitik abstimmen.

Die „Göttinger Erklärung“ ist damals – wie auch später und eigentlich bis heute – als couragierter Akt des Gewissens und der Moral gelobt worden. Auch die konservative Presse verneigte sich „vor dem Mute dieser 18 Professoren, die es wagten, gegen eine Welt, in der sich die Staatsmänner und Strategen in der Logik des Schreckens bewegen und die Massen den Kopf in den Sand stecken, vom Gewissen her Stellung zu nehmen“[5]. Und das ist ja auch ein durchaus sympathischer Gedanke: Dass sich eine Gruppe Gelehrter aus der Abgeschiedenheit des akademischen Elfenbeinturms erhebt und die Bevölkerung vor den Folgen einer problematischen Politik warnt, ja sogar irreführende Aussagen richtigstellt. Und in der Tat ist das ein großes Verdienst der Göttinger Achtzehn und ihrer „Erklärung“.

Aber wenn man wirklich wissen will, wie eine solche Aktion eigentlich zustande kommt, weshalb tatsächlich nach eigener Aussage wenig politische Gemüter wie die 18 Professoren eine solche Erklärung veröffentlichen, dann bilden Moral und Gewissen vermutlich keine hinreichende Bedingung. Andere Faktoren müssen hinzukommen, um dieses Ereignis zu erklären.

Zumal: Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass heute, wo kaum noch solche Wissenschaftlermanifeste kursieren, die Wissenschaftler keine Moral mehr haben, gewissenlos sind? Und man sollte auch die Überlegung einbeziehen, dass bei einer solch großen Gruppe von 18 Personen womöglich nicht alle dasselbe Motiv verfolgt haben. Aufschluss gibt der Kontext, in dem sich die Akteure damals befanden: In welcher Lebens- und Karrieresituation waren sie? Was waren ihre Interessen und Ziele?

Dabei fällt auf, dass die westdeutschen Kernphysiker seinerzeit vor großen Problemen standen. Erstens erforderte Nuklearforschung unheimlich viel Geld – hatte Otto Hahn 1938 die Kernspaltung noch an einem Holztisch durchgeführt, benötigte man nach dem Zweiten Weltkrieg riesige Forschungsapparaturen und kostspielige Materialien. Deshalb erstrebten westdeutsche Kernphysiker damals ein Kernforschungszentrum, um mit der internationalen Forschungskonkurrenz mithalten zu können. Hierfür bedurften sie entsprechender Budgets, weshalb einige von ihnen seit Gründung der Bundesrepublik damit beschäftigt waren, Staat und Wirtschaft als Geldgeber zu gewinnen. Die Kerngruppe der „Göttinger Erklärung“ bestand daher nicht zufällig aus Wissenschaftsmanagern: aus Werner Heisenberg, dem Direktor eines Max-Planck-Instituts; Walther Gerlach, dem Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG); und Otto Hahn, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft. Diese Männer versuchten seit Jahren, Staat und Wirtschaft zu überzeugen, in Kernforschungsanlagen zu investieren.

Ein noch größeres Problem bestand allerdings im Image der Kernforschung, die vielen Menschen als etwas Gefährliches, als Wissenschaft mit Todesfolge galt. Kein Wunder, denn der erste öffentlich wahrgenommene Anwendungsfall menschlich entfesselter Kernkraft waren ja die beiden Atombombenabwürfe über Japan gewesen, die zwei Großstädte ausgelöscht und verseucht hatten. Mit Kernkraft verband sich seit dem Zweiten Weltkrieg zuallererst die Atombombe. Ständig war damals in den Zeitungen von Atom- und Wasserstoffbombentests zu lesen, was zu einer gewissen Beunruhigung führte.

In Interviews, Vorträgen und Büchern mühten sich Kernforscher daher um eine andere Assoziation: Atomkraft als Ressource der Medizin, Chemie und Energiewirtschaft. Sie wollten erreichen, dass man die Kernkraft nicht mehr mit todbringenden Bomben, sondern mit dem verband, was Otto Hahn stets als die segensreiche Wirkung von Kernkraft bezeichnet hat: atomgetriebene Flugzeuge, Schiffe, ja sogar Automobile; oder die Heilung bislang tödlicher Krankheiten durch Bestrahlung. All das verdichteten die Kernphysiker in den 1950er Jahren zu einer regelrechten Kernkraft-Utopie.

Außerdem wollten sie erreichen, dass man im Ausland in einem deutschen Kernforschungszentrum nicht umgehend die Gefahr einer Atomwaffenfabrik erblickte – ähnlich wie heutzutage bei den Atomanlagen im Iran, die eines militärischen Zwecks verdächtigt werden. Schließlich konnten die Besatzungsmächte die Kernforschung verbieten. Und einige Kernphysiker hatten obendrein den Eindruck gewonnen, dass kluge Köpfe nicht mehr in die Kernforschung gingen, weil sie befürchteten, dann mit militärischer Forschung in Berührung zu kommen. So drohten also Nachwuchsprobleme und Forschungseinschränkungen.

Die westdeutschen Kernphysiker wollten aller Welt klarmachen, mit militärischer Forschung partout nichts zu tun zu haben, und die Menschen für ihr ziviles Forschungsanliegen begeistern. Genau dafür bot eine öffentliche Erklärung eine ideale Gelegenheit. In diesem Punkt war die „Göttinger Erklärung“ also nicht nur eine Erklärung und eine Aufklärung, sondern sie war auch eine Göttinger Verklärung. Denn sie endete mit dem Satz: „Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.“

Damit suggerierten die Göttinger Achtzehn die Möglichkeit, klar zwischen militärischer, „schlechter“ und friedlicher/ziviler, also „guter“, Kernkraft trennen zu können. Mit keinem Wort erwähnten sie die Risiken, die auch die zivile Kernenergie mit sich brachte: die Gefahr einer Reaktorexplosion und den ungeklärten Umgang mit Atommüll. Dieser Probleme waren sie sich damals durchaus bewusst – sie verschwiegen sie. So hatte Werner Heisenberg schon 1953 geschrieben, dass eine „Atommeilerstation“ in keiner Großstadt liegen dürfe, „da die radioaktiven Abfallprodukte in einer zu dicht besiedelten Gegend zu gesundheitlicher Gefährdung der Bevölkerung führen könnten“.[6] Und bereits ein Jahr früher hatte Otto Haxel geschrieben: „Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem ist die gefahrlose Beseitigung der anfallenden Spaltprodukte. […] In Amerika werden diese Stoffe z. Z. in der Erde vergraben. Das hierfür verwendete Gelände wird dadurch unbewohnbar, auch ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die radioaktiven Stoffe durch das Grundwasser verschleppt werden und Nachbargebiete gefährden.“[7]

Kurzum: Die „Göttinger Erklärung“ leistete einen wichtigen Beitrag, um die Tragweite der deutschen Verteidigungspolitik von Adenauer und Strauß zu erkennen. Aber sie war auch ein Bestandteil harter Interessenpolitik der westdeutschen Kernphysik.

Dr. Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Für sein Buch „Protest der Physiker. Die ‚Göttinger Erklärung‘ von 1957“ erhielt er 2011 von der VolkswagenStiftung den Förderpreis „Opus Primum“ für die beste Nachwuchspublikation des Jahres im deutschsprachigen Raum.

[1] Die „Göttinger Erklärung“ datierte vom 12. April 1957, erschien aber in der Presse einen Tag später.

[2] Brief Adenauer an Heuss vom 17.04.1957, abgedruckt in: Morsey, Rudolf/Schwarz, Hans-Peter (Hrsg.): Konrad Adenauer. Briefe 1955–1957, Berlin 1998, S. 319.

[3] O.V.: Die Achtzehn, in: Der Spiegel, 24.04.1957.

[4] Dieser und folgende Auszüge aus dem Abdruck in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.1957.

[5] Zehrer, Hans: Atomwaffen – ja oder nein?, in: Die Welt, 15.04.1957.

[6] Heisenberg, Werner: Friedliche Atomtechnik. Die Anwendung der Atomenergie in Deutschland, in: Deutsche Universitätszeitung, 23.03.1953, S. 10–13, abgedruckt in: Heisenberg, Werner: Gesammelte Werke / Collected Works, Abt. C: Allgemeinverständliche Schriften / Philosophical and Popular Writing, Bd. V, hrsg. von Walter Blum/Hans-Peter Dürr/Helmut Rechenberg, München 1989, S. 131–134, hier S. 134.

[7] Haxel, Otto: Energiegewinnung aus Kernprozessen, H. 25 der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Köln/Opladen 1953, S. 7–19, hier S. 16.


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