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Geschlossen gegen das Patriarchat?

Christoph Hoeft |  10. März 2017 |   |  Drucken

[präsentiert]: Christoph Hoeft über die „Feminist Four“ im Jungen Theater Göttingen

Auch mehr als hundert Jahre nach dem ersten Internationalen Frauentag ist der Kampf um Gleichberechtigung noch lange nicht gewonnen. Dies zeigt sich nicht nur in der häufig hasserfüllten Ablehnung, die Feminist*innen nach wie vor entgegenschlägt. Zusätzlich sieht sich der Feminismus gegenwärtig mit zwei besonderen Herausforderungen konfrontiert, welche die alten Grenzen zwischen Freund*in und Feind*in zu verwischen scheinen.

Zum einen werden feministische Positionen verstärkt für rassistische Stimmungsmache instrumentalisiert. Denn spätestens seit der Debatte um die Silvesternacht 2015/16 in Köln kämpfen auch einige rechtspopulistische Akteur*innen gegen sexualisierte Gewalt und haben sich vermeintlich die Verteidigung der Rechte von Frauen auf die Fahnen geschrieben – natürlich nur solange sich dies für die Kritik an einem angeblich rückständigen und frauenfeindlichen Islam eignet, sich in dramatische Schreckensszenarien der Folgen massenhafter Zuwanderung integrieren lässt und das eigene weiterhin konservativ-reaktionäre Frauenbild nicht fundamental erschüttert.

Zum anderen sehen sich feministische Positionen mit zunehmend schärferen Vorwürfen innerhalb der Linken selbst konfrontiert. Ein gängiges Erklärungsmuster für den Aufstieg rechtspopulistischer Haltungen und deren Attraktivität für Teile der Arbeiter*innen ist die angebliche Vernachlässigung ökonomisch-klassenkämpferischer Forderungen zugunsten kultureller linker Themen, zu denen oft auch Kernanliegen des Feminismus gezählt werden. Die kulturelle (und feministische) Linke sei – so der Vorwurf – oftmals mit akademisch ausgetragenen Konflikten fern der realen Lebenswelten beschäftigt und habe mit ihren identitätspolitischen Diskursen die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit verloren.

Höchste Zeit also, sich intensivere Gedanken über die aktuelle Bedeutung von Feminismus zu machen und zu überlegen, wie ein inklusiver, progressiver und anschlussfähiger Feminismus heutzutage aussehen könnte. Das Literarische Zentrum Göttingen[1] hatte dazu mit Sonja Eismann, der Mitherausgeberin des Missy Magazine[2], der Rapperin Sookee[3], der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal[4] und der Autorin und Aktivistin Laurie Penny[5] vier „feministische Superheldinnen“ in das Junge Theater Göttingen geladen, die sich gemeinsam den vielfältigen Herausforderungen stellten.

Gleich zu Beginn plädierte Sonja Eismann für einen inklusiven Feminismus, der sich konsequent von einer Besserstellung einiger Gruppen auf Kosten anderer abgrenzen solle. Ohnehin zeige das Konzept der Intersektionalität – also die Verschränkung und gegenseitige Bedingtheit von Diskriminierungen aufgrund von Kategorien wie Geschlecht, ethnischer Herkunft, sozialer Schichtzugehörigkeit und sexueller Orientierung – die Unzulänglichkeiten einer allzu beschränkten Sichtweise auf Sexismus und Diskriminierung.

Aus diesem Grund seien Kampagnen wie #ausnahmslos[6], die sich gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus wenden, besonders wichtig, wie Mithu Sanyal betonte. Die Autorin, die sich in ihrem neu erschienenen Buch[7] intensiv mit der Kulturgeschichte der Vergewaltigung auseinandersetzt, ordnete die momentan extrem emotional geführte Debatte über die Gefährdung von Frauen außerdem in eine breite Perspektive ein: Die ständige, wenn auch latente Angst vor Vergewaltigungen präge entscheidend die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes durch Frauen. Für Frauen werde Öffentlichkeit so zu einem tendenziell bedrohlichen Ort, während Männer sich dort nach wie vor relativ frei und unbeschwert bewegen könnten. Dies sei aber eine verzerrte Wahrnehmung, denn eigentlich zeige sich sehr deutlich, dass insbesondere junge Männer das größere Risiko trügen, in der Öffentlichkeit Opfer einer Straftat zu werden.

Laurie Penny setzte sich insbesondere gegen den Vorwurf zur Wehr, die Linke habe sich durch den Feminismus von ihrer natürlichen Arbeiter*innen-Klientel entfremdet. Eine solche Kritik impliziere, dass die eigentlichen Adressaten linker Politik ausschließlich weiße, heterosexuelle Männer seien. Penny argumentierte dagegen, dass die Arbeiter*innen-Klasse sehr viel diverser und vielschichtiger sei, dass auch Angehörige dieser Klasse von vielseitigen Diskriminierungsformen betroffen seien und sich keineswegs automatisch lediglich für Verteilungsfragen interessieren würden. Als Feminist*in dürfe man sich nicht von solchen angeblichen Unvereinbarkeiten verunsichern lassen; vielmehr stelle sich die Frage, auf welche Interessen welcher Teile der Arbeiter*innenschaft man Rücksicht nehmen wolle. Entscheidend dabei sei aber insbesondere, dass eine progressive linke Bewegung spätestens dann aufhören würde zu existieren, wenn sie sich entschlösse, wichtige Errungenschaften wieder über Bord zu werfen, nur um vermeintlich Attraktivität und Anschlussfähigkeit zurückzugewinnen.

Auch die kulturelle Dimension des Feminismus wurde debattiert. Zwar habe der Feminismus mittlerweile einen beispiellosen Siegeszug angetreten, habe sich nach und nach beinahe auf allen Feldern des kulturellen und sozialen Miteinanders einen Platz erkämpft und sei in gewisser Hinsicht auch im Mainstream angekommen. Gleichzeitig betonte Sookee aber auch die nach wie vor enggezogenen Grenzen des popkulturellen Siegeszuges des Feminismus. Zwar seien weibliche MCs mittlerweile kein ungewöhnliches Phänomen mehr; aber nach wie vor sei äußerst selten, dass mehrere weibliche Künstlerinnen bei einem Label unter Vertrag stünden. Während bei männlichen Kollegen bestimmte Charakterzüge betont würden, um verschiedene Images zu schaffen, sei die Frau immer nur die Frau. Erst wenn mehrere weibliche Künstlerinnen zusammen kämen, würde die Wahrnehmung der Frau als Individuum möglich; erst dann müsse man sich mit individuellen Haltungen und Eigenschaften auseinandersetzen. Trotz der zunehmenden Wahrnehmbarkeit von Frauen in der Popkultur sei es daher bis zu einer annähernden Gleichberechtigung noch ein weiter Weg.

Trotz der Vielfältigkeit feministischer Diskurse und obwohl es niemals in der Geschichte eine wirklich einheitliche Frauen*bewegung gegeben habe – mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen waren sich die Protagonist*innen im Kern einig: Man dürfe sich nicht auf feministische „Hunger Games“ einlassen, in denen man sich gegenseitig selbst zerfleische über der Frage, wer die „beste“ oder „progressivste“ Position vertrete. Bei aller Notwendigkeit von Debatten und (Selbst-)Kritik: Nun gehe es darum, gemeinsam einen antifeministischen Backlash zu verhindern und die jahrhundertelang mühevoll erkämpften Errungenschaften zu verteidigen. Vor dem Hintergrund des ungebrochenen Erfolgs von offen misogynen Politiker*innen, von Vereinnahmungsversuchen von rechts und der Vorwürfe von links gebe es wichtigere Fragen zu beantworten als diejenige, wer denn nun die beste Feminist*in sei.

[1] URL: http://www.literarisches-zentrum-goettingen.de/ [eingesehen am 09.03.2017].

[2] URL: https://missy-magazine.de/ [eingesehen am 09.03.2017].

[3] URL http://www.sookee.de/ [eingesehen am 09.03.2017].

[4] URL http://www.sanyal.de/ [eingesehen am 09.03.2017].

[5] URL: http://laurie-penny.com/ [eingesehen am 09.03.2017].

[6] URL: http://ausnahmslos.org [eingesehen am 09.03.2017].

[7] URL: http://www.sanyal.de/vergewaltigung/ [eingesehen am 09.03.2017].

 


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