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Gedanken zu den 68ern

Friedhelm Grützner |  1. Oktober 2013 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Friedhelm Grützner über „1968“ und dessen politisches Erbe.

Die Bewegung von „68“ war ein internationales Ereignis. Allerdings: Sie entsprang nur teil­weise politischen Motiven (hier wäre z.B. in den USA der Vietnamkrieg zu benennen). Denn vor allem war sie ein kulturelles Phänomen. Wer die Beat-Musik, die Beatles, die Rolling Stones, das Woodstock-Festival u.a.m. nicht einbezieht, wird „68“ nie verstehen. Doch auch sonst ist „68“ nicht einfach zu fassen, sein politisches Erbe mindestens ambivalent.

Am ehesten ist die 68er-Bewegung mit der Jugendbewegung zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu vergleichen. Es wären hier zu nennen: Lebensreform, Wertschätzung der anar­chischen Lebensmächte (z. B. „freie Liebe“ bei den 68ern usw., verschwiemelte Homoerotik sowie Nacktkultur bei den Vorgängern) und Widerstand gegen die Zwänge des Alltags. Während jedoch die Jugendbewegung um 1900 trotz aller anarchisch anmutenden Begleiterscheinungen in ihrer Opposition gegen die einengenden Normen des Alltags die dama­lige  lebensphilosophisch inspirierte Zi­vilisationskritik aufgriff und sich dem „rechten“ völki­schen Denken öffnete,[1] bestimmte bei den „68ern“ eine Mischung aus (kulturkritisch inter­pretiertem) Marx und Freud den geis­tigen Überbau. Von ihrer sozialen Herkunft her ent­stammten die Angehörigen beider Bewe­gungen dem Bürgertum, gegen dessen Normen und Werte sie rebellierten, während sie die  proletarische Jugend kaum erreichten. Mitunter nahm dieser „bür­gerliche Selbsthass“ neuroti­sche Züge an. Tragikomisch wurde es schließlich, als in den 1970er Jahren einige Bürgerkinder die K-Gruppen bildeten, um dort die „Avantgarde“ eines Proletariats zu spielen, das es in dieser Form gar nicht mehr gab bzw. das – soweit es noch existierte – von dieser „Vorhut“ nun wirklich nichts wissen wollte.

Die Wahlverwandtschaft der (eher „linken“) 68er mit der (eher „rechten“) Jugend- sowie Le­bensreformbewegung um die Jahrhundertwende wurde deutlich, als 1980 und in den Folgejahren in der nachfol­genden Öko- und Alternativbewegung die ohnehin schon recht eigenwillige Marx-Rezeption zurück­trat und stattdessen Fragen nach dem „wahren und richtigen Leben“ im Zeichen von Ökoro­mantik und Ökoaskese, feministisch korrekten Geschlechterbeziehungen und gesunder Ernäh­rung in den Vordergrund rückten. Die rebellische Revolte des Lebens gegen die rationalen Zwänge der (spieß-)bürgerlichen Gesellschaft wurde durch das öko-alternative Biedermeier ersetzt. Zwar blieb der gesellschaftsverändernde Anspruch aufrechterhalten, aber es ging nicht mehr um die Veränderung von Herrschaftsstrukturen, sondern um eine Änderung der eigenen Lebensweise, die einen allgemeinen Bewusstseinswandel herbeiführen und somit auf die Gesellschaft zurückwirken sollte. Der Marx’sche Satz: „Das Sein bestimmt das Bewusst­sein“, wurde umgedreht. Nun sollte „das Bewusstsein das Sein“ formieren.

Einen krassen Gegensatz zwischen den beiden Wahlverwandten gab es im Verhältnis von „Krieg und Frieden“. Im lebensphilosophischen Kontext der Jahrhundertwende wurde die Gewalt als schöpferische und vitale Kraft durchaus positiv gesehen. Im Gegensatz zu den anfangs vielerorts kriegsbegeisterten jugendbewegten Teilnehmern des Ersten Weltkrieges war die Öko- und Alternativbewegung als Erbe der 68er durch und durch pazifistisch. Der Widerstand gegen die Nachrüstung und die Abneigung ge­gen alle militäri­schen Formen unterscheiden sie grundlegend von den militä­risch-hierarchisch geordneten Bünden um die Jahrhundertwende.

Diese fundamentalen Unterschiede verwischen jedoch nicht Überschneidungen beider Gruppen. Solche gab es in der romantischen Zivilisationskritik, im Antirationa­lismus, im Naturmystizismus, in der „ganzheitlichen“ Weltbetrachtung und in der Hinwen­dung zu religiösen und parareligiösen Formen von Spiritualität und Esoterik. Insgesamt war es schon frappierend, wie während der 1980er Jahre in einem sich selbst „links“ einordnenden Spektrum die „rechte“ Gegenaufklärung auf breiter Front aufmarschierte.[2]

Der von Rudi Dutschke proklamierte „Marsch durch die Institutionen“ begann in den 1970er Jahren mit den gehäuften Eintritten von „68“-geprägten Jugendlichen in die SPD. Diese Partei hatte sich 1959 in Bad Godesberg ein neues Programm gegeben, in dem sie sich weitgehend von ihrem Traditionsmarxismus verabschiedete, um angesichts des Bedeutungsrückgangs der klassischen Industriearbeiterschaft und zunehmender Individualisierungstendenzen für bür­gerliche Wählerschichten interessant zu werden. Nun kam es aus Sicht von SPD-Strategen aber zu dem Absurdum, dass zwar – wie gewünscht – bürgerlich sozialisierte Menschen der Partei beitraten, diese jedoch eine Reideologisierung versuchten, von deren Grundlagen man sich doch gerade gelöst zu haben meinte. „Ge­standene“ Sozialdemokraten mit kleinbürgerlich-proletarischem Habitus und Wertefundament trafen auf mehrheitlich akademisch gebildete (oder in akade­mischer Ausbildung befindliche) Neumitglieder, die meinten, sie müssten den Genossen mit Marx, Marcuse und der Frankfurter Schule die Welt neu erklären.

Aus heutiger Perspektive sollten wir die Auseinandersetzungen in der SPD der 1970er Jahre (vor allem zwischen den Jusos und der Parteimehrheit) als Klassenkonflikt begreifen, der so­wohl eine ökonomische als auch eine kulturelle Dimension besaß. Prägende Sozialisationsin­stanz von Angehörigen der Arbeiterbewegung war die Fabrik mit ihren arbeitsteiligen Pro­duktions­prozessen und ihren hierarchischen Organisationsstrukturen. Dort war für individualistische Extratou­ren kein Platz. Die in der Tendenz autoritären Bedingungen industrieller Pro­duktion prägten den Habitus der dort Beschäftigten und damit auch den Charakter der Partei. Hinzu trat das Bestreben, angesichts unternehmerischer Übermacht gemeinsam um politische Rechte zu kämpfen und die materielle Not zu überwinden. Dazu war Solidarität erforder­lich, die ganz bewusst individuelle Entfaltungswünsche zugunsten gemeinsamer Anliegen zurücktreten ließ. Die Politik „gestandener“ Sozialdemokraten war stets pragmatisch auf die Verbesserung der konkreten materiellen Verhältnisse gerichtet, während der „Volksmarxis­mus“ (Heinrich Au­gust Winkler) lediglich als sinnstiftender Überbau diente, welcher für die operative Politik ohne Bedeutung war,[3] so dass seine Eliminierung durch das Godesberger Programm für die innerparteilichen Verhältnisse keine großen Veränderungen brachte.

Der „Marxismus“ der während der 1970er Jahre in die SPD einströmenden (vorwiegend bürger­lichen) 68er war dagegen ganz anders gestrickt. Im Vordergrund stand nicht die Kritik an der politischen Ökonomie des Kapitalismus mit seinen ungerechten Verteilungsverhältnissen und Ausbeutungsstrukturen, sondern an seiner Funktion als „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber), das jede individuelle Lebensregung erstickt und den Kapitalverwertungsprozessen unterordnet. Die politische Zielorientierung dieser 68er war gemäß einem später eingeführten Terminus „postmaterialistisch“ ausgerichtet und kreiste um Themen wie Selbstverwirklichung, persön­liche Vervollkommnung, Freiheit und Glück. Es war (wie es Max Horkheimer in einem seiner letzten Interviews ausdrückte) die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ jenseits der durch die Rationalität des Kapitalverwertungsprozesses geprägten bürgerlichen Gesellschaft, welche die Kapitalismuskritik der 68er in jenen Jahren befeuerte. Die materiellen Bedürfnisse der „klei­nen Leute“ wurden dagegen eher verächtlich abgetan. Angeblich waren sie dem „Konsumter­ror“ und dem von Adorno entdeckten „Verblendungszusammenhang“ der modernen Unter­haltungsindustrie ausgesetzt, der ihre Einsicht in die gesellschaftlichen Machtverhältnisse behinderte und ihre politischen Aktivitäten lähmte. Herbert Marcuse verstieg sich in diesem Zusammenhang sogar zu dem Satz: „Das  Proletariat hat uns verraten!“

Insofern ließen sich die Auseinandersetzungen in der SPD während der 1970er Jahre weniger nach dem Schema „Links“ und „Rechts“ interpretieren, als dass sie Konflikte zwischen „Materialisten“ und „Postmaterialisten“ waren – wobei den Postmaterialisten regelmäßig entging (und auch heute im Zeitalter von Hartz IV und prekärer Beschäftigung entgeht), dass eine postmaterialistische Werteverwirklichung zwingend die Saturierung materieller Bedürfnisse voraussetzt. Wenn wir für  die SPD-internen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre statt „links/rechts“ also die Konfliktlinie „Materialismus/Postmaterialismus“ zugrundelegen, dann erklären sich auch ei­nige innerparteiliche Positionsverschiebungen sehr viel leichter. Die damals als „rechtes“ Ge­gengewicht gegen die Jusos (und Nahestehende) gegründete SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (Afa) fand sich unter ihren Vorsitzenden Rudolf Dreßler und Ottmar Schreiner im Widerstand gegen die Agenda 2010 unversehens in der „linken“ Ecke wieder. Und ein so biederer und in den 1970er Jahren als „rechts“  bezeichneter Gewerkschaftspo­litiker wie Herbert Ehrenberg steht heute in der SPD mit seiner Kritik an der Schröder-Politik eher „links“, obwohl er als Keynesianer seine leitenden Politikvorstellungen gar nicht verändert hat.

Vor diesem Hintergrund müsste auch der Wandel der Sozialdemokratie während der Schrö­der-Jahre neu interpretiert werden. Denn es waren Angehörige des „linken“ Juso-Flügels der 1970er und 80er Jahre aus „Stamokap“ (Olaf Scholz, Frank-Walter Steinmeier) und „Antirevisi­onisten“ (Gerhard Schröder, Thomas Oppermann), welche die Agenda 2010 und Hartz IV gegen die „Traditionssozialdemokraten“ aus AfA und Gewerkschaften durchsetzten.

Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis. Denn der Neoliberalismus – aus dessen Geist die Agenda 2010 erwachsen ist – kam in seiner Blütezeit nicht als zynischer Ökonomismus des   „Enrichissez-vous“ daher, sondern war als verlockende Freiheitsbotschaft verpackt. Die „fordistische“  Epoche arbeitsteiliger Industrieproduktion habe zwar soziale Sicherheit ge­bracht, gleichzeitig jedoch die Individuen entmündigt und zu passiven Sozialkonsumenten erniedrigt. Der Neoliberalismus versprach dagegen die Eröffnung ganz neuer Freiheitsspiel­räume, welche die Individuen allerdings zu ihrem Vorteil und zu dem der Gesellschaft zu nut­zen hatten. Dem autoritär interpretierten „fordistischen“ Sozialstaat wurde die aktive „Bür­gergesellschaft“ gegenübergestellt, in die sich der bisher passive Sozialkonsument als citoyen einzubringen hatte. Volker Beck von den GRÜNEN ging sogar so weit, Hartz IV als emanzipatorisches Projekt zu feiern, das die Langzeitarbeitslo­sen von einer „Kultur der Abhängigkeit“ erlöse.[4] Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sprach in diesem Zusammenhang kri­tisch von einem „neuen ökonomischen Evangelium“, dessen „liberale, ja libertäre Konnotatio­nen“ einem vorkämen wie „die Botschaft von Freiheit und Befreiung“.[5] Der neoliberale Freiheitsgestus amalgamierte sich mit den antiautoritären und traditionskritischen Intentionen der 68er. Zynisch gesprochen: Die soziale Enteignung durch Hartz IV, die „postmaterialistische“ Wertevermittlung und das „bürgergesellschaftliche Engagement“ sollten die Menschen vom rein materialistischen „Konsumterror“ befreien, da­mit sie in der 68er-Tradition dem „ganz Anderen“ im Sinne von Adorno und Horkheimer nacheiferten.

In der Rückschau bleibt das Erbe der 68er ambivalent. Positiv zu werten ist, dass die damalige Jugendrevolte eine Fundamentalliberalisierung einleitete, die vor allem in Deutschland mit der zähen Obrigkeitsstaatsorientierung zusammenstieß und diese schließlich überwand. Wer sich als freier Geist noch an die vermufften 1950er Jahre erinnert (Heimatfilme, Volks­wartbund, Aktion „Saubere Leinwand“),  der wird den 68ern stets dankbar dafür sein, dass sie die kulturellen Verhältnisse durchlüfteten und die katholisch geprägte Spießigkeit der allgemeinen Lächerlichkeit preisgaben. Von ihren eigenen politischen Intentionen her ist die 68er-Bewegung dagegen rundum gescheitert. Sie musste scheitern, weil ihr spezifischer „Marxismus“ lediglich eine kulturkritische Spielerei darstellte, die im Alltagsbewusstsein keine Anknüpfung fand.

Die durch den „Kulturmarxismus“ nur notdürftig verbrämte elitär-bürgerliche Komponente der 68er-Bewegung war dagegen um die Jahrtausendwende im neoliberalen Sinne ausbaufä­hig. Die Verlagerung „linker“ Egalitätspostulate von der Ökonomie hin zu kulturellen Prob­lemstellungen, die Ersetzung der Verteilungsgerechtigkeit durch eine ominöse „Teilhabege­rechtigkeit“ (als ob „Teilhabe“ ohne ökonomische Ressourcen möglich wäre) und die Konzent­ration auf „postmaterielle“ Werte angesichts rapide voranschreitender ökonomischer Un­gleichheiten bilden dagegen das eher problematische Erbe, das uns die 68er-Bewegung hinter­lassen hat.

Friedhelm Grützner ist promovierter Historiker und arbeitet beim Staatsarchiv Bremen. Er veröffentlichte Beiträge in den „Vorgängen“, in der Kirchenpublizistik („Zeitzeichen“, „Evangelische Kommentare“), im Bremen-Jahrbuch und auf den „Nachdenkseiten“ von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb.


[1] Vgl hierzu: Jürgen Oelkers, Reformpädagogik – Eine kritische Dogmengeschichte, 2. Aufl. Weinheim/München 1992, S. 155 – 169. Dass die auch im „linken“ Spektrum recht angesehenen Reformpädagogen Hermann Lietz, Berthold Otto und Peter Petersen sich im politischen Bereich als Antisemiten und Nationalisten positionierten, beruhte nicht auf vernachlässigenswerten intellektuellen Verirrungen, sondern war in ihrem Werk angelegt.

[2] Vgl. Jutta Ditfurth, Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus, Hamburg 1996

[3] Dass dieses Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis als stetiges Dilemma die deutsche Sozialdemokratie in ihrer strategischen aktuellen Politik behinderte, wird für die Zeit des Kaiserreichs deutlich in: Dieter Groh, Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges., Berlin 1973

[4] In einem Arbeitspapier der grünen Bundestagsfraktion aus dem Jahre 2003 wird in Bezug auf die Arbeitsmarktreformen an die Langzeitarbeitslosen appelliert (Verfasserinnen: Thea Dückert und Katrin Göring-Eckhardt): „“Ich mache mit, ich bewege mich, ich entwickle mich für und mit dem Gan­zen ….

[5] Pierre Bourdieu, Kapitalismus als konservative Restauration; in: DIE ZEIT vom 22.1.1998


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