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US-Wahl in Yale: Heimspiel ohne Fans?

Johannes Sosada |  8. November 2016 |   |  Drucken

[gastbeitrag]: Johannes Sosada über die Stimmung an der amerikanischen Universität Yale kurz vor der Wahl.

Europäern erscheint das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump völlig unbegreiflich. Wie kann es sein, dass Donald Trump, der durch rassistische und sexistische Äußerungen für einen Eklat nach dem anderen sorgt, selbst noch wenige Tage vor den Wahlen praktisch gleichauf mit seiner Konkurrentin liegt? Aktuelle Umfragen sehen die beiden Kandidaten lediglich um knapp zwei Prozent auseinander.[1] Für die Studierenden der Elite-Universität Yale ist das ein Skandal: Für sie ist die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, die einzige Wahloption. Clinton würde laut einer Umfrage mit gut achtzig Prozentpunkten der „Yale-Stimmen“ in das Weiße Haus einziehen; ihr republikanischer Gegenkandidat Donald Trump dagegen würde mit 4,7 Prozent der Stimmen nur knapp vor den im bundesweiten Vergleich chancenlosen Kandidaten Gary Johnson und Jill Stein (2,49 Prozent und 0,83 Prozent) landen.[2] Natürlich geben dieses Stimmungsbild an der Universität Yale und die Befragung von Studierenden kein repräsentatives Stimmungsbild ab. Dennoch zeichnet der Blick auf den Campus ein interessantes Bild des US-Wahlkampfes – zumal Hillary Clinton als Alumna an der Elite-Universität ein „Heimspiel“ hat.

Der Nordosten der USA ist traditionell „demokratisch“: Seit 1992 fiel der Staat Connecticut bei jeder Präsidentschaftswahl an die Demokraten.[3] Außerdem studierte Clinton selbst von 1969 bis 1973 an der renommierten Law School der Universität Jura. Dort lernte sie auch ihren zukünftigen Ehemann und späteren Präsidenten Bill Clinton kennen.

Umso verwunderlicher ist die erste Reaktion der Studierenden, wenn man diese nach der anstehenden Präsidentschaftswahl fragt: Zumeist schütteln sie entnervt den Kopf oder verdrehen die Augen. Der Ablauf des bisherigen Wahlkampfes scheint vielen äußerst peinlich zu sein. Eine Mitte Oktober 2016 auf Facebook angekündigte Veranstaltung veranschaulicht die Stimmung auf dem Campus und wie konsterniert viele Studierende sind: An der Veranstaltung „Cry on Cross Campus About the State of American Politics“ zeigten sich mehr als 1.500 Studierende interessiert. Ein ähnliches Indiz für die Unzufriedenheit: Am Campus gibt es Pfefferminzbonbons mit der Bezeichnung „National Embarressmints“ zu kaufen; erhältlich ist auch Trump/Clinton-Schokolade mit der Aufschrift „We shall overcomb“ oder „Hell No“.

Deutlich wird jedenfalls: Die meisten Studierenden sind von keinem der zwei Kandidaten wirklich begeistert. Dennoch wird nur ein äußerst geringer Bruchteil der gut 10.000 Yale-Studierenden am kommenden Dienstag für Trump stimmen. Trotzdem ist Unterstützung oder gar Euphorie für Clinton nicht spürbar. Die Kandidatin wird lediglich als das kleinere Übel gesehen – und ihre Wahl als „Bürgerpflicht“: Die Yale Daily News sieht die Studierenden aus genau diesem Grund in der Pflicht, für Clinton zu stimmen: „We endorse her because we, as young people, recognize this election is a turning point for our country. […] Voting for Clinton is our obligation to ourselves and to future generations.“[4] Nach wie vor sind viele der Studierenden begeistert von Bernie Sanders, der Clinton in den Vorwahlen unterlag. Sanders’ Niederlage machen sie am System fest: Von vorneherein sei klar gewesen, dass Clinton die „gewollte“ Kandidatin gewesen sei. Einige spekulieren sogar, dass dies bereits bei der Wahl 2008, als Clinton in den Vorwahlen gegen Obama antrat, beschlossen worden sei.

Trumps Bild unter den Studierenden ist hingegen desolat; er gilt als unwählbar, als Populist, der mit rassistischen und sexistischen Aussagen auf Stimmenfang geht. Neben seinen abfälligen Aussagen über Frauen („Grab them by the pussy“) und gegenüber ethnischen Minderheiten sind es die realitätsfernen und inhaltsleeren Äußerungen, welche die Studierenden abstoßen. Ein Präsidentschaftskandidat sollte ein wirkliches Programm haben und politische Alternativen weisen, anstatt mit dem Einsatz von Atomwaffen zu drohen oder einfach zu behaupten, den Islamischen Staat werde man in „Grund und Boden“ bomben. Trump fehlt es an Inhalt, er hat kein wirkliches Programm – so die allgemeine Meinung auf dem Campus. Auf Fragen, wie er seine Pläne und Forderungen – bspw. die vielzitierte Mauer an der Grenze zu Mexiko – finanzieren will, gibt er keine konkreten Antworten. Unter den Studierenden kann Trump also nicht Fuß fassen. Eine Anekdote ist hierfür beispielhaft: In einem Facebook-Post fragte ein Kommilitone, ob es in seinem Freundeskreis (1.500 Freunde) einen Trump-Unterstützer gebe; er würde sich gerne sachlich, ohne Beleidigungen, mit ihm unterhalten und über die Wahl diskutieren – Antworten gab es keine.

Einen überzeugenden Grund, für Hillary zu stimmen, können dennoch nur wenige der Studierenden formulieren. Nicht einmal das Argument, dass nach der 58. Präsidentschaftswahl erstmals eine Frau die Regierung der USA anführen könnte, verfängt. Viele der Studentinnen, denen feministische Argumente durchaus naheliegen, argumentieren, dass ein Sieg Clintons einer Blamage gleichkomme. Eine Kandidatin sollte sich ernsthaft gegen einen Kandidaten durchsetzen. Doch im Wettbewerb mit Trump entstehe der Eindruck, jede Alternative – egal ob Mann oder Frau – müsse und könne gewinnen. Eine Frau sollte aber nicht etwa gewählt werden, weil sie das kleinere von zwei Übeln wäre, sondern vielmehr, weil sie gegenüber einem starken Kandidaten überzeugt – so die Argumentation.

Theoretisch könnte dies also die Gunst der Stunde für einen dritten Kandidaten sein. Der Liberale Johnson (momentan ca. vier Prozent) hat sich bei den Studierenden jedoch besonders durch seine Aussage zu Aleppo blamiert. In einem TV-Interview antwortete er auf die Frage, was er mit Blick auf Aleppo zu tun gedenke: „What is Aleppo?“ Kurz nach diesem Interview wurde sein Informationsmangel ein weiteres Mal bloßgestellt: Auf die Frage, welchen ausländischen Staatschef er am meisten bewundere, vermochte er keine Antwort zu geben.

Die meisten Studierenden haben sich also mit dieser verkruxten Wahl abgefunden. Ihnen ist klar: Hillary wird und muss die Wahl gewinnen – wirklich erfreut sind sie darüber allerdings nicht. Ihre Hoffnung ist, dass es mit Clinton eine Fortführung der „Obama-Politik“ geben und die von Trump ausgehende Gefahr abgewendet werden könnte. Bei der nächsten Wahl in vier Jahren hoffen sie dann auf einen „Paukenschlag“ und eine echte Alternative.

Immerhin: Von Politikverdrossenheit ist an der Yale University nichts zu spüren. Wie bei jeder Wahl wurden die drei TV-Debatten von einem Großteil der Studierenden in Bars oder daheim verfolgt. Statt aber kontrovers über Inhalte zu diskutieren, wurde währenddessen „Trump-Bingo“ gespielt. Die Regeln: Für Begriffe wie „Mexiko“, „wall“, „business“, „great people“ oder „wrong“ musste ein Schnaps getrunken werden. An der Wahl wird sich ein Großteil der Studierenden beteiligen. Nach reiflicher Überlegung, aus taktischen Gründen und um eine Wahl Trumps zu vermeiden – aber nicht etwa aus Überzeugung –, werden sie ihre Stimme Hillary Clinton geben.

Johannes Sosada war studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er studiert  für ein Jahr im Studiengang „Global Affairs“ in Yale, in Tübingen absolviert er den Studiengang „Friedensforsschung und Internationale Politik“.

[1] Eine aktuelle Aufstellung medienübergreifender Umfragen kann auf der Website „realclearpolitics“ eingesehen werden; URL: http://www.realclearpolitics.com/epolls/latest_polls/ [eingesehen am 04.11.2016].

[2] Vgl. Yale Daily News: Election 2016: Just five percent of students support Trump, 24.10.2016, URL: http://features.yaledailynews.com/blog/2016/10/24/election-2016-presidential-candidates/ [eingesehen am 04.11.2016].

[3] Die Ergebnisse der US-Bundesstaaten in den jeweiligen Präsidentschaftswahlen können auf der Website „270towin“ eingesehen werden; URL: http://www.270towin.com/states/Connecticut/ [eingesehen am 04.11.2016].

[4] The Yale Daily News: Hillary Clinton Law ’73 for President, 26.10.2016, URL: http://yaledailynews.com/blog/2016/10/26/news-view-hillary-clinton-law-73-for-president/ [eingesehen am 04.11.2016].


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