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Ränkespiele zweier Serien (2): Game of Thrones

Jöran Klatt |  24. Mai 2016 |   |  Drucken

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[analysiert]: Jöran Klatt über den Realismus von „Game of Thrones“

Ein Blick in die fantastische Welt, in der „Game of Thrones“ spielt, zeigt uns zunächst scheinbar eine ähnlich düstere Szenerie wie „House of Cards“. In der Serie ringen sieben Häuser um die Hegemonie des fiktiven Kontinents Westeros. Das „Lied von Eis und Feuer“, wie die literarische Grundlage heißt, lässt beinahe jeden liebgewonnenen Charakter riskant leben. Zahlreich fallen Hauptcharaktere und Sympathieträger, meist und zuerst jene, die sich durch moralische Tugenden auszeichneten und diesen erliegen. Auch für „Game of Thrones“ scheint also die Mode des Düsteren zu gelten, die die moderne Popkultur durchdringt. Und auch das Gütekriterium der realistischen Politikdarstellung wird für „Game of Thrones“ angeführt. Obgleich die Serie angesiedelt ist in einer fantastischen Anderswelt, Drachen, Magie und Fabelwesen zwar nicht die zentrale, aber eben doch eine Rolle spielen, zeige sie uns doch ebenso „Dinge, die uns näher stehen, als uns lieb ist“, handele sie gar von dem, was Niccolo Macchiavelli in seinem „Fürst“ beschrieben hat.[1]

Fantasy ist immer auch irgendwie das, was der Historiker Jörn Rüsen „Geschichtskultur“ nennt. Die fiktionale Architektur und Geographie, mit denen die Anderswelt geschaffen wird, greifen oft auf die historische Vorstellungskraft, auf die Bilder, die man von Geschichte hat, zurück (in Fantasyszenarien ist es meist das Mittelalter). Mit Realismus hat das oft wenig zu tun. Indes hat sich George R. R. Martin für die Serie nicht nur von J. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, sondern u.a. von den realen Rosenkriegen inspirieren lassen. Geschichte ist hier nicht nur die Bühne, sie dient auch der Narration als Grundlage.

„Game of Thrones“ ist nicht minder düster als der Kosmos des Frank Underwood. Das Weltbild spricht eine eindeutige Sprache: „Wer sich in die Politik begibt, kommt darin um.“[2] Doch es gibt einen gravierenden Unterschied: “Game of Thrones“ ist deutlich komplexer. Die Regeln des Spiels der Throne sind mannigfaltig und kompliziert. Während Underwood durch geschicktes Bespielen des Machtinstrumentariums, durch das Akzeptieren der spieltheoretischen Realität, reüssiert, ist die Realität in „Game of Thrones“, in Anlehnung an den Philosophen Alain Badiou, „atonal“ – somit nach Žižek „eine Welt“, „der ein ‚Punkt‘ fehlt“.[3] Auch „Game of Thrones“ handelt nicht vom Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen.[4] Und so ist in der Serie weder ein eindeutiges ideologisches noch ein machhierarchisches Zentrum auszumachen. Die Häuser und anderen Fraktionen, die in Westeros um die Hegemonie streiten, unterscheiden sich dabei nicht nur durch ihre besseren oder schlechteren Positionen im Ränkespiel, sondern auch und vor allem durch verschiedene Weltanschauungen, Selbstbildnisse, Philosophien und Ideologien. Und selbst innerhalb dieser Häuser divergieren die Standpunkte, die Willensbildung ist ambig. Der Garant für Macht wandelt sich über den Verlauf der Handlung ebenso schnell wie die eben jener Macht oft zum Opfer fallenden Hauptcharaktere. In einem Moment gründet sich die Vorherrschaft auf Ehre und Tradition, kurze Zeit darauf obsiegt das Finanzielle, wiederum wenig später die Armee.

Dabei ist die Serie selbstreflexiv. „Macht“, sagt Lord Varys, einer der trickreichen Ratgeber des Königs, sei „ein Trick, ein Schatten an der Wand.“ [5] Mehr noch als um den Weber’schen Machtbegriff scheint es hier um Michel Foucaults Machtverständnis zu gehen, demzufolge man die „Mikrophysik“ der Macht nur verstehen könne, wenn man diese als eine „immerwährende Schlacht“ begreife.[6] Wenn der homo politicus in „House of Cards“ vor allem ein homo oeconomicus ist, dann ist er in „Game of Thrones“ ein homo ludens.[7] Es gibt eine Ebene der Realität, die durchaus menschengemacht und konstruiert ist.

Gleichwohl negiert die Serie nicht die strukturellen und materiellen Bedingungen, in denen sich Politik bewegen muss. Sie zeichnet keineswegs eine geschlossene Sphäre des Politischen, sondern setzt weit offenere und fließendere Grenzen. Während „House of Cards“ den Demos nahezu ausschaltet, wird er in „Game of Thronesnach und nach zu einem stärkeren Faktor ausgebaut. Die Serie zeigt – wie Fantasy auffallend häufig – ein Feudalsystem in der Krise.[8] Ein Teil der Hauptcharaktere verliert sich in der Kabale am Hofe, darüber vergessen sie die wahren Bedrohungen. Aus den verschiedensten Richtungen nähern sich Gefahren für die geordnete Welt. Von Norden marschiert eine Armee Untoter heran, die sogenannten White Walkersdie die meisten BewohnerInnen Westeros allerdings für ein Ammenmärchen halten. Die White Walkers wiederum treiben ausgeschlossene Menschen, die Wildlings, vor sich her. Darüber hinaus rottet sich in der Ferne, jenseits des Meeres, ein Sklavenaufstand zusammen. Das Ränkespiel in Westeros verharrt dabei als ein weitgehend autonomes und von der Realität abgekoppeltes System, lethargisch und passiv mit sich selbst beschäftigt, außerstande, diesen  Bedrohungen etwas entgegenzusetzen oder sie überhaupt ins Auge zu fassen.

Auch wenn George R. R. Martin solche Analogien als unbeabsichtigt bezeichnet, es drängen sich Parallelen zu realen „existenziellen Bedrohungen“ auf: Parallelen zwischen den White Walkers und dem Klimawandel, zwischen den Wildlings und der Flüchtlingskrise, zwischen einer einflussreichen ominösen Bank im fernen Bravos und der Finanzkrise; und der Sklavenaufstand lässt sich im Kontext zahlreicher realer Ungerechtigkeiten im Spätkapitalismus lesen.[9]

An die Spitze der Sklaven stellt sich die Tribunin Daenerys Targaryen, gleichsam einer Mischung aus Julius Caesar und Spartakus bereit, den faulen korrumpierten Senat aus Rom, in diesem Fall: aus „King’s Landing“, der Hauptstadt Westeros‘, zu vertreiben. Ihre Naivität lässt sie mitunter selbstherrlich, autokratisch und oft aufbrausend agieren. Gleichwohl folgen ihr Menschen, die in der Politik nur noch Ränkespiele à la Frank Underwood sehen. Dieser sei „der Inbegriff des Washingtoner Politestablishments, das [Donald] Trump seinen Wählern als Zerrbild um die Ohren haut, wenn er trompetet, womit er aufräumen will.“[10] In „Game of Thrones“ ist Daenerys eine Hoffnungsträgerin derjenigen, die vom „Establishment“ genug haben, eine der Parallelen die sie (neben der Haarfarbe) mit Donald Trump hat – aber eben auch mit Bernie Sanders.

Der Publizist Ed Smith hat darauf hingewiesen, dass Zynismus als Strategie in der Politik nicht überbewertet werden dürfe.[11] Er fragt sich, ob Francis Underwood mit seiner nüchternen Betrachtungsweise der Welt die Menschen auch in der Realität erfolgreich und effektiv an sich binden könne. Smith negiert. In der realen Welt seien es nicht immer die Strategen und Schachspieler, die ihre Ziele und die Sympathien der Massen erreichten. Er empfiehlt, sich weniger an Machiavelli und mehr an Shakespeare zu halten. Wie das Beispiel des Prince Hal (des späteren Heinrich V.) zeigt, dessen Lehrjahre ihm später als Quell der Kraft, der Bodenständigkeit und der Sympathiegewinnung dienten, sei es oftmals besser, „to surprise everyone with a late conversion to discipline and ambition than to be seen as a coldly calculating strategist all along. […] Simply self-interest is not just bad PR, it is often bad strategy. It suffers from a fatal flaw: it is predictable. […] The world portrayed as a cynical dystopia has a bracing clarity. Yet it is a narrative con, every bit as much as sentimentality is. “[12] Der eigentliche Hoffnungsträger und der mit Abstand beliebteste Charakter in „Game of Thrones“, der Zwerg Tyrion Lannister, ist zwar zuweilen auch zynisch – aber nicht gegenüber der Welt, sondern gegenüber sich selbst. Es ist gerade der Hedonismus – er mag ihm durchaus als Eskapismus dienen –, der ihn so sympathisch macht. Dass so viele Fans dieser Figur ihr Vertrauen schenken, mit ihm bangen und auf ihn hoffen, erscheint als Hoffnungsschimmer auf das Politische als eine menschliche Disziplin.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung und promoviert an der Uni Hildesheim. Für INDES war er (gemeinsam mit Julia Kiegeland) verantwortlich für die Ausgabe „Politikserien“; er hat mit  Katharina Rahlf diese Blogreihe konzipiert.

 

[1] Caro, Hernán D.: Spielen und morden, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.04.2015.

[2] Lau, Mariam: Wer in die Politik geht, kommt darin um. Warum die Fantasy-Serie „Game of Thrones” bei den Piraten so populär ist, in: Zeit Online, 02.08.2012, URL: http://www.zeit.de/2012/32/Piratenpartei-Game-of-Thrones [eingesehen am 05.05.2016].

[3] Žižek Slavoj/Born, Nikolas: Auf verlorenem Posten, Frankfurt a. M. 2008, S. 91.

[4] Caro, Hernán D.: Spielen und morden, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.04.2015.

[5] Und nicht wie, Mariam Lau schreibt, der Zwerg Tyrion Lannister.

[6] Foucault, Michael/Seitter, Walter: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 2014, S. 38.

[7] Vgl. Möller, Kolja: House of Cards, Veep, Borgen. Was kann man von den neuen Polit-Serien lernen?, in: Prager Frühling, 2015.

[8] Mason, Paul: Can Marxist theory predict the end of Game of Thrones?, in: The Guardian, 06.04.2015, URL: http://www.theguardian.com/tv-and-radio/2015/apr/06/marxist-theory-game-of-thrones-lannisters-bankers-sex-power-feudal-westeros-revolution [eingesehen am 21.04.2016].

[9] Caro, Hernán D.: Spielen und morden, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.04.2015.

[10] Hanfeld, Michael: Über ihn darf man kein falsches Wort verlieren, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2016.

[11] Smith, Ed: The House of Cards school of political ambition is flawed, in: New Statesman, 20.03.2014, URL: http://www.newstatesman.com/politics/2014/03/house-cards-school-political-ambition-flawed [eingesehen am 21.04.2016].

[12] Ebd.


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