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Fußballstadien: Ambivalenz der Masse

Alexander Voss |  8. Juni 2016 |   |  Drucken

Banner: Orte der Demokratie

[analysiert]: Alexander Voß über das Stadion als Ort der Demokratie.

Denkt man an einen „Ort der Demokratie“, fällt so manchem die Wiese vor dem Reichstagsgebäude ein. Vieles, was man sonst nur im Fernsehprogramm sieht – die Politik, die Regierung, die Macht –, liegt hier frei und offen vor dem Bürger. Der Himmel ist blau, das Gras grün, die Kuppel glänzt in der Sonne und wehende Deutschland- und Europa-Flaggen runden die Szenerie ab. Kurzum: Alles sehr bunt und schön hier.

Denkt man jedoch an ein Stadion – insbesondere an ein Fußballstadion –, so mag einem zuerst angelaufener Sichtbeton in den Sinn kommen. Häufig ist es dort kalt und unangenehm klamm. Regelmäßige Besucher wissen: Es riecht nach Zigaretten, Stadionwurst und Mitmensch. Das Spiel dauert noch vierzig Minuten, aber ist schon seit zwanzig Minuten gelaufen. Der Hals trocken vom Schreien und Fluchen, der Versuch, die letzten zwei Schluck schales Bier im Plastikbecher zu vermeiden, um sich die Stadiontoiletten zu ersparen. Im Grunde will – und dies ist das Überraschende – niemand mehr wirklich hier sein. Nick Hornby beschreibt diese Stimmung bei einem seiner ersten Stadionbesuche in seinem Welterfolg „Fever Pitch“: „What impressed me most was how much most of the men around me hated, really hated, hated beeing there. […] [A]s the game went on, the anger turned into outrage, and then seemed to curdle into sullen, silent discontent.“[1] Trotzdem bleibt man. Trotzdem kommt man wieder.

Es sind zwei recht unterschiedliche Bilder, die hier gezeichnet worden sind. Doch genau dieser Unterschied, noch genauer: die Fallhöhe zwischen diesen Bildern zeigt, warum gerade das Stadion ein außerordentlich bedeutender Ort der Demokratie ist.

Auch wenn sich der Geschmack der Zuschauer über die Jahrhunderte hinweg vom blutigen Gladiatorenkampf hin zum sportlichen Wettstreit entwickelt hat, haben sich die Stadien in ihrer Form und Funktion seit der Antike wenig verändert. In konzentrisch ansteigenden Kreisen rahmen die Ränge ein Spielfeld ein und geben so die Grundform klassischer wie moderner Arenen vor. Die soziale Gräben, die zwischen Stehtribüne, Familien-Block und den durchgestylten VIP-Séparées einer „Captain Morgan“- (FC St. Pauli) oder „Yokohama Tyres“-Loge (FC Chelsea) verlaufen, erscheinen dabei fast so manifest wie die Segregation der antiken Ständegesellschaft in den peinlich genau getrennten Rängen des Kolosseums. Auf dem neuesten Stand von Baukunst und Entertainment-Technologie, sind viele Stadien heute wie damals Stolz und Symbol einer ganzen Stadt – man denke nur an Wembley, Maracanã oder Santiago Bernabéu –; und nicht selten werden sie klangvoll als „Kathedralen des Sports“ tituliert. Eine Bezeichnung, die angesichts der quasi-religiösen Beziehung vieler Fans zu ihrem Verein zunächst einleuchtend erscheint.

Doch aus architekturpsychologischer Sicht ist das genaue Gegenteil der Fall: Während die Kathedrale dem Individuum seine ganz persönliche Unbedeutsamkeit im Gegensatz zur Omnipotenz des Göttlichen vermitteln will, transzendiert das Stadion den Einzelnen durch seine Auflösung in der Masse.[2] Denn anstelle einer Gemeinschaft der Gläubigen, die sich als Gruppe zum Dienst an einer höheren Macht zusammenfindet, formt das Stadion ein homogenes Kollektiv, das ganz und gar sich selbst und seiner Großartigkeit verschrieben ist. Das Kollektiv der Masse im Stadion ist – wie Elias Canetti beschreibt – eben nicht auf ein jenseitiges, externes Ziel gerichtet, sondern seiner Natur nach auf zweifache Weise geschlossen: „Nach außen, gegen die Stadt, weist die Arena eine leblose Mauer.“[3] Die Menschen im Stadion sind von der Stadt und ihren alltäglichen Sorgen und Rollen darin bautechnisch abgeschottet. Für die Dauer des Wettkampfes kehren sie der Stadt den Rücken zu. Das Stadion trennt sie dadurch von den Faktoren, welche die Versatzstücke ihrer alltäglichen Identitäten bilden. Gleichzeitig ist die Masse auf den Rängen in sich selbst geschlossen: „Der Ring, den sie bildet, ist geschlossen. Es entkommt ihr nichts.“[4]

Die von Canetti hier beschriebene im wahrsten Sinne des Wortes endlose Masse erhebt so die in ihr verschmolzenen Individuen sowohl aus deren profanem Alltag als auch aus der rigiden Begrenztheit individueller Existenz. In diesem Zustand erleben sich die Anwesenden nicht als die Gemeinschaft einer Gruppe, sondern vielmehr als eine omnipräsente Gesellschaft. Es ist das Erlebnis von Masse, in dem sich für den einzelnen Teilnehmer Gesellschaft als manifeste Sensation und nicht bloß als abstrakte Kategorie darstellt. Die abstrakte Kategorie, als welche die Gesellschaft sonst in Erscheinung tritt, wird durch dieses konkrete Erlebnis mit Bedeutung aufgeladen, was wiederum den abstrakten Begriff Gesellschaft zu einer konkreten, da sinnlich erfahrenen Tatsache macht. So erhält nicht nur der Begriff einen Sinn, sondern der Besucher kann sich im Stadion auch der tatsächlichen Existenz der Gesellschaft versichern. Im Stadion erlebt das Individuum infolgedessen weit mehr als nur einen betörenden Zirkus: Es erlebt Gesellschaft durch die Erfahrung von Masse.

Das Stadion ist ein Ort der Masse, nichts anderes ist sein Zweck. In dieser Funktion liegt nahe, es als einen politischen Ort zu sehen. Doch als einen Ort der Demokratie? Das in der Masse aufgelöste Individuum scheint doch kaum etwas gemein zu haben mit dem freigeistigen Citoyen, als den man sich einen Staatsbürger  vorstellt. Im Gegenteil: Von Canetti bis Michels haben politische Theoretiker die Masse und den Massenmenschen – mal als positives, mal als negatives – Gegenstück zum demokratischen Bürger beschrieben. Ein klassisches Beispiel dieser Positionen ist Michael Oakeshotts Konzept des Anti-Individuums[5]: Da die Moderne die Individualität als solche zum ethischen Grundsatz erklärt, wird die persönliche Unfähigkeit zur gelebten Individualität zu einer ethischen Verfehlung. Das betroffene „gescheiterte Individuum“[6] findet Schutz in der Masse und wandelt sich schließlich zum Anti-Individuum, das danach strebt, alle Individualität auszutilgen, um seine eigene Unfähigkeit zu verbergen. Doch dazu ist es ohne einen Führer nicht in der Lage. „Dem ‚Anti-Individuum‘ mußte [sic!] man sagen, was es zu denken hat, […] es mußte [sic!] dafür gesorgt werden, daß es sich seiner Macht bewußt [sic!] wurde, und alles dies war die Aufgabe seiner Führer.“[7] Demnach werde das Streben nach dem Erlebnis von Masse immer zum Streben nach einem antidemokratischen Führerstaat.

Doch genau an dieser Stelle zeigt sich die Besonderheit der Masse im Stadion. Denn im Gegensatz zu den von Oakeshott beschriebenen Anti-Individuen strebt sie eben nicht nach einem Führer. Sie akzeptiert keine externen Befehle, sondern ist in sich zweifach geschlossen. Sie ist sich selbst das Höchste und Heiligste und verlangt nicht nach absoluter Führung, sondern nach demütiger Huldigung. Ihr üblicher Aggregatzustand ist eben nicht der eines entrückten Claqueurs, sondern eines unbefriedigten Kritikers. So ist der Bürger, bei dem die, genau zu diesem Zweck inszenierte Ästhetik des Reichstages ein diffuses Gefühl von Freiheitsliebe und vielleicht sogar eine Spur Patriotismus auslöst, dem Oakeshott’schen Anti-Individuum sehr viel näher als der Stadionbesucher, der im Abstiegskampf seine (vermeintlich) eigene Mannschaft verwünscht.

Die Masse im Stadion ist sich selbst das Höchste und existiert nur für das Erlebnis ihrer eigenen Existenz – das Erlebnis von Gesellschaft. Damit ist das Stadion zwar kein demokratischer Ort und doch ein Ort der Demokratie. Denn die egozentrische Masse im Stadion stellt sich auch dem Herrschaftsanspruch der demokratischen Ordnung entgegen. Sie verweigert sich jedwedem Idealtypus legitimer Herrschaft und lässt sich weder mit Input- noch Output-Legitimation bestechen. Weder aus Wahlen noch der Verfassung oder gar aus universellen Rechten lässt sich im Weltbild der Masse eine akzeptable Selbstbegrenzung ableiten. Niemand steht über der endlosen Masse!

Doch es ist die liberale Demokratie, die als einzige Herrschaftsform dazu bereit ist, diese Provokation zu ertragen. Nur eine Demokratie ist bereit, der Gesellschaft einen Eigenwert beizumessen, der möglicherweise über dem Wert der eigenen Macht liegt. Dies ständig und kritisch gegeneinander abzuwägen, ist eines der Kernprobleme, aber auch der besonderen Leistungen einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Durch ihre offene Ablehnung aller Ordnung außerhalb ihrer selbst stellen die Besucher des Stadions einer freiheitlichen Demokratie stets die Gretchenfrage nach ihrem eigenen Anspruch auf universelle Gültigkeit. Die kollektive Masse im Stadion steht damit paradoxerweise als ein Symbol für das stets ambivalente Verhältnis von demokratischer Herrschaft und individueller Freiheit. An ihrer grenzenlosen und unbelehrbaren Selbstverliebtheit kristallisiert sich auf einzigartige Weise eine zentrale Frage demokratischer Politik. Deshalb ist das Stadion ein ungewöhnlicher und oft auch kein schöner, jedoch zweifelsohne ein bedeutender Ort der Demokratie.

Alexander Voß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie an der Georg-August-Universität Göttingen. Er lehrt und forscht u.a. zu politischen Ritualen und dem Einfluss von moderner Technologie auf klassische Governance Konzepte. Darüber hinaus ist er leidenschaftlicher Mitleidender des ehemals großen Hamburger SV.

[1] Hornby, Nick: Fever Pitch, London 1992, S. 20.

[2] Siehe Tabor, Jan: Olé. Architektur der Erwartung. Traktat über das Stadion als Sondertypus politischer Geltungsbauten, in: Marschik Matthias et al. (Hrsg.): Das Stadion. Geschichte, Architektur, Politik, Ökonomie, Wien 2005, S. 49–88, hier S. 55 f.

[3] Canetti, Elias: Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1999, S. 29.

[4] Ebd., S. 30.

[5] Siehe Oakeshott, Michael: Die Masse in der Repräsentativen Demokratie, in: Hunold, Albert: Masse und Demokratie, Zürich/Stuttgart 1957, S. 189–214.

[6] Ebd., S. 199.

[7] Ebd., S. 202.

 


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