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Freundschaft als Ort der Demokratie

Yvonne Blöcker |  26. November 2015 |   |  Drucken

Banner: Orte der Demokratie

[analysiert]: Yvonne Blöcker analysiert einer Kinderzeichnung zum Thema „Miteinander leben“.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Politikwissenschaft zunehmend mit Fragen, ob und wie Kinder Demokratie wahrnehmen und erleben.[1] Gerade in diesem Themenfeld bietet sich eine kreative Herangehensweise an, um Erfahrungen, Deutungsmuster und Assoziationen von Kindern zu Demokratie herauszuarbeiten – auch wenn sie den Begriff unter Umständen (noch) nicht kennen. In einer Fokusgruppe mit Kindern wurden diese gebeten, ein Bild zu malen, wie sie sich das menschliche Zusammenleben vorstellen. Der Begriff „Demokratie“ wurde dabei zwar nicht genannt, doch sollte diese Aufgabenstellung erfahrbar machen, wie Kinder das Zusammenleben in der Demokratie wahrnehmen. So stellt sich die Frage, welchen Aspekt des Zusammenlebens in der Demokratie sie besonders hervorheben. Nachfolgend wird im ersten Schritt beispielhaft eine Kinderzeichnung anhand der dokumentarischen Methode analysiert[2] und im zweiten Schritt ein Bezug zu Demokratie hergestellt.[3]

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Quelle: eine Schülerin, zehn Jahre alt

Das Bild, gemalt von einem zehnjährigen Mädchen, zeigt drei Personen, die sich lachend die Hände reichen. Die linke und rechte Person sind sehr ähnlich gemalt: Beide tragen einen Pullover, einen Gürtel und eine Hose; wobei es sich im Falle der rechten Person auch um einen Rock handeln könnte. Ihre Frisuren sind kurz bzw. in Schulterhöhe. Die Person in der Mitte ist hingegen etwas anders dargestellt: Sie trägt zwar auch einen Pullover und eine Hose, aber keinen Gürtel, und ihre Haare sind besonders kurz bzw. nur auf der oberen Hälfte des Kopfes zu erkennen. Über allen drei Figuren sind Gedankenblasen zu lesen: Die erste Person sagt/denkt: „Happy“, die zweite Person äußert/denkt: „Ich mag euch“, und die dritte Person stellt mit ihrer Aussage einen Bezug zu den ersten beiden her, indem sie mitteilt/denkt: „Ihr seid die besten!“

Deutlich wird, dass die Zeichnung eine Form des Zusammenlebens darstellt: sich mögen. Hier äußern zunächst zwei Figuren (Person zwei und drei), dass sie sich mögen würden, während die linke Figur den Glückszustand „Happy“ mitteilt – welche konkrete Beziehung sie zueinander haben oder ob bspw. ein Konflikt vorausgegangen ist, bleibt zunächst offen. Anhand der Aussagen und indem sich die Personen die Hände reichen, ist zu vermuten, dass es sich hier um Freundinnen und/oder Freunde handelt. Gerade das Händehalten drückt eine freundschaftliche Verbindung zwischen den Personen aus und zeigt zudem eine nonverbale Form der Zuneigung. Zusätzlich symbolisiert das Händehalten, neben den fröhlichen Gesichtsausdrücken, dass hier ein bestimmter (freundschaftlicher) Zusammenhalt besteht. Vor allem dieses Zusammengehörigkeitsgefühl kann vermitteln, dass man nicht alleine ist und man gemeinsam etwas bewirken und unter Umständen verändern kann.

Die Künstlerin erklärte später, dass auf dem Bild Kinder dargestellt seien und es sich dabei um beste Freunde handele. Diese Freunde würden sich mögen und „sind glücklich“, wie sie im Rahmen der Fokusgruppe weiter ausführte. Auf die Frage der Moderatorin der Fokusgruppe, ob sie eine solche Situation kenne, antwortete die Schülerin: „Ja, ich habe einen besten Freund und habe eine beste Freundin.“

Freundschaft wird bei ihr somit nicht geschlechtsspezifisch erlebt und dargestellt: Beste Freundschaft muss in ihrer Sicht nicht nur unter Jungen oder nur unter Mädchen bestehen. Daher liegt der Schluss nahe, dass die Person in der Mitte (mit den kurzen Haaren) einen Jungen bzw. ihren besten Freund darstellt, während die anderen Figuren die Künstlerin und ihre beste Freundin symbolisieren – wobei hier keine auffälligen stereotypischen weiblichen Kleidermerkmale verwendet wurden wie etwa Röcke oder Kleider.

Das Sich mögen ist zunächst ein menschliches Beziehungsverhältnis, welches insbesondere das Private betrifft. Dennoch kann ein Bezug zur Demokratie gefunden werden: Wer andere wertschätzt, ihnen – auch Fremden – respektvoll begegnet, legt Grundlagen für ein demokratisches Zusammenleben. Die eigene Einstellung den Mitmenschen gegenüber spiegelt das soziale Verhalten wider. Daher ist nicht verwunderlich, dass dies für eine Demokratie von Bedeutung ist und in der politischen Bildung den Ansatz der Sozialkompetenz darstellt. Hiermit sind Fähigkeiten gemeint, in sozialen Kontexten agieren, kooperieren und reflektieren zu können.[4] Demnach werden als Ziele sozialen Lernens Aspekte wie Gefühle äußern, sich eine Meinung bilden, seinen Standpunkt vertreten, Akzeptanz, Respekt und Kompromissfähigkeit genannt.[5] Diese Eigenschaften und Fähigkeiten stellen einen wichtigen Baustein für das Zusammenleben in einer Demokratie dar.

Zudem vermitteln freundschaftliche Erfahrungen, dass Probleme und Sorgen gemeinsam bewältigt werden können. Insbesondere diese positiven Erfahrungen in Gruppen ermöglichen, Selbsterfahrung und Selbstwirksamkeit zu sammeln. Die Selbstwirksamkeitstheorie geht davon aus, dass, wenn ein Glaube an das eigene Können und eine positive Erwartungshaltung bestehen, Handlungen begonnen und auch erfolgreich zu Ende geführt werden.[6] Die Überzeugung, (gemeinsam) etwas erreichen zu können, ist somit auch eine Grundlage für politisches Selbstzutrauen: „Je nachdem, wie sich Selbstwirksamkeitserfahrungen bei Kindern entwickeln, können sie sich später im Jugend- und Erwachsenenalter als machtlos erleben, was wiederum Auswirkungen auf die Einstellung zu Demokratie und Politik haben kann.“[7] Demnach meint politisches Selbstzutrauen die Fähigkeit, „sich selbst zuzutrauen, politisch und demokratisch wirksam werden zu können und das Gefühl zu haben, dass ein Partizipieren in der Demokratie nicht sinnlos ist […].“[8] Diese Fähigkeit oder dieses Gefühl gewinnt besonders dann an Bedeutung, wenn es darum geht, Demokratie zu leben und zu gestalten. Denn kaum eine andere politische Regierungsform ist so sehr auf das Mitwirken und Handeln ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen wie die Demokratie. Sie benötigt diejenigen, die selbst wirken wollen – sei es in Form von Wahlen, Parteimitgliedschaft oder anderen bürgerschaftlichen Aktivitäten.

In dem hier angeführten Beispiel nimmt die Schülerin Demokratie v.a. unter dem Aspekt sich mögen/Freundschaft wahr bzw. ist dies ihr „Ort der Demokratie“. Sie lässt erkennen, wie wichtig ihr ihre besten Freunde sind und dass gerade Freundschaft für sie ein zentraler Aspekt im Zusammenleben (in der Demokratie) ist. Dabei verdeutlicht die Schülerin auch, dass Freundschaft nicht geschlechtergetrennt sein muss: Sie selbst hat einen besten Freund und eine beste Freundin, was sich auch in ihrem Bild wiederfinden lässt. Freundschaft kann ferner zu einem positiven Gefühl wie „Happy“ führen und bietet Kindern jenen Erfahrungsraum, der das eigene Selbstzutrauen positiv stärken kann, damit sich hieraus im Idealfall ein positives politisches Selbstzutrauen entwickelt. Demokratie lässt sich somit auch in Fähigkeiten und Eigenschaften wie Respekt, Akzeptanz und Kompromissbereitschaft verorten – wie in der hier angeführten Zeichnung der Schülerin erkennbar geworden ist.

Yvonne Blöcker arbeitete bis 2014 am Göttinger Institut für Demokratieforschung.  Zurzeit promoviert sie zum Demokratie- und Politikverständnis von Kindern in Migrationsmilieus. 2014 erschien der Sammelband „Kinder und Demokratie. Zwischen Theorie und Praxis“.

[1] Vgl. Blöcker, Yvonne/Melchert, Johannes: Zum Verhältnis von Kindern und Politikwissenschaft, S. 35-44, in: Blöcker, Yvonne/Hölscher, Nina (Hrsg.): Kinder und Demokratie. Zwischen Theorie und Praxis, Schwalbach/Ts. 2014.

[2] Vgl. Wopfner, Gabriele: Zeichnungen als Schlüssel zu kindlichen Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen, in: Rendtorff, Barbara/Prengel, Annedore (Hrsg.): Kinder und ihr Geschlecht, Opladen 2008, S. 163-176.

[3] Weitere Analysen von Kinderzeichnungen zu diesem Thema sind im folgenden Artikel zu finden: Blöcker, Yvonne/Hölscher, Nina/Zimmer, Miriam: Demokratie in Bildern – Eine Analyse von Kinderzeichnungen zum Thema Miteinander leben, in: Blöcker/Hölscher (Hrsg.), S. 117-136.

[4] Vgl. Kirchhöfer, Dieter: Entgrenzung des Lebens – das soziale Umfeld als neues Lernfeld, in: Brödel, Rainer/Kreimeyer, Julia (Hrsg.): Lebensbegleitendes Lernen als Kompetenzentwicklung. Analysen, Konzeptionen, Handlungsfelder, Bielefeld 2004, S. 103-122.

[5] Vgl. Budde, Jürgen: Inszenierte Mitbestimmung?! Soziale und demokratische Kompetenzen im schulischen Alltag, in: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 56 (2010), H. 3, S. 384-401.

[6] Vgl. Satow, Lars: Klassenklima und Selbstwirksamkeitsentwicklung. Eine Längsschnittstudie in der Sekundarstufe I, Berlin 2000, URL: http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000000271/?hosts= [letzter Zugriff am 14.10.2015], S. 11 ff.

[7] Blöcker, Yvonne: Politisches Selbstzutrauen, Frustrationstoleranz und Partizipation von Kindern: „Mir hat am besten gefallen, dass wir Politiker waren und selbst etwas bestimmen durften.“, in: Blöcker/Hölscher (Hrsg.), S. 81-98, hier S. 83.

[8] Ebd.


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