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Franz Josef Strauß: Meister der Manege

Robert Lorenz |  8. September 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz über das Außergewöhnliche an Franz Josef Strauß.

Schon damals, noch zu Lebzeiten, war er ein Monument der Berufspolitik. Schwere Gesichtszüge, der Hals darunter kaum erkennbar, eine Furche auf der Stirn: Als Franz Josef Strauß am 1. Oktober 1988 nach einem Besuch des Münchner Oktoberfests auf dem Weg zur Jagd zusammenbrach und zwei Tage später verstarb, war der damals 73-Jährige gezeichnet von einigen Jahrzehnten alltäglicher Arbeit für die Politik. Wie er wohl heute ausgesehen hätte, an seinem 100. Geburtstag am 6. September 2015? Schon physiognomisch gehörte Strauß spätestens seit den 1960er Jahren zu den auffälligsten Spitzenpolitikern der Bundesrepublik und war deshalb allein äußerlich eine Erscheinung, die man so schnell nicht vergisst. Doch auch sonst gilt: Strauß polarisierte und polarisiert noch immer, es gab und gibt Lager der Anhänger (manche sprechen von Jüngern) und der Gegner (manche sprechen von Feinden). Konsens scheint allein in der Wahrnehmung zu herrschen, dass Strauß eine ganz besondere, nahezu einzigartige Figur gewesen sei.

Fast immer fällt sein Name – wechselnd gefolgt von dem Herbert Wehners oder Willy Brandts –, wenn Beispiele gesucht werden für kantige und charismatische Politikertypen, die noch entschiedene Meinungen vertreten, klare Ziele verfolgt und „die Wahrheit“ gesagt hätten. Gemeinhin bildet Strauß die Kontrastfolie zum heutigen Politikpersonal, das gleichförmig und langweilig daherkomme, nur noch „Blabla“ rede und sich aus Angst vor öffentlichen Reaktionen nicht traue, eine klare Position zu beziehen. Indes: Zeitgenössischen Beobachtern galt Strauß in seinen Ansichten als schwammig, unverbindlich und so wechselhaft wie das Wetter.[1] Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Und was machte Strauß so unverwechselbar, was erklärt seinen Mythos?

Franz Josef Strauß als Redner 1972

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038043-0021 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Strauß war kein gewöhnlicher Politiker, er war eine zirkusähnliche Attraktion, die Politik seine Manege. Bereits früher, und nicht erst im Vergleich mit heutigen Politikern, stach er aus der Masse der Berufspolitiker heraus. Völlig egal, wo Strauß auftauchte, auch außerhalb Bayerns quollen die Zelte und Hallen über vor Zuhörern.[2] Vielen machte es offenbar einfach Spaß, dem tobenden Bajuwaren bei seinen Philippiken zuzusehen. Denn Strauß-Auftritte waren Events, auf denen sich die Zuschauer wie das hysterische Auditorium eines Justin-Bieber- oder Lady-Gaga-Konzerts verhielten: eine frenetische Menge zahlloser Menschen, deren tosender Applaus die Einzugsmusik der bereitstehenden Blaskappelle übertönte und die sich gelegentlich auf die Stühle stellten oder auf Bierbänke kletterten.[3] Nicht nur, dass für Strauß-Veranstaltungen Eintrittsgelder kassiert wurden – obendrein existierte hierfür ein Schwarzmarkt.

Strauß verhielt sich bei seinen Auftritten wie Klaus Kinski: Er lauerte auf Zwischenrufe und gegnerische Plakate oder auf jede noch so kleine Geste im Publikum, um einen Anlass zu haben, in Zorn auszubrechen, zu toben und zu zetern.[4] Oliver Kahn hielt im Tor der Bayern immer dann am besten, wenn er mit Bananen beworfen und mit Schmährufen belegt wurde; Strauß erhielt sein Adrenalin aus einer aufgeheizten Anti-Strauß-Stimmung. Deswegen vielleicht war auch er selbst deren bester Nahrungsgeber; denn zur Anti-Strauß-Stimmung trug niemand so gut bei wie Strauß selbst. Für seine Leistungen brauchte er die Ausgrenzung, jedenfalls das Gefühl davon.

Ein wenig passte das zu Strauß’ Persönlichkeit, die eine Neigung zur Übertreibung besaß. Oft ist das als „barock“ charakterisiert worden, man könnte aber auch sagen: Strauß neigte zum Exzess. Er aß und trank mehr als die meisten Politiker, arbeitete länger, las sich mehr Wissen an als andere, fuhr nicht nur Auto und Motorrad, sondern flog auch noch Flugzeuge – und nicht anders verhielt es sich mit seinen Reden, in denen er drastischer, lauter, leidenschaftlicher war als fast alle anderen.

Strauß war ein Politiker, für den Rhetorik – einst die Königsdisziplin der Politik – wichtig, ja elementar war. Mit heftigem Dialekt und wütendem Duktus berauschte er die Menschen im Bierzelt, gegenüber Unternehmern machte er Witze und drosch Phrasen – im Bundestag hingegen schaltete er dann mit lateinischen Zitaten in den Modus humanistischer Bildung. Strauß war ein rhetorisches Chamäleon, darin hat ihm später Oskar Lafontaine geähnelt. Hier ein pfiffiges Oxymoron („Roter Faschismus“), da ein gewitzter Slogan („Konservativ sein heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.“): Strauß garnierte seine Reden und Stellungnahmen mit originellen Sentenzen, die im Gedächtnis blieben und die man eben nicht von jedem Politiktreibenden zu hören bekam.

Oft verwendete er Gegensatzpaare, und diese Gegensätze waren fast immer fundamental, existenziell: Freiheit oder Unterdrückung, Krieg oder Frieden, Demokratie oder Nichtdemokratie, Lüge oder Wahrheit.[5] Manchmal ergaben sich dabei schelmische Wortspiele: Die sozialdemokratische Parteizeitung, so Strauß, heiße „Vorwärts“, „aber sie sollte ‚Rückwärts‘ heißen“.[6] Manchmal klang das aber auch martialisch und gebieterisch: „Das Leben ist für den einzelnen ein Kampf, das Leben ist für unsere Nation ein Kampf, es wird für ganz Europa ein Kampf sein. Wer Ihnen etwas anderes sagt, der lügt Sie an!“[7]

So erschien Strauß als jemand, der sich traute, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, der sich trotz seiner Inhaberschaft politischer Spitzenämter nicht verdrehen ließ, der keine oberflächlichen PR-Richtlinien verinnerlichte, seine Meinung im Hinblick auf deren mutmaßliche Wirkung in der Öffentlichkeit nicht zurückhielt, kurz: als einer, der sagt, was er denkt, der seine Meinung über andere Politiker nicht verhehlt. Indem Strauß selten Rücksicht auf floskelhafte Konventionen und fadenscheinige Höflichkeiten nahm, schien er den Wahlberechtigten mit einer außergewöhnlichen Ehrlichkeit zu begegnen. Die rhetorischen Eskapaden des Franz Josef Strauß ließen sich nicht nur als populistische Demagogie interpretieren, sondern auch als Respekt gegenüber den Menschen, sich als Politiker nicht hinter der Fassade einer Rede zu verbergen, die anonyme Mitarbeiter eines professionellen Stabs nach eher technokratischen, jedenfalls kalkulierenden Kriterien erstellt hatten. Und gerade weil zahllose seiner Äußerungen manchmal so selbstzerstörerisch waren, da sie potenzielle Wählerstimmen kosteten, lag der Vorwurf des politischen Opportunismus bei Strauß nicht so nah wie bei anderen.

Da er stets so aggressiv und temperamentvoll auftrat, sich im Fernsehen oder am Rednerpodest als Desperado, als Verfolgter und Geschmähter inszenierte, als Dauerthema in den Medien energisch und omnipräsent wirkte, erschien er doch immer als ein Berufspolitiker, der seinen Job mit Leidenschaft und Ernsthaftigkeit ausübte, statt Diäten einzustreichen und den nächsten Wahltag abzuwarten. Eine solch glaubwürdige Hingabe wird vielen Angehörigen der aktuellen Politikelite abgesprochen. Das war der Vorzug des Entertainmentpolitikers Strauß, der sich darin von vielen ihm nachgefolgten Politikern, die man kritisch als Entertainment- oder Eventpolitiker etikettiert, abhebt.

Zwar besaß seine „Event-Politik“ keine programmatische Tiefe, sie verfügte jedoch über eine demokratisch integrative Funktion: Indem Strauß seine Zuhörer unterhielt, dies aber im Kontext ernsthafter Themen und Probleme tat, verkoppelte er Politik und Wähler. Einer wie Strauß bot Publikumsvergnügen und Spektakel, aber konfrontierte die Menschen auch mit politischen Anliegen. Strauß konnte – wie später vielleicht nur Oskar Lafontaine – unzufriedene Bürgerinnen und Bürger bei der Politik halten und vom Votum für extremistische Parteien abhalten, die Politikverdrossenheit mindern.

Da interessierte dann auch nicht mehr, dass sich Strauß ansonsten erstaunlich wenig von heutigen Politikern unterschied. Denen wird oft vorgeworfen, immer häufiger nicht mehr über berufliche Erfahrung außerhalb der Politik zu verfügen. Darin war Strauß allerdings eher ein Trendsetter, denn außerhalb der Politik gearbeitet hatte er eigentlich nie. Nach Abitur, Arbeitsdienst und Studium in den 1930er Jahren war er Soldat in der Wehrmacht, machte im Zweiten Weltkrieg sicherlich existenzielle, traumatisierende Erfahrungen – aber eine Berufstätigkeit, durch die er nicht auf politische Mandate angewiesen gewesen wäre und die ihm besondere Kenntnisse von Teilen der Gesellschaft vermittelt hätte: Die besaß Strauß nicht. Wie die heutigen Stabs- und Karrierepolitiker, die von Beginn ihres Berufslebens an in der politischen Sphäre tätig sind, wurde Strauß noch im Juni 1945 in Schongau als Amtsträger eingesetzt und war dort anschließend Landrat. Es folgten Parlamentsmandate, Partei- und Regierungsämter – die professionelle Politik verließ Strauß nicht mehr.

Egal, ob man nun Anhänger oder Gegner war: Strauß bewegte die Menschen. Darin liegt ein Unterschied zum Gros der heutigen Politikerinnen und Politiker. Aber wo keine Bewegung ist, da herrscht Stillstand. Sicher: Das gegenwärtige Politikpersonal ist nicht wesentlich unspektakulärer als das der 1960er, 1970er oder 1980er Jahre – schon damals stach einer wie Strauß wie nur wenige andere hervor. Auch in den 1970er und 1980er Jahren galt er als Ausnahme, galten die meisten anderen seines Metiers als langweilig und unscheinbar. Der Unterschied liegt aber darin, dass inzwischen selbst diese geringe Zahl auffälliger Politfiguren geschwunden ist. Lafontaine und Gysi waren vielleicht die bislang letzten ihrer Art.

Dr. Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Siehe hierfür besonders Leinemann, Jürgen: Überlebensgroß Herr Strauß, in: Der Spiegel, 31.03.1980.

[2] Siehe Feldmeyer, Karl: Seine Reden haben einen hohen Freizeitwert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.1976; Fromme, Friedrich Karl: Franz Josef Strauß – noch Polemiker und schon halb Landesvater, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.1978.

[3] Siehe Henkels, Walter: „Erkenne dich selbst“, sagt Marianne Strauß, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.1971; Winters, Peter Jochen: „Immer diese zweifelnden Fragen – glaubt ihm doch“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.1972; Meyer, Thomas: Der Zugkräftigste im Wahlgetümmel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.1975; Fromme, Friedrich Karl: Sogar mit dem Fußball nimmt Franz Josef Strauß es auf, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.1975; Feldmeyer, Karl: Seine Reden haben einen hohen Freizeitwert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.1976.

[4] Leinemann, Jürgen: Überlebensgroß Herr Strauß, in: Der Spiegel, 31.03.1980.

[5] Vgl. ebd.; Zundel, Rolf: Ein Riß in der Republik, in: Die Zeit, 26.09.1980.

[6] Strauß zitiert nach Wenz, Dieter: Das Ländle ist der Bayern Ansporn, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.1988.

[7] Strauß zitiert nach ebd.


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