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Franz Josef Strauß: Egozentriker zwischen Hybris und Kleinmütigkeit

Franz Walter |  4. September 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter mit einem Porträt des Franz Josef Strauß.

Franz Josef Strauß: Die einen liebten, verehrten, vergötterten ihn, die anderen misstrauten ihm, fürchteten, ja hassten ihn. Gleichgültig ließ er jedenfalls keinen politisch interessierten Menschen in der Republik. Strauß gehörte unzweifelhaft zu den zunehmend raren Gestalten in der Politik, die nicht im Grau eines soliden Durchschnitts aufgingen. Er brachte Farbe, durchaus auch Individualität und eine riesige Portion Egozentrik in die Politik hinein. Schon als junger Mann, bereits in den 1950er Jahren, war er das Enfant terrible im Bonner Parlamentarismus: für die einen die Großbegabung, die ganz nach vorne wollte und dorthin auch gehörte, für die anderen der Mephisto schlechthin, dem man – koste es was es wolle – niemals den Platz oben überlassen durfte. Strauß hatte in der Adenauer-Ära als Atom- und Verteidigungsminister das alles andere als populäre Projekt der Neuformierung bundesdeutscher Streitkräfte durchgesetzt, mit Verve, mit Chuzpe, mit exzessiver Freude auch an militärischen Strategiefragen und: an moderner Technik. Der Konservative Strauß war zeitlebens ein Avantgardist der technischen Moderne.

Und er war in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre der Lieblingsfeind des Spiegel. Beide lebten voneinander: Die Angriffe im Spiegel schweißten die Truppen des Bayern zusammen; und die wütenden Invektiven von Strauß gegen das Hamburger Magazin ließen dessen Auflagenzahl rasant nach oben schnellen, ließen das Blatt von Rudolf Augstein gleichsam zum Zentralorgan der linksliberalen Intelligenz in der Bundesrepublik wachsen. Als Strauß im Zuge der fortan nach dem Spiegel bezeichneten Affäre 1962 dafür sorgte, dass Augstein und der leitende Redakteur Conrad Ahlers einige Nächte in spanischen Gefängnissen zubringen mussten, war das wie eine Initialzündung für eine außerparlamentarische Sammlungsbewegung – längst vor 1968.

1962 entschied sich vieles, nicht nur für die Republik, auch für Strauß. Die Affäre jener Monate verstärkte etliche Eigenschaften, die bei ihm bereits angelegt waren, nun aber bestimmend und handlungsleitend wurden. Seither fühlte sich Strauß verfolgt und verraten; sein Misstrauen, auch sein Selbstmitleid waren jetzt chronisch. Der Feind schlechthin waren Linksintellektuelle, Magazinschreiber aus dem Norden Deutschlands – und, nicht zuletzt, die Freien Demokraten, die den Ausschlag dafür gegeben hatten, dass er das Kabinett verlassen musste. Strauß ging hernach lieber aufs Ganze, strebte auch in der Bundespolitik stets die absolute Mehrheit an, zog Koalitionen lieber gar mit den Sozialdemokraten vor, als den Freien Demokraten irgendeine Konzession zu machen. Neben allen Unterschieden im Charakter und im Temperament bildete dies eine entscheidende politische Differenz zwischen ihm und Helmut Kohl.

Strauß kam aus kleinen, aber nicht unterschichtigen Verhältnissen. Sein Vater war Metzger, führte in München-Schwabing einen Fleischereiladen. Zum Trauma der Familie gehörte, wie bei vielen Menschen des selbstständigen Mittelstands seinerzeit, der Verlust aller Ersparnisse während der Hyperinflation 1923. Franz Josef war der einzige Sohn und sollte das Geschäft später übernehmen. Doch überredete ein Religionslehrer den sich zunächst sträubenden Vater dazu, den Jungen auf das Gymnasium zu schicken. Dort war Franz Josef Strauß Primus, von der ersten bis zur letzten Klasse, am Ende mit dem seit langer Zeit bayernweit besten Abitur. Strauß wollte, ja musste es seinem skeptischen Vater beweisen. Das blieb ein Leben lang so. Strauß war hochintelligent, von blitzschneller Auffassungsgabe, mit einem – wie man zu sagen pflegt – fotografischen Gedächtnis. Zusätzlich war er von einem furiosen Ehrgeiz, nach Geltung und Anerkennung ringend, sicher auch ungemein eitel.

Natürlich: Bei welchem Politiker wäre das anders? Doch bei Strauß gab es von all diesen Wesenszügen eine gehörige Portion mehr. Strauß wirkte stets getrieben, oft maßlos und in etlichen Situationen fast unbeherrscht. Denn Strauß, der in der familiären Dauersorge vor dem Verlust des Vermögens, vor der Erschütterung aller mühsam errichteten bürgerlichen Existenz aufgewachsen war, trug erhebliche Ängste und tiefe Unsicherheiten mit sich. Er raffte häufig gierig, weil er zu verlieren fürchtete. Auch politisch zögerte und zauderte er vor wirklich weichenstellenden Entscheidungen, da er sich ängstigte, aus den Schienen zu geraten. Es war diese explosive Mischung aus Bangigkeit und Hybris, aus Großmannssucht und Kleinmütigkeit, die ihn zur Sphinx der deutschen Politik von Adenauer bis Kohl machte.

Allein in der Großen Koalition, zwischen 1966 und 1969, ging es ruhiger zu, mit und um Strauß. Dieser war froh, nachdem er 1962 schmachvoll seinen Kabinettsposten verloren hatte, im Pakt mit den Sozialdemokraten politische Rehabilitation zu erfahren. Und der große Modernisierer unter den Konservativen kam gut mit ihnen zurecht, die ja ebenfalls damals ohne alle ideologischen Versatzstücke von ehedem das Land nach Maßgabe neuer Techniken in Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und Administration ummodellieren wollten. Mit Karl Schiller, dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister, bildete Strauß das publikumswirksame Gespann „Plisch und Plum“. Doch ganz erfreuen konnte sich Strauß daran nicht. Denn letztlich galt stets Schiller als der entscheidende Magier einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik. Und so zeigten schon die großkoalitionären Jahre an, wie es weiter fortging mit Strauß, der es aber nicht wahr haben wollte: Bundespolitisch war seine große Zeit im Grunde schon abgelaufen, stets blieb er künftig nur noch zweiter Sieger, oft nicht einmal mehr das.

Mit seiner brisanten Zwiespältigkeit stand sich Strauß viel zu sehr selbst im Wege. Zunächst, als die Große Koalition zu Ende und die CDU/CSU in die Opposition ging, radikalisierte er sich, indem er Feuerreden gegen die neue Ostpolitik schwang und die von Barzel formal geführte Fraktion anfangs auf Fundamentalgegnerschaft zur Bundesregierung trimmte. Dabei hatte man von ihm in den drei Jahren zuvor, als der Bundesaußenminister Brandt das Plateau bereits für einen veränderten Kurs gegenüber dem Osten legte, kein energisches Wort des Widerspruchs gehört. Und es gab genügend Kenner seiner Psyche auch in der Union, die schon damals fest davon überzeugt waren, dass er selbst nur zu gerne seinen Namen unter ein historisches Dokument wie eben die Verträge mit Moskau und Warschau gesetzt hätte. Dass Strauß in solchen Dingen kein wirklicher Doktrinär, sondern ein hochflexibler Künstler der Rochade war, konnte man ein gutes Jahrzehnt später verfolgen, als er für Kanzler Kohl die Milliardenkredite mit der DDR abwickelte – zum Entsetzen seiner getreuen antikommunistischen Anhänger, die in all den Jahren fest daran geglaubt hatten, was der eifernde Rhetor gegen die Linksdespotien Jahr für Jahr in die Versammlungssäle hineingedonnert hatte.

Ein guter Rhetor war er zweifelsohne. Man setzte sich in den 1970er Jahren nicht ungern vor den Bildschirm, wenn eine Plenardebatte des Bundestags im Fernsehen übertragen wurde und man zuschauen konnte, wie Strauß tobte, Gift und Galle spie, derbe, bildreiche, sarkastische Metaphern herausschleuderte – und damit den keineswegs weniger ätzenden Herbert Wehner zu bitterbösen Zwischenrufen provozierte. Der Topos „Politikverdrossenheit“ war in diesen Zeiten parlamentarischer Feldschlachten weitgehend unbekannt. Strauß war überdies ein außerordentlich anpassungsfähiger Redner, derb im Bierzelt, zahlenmächtig bei Wirtschaftsverbänden, ein zitatensicherer Lateinkenner bei Philologen und Professoren. Und richtig war wohl auch, dass Strauß weit mehr wusste als das Gros seiner politischen Kollegen, viel analytischer dachte, rascher in der Durchdringung von Problemen war, kompetent in Fragen der Ökonomie, der Außenpolitik, in Sicherheitsfragen. Daher hielt er sich für den berufenen Staatslenker, geeigneter jedenfalls als die verachteten Erhard, Kiesinger, Barzel oder Kohl, auch als Brandt, selbst als Schmidt, vor dem er zumindest Respekt besaß.

Gegen ihn, Schmidt, bekam Strauß dann auch 1980 die Chance, auf die er seit den 1950er Jahren bereits lauerte. Eigentlich waren die Zeiten, die politische Stimmung in der deutschen Gesellschaft gar nicht schlecht für eine Politik des politischen Konservatismus. Seit 1973 hatten sich die inneren und äußeren Krisen vervielfältigt, ob ökonomisch oder auch ökologisch. Der Honeymoon der Entspannungspolitik war längst verdämmert. Die Sowjets waren in Afghanistan einmarschiert, Deutschland spürte noch die Nachbeben des RAF-Terrorismus. Kurz: Der Mehrheit der Deutschen stand der Sinn nicht nach weiteren Reformen, Emanzipationsschüben und interessanten Experimenten. Angesagt waren vielmehr Stabilität, Sicherheit, Ruhe. Doch eben diese Qualitätsmerkmale verbanden die meisten Wähler mit dem konservativen, etatistischen Sozialdemokraten Schmidt, nicht mit dem immer wieder unberechenbar, emotional, manchmal geradezu abenteuerlich agierenden Strauß. Strauß scheiterte 1980 auch, weil die Stimmung im Land wirklich konservativ geprägt war.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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