Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Raffinierter Rabauke in der Politik

Robert Lorenz |  2. Oktober 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz zum 25. Todestag des Franz Josef Strauß.

Sobald es mal wieder darum geht, Klasse und Format unseres heutigen Politikpersonals zu bemängeln, gehört sein Name zu einer Reihe von Kontrastfiguren einer vermeintlich besseren, jedenfalls noch ganz anderen Politikelite – die noch zu reden verstand, klar unterscheidbare Programme vertrat und irgendwie wusste, wo es hingegen soll: Franz Josef Strauß. Aber inwiefern trifft dieses pauschale Bild eigentlich zu?

Zunächst kein Zweifel: Strauß garantierte Publikumsvergnügen, ja war eine Attraktion, ein Spektakel, in modernem Sprachgebrauch: ein Event-Politiker. Egal, wo der beleibte Bayer auftauchte, auch die Zelte und Säle außerhalb Bayerns quollen vor Zuhörern über. Vielen machte es einfach Spaß, dem tobenden Bajuwaren bei seinen Philippiken zuzusehen – Strauß-Auftritte waren zirkusartige Ereignisse, auf denen sich die Zuschauer ähnlich dem hysterischen Auditorium eines Rock-Konzerts verhielten und für deren Einlasskarten ein Schwarzmarkt existierte; alte Frauen kletterten auf Bierbänke und Tische. Strauß konnte toben und zetern wie Klaus Kinski, einen Eindruck vermittelt der Spiegel-Porträtist Jürgen Leinemann: „In Versammlungen nutzt er Zwischenrufe oder gibt sie sich selbst, um sich in Wut zu steigern. Mit wilder Stimme schmettert er dann Anklagen und Denunziationen in den Saal, reizt zu direkter Attacke auf einzelne – ‚der da mit dem gelben Hemd, raus, schmeißt den raus‘ – oder verbreitet eine allgemeine Aggressionsstimmung, die sich in Tätlichkeiten entlädt: ‚Fegt zum Teufel, die Deutschland wieder in ein Abenteuer und in eine Katastrophe treiben wollen.‘ Da setzt es dann Prügel.“[1] Bei Strauß war Wahlkampf nicht nur eine pflichtschuldige, periodisch wiederkehrende Prozedur, sondern ein Schauspiel, das eine glaubwürdige Hingabe ausdrückte und den CSU-Häuptling als einen virtuosen Wahlkämpfer auswies.

Gleichzeitig machte diese Eigenschaft aus ihm jedoch einen Polarisierer, dessen oftmals extreme Aussagen seinen Gegnern dankbare Vorlagen für polemische Attacken und besorgte Warnungen lieferten. Wie Konrad Adenauer war Strauß zur drastischen Vereinfachung bereit, sodass es bei ihm schnell um Leben oder Tod, Weltende oder Überleben, Freiheit oder Sozialismus ging. Die heutige Medienkultur würde so etwas kaum mehr zulassen. Anders als Adenauer schaffte es Strauß allerdings nicht, genügend Vertrauen in seine Führungskompetenz zu erzeugen: Viele Bundesbürger sahen in ihm zwar eine starke Autorität, doch am Ende fühlte sich die Mehrheit unbehaglich bei dem Gedanken an einen Kanzler Strauß in Bonn und bevorzugte 1980 die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt.

Dazu dürfte sicherlich die politisch-moralische Altlast der „Spiegel“-Affäre aus dem Jahr 1962 beigetragen haben, durch die sich Strauß bei Vielen als unberechenbarer Solist mit einer Neigung zu ungebührlicher Härte eingebrannt hatte – schließlich hatte er Repräsentanten der freien Presse verhaften lassen und sich mit fragwürdigen Aussagen belastet. Zu was, so werden nicht Wenige gedacht haben, würde erst ein Kanzler Strauß in der Lage sein? Mit seiner gescheiterten Kanzlerkandidatur endete Strauß’ Traum vom Kanzleramt. Obgleich er als mehrfacher Bundesminister, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident zu den erfolgreichsten Politikern der Bundesrepublik gehört, blieb seine Karriere, gemessen an seinen Ambitionen, unvollendet. Ausgerechnet Helmut Kohl, dem er mehrfach in aller Öffentlichkeit die Befähigung für dieses Amt abgesprochen hatte, zog dort zwei Jahre später als Schmidts Nachfolger ein.

Die ewigen Attacken politischer Kommentatoren, parlamentarische Redeschlachten und die Machtkämpfe im Unionslager formten Strauß zu einem Politikveteranen, der scheinbar unerschütterlich immer weiter machte, der Kraft und irgendwie auch Genugtuung daraus zog, sich von seinen Widersachern nicht kleinkriegen zu lassen. Strauß wurde zwar nicht Kanzler, doch seine politischen Ämter ermöglichten ihm eine zufriedenstellende Position, die ihm die ausgebliebene Erfüllung seines Wunschtraumes erträglich machte. Denn als CSU-Parteivorsitzender (seit 1961) und bayerischer Ministerpräsident (seit 1978) war Strauß kein Gescheiterter, sondern konnte viele seiner Stärken ausspielen, sich am Rest der Republik reiben und seinen Landsleuten statt des Kanzlers ein König sein.

Aber allein aus sich heraus wäre Strauß womöglich nicht der bis zuletzt energiegeladene Vollblutpolitiker geblieben; er brauchte Gegenspieler, kongeniale Rivalen wie Helmut Kohl im eigenen oder Helmut Schmidt im gegnerischen Lager, die ihn in seinen Fähigkeiten herausforderten, ihn animierten und zu Hochleistungen nötigten. Ihrer Anwesenheit wegen konnte er sich keine Faulheit und Nachlässigkeit erlauben.

Natürlich verfügte Strauß auch schlicht über politiktaugliche Talente: Allem voran seine universelle Redegewandtheit, die es ihm ermöglichte, genauso als bodenständiger Volksredner ein Auditorium im bayerischen Bierzelt zu begeistern wie als Gelehrter vor einem belesenen Akademikerkreis zu bestehen. Dass Strauß ein brillanter Rhetor war, ist mitnichten eine Deutung, die den Politiker nachträglich verklärt, sondern war bereits unter Zeitgenossen unstrittig: „Beim Überblicken der rednerischen Landschaft kann der langjährige Bonner Beobachter sagen, daß die beiden besten (und intelligentesten) Redner der Bundeskanzler Schmidt und der CSU-Vorsitzende Strauß sind“[2], schrieb schon 1975 der große Bonner Porträtist Walter Henkels.

Erstaunlicherweise warfen aufmerksame Beobachter des politischen Geschehens Strauß Programmlosigkeit und Schwammigkeit vor. Er sei in Wirklichkeit erheblich zögerlicher und unsicherer, als seine Worte vermuten ließen. Viele Formulierungen seien rätselhaft gewesen und viel zu oft habe er sich hinter nebulösen Slogans („Konservativ sein heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.“) oder widersprüchlichen Parolen („Roter Faschismus“) verborgen.[3] Und dass er seinen Parteibeitritt mit Instinkt und nicht mit inhaltlichen Argumenten begründete, deutete ebenfalls auf ideologische Beliebigkeit und instrumentellen Karrierismus hin.

Überhaupt entsprach Strauß’ Laufbahn eher dem heutzutage auf dem Vormarsch befindlichen Typus des Karrierepolitikers als dem des klassischen Berufspolitikers, der vor seiner vollständigen Professionalisierung noch eine außerpolitische Tätigkeit ausübt. Nicht so Strauß: Bereits 1945 wurde er, Jahrgang 1915, stellvertretender Landrat, 1948 dann Abgeordneter im Frankfurter Wirtschaftsrat und 1949 Mitglied des ersten Bundestages. Von da ab stieg er auf, wurde 1953 Vorsitzender der CSU-Landesgruppe in der Unionsfraktion und Bundesminister für besondere Aufgaben, 1955 dann Atom- und 1956 Verteidigungsminister. Das vielbeschworene Leben außerhalb der Politik, das heutzutage angeblich zu wenige Politiker noch kennen – das kannte auch Strauß nicht.

Allerdings unterschied er sich von einem Trend der aktuellen Politikelite: Er machte Karriere bis zum körperlichen Verfall – in einem totalitären Politikverständnis ordnete er seine Gesundheit der politischen Arbeit unter. Strauß agierte derart unermüdlich, dass er kaum in den Verdacht geriet, faul seine Diäten und Bezüge einzuheimsen. Aber das hatte seinen Preis: Der späte Strauß am Ende der 1980er Jahre sah gehörig älter, verlebter und ungesünder aus, als es der zeitliche Abstand zu den 1950er Jahren nahelegen würde. Rastlose Reisen, nächtliche Alkoholexzesse, so gut wie keine Erholung – dieser Alltag zehrte selbst ein solches Energiebündel irgendwann auf.

Die „Spiegel-Affäre“ von 1962 verdunkelte Strauß’ Karriere und lastet seither auf seinem Namen wie ein Fluch. Dass Strauß zuvor als Atom- und Verteidigungsminister ein energischer Modernisierer gewesen war, der sich für seine jeweiligen Tätigkeitsfelder enormes Fachwissen aneignete, mit dem er sogar gestandene Experten beeindruckte und damit eigentlich dem Idealbild eines tüchtigen Politikers entsprach, geriet darüber oftmals in Vergessenheit. So aber war er in erster Linie jener Politiker, der einen heimtückischen Angriff auf die Pressefreiheit verübte und bei dem man am Ende froh sein konnte, dass er niemals Kanzler wurde. Auch wenn Strauß heikle Verhaltensweisen an den Tag legte und mehr als kontroverse Entscheidungen traf, überdies in Sachen Parteienfinanzierung bzw. Wahlkampfsponsoring kaum Skrupel kannte, so verzerrt das Geschehen im Jahr 1962 doch die Sichtweise auf diese politische Persönlichkeit.

Dass Strauß – noch immer – polarisiere, ist eine der gängigsten Annahmen über die CSU-Ikone. Und irgendwie stimmt das ja auch. Geblieben ist eine Figur, die von den einen abgelehnt, von den anderen hingegen bewundert wird. Solche Charaktere hat die Bundesrepublik nicht viele hervorgebracht, der letzte Vertreter dieser Kategorie ist vermutlich Oskar Lafontaine. Und wie bei Lafontaine fesselt Strauß durch seine Mehrdeutigkeit, ja Widersprüchlichkeit: manchmal ein Teufelskerl, dann wieder zögerlich; bisweilen ein Intellektueller, kurz darauf zügellos aufbrausend und von Emotionen beherrscht; im einen Moment galant, im anderen ein Grobian.

Und darin bestehen auch die Eigenschaften, die Strauß zu einer unvergesslichen, unverwechselbaren, eben schillernden Persönlichkeit machen. Sein Profil war facettenreich, aber nicht unbestimmt, sein monumentaler Körper und der bayerische Akzent nicht die einzigen auffälligen Merkmale, sondern kombiniert mit einer intellektuellen Aura und einer bestechenden Redefertigkeit. Außerdem feierte Strauß als Bundesminister und Ministerpräsident politische Triumphe, aber verbuchte zugleich ebenso große Niederlagen. Diese wilde Mischung aus widersprüchlichen Charakteristika, Vorzügen und Schattenseiten ergab in der Summe eine Persönlichkeit, die aus der Masse deutscher Politiker seit 1945 heraussticht. Als Mensch und Politiker lässt er sich in seiner Vielseitigkeit und Ambivalenz kaum fassen. Darin liegt bis heute seine Faszinationskraft.

Dr. Robert Lorenz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gemeinsam mit Matthias Micus erschien von ihm zuletzt das Buch „Von Beruf: Politiker. Bestandsaufnahme eines ungeliebten Stands“.

 


[1] Leinemann, Jürgen: Überlebensgroß Herr Strauß, in: Der Spiegel, 31.03.1980.

[2] Henkels, Walter: Von Cicero bis Schmidt und Strauß, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.1975.

[3] Hierfür Leinemann, Jürgen: Überlebensgroß Herr Strauß, in: Der Spiegel, 31.03.1980.

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F078543-0017 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA-3.0-DE


Ältere Einträge |  Neuere Einträge