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F wie Sabotage

Katharina Trittel |  5. November 2013 |   |  Drucken

[kommentiert]: Katharina Trittel über einen Abend mit Daniel Kehlmann und Jakob Augstein

Die neuen Bücher von Daniel Kehlmann und Jakob Augstein, die im Rahmen des 22. Göttinger Literaturherbstes nacheinander im Deutschen Theater vorgestellt wurden, nehmen beide die Finanzkrise von 2008 als Ausgangspunkt. Vor ihrem Hintergrund entwirft Kehlmann seine Romanfiguren in „F“[1] und Augstein entspinnt seine Thesen darüber, „[w]arum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen“[2]. Trotz eines  offensichtlichen Protestpotentials in der Gesellschaft, konstatiert Augstein, „stehen wir uns selbst im Weg.“ Ähnlich wie Kehlmanns Protagonisten, die in einer selbst geschaffenen Scheinwelt gefangen sind.

Die Figuren in „F“ sind die geborenen Helden in einer Welt, wie Augstein sie in „Sabotage“ beschreibt: eine „kaputte Gesellschaft“, die sinnentleert, unmoralisch und verantwortungslos ist und deren vordringlichstes Problem darin besteht, dass ihnen niemand widerspricht. Passend dazu sind Kehlmanns Akteure Blender, Zyniker, sie wursteln sich durch, ohne an etwas zu glauben. Schon gar nicht an so etwas wie Gerechtigkeit oder Wahrheit. In F entpuppt sich alles als Lüge.

 Dabei rekurrieren Kehlmann und Augstein fleißig auf Autoritäten: Ohne Marcuse, Mann, Marx geht es nicht. Was bei dem einen als intellektuelle Spielerei daher kommt, wirkt bei dem anderen schon wie eine Selbstlegitimierung. Kehlmann ist der typische Intellektuelle: Er fokussiert niemanden, sondern schaut schräg an allem vorbei. Wenn er nicht liest, sucht er nach Worten, stottert sogar. Konfrontiert mit der Kritik, seine Geschichten seien gut konstruiert, aber seelenlos, ohne metaphysische Tiefe, empfindet er diese eher als Kompliment, schließlich habe man auch Nabokov und Thomas Mann „seelenlose Brillanz“ vorgeworfen – und in gewisser Weise agierten seine Figuren ja in einer seelenlosen Welt – eben der Welt, wie Augstein sie zwei Stunden später entwirft.

Kehlmann erscheint wie seine Figuren als ein Zauberkünstler oder Taschenspieler, dessen Tricks, weil sie funktionieren, immer so wirken wie beim ersten Mal. Passend dazu beschreibt er in der Lesung eine Hypnosevorstellung in einem Theater. Der 13-jährige Iwan wird auf die Bühne gebeten und hypnotisiert. Aufgefordert, seine Hände zu bewegen – „Versuch es, du kannst es nicht. Das Publikum lachte“ –, hat er immer neue Ausreden parat, um sich nicht einzugestehen, dass die Hypnose tatsächlich funktioniert. Genauso lasse sich nach Augstein die potentiell protestfähige Masse einlullen von einer wie Merkel, die die Bürger am liebsten vergessen lassen würde, dass sie überhaupt entscheiden können.

In diesem Zustand, und darin sieht Augstein ein zentrales Problem der Postdemokratie, werden bedeutsame Begrifflichkeiten von ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung entkleidet. Zusammen mit den Begriffen verlören wir jedoch auch die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu verstehen. „Schuld und Verantwortung sind nur zwei Begriffe von vielen, die nicht mehr meinen, was sie bedeuten.“ Wer sich der Bedeutung von Begriffen entledigt hat, dem fällt es auch leichter, zu lügen. Denn die Lügen werden nicht mehr als solche wahrgenommen und so beherzigt Arthur, Iwans Vater, den rätselhaften Ratschlag des Hypnotiseurs, den er ebenso gut anderthalb Stunden später von Augstein hätte erhalten können: „Vielleicht solltest du gut sein“, auf seine Weise: Er legt die Verantwortung komplett ab und geht „weg. Von überall.“

Ist Kehlmann ein Zyniker? Nein, da fühlt er sich missverstanden: Er sei ironisch. Augstein geht davon aus, dass man „der Verurteilung zu Zynismus auf Lebenszeit entkommen möchte.“ Ja? Sind nicht eher die Charaktere Identifikationsfiguren, die ihren durchaus noch vorhandenen Glauben hinter einer zynischen Maske verbergen? Die Guten muten oft wenig authentisch an, schnell wirken sie überzogen. Salopp gesagt: wir fühlen uns einem Tyrion näher als Lord Stark.

Augstein ist das genaue Gegenteil von Kehlmann. Da wo sich jener als entrückter Intellektueller stilisiert, produziert sich Augstein als extrovertierter Selbstdarsteller: Er fixiert das Publikum, schmollt, malt und spielt mit seinem Kaschmirschal. Der Moderator hat sich nach der ersten Frage über das Spiegel-Erbe selbst diskreditiert und wird von Augstein fortan unterbrochen oder vorgeführt. Hier geht es nicht um Literatur, sondern um Feuilleton, die Sprache gleitet ab in floskelhafte Allgemeinplätze. Augstein selbst wirkt trotz seiner Selbstsicherheit unauthentisch, ein F-ake.

Inhaltlich kreisen beide Autoren um Rätsel ihrer Welt. Während Kehlmann sie künstlerisch bewusst offen lässt, versucht Augstein, selbst die rhetorischen Fragen zu beantworten. Eine vermeintliche Reaktion auf die Sinnentleerung der Postdemokratie läge in der Rückbesinnung auf das Körperliche, das zur Befriedung der politischen Auseinandersetzung aus der Demokratie verbannt worden sei: eine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam, zur Sabotage, zum Handeln.

Das Wort „Sabotage“ hallt noch nach, da flattern plötzlich Flugblätter durch das Rund und eine Stimme meldet sich über Megafon. Offenkundig geschieht hier ein Akt der Sabotage, der nicht unbedingt durch seinen Inhalt (Augstein wird erneut von einer antideutschen Gruppierung Antisemitismus vorgeworfen[3]), sondern durch die Reaktionen interessant wird: Der überforderte Moderator versucht mehrfach, das Verlesen des Flugblatts zu unterbrechen, droht mit der Polizei und schweigt dann hilflos. Augstein aber wird für einen kurzen Moment unsicher. Zum ersten Mal bröckelt die Fassade. Es könnte Ärger darüber sein, dass seine Show torpediert wird, aber es liegt auch ein bisschen gespannte Erwartung in seinen trommelnden Fingern. Doch nachdem die Gruppe den Dialog verweigert, kehrt Augstein ein wenig enttäuscht zu seiner Überheblichkeit zurück: „Hört doch auf, uns mit eurer inneren Leere zu langweilen!“ Innere Leere? Treten da Figuren aus Kehlmanns Roman auf oder Bürger der Augstein’schen Welt? Oder sind es doch Saboteure, solche, die handeln und nicht nur reden?

So sieht es auf jeden Fall ein Teil des anwesenden Göttinger Bildungsbürgerpublikums, das zunächst auf 1-und-3-im-Hitparaden-Mitklatsch-Takt „Raus, raus, raus“ skandiert und dann sogar in Person eines Rentners handgreiflich wird. Einen absurden Schlusspunkt setzt Augstein, indem er den Hinauskomplimentierten hinterher ruft: „Sabotage an sich ist ja gut, nur nicht in dieser Form“ und dafür Applaus bekommt. Zehn Minuten zuvor, als noch alles ruhig war, zitierte Augstein eine Buchpassage, in der Fordmitarbeiter aus Protest gegen den Abbau ihrer Arbeitsplätze Scheiben auf dem Firmengelände einwerfen. Der Fordvorstand reagiert verständnisvoll auf ihren Ärger, aber mit „Enttäuschung über die Mittel, diesen Protest zu äußern.“ Das Publikum buht den Vorstand aus. Augstein erklärt: „Die Manager konnten sich so verhalten, weil sie sich nicht wirklich bedroht sahen und weil sie die Mehrheitsmeinung der Öffentlichkeit auf ihrer Seite wussten.“ Augstein erklärt hier Ford, nicht Augstein.

Die Chance, Augstein mit der Sabotage, zu der er aufruft und deren Opfer er hier wird, zu konfrontieren, seine Thesen auf den Prüfstand zu stellen, ihn in seiner lückenlosen Performance ein bisschen aus der Reserve zu locken, verstreicht leider ungenutzt. Augstein lässt am Schluss als zentrale Frage offen: „Wie werden wir uns wiederfinden?“ Diese Frage dürften sich wohl alle Protagonisten des Abends stellen.

Als ich den Saal verlasse, noch Augsteins Forderung nach dem „altmodischen Wort Radikalität als Ausweg“ im Ohr, erinnere ich mich an meinen ersten Besuch im Deutschen Theater. Der Held jenes Abends hieß Bastian Balthasar Bux, der die Worte der Geschichte, die er liest, so ernst nimmt, dass er schließlich in ihre Welt gelangt, allein Kraft seines Wunsches und seiner Gläubigkeit an die Bedeutung der Worte. Und dort lernt er, der Antiheld, das Handeln: Er kämpft gegen die Sinnentleerung dieser Welt, er kämpft für die Werte, an die er glaubt und die in seiner Welt drohen, verloren zu gehen – er kämpft gegen den Unglauben einer ganzen Gesellschaft.

Dass Bastian allerdings der Held einer unendlichen Geschichte ist, würde wohl nur ein Zyniker betonen.

Katharina Trittel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Kehlmann, Daniel: F, Reinbek bei Hamburg 2013.

[2] Augstein, Jakob: Sabotage. Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen, München 2013.

[3] Vgl. zu dieser Debatte u.a. Höges, Clemens: „Nicht im selben Zimmer“. Was ein gescheitertes Streitgespräch über die Dialogfähigkeit des Simon Wiesenthal Center sagt, in: Der Spiegel, 07.01.2013.


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