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Eugenik und der Plan vom „Neuen Menschen“

Franz Walter |  15. September 2010 |   |  Drucken

Themenschwerpunkt „Populismus“

[debattiert]: Franz Walter analysiert die Rolle der Eugenik in den Sozialdemokratien Europas

Die Sozialdemokraten grollen mit ihrem Genossen Sarrazin. Dabei: Zumindest auf klassisch sozialdemokratische Traditionen könnte er sich durchaus berufen.

Sogar auf Helmut Schmidt. Nicht nur Sarrazin redet von „Genen“, die im Volke stecken. Auch die einzige politische Ikone der Mehrheitsdeutschen, eben der sozialdemokratische Altkanzler aus Hamburg, pflegt das zuweilen zu tun. Unlängst erschien ein Gespräch zwischen ihm und dem Historiker Fritz Stern. Das Buch trägt den Titel „Unser Jahrhundert“. Der Absatz der Publikation war erfreulich; der Band stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Und doch regte sich niemand darüber auf, dass auch Schmidt ein spezifisches Gen der Deutschen ausgemacht hatte, was die harte Replik von Fritz Stern hervorrief, dem das „zu biologistisch, fast schon rassistisch“ vorkam. Darauf Schmidts Entgegnung: „Dann sagen Sie angeboren“.

Schmidt wird dennoch seine SPD-Mitgliedschaft gewiss nicht verlieren. Bei Sarrazin wird man sich weniger sicher sein dürfen. Dabei findet sich der genetisch-biologistische Ansatz, der in Sarrazins Auffassungen mindestens mitschwingt, durchaus prominent in der sozialdemokratischen Geschichte wieder. In den 1920er Jahren waren gerade Sozialdemokraten entschiedene Eugeniker. Das war weder völkisch noch rechts, gar reaktionär gemeint, sondern verstand sich geradezu als Imperativ von Aufklärung und Progressivität, galt als wesentlicher Beitrag für eine planvoll herbeigeführte Gesellschaft der Gleichen, Glücklichen und eben – Gesunden. Es war ein Beitrag zum „Neuen Menschen“ der sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft.

Der Nestor dieses sozialdemokratischen Konzepts war der Arzt Alfred Grotjahn, der erste Sozialhygieniker Deutschlands, Professor an der Berliner Universität, eine Zeitlang dort der Dekan. Für die SPD saß er als Abgeordneter im Reichstag. Und für ihr Görlitzer Programm von 1921 verfasste er den gesundheitspolitischen Teil. Grotjahn arbeitete auch schriftstellerisch unentwegt an Fragen der Fortpflanzung, wollte krankheitsanfällige „Volksteile“ durch sozialhygienische Therapien, Sterilisation oder Dauerasylierung planmäßig von der Reproduktion ausschließen. Überdies sorgte er sich um den Bestand der „kulturtragenden Bevölkerung“, der ihm bei einem weiteren Rückgang der Geburten ernsthaft gefährdet schien. Gerade dem Sozialismus drohten nach Auffassung Grotjahns – hier im Muster ganz ähnlich wie heute Sarrazin – von der Beschränkung der Kinderzahlen Gefahren: Die bewusst kleingehaltene sozialistisch-proletarische Familie gerate so gegenüber der christlichen Familie auf Dauer ins Hintertreffen. Damals fürchtete man sich vor der Geburtenfreudigkeit der Christen, vor allem der Katholiken; heute beunruhigt der vermeintliche Geburtenreichtum der Muslime.

Auf den Tagungen sozialdemokratischer Ärzte ging es in jener Zeit ebenfalls ganz und gar eugenisch zu. Man war schon damals um den Volksbestand besorgt, plädierte für kinderreiche Familien, glaubte mit der Eugenik über eine vorzügliche gesellschaftsverbessernde Methode zu verfügen, um beim menschlichen „Artprozess“ durch ärztlich-hygienische Überwachung die Aufzucht körperlich und geistig hochwertiger Individuen systematisch fördern und die Fortpflanzung weniger gesunder Familien ebenso planmäßig verhindern zu können. In solchen Ansprüchen vereinigte sich der Ehrgeiz eugenischer Orientierungen mit den weitreichenden Machbarkeits- und Steuerungspostulaten, den Rationalisierungs- und Effizienzversprechungen der Moderne, eben auch des Sozialismus.

Vielleicht am stärksten entwickelte man eugenische Vorstellungen im durch und durch sozialdemokratischen Schweden, wo sich das sozialarchitektonische Projekt mit den eugenischen Vorstellungen zum Konzept der „prophylaktischen Sozialpolitik“ gleichsam symbiotisch verband. Die Protagonisten davon waren die sozialdemokratischen Vordenker Alva und Gunnar Myrdal. Auch hier interessierte sich das Konzept nicht für die Würde der (möglicherweise unzulänglichen) Einzelnen, auch nicht unbedingt für Rasse oder Volk, so aber doch für die Qualität von Gemeinschaft, für die gesunde Substanz des Kollektivs, des „Volksheims“, wie in Schweden die sozialdemokratische Solidargemeinschaftlichkeit benannt wurde. Auch die Myrdals fürchteten sich vor der Überalterung der Gesellschaft, beschworen – wie jüngst die Berliner Historikerin Ann-Judith Rabenschlag prägnant herausgearbeitet hat – die „Vergreisung des Volkskörpers“ und eine „Flutwelle intellektuelle Senilität im sozialen Leben“. Die Losung des Ehepaars Myrdal: „Die unmittelbare Aufgabe der prophylaktischen Sozialpolitik ist es, ein besseres Menschenmaterial zu schaffen.“ Natürlich hatte man zuvörderst – wie in allen Konzepten sozialdemokratischer Vorsorge – in Kinder und Bildung zu investieren, dabei aber streng darauf zu achten, weniger reife Bevölkerungsteile an starker Fortpflanzung zu hindern. Ein Recht auf Kinder dürfe man denen keinesfalls koinzidieren. Denn in den modernen Arbeitsprozessen komme es auf Schnelligkeit, Rationalität und Effizienz an; da könne man sich eine „minderwertige Bevölkerungsqualität“ nicht leisten. Eine ehrgeizige Sozialpolitik, die Durchrationalisierung der Lebensführung, der gesunde, neue, einpassungsfähige Kollektiv-Mensch – das in etwa bildete das gesellschaftspolitische Amalgam der Myrdals und der schwedischen Volksheimsozialdemokratie.

Vieles von diesen Überlegungen floss in das Buch der Myrdals „Die Krise der Bevölkerungsfrage“ 1934 ein. Im selben Jahr verabschiedete die sozialdemokratische Regierung eines der ambitioniertesten Eugenikprogramme überhaupt. Hierzu gehörten auch staatliche Sterilisationsbefugnisse. Selbst minderjährige Mädchen, die Tanzvergnügen nicht widerstehen konnten, mussten mit Zwangssterilisation rechnen. Es handelte sich dabei keineswegs um eine nur temporäre Zeiterscheinung der 1920er oder 1930er Jahre. Nach 1946 ließ der schwedische Staat, wie der Oldenburger Historiker Thomas Etzemüller gezeigt hat, etlichen geistesschwachen Anstaltspatienten systematisch die Zähne zerstören, um die Kariesforschung – natürlich ganz im Gesundheitsdienste der Gemeinschaft – zu forcieren. Ingesamt blieb das sozialdemokratische Eugenikprogramm bis Mitte der 1970er Jahre gültig. Bis dahin verzeichnete die staatliche Gesundheitsbilanz rund 60.000 Sterilisationen. Auch in Dänemark und Finnland blieb die gesetzliche Grundlage der Eugenik bis in die 1960er bzw. späten 1970er Jahre erhalten. In der moderneren Variante der Eugenik steht seither nicht mehr die Sterilisation im Zentrum, sondern die gentechnologische Einflussnahme auf das Erbmaterial zwecks Gesundheits- und Intelligenzoptimierung beim Nachwuchs.

Gunnar Myrdal im Übrigen gehörte Mitte der 1940er Jahre als Minister der schwedischen Regierung an, 1970 bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Frau Alva erhielt zwölf Jahre später den Friedensnobelpreis. Thilo Sarrazin wird derartige reputierliche Preise in seinem Leben gewiss nicht mehr erhalten. Dabei marschiert er keineswegs vergleichbar radikal in die eugenische Richtung. Er spitzt vielmehr zu, was die gesamte politische, ökonomische und industrielle Beletage seit Jahren raunt und postuliert, in expliziter und unverhohlener Erweiterung um den Biologismus, der aber ebenfalls schon seit Jahren mindesten unterschwellig erwogen wird. In diesem Diskurs geht es wieder und wieder um Optimierung, Effizienzsteigerung, Zukunft, Exzellenz, eben: um Eliten – und ihre planmäßig vorsorgende Herstellung; natürlich ebenso um nach ökonomischer Effizienz gesteuerte Migration. Übrigens auch in Teilen der SPD, wo – zuletzt Ende August auf der Klausurtagung des Kreisverbandes Neukölln – der Professor Heinsohn zum Referat gebeten wurde, der seit einiger Zeit bereits durchs Land zieht, um vor weiteren Geburtsanreizen für leistungsferne Bevölkerungsteile zu warnen und daher Sozialunterstützungen auf fünf Jahre begrenzt sehen möchte.

Insgesamt: Es ist eher eine Frage der Zeit als grundsätzlich ausgeschlossen, dass in den Laboren der Elitenproduktion das erwünschte Genmaterial „planvoll“ zubereitet werden soll. Die Diskussion darüber vollzieht sich noch verdruckst, aber sie ist im Grunde längst im Gange. Und irgendwann in Bälde werden die ersten auf Israel zeigen, wo der Begriff „Eugenik“ positiv besetzt ist und medizinpolitisch freimütiger also irgendwo sonst auf der Welt Verwendung findet.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Dieser Text erschien bereits in kürzerer Form auf Zeit Online: Sozialdemokratische Genetik.


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