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„Eine Info, ein Drink“

Cécile Calla |  28. Juli 2015 |   |  Drucken

 Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Cécile Calla über Sexismus in der französischen Politik.

„Haben Sie von mir geträumt?“ Diese Frage ist nur eine von vielen, die zum Alltag französischer Journalistinnen gehören, wenn sie auf Politiker treffen. Weil sie bemerkt haben, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, haben im vergangenen Mai vierzig politische Journalistinnen ein Manifest gegen den in der Politik vorherrschenden Sexismus geschrieben. Die Anekdoten, die sie darin erzählen, sind für all jene nicht überraschend, die sich mit der französischen Politik auskennen. Es ist sogar fast erstaunlich, dass ein solcher Text erst 2015 veröffentlicht wurde. Doch warum haben französische Journalistinnen so lange geschwiegen?

Erst einmal brauchten sie lange, um zu begreifen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Denn sie sind aufgewachsen in einem Land, das die Kultur der Verführung und Begierde als kulturelles Gut betrachtet. In diesem französischen „Way of Seduction“ gelten Komplimente, Ansprache, Flirt, Dinner-Einladungen nicht als Belästigung, sondern als Lebenskunst. Auch im Journalismus besitzen Erotik und Verführung eine besondere, nämlich strategische Bedeutung: Denn weil viele Politiker männlichen Geschlechts sind, denken nicht wenige, dass Journalistinnen mit den Waffen ihres Charmes und ihres Aussehens schneller und einfacher an vertrauliche Informationen gelangen können. So wie bereits Françoise Giroud, die Mitgründerin und Herausgeberin des Express – eine der wichtigsten Wochenzeitschriften–, die in den 1970er Jahren gezielt junge und hübsche Journalistinnen rekrutierte, im Glauben, Politiker würden sich eher Frauen anvertrauen.

Falsch lag sie damit nicht, denn bis heute gelten französische Politiker, die als Frauenschwärmer bekannt sind, in der öffentlichen Wahrnehmung als starke Männer, die die Nation genauso gut führen können wie ihre Geliebten ins Bett. Mit Ausnahme des General de Gaulle gibt es keinen französischen Präsidenten der V. Republik, dessen lebhaftes Liebesleben mit zahlreichen Affären nicht in den Pariser Abendgesellschaften für Gesprächsstoff sorgte. Viele dieser Mätressen waren Journalistinnen. So wie auch Valérie Trierweiler, die als Journalistin von Paris Match eine Liaison mit François Hollande begann – in einer Zeit, in der Hollande noch mit Ségolène Royal, Mutter seiner vier Kinder, unter demselben Dach lebte. Die Fortsetzung der Geschichte kennt jeder: Holland betrog sie mit der Schauspielerin Julie Gayet vor den Augen der ganzen Nation.

Welche Rolle Charme und Verführung im Arbeitsalltag einer jungen französischen Journalistin spielen, musste auch ich in den ersten Jahren meiner journalistischen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren. Manchmal blieb es auf der Ebene des Komplimentes oder der Verniedlichung, manchmal wurde ich einfach ganz klar als Beute betrachtet.

Ich hatte verinnerlicht, dass für eine junge Frau, die sich im Journalismus versuchte, die Gefahr groß war, nicht ernst genommen zu werden. „Oh, ein Babyjournalist!“, hörte ich manchmal fröhlich aus den Mündern meiner männlichen Gesprächspartner, wenn ich zum Interview erschien. Oder dieser ehemalige Präsident, der während einer Frage ganz selbstverständlich den Kragen meiner Bluse richtete. Ein solches Verhalten betrifft aber nicht nur junge Frauen, sondern auch erfahrene Politikerinnen. So bekam Cécile Duflot, damals Umweltministerin, in der Assemblée nationale (dem französischen Parlament) Pfiffe, weil sie ein blumiges Kleid trug.

Der Schock nach der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn (DSK) in New York im Mai 2011 und die „plötzliche“ Entdeckung der obskuren Seiten des damals aussichtsreichsten Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2012 haben eine neue Diskussion über Sex und Macht sowie die Grauzonen dieser Kultur der Verführung angestoßen. Viele Frauen, besonders Journalistinnen und Politikerinnen, haben angefangen zu reden, haben sich öffentlich an manche Anekdote oder Tätlichkeit von DSK erinnert.

„Sexus Politicus“ – ein Buch über die starke Sexualisierung der französischen Politik und deren Amtsträger[1], das bei seiner Veröffentlichung völlig unbemerkt geblieben war – wurde plötzlich neu entdeckt. Darin findet sich, neben einer soziologischen Einordnung des Phänomens, eine präzise Chronik der Affären und Liebschaften aller Präsidenten und Premierminister Frankreichs. Was als kulturelles Gut galt, nämlich dass Erotik und Verführung überall stattfinden können – auf der Arbeit, in der Politik, im Sport etc. –, wurde plötzlich kritisch beäugt und in Frage gestellt. Wurden hinter dem Vorwand einer Kultur der Verführung nicht häufig Fehlverhalten und zahlreiche Missbräuche toleriert und zum Teil sogar gedeckt? Nur: Wie oft nach einem „Erdbeben“ kehrt man schnell zurück zum Alltag und die Debatten, die entstanden sind, werden wieder unter den Teppich gekehrt.

Lediglich der Fall Strauss-Kahn hat dieser Diskussion immer wieder neue Nahrung gegeben. Der „Carlton“-Skandal hat sowohl einen ganzen Prostitutionsring, der zugunsten Strauss-Kahns arbeitete, ans Licht gebracht als auch die sexuellen Vorlieben des Sozialisten in allen Details dargestellt. Zur selben Zeit hat die sozialistische Regierung von François Hollande über eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes in Form einer Bestrafung von Freiern nachgedacht.

Diese ganze Diskussion hat heftige Widerstände ausgelöst. Einige Publizisten und Politiker beschwerten sich über eine Rückkehr der Prüderie und das Ende der Libertinage. In Anlehnung an das „Manifeste des 343 putes“ („Manifest der 343 Schlampen“), in dem die Unterzeichnerinnen 1971 offenbarten, dass sie abgetrieben hatten, wurde 2013 eine Petition der 343 „salauds“ mit dem Titel „Touche à ma pute“ (Petition der 343 Mistkerle mit dem Titel „Fass meine Schlampe an“) veröffentlicht[2]. Darin wurde das neue Prostitutionsgesetz kritisiert und von der Politik verlangt, dass Begehren und Vergnügen nicht durch eine Norm eingeschränkt würden. In seiner diesjährigen Sommerausgabe hat die polemische Zeitschrift le causeur ein Dossier veröffentlicht über den angeblichen „feministischen Terror“, der Männer belästige und verfolge.

Am Ende ging Dominique Strauss-Kahn mit einem Freispruch aus seinem Prozess hervor und die Reform des Prostitutionsgesetzes stößt auf großen Widerstand beim Senat (der zweiten Parlamentskammer). Bleibt also alles beim Alten?

Insgesamt wächst derzeit das Bewusstsein für Sexismus und Machismus in der französischen Gesellschaft – was sich auch sicherlich in der Veröffentlichung des Manifestes der Journalistinnen widerspiegelt. Die Debatte über Sexismus hat mittlerweile viele Teile der Gesellschaft erreicht. Vor Kurzem hat Rama Yade, ehemalige Staatssekretärin in der Regierung Sarkozy, eine Anthologie des Machismus in der Politik veröffentlicht. Darin finden sich viele Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart. Gerade hat die französische Regierung einen Nationalplan angekündigt, mit dem die sexistische Belästigung und die sexuellen Übergriffe im öffentlichen Raum bekämpft werden sollen. Diese Maßnahmen folgen einer internationalen Studie aus dem letzten April, die zeigt, dass nahezu alle Frauen mindestens einmal belästigt worden sind.

Vielleicht hätte das Manifest der französischen Journalistinnen mehr Aufmerksamkeit erhalten und die Diskussion angefeuert, wenn es auf die ganze Gesellschaft abgezielt hätte. Denn solche Verhaltensweisen und Gewohnheiten sind eben keineswegs auf die Politik begrenzt. Was in der Politik stattfindet, existiert auch in Redaktionen, Unternehmen, Vereinen etc. Das zeigt leider nochmals die vor Kurzem erfolgte Verurteilung der regionalen Tageszeitung La nouvelle République wegen sexueller Belästigung. Geklagt hatte eine ehemalige Journalistin wegen einer sexistischen Atmosphäre in der Redaktion: Plakate mit nackten Frauen, sexuelle Witze und Beschimpfungen hätten dort den Redaktionsalltag beherrscht.

Cécile Calla lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin und ist ehemalige Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins ParisBerlin.

 

[1] Deloire, Christophe/Dubois, Christophe: Sexus Politicus, Paris 2006

[2] Dieser Slogan bezieht sich auf das Motto der Anti-Rassismus-Kampagne „Sos Racisme“, die mit dem Spruch „Touche pas à mon pote“ („Fass meinen Kumpel nicht an“) die Integration fördern wollte. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/SOS_Racisme [eingesehen am 23.07.2015].


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