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Einwanderung und nationale Identität

Jan Michael Kotowski |  8. September 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Jan Kotowski über die Bedeutung von Einwanderungsdiskursen für die Konstruktion nationaler Identitäten in der BRD und den USA

Im Spätsommer 2011 sind die öffentlichen politischen Debatten auf beiden Seiten des Atlantiks von der Finanz- und Schuldenkrise bestimmt. Insbesondere in Deutschland ist die im Vorjahr noch hysterisch geführte „Integrationsdebatte“ aus dem öffentlichen Bewusstsein nahezu verschwunden. Daran ändert auch das Skandälchen um den Film Güner Balcis im Juli dieses Jahres nichts Wesentliches. In den USA ist die Einwanderungsdebatte ebenfalls wieder in den Hintergrund getreten, nachdem sie noch im Sommer 2010 im Zuge der restriktiven Gesetzgebung Arizonas und der Diskussion um den 14. Verfassungszusatz zumindest in der publizistisch-politischen Klasse des Landes eine herausgehobene Stellung eingenommen hatte.

Nun haben aber die Gesetzmäßigkeiten des news cycle nur wenig mit den sozio-politischen Hintergründen zu tun, die für das nationale Selbstverständnis postindustrieller Gesellschaften ausschlaggebend sind. Die Tatsache, dass Einwanderungsdiskurse in ihrer medialen Repräsentation Wellenbewegungen ausgesetzt sind, ändert freilich auch nichts an ihrer prinzipiellen Signifikanz für die Konstruktion von nationaler Identität.

Einwanderung ist zum heute wichtigsten politischen Thema in der Debatte um nationale Identitäten geworden. Denn Immigration wirkt sich wie kein zweiter Einflussfaktor auf die Grundlagen nationalstaatlicher Ordnung aus: (1.) das Gewalt- und Kontrollmonopol bezüglich „unverletzbarer“ Staatsgrenzen und (2.) die vermeintliche (ethno-)kulturelle Homogenität der Staatsbürger. Beide Bereiche werden schon seit längerem von den globalen Wanderungsbewegungen herausgefordert (und teilweise erodiert) und führen auf Seiten der Aufnahmegesellschaften zu einer Abwehrhaltung, die sich oftmals affirmativ in einer Stärkung nationalen Bewusstseins ausdrückt.

Die öffentliche Rezeption der Sarrazin-Affäre – ähnlich wie die ihrer Vorgängerdebatte über eine wie auch immer definierte „Leitkultur“ – hat offenbart, dass das nationale Selbstverständnis Deutschlands keineswegs von einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz als Einwanderungsland geprägt ist. Zwar grenzen sich inzwischen fast alle demokratisch legitimierten Parteien (Teile der Union inbegriffen) in ihrer offiziellen Rhetorik von der alten westdeutschen Formel „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ ab. Aber die direkte Umkehrung dieses einstigen Mantras deutscher Einwanderungspolitik bleibt zumeist inhaltsleer und/oder mit dem Gschmäckle politisch-korrekter Programmatik verbunden. Darüber hinaus taugt die Reaktivierung der alten „Lebenslüge“ nach wie vor als Reservoir für populistische Ressentiments, wie etwa am Beispiel des CSU-Vorsitzenden vergangenes Jahr besonders gut zu beobachten war.

Entgegen der weitverbreiteten selbstzufriedenen Lesweise, Deutschland sei durch die rot-grünen Reformen des Staatsbürger- und Zuwanderungsrechts auf Gesetzeswegen zum Einwanderungsland geworden, sieht die heutige Realität anders aus: eine schrumpfende Bevölkerung, der Mangel an einer systematischen Einwanderungspolitik und eine Mehrheitsbevölkerung, deren Integrationsverständnis vornehmlich darin besteht, von Migranten Anpassung zu fordern. Die gebetsmühlenartige Verwendung des Begriffes Integration ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse: Zwar herrscht in Deutschland nach wie vor eine historisch gewachsene Aversion gegen das Wort Assimilation (und dessen Konnotation einer wie auch immer gearteten Germanisierung), aber letzten Endes fungiert Integration als appellativer Ersatzbegriff der Mehrheitsgesellschaft an jene – vornehmlich muslimischen – Gruppen, die gegenwärtig als ethno-kulturell inkompatibel klassifiziert werden.

Darüber hinaus ermöglicht die Fokussierung auf Integration (die Verwendung des Begriffes Zuwanderung anstelle von Einwanderung erfüllt eine ähnliche Funktion), auch die leidige abstrakte Diskussion über das „(Nicht-)Einwanderungsland Deutschland“ für beendet zu erklären. In den – sicherlich „gut gemeinten“, in ihrer Konsequenz aber fatalen – Worten Maria Böhmers wird dies besonders deutlich: „Deutschland ist ein Integrationsland. Das ist etwas anderes als ein Einwanderungsland, denn wir wollen uns der vielen Menschen annehmen, die in diesem Land schon sind.“

Das deutsche Verständnis vom Einwanderungsland ist selbstredend stark vom vermeintlichen Gegenmodell „klassischer“ Einwanderungsländer wie den USA, Kanada und Australien geprägt. Diese primär angelsächsischen, jedoch kulturell offenen Siedlergesellschaften mit ihren nahezu unbegrenzten Landmassen werden historisch als Gegensatz zum ethno-kulturell einheitlichen und räumlich begrenzten deutschen Nationsmodell verstanden.

In den USA scheint das Selbstverständnis als Einwanderernation fester Bestandteil der nationalen Mythologie zu sein. Interessanterweise jedoch hat sich die glorifizierte Idee von der nation of immigrants erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer von der breiten Masse der Bevölkerung bejahten Selbstdefinition entwickelt. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die heutige amerikanische Faszination vom Schreckensbild illegaler Einwanderung weniger als Kontinuitätsbruch, sondern als Fortsetzung eines Einwanderungsverständnisses, das sich immer schon im Spannungsfeld zwischen Xenophobie und Diskriminierung, wirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Rechung und kulturellem Pluralismus befunden hat.

Vergleicht man nun empirisch die beiden vermeintlich gegensätzlichen Narrative „Deutschland ist (k)ein Einwanderungsland“ und „America is a nation of immigrants“, wird deutlich, dass – bei allen Unterschieden – beide Erzählmuster ähnliche Funktionen erfüllen. Mit Hilfe einer Diskursanalyse von deutschen und amerikanischen social studies-Schulbüchern – einem der wenigen diskursiven Bereiche, in denen nationale Identität quasi „offiziell“ formuliert werden muss – tritt  eine wichtige Erkenntnis zutage: Durch den Versuch einer positiven nationalen Selbstdefinition wird das prinzipiell ungeklärte Spannungsverhältnis der Mehrheitsbevölkerung zu diversen Minderheitsgruppierungen aufzuheben versucht.

In den USA geschieht dies durch eine mythische Überhöhung des demokratischen amerikanischen Ideals, welches Einwanderung und Staatsbürgerschaft in eine quasi teleologische Beziehung setzt. Des Weiteren glorifizieren amerikanische Schulbücher den Begriff der kulturellen Diversität als exzeptionelle nationale Stärke. Darüber hinaus fällt auf, dass die eher triste sozio-politische Realität des Einwanderungsdiskurses kaum Erwähnung findet. Das Narrativ der nation of immigrants wird durch dessen direkte Repräsentation (Ellis Island, Freiheitsstatue, Emma Lazarus, John F. Kennedy etc.) also als idealisiertes Selbstverständnis der Nation tradiert und dient somit als ideologisches Schutzschild einer Gesellschaft, deren momentanes Einwanderungsverständnis vornehmlich um das Problem der unliebsamen illegalen Einwanderung kreist.

Im Gegensatz hierzu widmen sich deutsche Sozialkunde- und Politiklehrbücher dem Thema Einwanderung dezidiert als gewichtiges gesellschaftliches Problem. Zwar überwiegt in fast allen Schulbüchern eine ausgewogene und kritische Herangehensweise sowie ein diffus „linkes“ Einwanderungsverständnis, das im verständnisvollen Ton deutscher Sozialpädagogik vorgetragen wird. Allerdings wird Einwanderung auch stets als potentielles Problem präsentiert, insbesondere in Bezug auf die Integrationsfähigkeit von Ausländern, also prinzipiell nicht-deutschen Gruppen innerhalb bzw. außerhalb der als nationale Normalität definierten deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Auffallend ist auch die häufige Verwendung des affirmativen Begriffs vom Einwanderungsland Deutschland, der jedoch häufig auch mit einem Fragezeichen versehen wird. Er bleibt damit ein „semantischer Stolperstein“. Durch die vermeintliche Anerkennung der Realität eines Einwanderungslandes wird ermöglicht, das Verhältnis von ursprünglicher Bevölkerung („den Deutschen“) und Ausländern in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen. Die hierin enthaltene Differenz taugt zur Konstruktion nationaler deutscher Identität, da sie Zusammengehörigkeitsmuster tradiert, ohne eine abstrakte Diskussion über den Inhalt ebendieser Identität führen zu müssen.

Abschließend ist festzuhalten, dass sowohl in den USA als auch in Deutschland Einwanderungsnarrative einen bedeutenden Beitrag zur anhaltenden diskursiven Konstruktion nationaler Identität liefern. In den Vereinigten Staaten trägt das mythologische Narrativ der Einwanderernation dazu bei, das positive Selbstbild einer offenen Gesellschaft zu erhalten, obgleich die politische Realität von einer ausgeprägten Einwandererfeindlichkeit geprägt ist. Ebenso ist der holprige Prozess hin zur Akzeptanz des Status als Einwanderungsland in Deutschland als Versuch zu sehen, sich als weltoffenes, modernes Land zu präsentieren. Allerdings ist diese Selbstdefinition wohl bedeutend weniger wirkungsmächtig als die sicherlich nur kurzfristig verstummte Integrationsdebatte, in der Thilo Sarrazin es so mustergültig verstand, den Ängsten der „schweigenden Mehrheit“ Ausdruck zu verleihen.

Unser Gastautor Jan Michael Kotowski ist Dozent an der University of California, Santa Cruz. Seine Doktorarbeit befasst sich mit der Konstruktion nationaler Identität durch Einwanderungsdiskurse in Deutschland und den USA.


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