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Ein #Aufschrei ohne Konsequenzen?

Maria Sulimma |  8. März 2013 |   |  Drucken

[kommentiert]: Zum Anlass des Frauen*(kampf)tages[1] ein Gastbeitrag von Maria Sulimma zur „Sexismus-Debatte“.

Sämtliche deutsche Medien kamen Ende Januar, Anfang Februar 2013 nicht umhin, sich in ihrer Berichterstattung an einer zentralen Frage abzuarbeiten: Hat die Republik ein Problem mit Sexismus? Ausgerechnet der Stern, eine Publikation, die sonst gern plakativ leichtbekleidete Frauenkörper auf ihren Titelblättern abbildet, beanspruchte in der Debatte eine Agendasetterposition; war es doch sein Portrait über FDP-Politiker Rainer Brüderle und dessen grenzenüberschreitenden Kommentar der Journalistin Laura Himmelreich gegenüber, das die Debatte auslöste.[2]

Bereits zehn Tage vorher war im Spiegel ein Artikel der Journalistin Annett Meiritz über ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Piratenpartei erschienen.[3] Nicole von Horst und Anne Wizorek nahmen diese Artikel zum Anlass, unter dem Hashtag „Aufschrei“ Frauen dazu aufzufordern, ihre Sexismuserfahrungen zu teilen. Über 100.000 solcher Tweets lassen sich inzwischen finden, die mediale Aufschrei-/Sexismus-Debatte tobte für eine kurze Zeit, ist aber schon vor dem diesjährigen Frauen*(kampf)tag größtenteils wieder verstummt, soll nun aber durch einen offenen Brief an Bundespräsident Gauck revitalisiert werden. Anlass genug also, die Debatte der letzten Woche mit einem Blick auf die kritische Rolle der klassischen Medien noch einmal retrospektiv zu analysieren.

Die kurzlebige, aber intensive #Aufschrei-Debatte lässt sich in einen größeren, der Öffentlichkeit weniger bekannten netzfeministischen Kontext einordnen. In den letzten Jahren entstand eine gut vernetzte feministische Szene um Blogs wie Mädchenmannschaft, Genderblog, Queer-O-Mat – Der queerende Blog, Class Matters, Mädchenblog, Fuckermothers, Medienelite, Femgeeks oder Anarchie und Lihbe  (um nur einige der Meistgelesenen zu nennen). Diese relativ junge feministische Szene macht sich auch außerhalb des Internets bemerkbar, entwickelte Strategien, um sich zu vernetzen und für Aktionen zu mobilisieren: 2011 im Rahmen der „Slutwalks“ in verschiedenen bundesdeutschen Städten, 2012 bei den Protesten gegen die Verhaftung der russischen Musiker_innen und Aktivist_innen von Pussy Riot und im Frühjahr 2013 bei der Aufschrei-Twitterkampagne sowie durch das „One Billion Rising“-Projekt der US-amerikanischen Dramaturgin Eve Ensler (The Vagina Monologues).

Obwohl alle diese Aktionen verdeutlichen, dass es in letzter Zeit viele feministische Debatten geschafft haben, mediale Öffentlichkeit zu erlangen, gelang es den Urheber_innen zumeist nicht, mit ihren wahren Anliegen in dieser Öffentlichkeit „gehört“ zu werden und darüber hinaus eigene Erkenntnisse weiterzugeben. Es gelang ihnen kaum zu kontrollieren, auf welche Art ihre Themen medial verhandelt wurden. Das heißt, dass in den seltensten Fällen die Berichterstattung zentrale Argumente der Themen erfassen und so aufklärerische Arbeit leisten konnte. Ein Beispiel ist die #Aufschrei-Debatte: Auch hier geisterten schnell alte Stereotype über Feminist*innen und Mythen über sexualisierte Gewalt und Grenzüberschreitungen durch die Medien. An dieser Stelle sei auf die Psycholog_innen Charlotte Diehl, Jonas  Rees und Gerd Bohner der Universität Bielefeld verwiesen, die durch ein Zusammentragen aktueller Forschungsergebnisse in einem Artikel einige dieser Mythen als solche entlarven konnten. Besonders aus medienkritischer Perspektive ergeben sich Fragen danach, welche Mechanismen beim Sprung der Internetdiskussion zur Printmedien-, Fernseh- oder Rundfunkberichterstattung dazu führen, dass zwar mediale Aufmerksamkeit entsteht – jedoch nicht im Sinne ihrer Aktivist_innen.

Dabei muss angemerkt werden, dass in der netzfeministischen Szene Debatten darüber geführt werden, wer aus welcher Perspektive für wen spricht oder sprechen darf bzw. welche Perspektiven zu kurz kommen oder vergessen werden: Viele der erwähnten Blogs, Projekte oder Kampagnen (auch die #Aufschrei-Kampagne) wurden für die von ihnen praktizierten Ausschlüsse oder eine fehlende Reflexion intersektionaler Herrschaftsmechanismen wie Rassismus, Homophobie, Heteronormativität oder Zweigeschlechtlichkeit kritisiert. Dies macht deutlich, dass die netzfeministischen Foren Debatten durchlaufen, die auch offline in Bewegungszusammenhängen die sogenannte dritte Welle der Frauenbewegung prägten.

Der Netzfeminismus nutzt jedoch – im Gegensatz zum „Dritte-Welle-Feminismus“ – das Internet mit der Möglichkeit des unmittelbaren Austausches für sich. So bemühen sich viele der Aktivist_innen um gegenseitige Fortbildungen: Es wird hier im Sinne Henry Jenkins in einer Participatory Culture (etwa: Beteiligungskultur)[4] außerhalb von universitären Kontexten Wissen produziert und kollektiv weiterentwickelt.

Die Anonymität des Netzes und die öffentliche Zugänglichkeit ihrer Räume bedeutet für diese Foren Ressource aber auch Hürden, denn auch die antifeministische Männerrechtsbewegung ist gut vernetzt und bewegt sich auf diesen Seiten, um zu „trollen“, d.h. um die Akteur_innen der Blogs zu beschimpfen und ihre Aktivitäten zu erschweren.[5]

Was im Zuge der Debatte bisher nicht gelungen ist, ist jeder Versuch, diese in einen größeren gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Die meisten Artikel bauten in ihre Berichterstattungen eine in einem Berufssetting angesiedelte Narration ein: Die Ausgangssituation der Journalistin und des Politikers wurde ausgeweitet auf die weibliche Arbeitnehmerin und den männlichen Arbeitgeber. Gleichzeitig wurden aber Verweise auf Hierarchien in diesen Settings vermieden, keine Journalist_in erwähnte den möglichen Zusammenhang von Geschlecht und Macht in diesen Berufskontexten. Wie Margarita Tsomou bemerkte: „Es ist schon ein Kunststück, die Sexismus-Debatte zu führen, ohne über die Frauenquote in Wirtschaft und Politik zu sprechen […]. Verwunderlich ist auch, wie es möglich ist, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen oder den Niedriglohnsektor auszusparen, obwohl sie klare Beispiele von Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts sind – Sexismus.“[6]

Aber die Vernachlässigung von materiellen Realitäten ist nicht die einzige Leerstelle der Berichterstattung. Die vorher erwähnten Ausschlüsse der Debatte (beispielsweise aufgrund von Heteronormativität oder Homophobie) machen deutlich, wie stark sie von einer zweigeschlechtlichen Einteilung der Welt abhängig ist. Um in der Debatte über Mythen und Klischees hinauszukommen, also um genau den angestrebten größeren Kontext zu erreichen, wäre es sinnvoll zu reflektieren, dass sich eben nicht zwei essentialistische Geschlechtsblöcke gegenüberstehen, sondern dass es um geschlechtsspezifische Sozialisationen geht. Ebenso wichtig ist es, die Rolle der Medien selbst bei dieser Sozialisation zu diskutieren – wirken sie doch in verschiedensten Formen darauf, was wir unter Geschlecht(ern) verstehen. Im Zusammenhang mit Sexismus betrifft dies insbesondere die Darstellung von Weiblichkeit(en) und Körpern, die wir als weiblich wahrnehmen.

Sowohl die US-amerikanischen feministischen Medienwissenschaftlerinnen Ariel Levy und Susan J. Douglas[7] als auch die britische Feministin Laurie Penny[8] kritisierten die westliche (Medien-)Kultur als Enlightened Sexism (aufgeklärten Sexismus) oder Meat Market (Fleischmarkt) dafür, dass sie weibliche Körper zur Schau stellt und dann diese Objektifizierung als Emanzipation und Selbstbestimmung eben dieser Körper zelebriert (siehe auch den Vortrag „The Sexy Lie“ der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Caroline Heldman).

Mit der Sexismus-Debatte rückte die netzfeministische Blogosphäre eine ihrer zentralen Thematiken in die Öffentlichkeit, dennoch zeigt die Berichterstattung viel über die Funktionsweisen der klassischen Medien auf. Denn während es den Aktivist_innen zwar gelingt, mediale Aufmerksamkeit herzustellen, so kommen ihre eigentlichen Anliegen nicht unbedingt an. Und so kann abschließend geschlussfolgert werden, dass eine geschlechtssensible und privilegienreflektierende Medienkritik zentral in der Debatte um Sexismus verankert werden sollte und nicht nur am Frauen*(kampf)tag ausgeübt und eingefordert werden.

Maria Sulimma, M.A, ist Politikwissenschaftlerin, Amerikanistin und kritische Medienwissenschaftlerin. Unter dem Titel „Die anderen Ministerpräsidenten“ erscheint dieses Jahr ihre Studie zu den Auswirkungen von Geschlecht in der printmedialen Berichterstattung über die Ministerpräsidentinnen Christine Lieberknecht, Hannelore Kraft und Annegret Kramp-Karrenbauer im LitVerlag. Aktuell arbeitet sie an einer Dissertation mit dem Titel „Doing Seriality: Gender and Television Narrative“.


[1] „Seit über 100 Jahren gehen Frauen* und Feminist*innen am internationalen Frauen*kampftag auf die Straßen, um ihre Rechte einzufordern. Der internationale Frauen*kampftag hat eine lange Tradition. Er wurde initiiert von der Kommunistin und Frauen*rechtlerin Clara Zetkin (1857-1933).“ Quelle und mehr auf: http://femstars.tumblr.com/

[2] Himmelreich, Laura: Der Herrenwitz, in: Stern, 5/2013 (24.01.2013).

[3] Meiritz, Annett: „Man liest ja so einiges über Sie“ – Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartei kennenlernte, in: Der Spiegel, 3/2013 (14.01.2013).

[4] Jenkins, Henry: Convergence Culture: Where Old and New Media Collide. New York 2006.

[5] Rosenbrock, Hinrich: Die antifeministische Männerrechtsbewegung – Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung.  Eine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung, 2012, online einsehbar unter: http://www.boell.de/downloads/Antifeminismus-innen_endf.pdf [eingesehen am 07.03.2013].

[6] Tsomou, Margarita: Der Aufschrei, der (nicht) gehört wurde – In der Debatte über Alltagssexismus wurden wichtige Fragen nicht gestellt, in: AK – Analyse &Kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, 15.02.2013.

[7] Douglas, Susan J.: Enlightened Sexism. The Seductive Message That Feminism’s Work Is Done. New York 2010.

[8] Penny, Laurie: Meat Market. Female Flesh Under Capitalism. Alresford 2011.


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