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Warum wir vielleicht nicht immer über „die Strukturen“ reden sollten

Anna Carola König |  27. Juni 2019 |   |  Drucken

[kommentiert]: Anna König über den Vortrag von Ousman Umar „Education is the key“

Ousman Umar bei seinem Vortrag „Education is the key“ in Göttingen.

 „Ousman Umar ist in seiner Jugend aus Ghana nach Spanien geflüchtet, lebte einige Monate auf den Straßen Barcelonas und wurde als 17-jähriger Analphabet von einer katalanischen Familie aufgenommen. Elf Jahre später war er MBA-Absolvent einer der renommiertesten Business Schools der Welt. In einem Vortrag am Dienstag, 18. Juni 2019, spricht er unter dem Titel „Education is the key“ über seinen Weg und die von ihm gegründete NGO, mit der er Bildungsprojekte in Ghana unterstützt.“ [1]

So lautete der Ankündigungstext für den Vortrag von Ousman Umar, von der studentischen Initiative Conquer Babel e.V. organisiert und gerahmt von einer kleinen Ausstellung zu lokaler Bildungs- und Integrationsarbeit von verschiedenen Göttinger Organisationen.

Der Text verspricht uns die interessante Geschichte eines Menschen, der, trotz oder gerade durch die Fluchterfahrung und – polemisch gesagt – glücklichen Fügungen, aber auch durch seinen eigenen beeindruckenden Optimismus, einen gesellschaftlichen Aufstieg nach westlichen Vorstellungen hinlegte. Das klingt spannend und solche Erfolgsgeschichten lieben wir. Aber tatsächlich war es noch viel spannender.

Kurz vor Beginn des Vortrags im ZHG der Universität trudelten die ersten Besucher*innen ein und verteilten sich in fröhliche Unterhaltungen vertieft in den Reihen des Hörsaales.

Umar im ZHG-Hörsaal der Universität Göttingen.

Um 19:15 Uhr trat Umar nach vorne und erst als Stille war, begann er seinen Vortrag. Von der ersten bis zur letzten Sekunde stellte er durch seine Art zu reden eine Atmosphäre her, die mit emotionalen Höhen und Tiefen aufgeladen war. Ich kann an dieser Stelle nur von meinem Erlebnis des Vortrags berichten, aber das möchte ich gerne, denn das ist es, was dieser Vortrag für mich war. Es war ein Erlebnis, aber nicht im Sinne eines unterhaltenden Vortrages, an dessen Ende man vielleicht noch kurz über den Inhalt spricht, sich darüber einig ist, dass das doch schon auch eine sehr bewegende Geschichte sei und dann nach Hause geht. Einen solchen Nachklang hatte der Vortrag nicht. Umar begann seine Geschichte mit Kindheitserinnerungen aus seinem Heimatdorf in Ghana und warum er dort nicht bleiben konnte. Darauf folgte eine Schilderung seiner Flucht, die sich fünf Jahre zog, größtenteils quer durch den afrikanischen Kontinent, aber nicht von einem kontinuierlichen Weiterkommen, sondern dem mehrfachen Hin und Her und wieder zurück bestimmt war, um dann letztendlich auf einem Schlepperboot nach Spanien zu gelangen. Dabei erzählte er auf eine besondere Art und Weise nicht nur seine persönliche tragische Geschichte, sondern bettete seine individuelle Fluchterfahrung in die Fluchtgeschichte Hunderttausender ein, für die er stellvertretend sprach. Insbesondere für diejenigen, die nicht mehr darüber sprechen können, weil sie, um in seinen Worten zu bleiben, „not lucky“ waren.

In seiner Erzählung bleibt er ganz ruhig, irgendwie sachlich, aber auch ernst und nachdrücklich, um das zu verdeutlichen, worum es ihm geht. Und das ist vor allem, dass hinter den Statistiken und den Bildern in den Medien von Booten im Mittelmeer Menschen und ihre Geschichten stehen. Er stellt sich nicht als Einzelfall dar, der eine schicksalhafte Biografie durchleben musste. Er sucht auch keine Schuldigen für seine damalige Situation, nur manchmal verweist er auf politische Strukturen, deren Auswirkungen seine Fluchtgeschichte und sein Leiden prägten. Er kennt die strukturellen Probleme, die Verflechtungen der politischen und geographischen Gefüge, aber er kennt sie nicht nur in der Theorie, sondern hat das aus ihnen Resultierende am eigenen Leib erfahren. Und er entscheidet sich bewusst dafür, nicht über Strukturen zu sprechen, sondern über seine Biografie, denn aus dieser heraus erklärt er auch die Motivation für die Gründung seiner NGO NASCO-Foundation und deren Motto „Feeding Minds, Transforming Society“, welcher der zweite Teil seines Vortrags gewidmet ist. 

Umar gründete die NGO 2012. Ihr Ziel ist es, Zugang zu Bildungsressourcen herzustellen und den Teilnehmer*innen an den Programmen Grundlagen für ein lebenslanges Lernen durch elementare Bildung zu ermöglichen und durch Bildung den Schlüssel zu erhalten, sich selbst die Tür für bessere Chancen auf dem lokalen – oder dem globalen – Arbeitsmarkt zu öffnen. Konkret bedeutet das u. a., dass die NGO im Rahmen von verschiedenen Projekten Schulen oder öffentlichen Räumen in Ghana mit gebrauchten Computern vor allem aus Europa ausstattet und Kindern und Jugendlichen Medienkompetenzen beibringt.

Das klingt zunächst wie ein kleines, nettes Projekt, aber es steckt doch mehr dahinter, was uns und auch mir aus meiner Perspektive – im deutschen Bildungssystem sozialisiert und ausgebildet –, vielleicht nicht ganz klar ist. Ein kleiner, fast versteckter Satz auf der übersichtlichen und professionellen Homepage der NGO mag es verdeutlichen:

„For these Ghanaian students, computers cease to be elements that can only be seen drawn or photographed in a book to become, finally, real tools, practical and useful tools with which to learn and have access to information and education.“[2]

Der Vortrag stand unter dem Titel „Education is the key“. Aber was Umar damit wirklich meint, ist nur zu durchdringen, wenn man versucht, sich von den klassischen Bildungsslogans zu lösen.

Bildung bedeutet hier nicht, dass alle Schüler*innen, die an dem Programm der NGO teilnehmen, einen überdurchschnittlichen Bildungsabschluss machen, studieren und dadurch Aufsteiger*innen werden, wie wir sie uns vielleicht vorstellen. Bildung bedeutet in diesem Kontext eher, dass einigen jungen Menschen in Ghana eine Möglichkeit bereitgestellt wird, eine Alternative zu Nichts zu haben. Dieses Nichts, was auch Umar zu seiner Flucht trieb. Ousman Umar ist aber nicht seine Flucht, was er jetzt tut, steht für ihn im Mittelpunkt. Durch seine Vergangenheit geprägt und angetrieben von einem inspirierenden Optimismus, erzählt er von seinem Projekt und stellt ein pragmatisches Bildungskonzept vor.

Dass diese pragmatische und kleinschrittig wirkende Perspektive auf Bildung unserer Vorstellung vielleicht nicht unbedingt entspricht und wir deshalb das Projekt und Umars Vortrag, mit seinem ständig wiederholten Mantra „Education is the key“ anders lesen, spiegelte sich auch in einigen Nachfragen wider. Diese drehten sich schwerpunktmäßig darum, ob nicht die politischen Probleme genauso wichtig seien und ob es nicht noch wichtiger sei, der deutschen Migrationspolitik auf die Finger zu schauen, statt Projekte wie seine zu unterstützen. Darin zeigte sich, wie sehr wir darauf ausgerichtet sind, auf Strukturen zu blicken und auch das dem zu Grunde liegenden Privileg, überhaupt diese Perspektive einnehmen zu können. Das manifestierte sich auch, als in einem Kommentar der Begriff BAMF fiel, die bloße Erwähnung dieser Institution löste im Publikum ein Stöhnen aus, das einem kollektiven genervten Augenrollen gleichkam, ohne dass der Wortbeitrag überhaupt ausgeführt worden war.[3]

Umar hört einem Wortbeitrag aus dem Publikum zu.

Ousman Umar ist persönlich betroffen und hat sich für den pragmatischen Weg entschieden, um im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu verändern. Demgegenüber steht die abstrakte Betroffenheit des Publikums, das gewohnt ist, strukturelle Probleme aus der Distanz zu analysieren. Es konnte der Eindruck entstehen, das Plenum habe die Erwartungshaltung, dass Umar nun eine Lösung für komplexe politische Probleme präsentieren würde. Ein so komplexes politisches Geflecht, dass wir uns manchmal wünschen, es reiche aus „die Strukturen“ zu analysieren und darüber zu reden. Steht dann in der Theorie die Komplexität fest, schrecken wir vor konkreten Handlungen zurück, vielleicht aus der Sorge heraus zu scheitern oder nicht komplex genug zu denken.

Der Nachklang dieses Vortrags war nicht von Lösungen oder einem guten Gewissen, mich mit Problemen von Flucht und Migration auseinandergesetzt zu haben, geprägt. Ich gehe mit Fragen bezüglich meiner privilegierten Vorstellung von Bildung aus dem Vortrag und nehme gleichzeitig eine persönliche und beeindruckende Geschichte mit, die den Auswirkungen von komplexen Strukturen ein Gesicht gibt. [4]

Mitglieder der studentischen Organisation Conquer Babel e.V. und der Redner Ousman Umar.

[1] Es handelt sich dabei um den Ankündigungstext des Newsletters der Universität Göttingen: http://newsletter.uni-goettingen.de/blog/2019/06/13/vortrag-education-is-the-key-18-juni/ [letzter Zugriff 23.06.2019]

[2] Die Homepage der NGO NASCO Foundation: https://nascoict.org/ [letzter Zugriff: 23.06.2019]

[3] Der Wortbeitrag war ein Hinweis auf ein Programm des BAMF, das die Reintegration von Menschen, die aus Ghana geflüchtet sind, dadurch unterstützt, dass sie in Programmen vor Ort Unterstützung bekommen. Auch wenn das dem klassischen „Hilfe zur Selbsthilfe“-Ansatz entsprechen mag, der in der Umsetzung auch kritisch zu betrachten ist, ist das Pragmatische, was dadurch benannt wurde, mit dem Ansatz, den Umar in den Vordergrund stellte, vergleichbar.

[4] Da es schwierig ist, im geschriebenen Wort einen erlebten Eindruck wiederzugeben, empfehle ich das Video, auch wenn es sich natürlich von dem persönlichen Vortrag unterscheidet: TED Talk von Ousman Umar Mai 2018, URL:https://www.youtube.com/watch?v=iRICYDoKEAc&fbclid=IwAR3NIyxbJeQYZwQat5dx7zvcodXvlfNKTJCOJF5c75XFRCNUpT2Si-KiGjQ [eingesehen am 24.06.2019].


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