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Die Töchter des Ü-Eis

Jöran Klatt |  26. September 2012 |   |  Drucken

[debattiert]: Jöran Klatt über die konservative Kritik an Genderlogiken

„Ist es für meine Tochter gefährlich oder schränkt es sie in irgendeiner Hinsicht in ihrer persönlichen Zukunft ein, wenn sie pinkfarbene Überraschungseier konsumiert?“ – Diese Frage treibt gegenwärtig nicht nur Eltern um, sie birgt auch allgemein Streitpotenzial. Das Unternehmen Ferrero vertreibt seit kurzem eine „Mädchen“-Variante ihres Traditionsproduktes, ein lila-farbiges Überraschungs-Ei, das zu heftigen Gender- bzw. Anti-Gender-Debatten im Netz und in überregionalen Printmedien gesorgt hat (Maskulisten vs. FeministInnen / FeministInnen vs. Post-FeministInnen oder Anti-FeministInnen, usw.). Dabei wird deutlich: In Fragen der geschlechts(un)spezifischen Erziehung wird nicht nur gerne aneinander vorbeigeredet, sondern es offenbaren sich auch bemerkenswerte konservative Tendenzen. Einen  exemplarischen Beitrag hierfür lieferte vor einer Zeit The European.

Die Autorin Birgit Kelle attackiert darin die „feministischen Marktüberwacher“ (zumindest die Klischees, die sie von ihnen hat) und wendet sich gegen allzu viel Empörung in Geschlechterfragen. Besonders eine ihrer Formulierungen in diesem Zusammenhang ist problematisch: Sie schreibt, dass die klassische Rollenverteilung von Jungen und Mädchen und deren symbolischer Ausdruck in den Farben von Spielzeug „nicht bedenklich und auch nicht sexistisch, sondern normal“ sei. Eine derartige Kritik ist symptomatisch für eine gefährliche Entwicklung, in der zum Teil auf beiden Seiten versucht wird, das jeweils als „normal“ Empfundene und Gewünschte wieder als „objektiv“ und „natürlich gegeben“ zu verteidigen.

Mitunter ist Kelle wohl auch zuzustimmen: Es gibt sie durchaus, die Feministinnen und Feministen oder eben die Anhängerinnen und Anhänger einer normativen neuen Genderpolitik, die sich auf diverse Symbole und Feindbilder einer für sie antiquierten hegemonialen bipolaren Genderlogik förmlich „einschießen“ – und dabei gleichzeitig ein zwar anderes, aber nicht weniger dogmatisches Weltbild propagieren. Ein Teil der feministischen Bewegung hat zweifellos kaum emanzipatorische Wirkung, sondern verstärkt eher den Konflikt zwischen Geschlechtern. Kritisch ist dies vor allem, wenn weiblich dabei als ein positives Attribut im Gegensatz zum negativen männlich aufgebaut wird, Metrosexualität als etwas zweifellos Anzustrebendes gilt oder bipolare Genderstereotypik per se abgelehnt wird. Das stark in Mode gekommene Ideal der Androgynität ist, wenn auch hybrider, nicht mehr und nicht weniger sozial konstruiert als jenes bipolare Ideal des Konservatismus.

Gender und Rollen, Klischees und Stereotype unterliegen einem historischen Wandel, stehen nicht fest – und das ist auch gut so. Das erkennt auch Kelle, indem sie schreibt: „Ja, es sind Klischees und manchmal braucht man sie, um an ihnen zu wachsen oder auch, um sie zu überwinden.“ Gender und Rollen müssen nicht zwingend Zwangskorsette sein, sondern sind auch und vor allem erst einmal kulturelle Angebote, über die wir uns identifizieren und damit in der Welt orientieren können. Wir können eine Bedeutung für unser Leben aus ihnen schöpfen, aber auch Feindbilder in ihnen sehen, von denen wir uns abgrenzen möchten.

Letzteres ist ein Vorwurf von Kelle an „den“ Feminismus, den sie fälschlicherweise als etwas Monolithisches begreift und ihm damit implizit jegliche, in der Realität mannigfach vorhandene Nuancen aberkennt. Sie kritisiert, dass dieser politische Feminismus in einem für viele Menschen nach wie vor sinn- und gar glückstiftenden Muster ein Feindbild sieht und es nur angreift, um in einer quasi genderimperialistischen Manier ein eigenes vermeintlich neutrales Ideal durchzusetzen.

Hieraus schöpft sie weitere Angriffspunkte: „Zwar haben die gleichen Feministinnen jahrelang gefordert, dass Lego und Playmobil endlich mehr Mädchenfiguren produzieren sollen […]“. Hierin liegt, so Kelle, eine vermeintlicher Widerspruch in der kritisch-feministischen Forderung. Einerseits forderten die FeminstInnen mehr Weiblichkeit, setze man dies jedoch um, so seien sie wiederum empört über Stereotype. Dies ist so jedoch nur auf den ersten Blick so: Tatsächlich strebt nur ein Teil (wenn vielleicht auch kein kleiner) der Feministinnen und Feministen an, das Attribut der Weiblichkeit zu stärken und als Identifikationsmerkmal beizubehalten und auszubauen. Sie stehen oftmals denen gegenüber, die ein durchlässigeres, beweglicheres und flexibleres Identifikationsangebot für Individuen als die klassische Mann-Frau-Dichotomie einfordern.

Hier haben wir es also nicht mit einer Inkonsistenz und eben auch nicht mit dem Feminismus zu tun, sondern eigentlich mit zwei sehr unterschiedlichen Ansprüchen: Erstens ist da jener Feminismus, der die Überwindung von Geschlechterstereotypen fordert und damit letztendlich Feminismus als etwas sich selbst Auflösendes, weil im utopischen Ideal am Ende unnötig begreift. Zweitens ist da jene politische Forderung nach einer neuen Machtverteilung innerhalb der bestehenden Geschlechter-Dichotomie.

Man kann also nicht sagen, wen oder was Kelle mit „den Feministinnen“ meint, die mehr Mädchenspielzeug gefordert haben. Waren es mehr bipolar angelegte Spielzeuge, wie eben jene Ü-Eier und Barbies, um die es jetzt geht, oder ging es eventuell um mehr weibliche Action-Figuren? Dies erinnert an eine Episode der TV-Serie „Die Simpsons“ mit dem Titel „Lisa vs. Malibu-Stacy“, in welcher die älteste Tochter der Simpsons-Familie, Lisa, sich dafür engagiert, dass ihre Lieblingspuppe (die frappierend an die reale Barbie erinnert) ein neues weibliches Ideal verkörpern und somit ihren Alters- und Geschlechtsgenossinnen tatsächlich ein breiteres Identifikationsangebot anbieten solle als das herkömmliche, zum Teil sicherlich auch glücksstiftende, aber zweifellos sexistische Stereotyp.

Lisas Frustration über den Status Quo zeigt in dieser Folge auf undogmatische Art und Weise, wo die Problematik liegt, die auch Kelles Tochter betrifft, über die sie schreibt: „Sie [ihre Tochter] wollte Barbies und dann zur Einschulung den pinken Blümchen-Schulranzen und sie hat es trotzdem als Klassenbeste aufs Gymnasium geschafft.“ Zunächst weist die Autorin damit auf das Recht ihrer Tochter, stellvertretend für andere Mädchen ihrer Generation, hin: sich in der gegenwärtigen bipolaren Mehrheitsgesellschaft durchaus wohlfühlen und selbige unterstützen zu dürfen. Darüber hinaus impliziert Kelle jedoch zweierlei: Erstens, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun haben müsse, dass Rosa-Präferenzen von Mädchen nicht zwangsläufig zu beruflichen/akademischen Misserfolgen führen müssen. Und zweitens, dass das persönliche Glücksempfinden in einer klassischen Geschlechterlogik gegenüber den Nachteilen, die diese womöglich durch Unterdrückung erzeugt, überwiege.

Leider ist es so einfach nicht. In der Schule hat sich der vorbestimmende Charakter, den Gender-Logiken auf die Notengebung haben, nur verschoben, nicht aufgelöst. Inzwischen machen mehr Mädchen das Abitur als Jungen, sie gelten unter Lehrerinnen und Lehrern als „fleißiger“, „stiller“ und „gehorsamer“. Das alles mag in bestimmten Fällen zutreffend sein, verweist aber vor allem auf antiquierte SchülerInnenrollen, die eher dem überholten Ideal von Disziplin und Gehorsam entsprechen als dem humanistischen und emanzipatorischen Anspruch, den wir in unseren Bildungszielen immer wieder formulieren.

Immer wieder werden jedoch bestimmte individuelle Menschen- und Weltbilder im schulischen Alltag auf die Kinder projiziert: Die „braveren und strebsamen Mädchen“ sind zwar kein neues, aber inzwischen eben ein erfolgsversprechendes Rollengebot. Der emanzipatorische Anspruch einer rollenkritischen Genderlogik hat diesbezüglich nicht „zu viel“, sondern eher „zu wenig“ erreicht. Ein inzwischen vielfach kritisiertes „Hinterherhinken“ der Jungen im Schulalltag ist damit nicht Folge eines „zu viel Feminismus“ (wie vielfach von „Maskulisten“ negativ attestiert), sondern im Grunde eines „zu wenig“ an emanzipatorischem Gender-Dekonstruktivismus.

Auf keinen Fall sollen damit die Kompetenzen von Kelles Tochter in Frage gestellt werden, aber auch sie wird zugeben müssen,  dass ihre Tochter vielleicht gerade deshalb Klassenbeste wurde, weil sie einige der zentralen Klischees erfüllte. Dies ist nicht unbedingt automatisch negativ zu bewerten, aber Rollenerwartungen haben nun mal Einfluss auf Beschulungs- und Benotungsprozeduren. Genau um dies zu verhindern, lernen LehramtskandidatInnen einen, von ihnen im Übrigen oftmals als praxisfern kritisierten, kritischen Umgang mit Sozialisierungs- und Erziehungstheorien.

Einem ist allerdings zuzustimmen: Bipolare Genderlogiken sollten genausowenig diskriminiert und als „antiquiert“ beschimpft werden wie alle anderen Identitätszuordnungen, haben aber eben auch nicht mehr oder weniger Rechte als diese. Sie sind zwar hegemonial, aber genauso stark konstruiert und tradiert wie andere auch. Kelles Artikel offenbart jedoch vor allem eine Befindlichkeit innerhalb einer konservativen Strömung, die glaubt, sich gegenüber einem Feindbild abgrenzen zu müssen. Dies sollte innerhalb der feministischen Strömung wiederum nicht als rückständig aufgenommen, sondern mit viel Empathie beobachtet werden. Aus der eigenen Erfahrung muss jede Bewegung, die gegen Unterdrückung kämpft, lernen, nicht die gleichen Fehler zu begehen wie jene, gegen die man sich aufgelehnt hat.

Birgitt Kelle sollte, da sie mit der gleichen konstruierten bipolaren „Gender-Normalität“ glücklich ist, sich von Zeit zu Zeit vorstellen, wie es wäre, wenn dieses „Normal“ das neue „Unnormal“ wäre, wenn das, was sie glücklich macht und Identität stiftet, nicht akzeptiert wäre, gar zuweilen als unangepasstes, vielleicht sogar verachtetes Verhalten gelten würde. Ein Glücksempfinden alleine, das eine Mehrheitszugehörigkeit von Zeit zu Zeit mit sich bringt, widerlegt noch keineswegs die Konstruiertheit aller gender, auch der klassisch Bipolaren.

Jöran Klatt arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.



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