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Die Sprachlosigkeit der Kirche

Katharina Rahlf |  4. Oktober 2010 |   |  Drucken

[präsentiert]: Katharina Rahlf erforscht im Projekt „Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus“ den Bereich der Kirchen in den Niederlanden, Österreich und Deutschland. Hier gibt sie uns eine Zusammenfassung über ihre Untersuchungen.

Die Kirchen schrumpfen – trotz aller zeitweiligen Austrittsrückgänge und Taufanstiege (die nicht selten umgehend als „Trendumkehr“, als vermeintlicher „Kirchenboom“ gefeiert werden), ist die Tendenz doch eindeutig: Tatsächlich allumfassende Massenorganisationen stellen die Kirchen immer weniger dar. Der springende Punkt dabei ist, dass dieser Mitgliederrückgang milieuspezifisch ungleich verteilt ist, dass die Kirche bestimmte Milieus im Grunde gar nicht mehr erreicht, ja ihnen sprachlos gegenübersteht.

Natürlich könnte man nun einwenden, dass Entkirchlichung gar nichts per se Bedenkliches sein muss, schließlich kann mit dem Ausbruch aus als einengend empfundenen kirchlichen Strukturen ein Gewinn an subjektiver Freiheit einhergehen, ist der Machtverlust der sich oft autoritär gebärdenden „Institution Kirche“ für demokratisch verfasste Gesellschaften nicht unbedingt beklagenswert. Dennoch waren auch und gerade die Kirchen zu ihren großorganisationellen Hochzeiten – ebenso wie die Parteien und Gewerkschaften – wenn vielleicht nicht stets Horte der Demokratie, so doch zumindest Orte gemeinschaftlichen Handelns, gesellschaftlicher Integration. Für den gegenwärtigen Zustand westeuropäischer Demokratien ist also auch die Erosion der Kirchen nicht unerheblich.

Charakteristisch für Kirchen als gesellschaftsumspannende Großkollektive war, dass ihre Mitgliedschaft gewissermaßen selbstverständlich war, im Grunde „automatisch“ zu Stande kam; über die Taufe wurden die Jüngsten ohne eigenes Zutun aufgenommen, die Teilnahme am kirchlichen Leben festigte dann die Zugehörigkeit – welche wiederum an die nächste Generation weitergegeben wurde. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Ist dieser Kreislauf einmal unterbrochen, d.h. kehren die Menschen der Kirche erst einmal den Rücken, ist vielleicht der „Zeitgeist“ wenig kirchenfreundlich, so wird es immer schwieriger, wieder den Anschluss zu finden – auch wenn das Bedürfnis nach Kirche wachsen, der Zeitgeist sich ändern sollte. Denn je weniger eine Kirchenmitgliedschaft die selbstverständliche Norm darstellt, zu einer umso größeren Hürde werden (Wieder-)Eintritt bzw. die Aufnahme kirchlicher Aktivität.

Durch diesen Traditionsabbruch, die massive Entkirchlichung – die tendenziell übrigens in allen drei Projektländern zu beobachten ist, die weder von sich liberal gerierenden niederländischen Bischöfen noch von autoritär agierenden österreichischen Kirchenoberen aufgehalten werden konnte – hat aber auch die Kirche selbst immer weniger Anknüpfungspunkte, dafür zunehmend Verständigungsschwierigkeiten. Denn ohne kirchliche Sozialisation steht man dieser Institution oft ratlos gegenüber, kirchliche Riten, liturgische Abläufe und theologische Hintergründe sind ebenso unbekannt wie unverständlich – und damit eher abschreckend, zumindest wenig attraktiv.

Im Grunde handelt es sich bei Kirchen also um sehr fragile Sozialgebilde, die in hohem Maße abhängig sind von kollektiver Mitgliedschaft und einer Tradierung über mehrere Generationen hinweg. Beides jedoch ist heutzutage nicht mehr gegeben; und so läuft kirchliche Ansprache häufig ins Leere, findet keine Empfänger – bzw. nicht die passenden Worte.

Denn Kirche muss heute vor allem eines: „passen“. Studien von Sinus und Allensbach haben gezeigt, dass die Sprachlosigkeit der Kirche nicht in allen Bevölkerungssegmenten gleich stark ist, sondern dass kirchliche Kommunikation in einigen Milieus extrem schwierig ist, dort geradezu ins Leere läuft. Man lehnt dort eben nicht nur eventuell lebenslange institutionelle Bindungen ab, hat vielleicht Zweifel an der religiösen Lehre gewonnen – sondern man empfindet die kirchliche Sprache als veraltet, überladen oder betulich, jedenfalls als „unpassend“. Auch religiöse Metaphern erschließen sich nicht unmittelbar, noch weniger kann man mit einer verschlüsselten Debattenkultur anfangen, und verstiegenen theologischen Detailerörterungen kann dann erst Recht kaum noch jemand folgen – geschweige denn, dass beflissen-couragierte „Betroffenheits“- und Moralappelle hier Gehör fänden. Auch Stellungnahmen der Kirche zu gesellschaftspolitischen Themen erfüllen nur bedingt ihren Öffentlichkeitsanspruch; auch sie sind zumeist in einem wenig anschlussfähigen „Kirchenjargon“ verfasst, durch den sie einiges an Relevanz verlieren.

Die Milieus, in denen der kirchliche Kommunikationsstil (noch) am stärksten verfängt, sind die der Traditionsverwurzelten, der Konservativen und der Bürgerlichen Mitte; auch bei den Postmateriellen ist der „Andockgrad“ hoch. Ebenso bei den Jugendlichen: Der traditionelle, bürgerliche sowie postmaterialistische Nachwuchs zeigt sich überdurchschnittlich empfänglich. In allen anderen Milieus hingegen dominiert Desinteresse bis Ablehnung. Kirche gilt dort als rückständig, beschränkt, bei Jugendlichen schlicht als „uncool“. Problematisch an dieser Milieuverengung ist vor allem, dass kirchliche Kommunikation offenbar nur noch die sowieso bereits etablierten wie die schrumpfenden Milieus erreicht. Gerade mit den trendsetzenden Leitmilieus, den „Performern“ und „Experimentalisten“, hingegen kann sie nicht Schritt halten, widerspricht den dortigen Vorlieben und Erwartungen – und droht deshalb mehr und mehr, den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Doch auch in den Milieus der sogenannten Unterschicht, den „Konsummaterialisten“ und „Hedonisten“ stößt kirchliche Ansprache auf wenig Resonanz, hier gilt sie als „spaßunwillig“, läuft ebenfalls an den Bedürfnissen vorbei. Dadurch aber vermag die Kirche auch gerade die weniger Privilegierten, vor allem die aus gesellschaftlichen Netzwerken „Herausgefallenen“ immer weniger einzubinden – was ihren einstmals großen Beitrag zu schichtübergreifender sozialer Integration enorm mindert.

Hinzu kommt, dass sich das Personal der Kirchen selbst aus wenigen Milieus rekrutiert. So handelt es sich z.B. bei pastoralen Mitarbeitern, d.h. den im Alltag Aktiven, meist um „Postmaterielle“, die ebenfalls einen bestimmten Kommunikationsstil pflegen, denen besonders materialistische Einstellungen, ein weniger „feinsinniger“ Gestus doch irgendwie missfällt; und was dann ebenfalls in – bewusstes oder unbewusstes – Distinktionsgebaren mündet. Und ein offensichtlich angelernter „moderner“, „cooler“, gar „frecher“ Kommunikationsstil, wie er beispielsweise für kirchliche Jugendarbeit typisch ist, ist dann ganz und gar kontraproduktiv und wird von den Adressaten als allzu durchschaubar und aufgesetzt rundweg abgelehnt.

Im Grunde pflegt die Kirche also zum Einen eine „Geheimsprache“, die sich nur „Eingeweihten“ erschließt und die ohne „Dechiffrierung“ Außenstehenden bzw. Hinzugekommenen zu einem Großteil unverständlich bleibt – sie kommt also elementaren Vermittlungsaufgaben nicht nach. Und zum Anderen haben sich in der kirchlichen Kommunikation bestimmte Sprachstile durchgesetzt, mit welchen nur einige wenige Milieus gut, die übrigen Bevölkerungsteile hingen kaum erreicht werden. Diese Sprachlosigkeit trägt jedoch dazu bei, dass sich die Distanz weiter Bevölkerungsteile zur Kirche fortlaufend vergrößert – was wiederum den Beitrag einer Großorganisation Kirche zu gesamtgesellschaftlicher Integration mindert.

Katharina Rahlf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus“.


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