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„Die Schule muss mehr Demokratie vermitteln“

Robert Mueller-Stahl |  8. Oktober 2014 |   |  Drucken

[nachgefragt]: Yvonne Blöcker (geb. Wypchol) und Nina Hölscher über die Demokratievorstellungen von Kindern.

Yvonne und Nina, ihr habt das Buch „Kinder und Demokratie. Zwischen Theorie und Praxis herausgegeben“, indem ihr die Demokratievorstellungen von Kindern untersucht.

Was macht die Forschung interessant?

Nina: Das Spannende rührt vor allem daher, dass Kinder in unserer Gesellschaft eine andere Stellung haben. Dadurch haben sie selbst auch eine neue Perspektive auf Themen wie Politik oder Demokratie. Sie nehmen die Gesellschaft anders wahr, weil sie von ihr anders behandelt werden. Gerade deshalb hat die Erforschung dieser kindlichen Perspektive etwas Neues und Erfrischendes.

Blöcker_Demokratie Yvonne: Konkret äußert sich das in spontanen und für uns unerwarteten Antworten der Kinder. Sie nehmen aber oft viel mehr wahr, als man denkt. Das macht die Arbeit mit und über sie sehr facettenreich.

Frage: Wie werden Kinder politisch und politikwissenschaftlich wahrgenommen?

Nina: Bisher werden sie in der Politikwissenschaft eher stiefmütterlich behandelt. Themen wie Beteiligung werden in der Wissenschaft gerne auf kernpolitische Bereiche wie den der Wahlen reduziert, wovon Kinder ausgeschlossen sind. Dadurch sind sie häufig keine Objekte, geschweige denn Subjekte der Forschung geworden. Außerdem schlägt einem immer wieder die Wahrnehmung entgegen, dass Kindern viele „Kompetenzen“, die für politisches Handeln, z.B. das Wählen, notwendig sind, noch nicht zugetraut werden.

Yvonne: Entscheidend ist letztlich das Bild, das sich die Politikwissenschaft von Kindern macht. Historisch ist das natürlich nicht immer gleich gewesen, sondern hat sich durchaus gewandelt. In den 1970er und frühen 1980er Jahren z.B. war das Thema „Kinder“ in der politikwissenschaftlichen Forschung durchaus vorhanden, was mit einer positiveren Sicht auf die Kinder einherging. Zum Ende der 1980er Jahre hat sich das Interesse dann eher auf Jugendliche verlagert, weil Kinder als „unfertig“ und deswegen politikwissenschaftlich „irrelevant“ angesehen wurden. In den 1990ern ist dann ein neues Interesse an Kindern erwacht, dennoch hält sich die politikwissenschaftliche Forschung von und mit Kindern in Grenzen. 

Nina: In den letzten Jahren hat sich das „Kindbild“ im Zuge von Beteiligungsdebatten gerade in der Pädagogik sehr geändert. Kinder werden heute in der Forschung zunehmend kompetenter und fähiger eingeschätzt. 

Frage: Welche Erfahrungen habt ihr zum Demokratieverständnis von Kindern gemacht?

Yvonne: Wir haben aus unserer praktischen Arbeit erfahren, dass Kinder eine Menge über ihre Umwelt mitbekommen, auch über Politik und demokratische Themenfelder. Das ist erst mal überraschend. Auf der anderen Seite zeigt sich aber auch das Bildungsthema stark: Der „Wissensstand“ variiert doch schichtspezifisch sehr. Außerdem wurde in der praktischen Arbeit mit Kindern deutlich, dass sie sich auf die kreative Bearbeitung von politischen Problemen genau einlassen können. Gerade in diesem Bereich werden sie sehr unterschätzt.

Nina: Der Begriff „Demokratieverständnis“ umfasst natürlich ein weites Feld. Neben dem demokratischen Wissen, also der Kenntnis von bestimmten Abläufen, Ämtern etc., ist die Ebene des demokratischen Handelns entscheidend. Hier konnten wir vor allem herausfinden, dass Kinder durchaus in der Lage sind, – auch ihnen vorab unbekannte – politische Prozesse wie Wahlen und Abstimmungen nachzuvollziehen und durchzuführen. Überhaupt nehmen sie ihre Umwelt sehr genau wahr. Nichtsdestotrotz sind viele Aspekte des demokratischen Verstehens und Handelns für sie neu. Das gilt aber sicherlich für viele Erwachsene genauso.

Frage: Das Besondere an eurer Arbeit ist die Verbindung von Theorie und Praxis. Wie habt ihr diesen Anspruch umgesetzt?

Nina: Zunächst haben wir aus theoretischer Perspektive Fragestellungen entwickelt und bestimmte Teilaspekte herausgegriffen, die es überhaupt erst möglich machen, einen Rahmen für das Erkennbare und Erschließbare zu schaffen. Dazu gehören z.B. die in unserem Planspiel integrierten Vor- und Nachbefragungen zum Verhältnis von Mehr- und Minderheiten. Andersherum sind auch die Bildungsmaßnahmen erst aus einer politikwissenschaftlichen Herangehensweise heraus entstanden.

Yvonne: Entscheidend ist die Entwicklung einer Methode, die zu den Kindern passt. Die Demokratie-Rallye ist dafür ein gutes Beispiel. Durch die verschiedenen Stationen konnten wir einzelne Fragestellungen ins Zentrum rücken und sie kindgerecht verpacken. An einer dieser Stationen fragen wir die Kinder nach dem Bild des Bürgermeisters bei Benjamin Blümchen. Davon ausgehend kann man sehr gut über Aufgaben und Funktionen eines Bürgermeisters, aber auch über die Erwartungen an ihn reden. Letztlich können wir dadurch natürlich nur Ausschnitte und Fragmente der Demokratievorstellungen herausarbeiten. Man könnte auf diesem Feld noch viel mehr machen, wenn man die Zeit und Ressourcen hätte.

Frage: Wo liegen nach eurer Arbeit Anknüpfungspunkte für die politische Bildung und die demokratische Beteiligung von Kindern?

Yvonne: Demokratiebildung kommt in der Grundschule zu kurz. Es gibt zwar das Fach „Sachkunde“ und im Curriculum auch Hinweise darauf, dass demokratisches Handeln vermittelt werden soll. In der Praxis fehlt aber natürlich die Zeit – Sachkunde ist kein Hauptfach in der Grundschule – und auch das Unterrichtsmaterial. Hier ist die Broschüre des Kultusministeriums und des Göttinger Instituts vielleicht ein erster Schritt in eine richtige Richtung.[1] Die Erlernung von demokratischen Inhalten findet verstärkt erst ab der 6. oder 7. Klasse statt. Das ist meiner Meinung nach viel zu spät, weil sich gerade in jungen Jahren ein nachhaltiges Interesse an Demokratie herausbilden kann.

Nina: Wenn man davon ausgeht, dass Kinder auf Grund ihres Status in der Gesellschaft grundsätzlich weniger Teilhabemöglichkeiten als Erwachsene haben, so ist es umso wichtiger, in der Schule einen Raum für die Erlernung und Einübung, vor allem aber für die Praktizierung von demokratischen Prozessen zu schaffen. Das wichtige ist, dass man gerade in Hinblick auf die demokratische Beteiligung nicht eine sogenannte „Scheinpartizipation“ befördert. Es bringt z.B. wenig, wenn die Kinder über eines von drei Büchern abstimmen können, weil hier schon eine entscheidende Vorauswahl durch den Lehrer oder die Lehrerin stattgefunden hat. Eine wirkliche Beteiligung findet aber nur sehr selten statt. Man muss hierbei aber auch Formen der Beteiligung einüben, also eine Diskussions- und Streitkultur einüben und das Argumentieren schulen. Das sollte letztlich über den klassischen Unterricht hinausgehen und vielmehr im Rahmen einer Schule stattfinden, die demokratisch organisiert ist und die Kinder in dieser Hinsicht ernstnimmt.

Yvonne: Damit wird es aber umso mehr auch ein Bestandteil der Lehrer- und Lehrerinnenbildung, der unbedingt ausgeweitet werden müsste. Die Lehrkräfte brauchen für eine demokratische Organisation der Schule und des schulischen Umfeldes einerseits ein eigenes Wissen über demokratische Institutionen und Prozesse, andererseits ist aber auch eine Sensibilisierung für die Anliegen der Kinder notwendig. Schließlich kennen Kinder ihr Umfeld und die konkreten Probleme, beispielweise ein Mangel an Spielplätzen oder Zebrastreifen, am besten. Das muss im Schulalltag praktisch gelebt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Robert Mueller-Stahl

Interview zu:

Yvonne Blöcker, Nina Hölscher (Hrsg.): Kinder und Demokratie – Zwischen Theorie und Praxis, Wochenschau Verlag, Schwalbach / TS 2014.

 

[1] http://www.demokratie-goettingen.de/unterrichtsmaterial


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