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Die Rückkehr des Mobs

Franz Walter |  22. August 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter über sozialen Aufruhr in entstrukturierten Gesellschaften

Die Straße als Ort der Demonstration, des Tumults, der aufgewühlten Menge, der Gewalt scheint zurückzukehren. Und zurück meldet sich ebenfalls die städtische Jugend als Träger der rebellischen Aktion. Zwischenzeitlich hatte man all das schon für eine abgeschlossene historische Ära gehalten. Doch mit dem Ende der Geschichte sollte man, wie zuletzt häufig genug zu sehen, nicht zu früh rechnen. Die Geschichte geht auch nach der industriellen, vorwiegend privatkapitalistisch verfassten Moderne weiter – und sie erinnert überraschend an einige Charakteristika der Vormoderne. Die jugendlichen Emeuten dieser Wochen zeigen zumindest einen säkularen Wandel gewissermaßen nach vorn wie nach hinten an: Die allmähliche Auflösung etlicher industriegesellschaftlicher Strukturen, Organisationsformen und Bindemittel.

So bekommen wir mit Sozialphänomenen zu tun, die bereits vergessen, überwunden schienen. Nehmen wir den „Mob“, wie der marxistische Sozialhistoriker Eric Hobsbawm eine typische Sozialfigur der vorindustriellen Urbanität benannt hat. Hierzu zählten die Tagelöhner, Bettler, die Armen und Ausgeschlossenen, die sich immer wieder, aber ganz erratisch zu militanten Protesten zusammenwürfelten. Charakteristisch war die direkte Aktion, die spontane Erregung, der jähe Aufruhr. Und bezeichnend war ebenfalls, dass es dafür keine festen Organisationsformen gab, erst recht keine ideologischen Zielsetzungen, kein politisches Programm. Die „Lazzari“, wie man sie in Neapel bezeichnete, tumultierten; sie reflektierten und räsonierten nicht. „Der Revolutionismus des ‚Mobs‘ war primitiv“, urteilte Hobsbawm, der dezidiert linke Experte auf dem Gebiet geschichtsträchtiger Rebellionen. Das „popolino“ aus der Zeit vor der Industriegesellschaft erhob sich für einige Tage, machte tüchtig Krawall, zündelte hier und randalierte dort, verlor aber alsbald die Energie und Lust – und versank danach für längere Zeit in purer Inaktivität.

Erst mit der industriellen Arbeiterklasse, mit ihrer Organisation in sozialistischen Parteien und Gewerkschaften verschwanden die vormodernen „Sozialrebellen“; nun transferierte sich der rhapsodische Tumultismus früherer Zeiten in langfristige Strategien und einen kontinuierlichen Reformismus oder in weltanschaulich durchdrungene, kadermäßig zentralisierte Revolutionsanstrengungen. Kurzum: Die industriegesellschaftlichen und sozialstaatlichen Regulationen hatten den zuvor unförmigen, oft elementaren und plötzlichen Protest kanalisiert und dadurch auch pazifiziert. Die parlamentarische Vertretung linker Parteien und der in Regeln und Ausgleichsmodalitäten eingefasste Tarifkampf der Gewerkschaften ersetzten den eruptiven, ungezügelten, rohen Volkszorn

Doch die politischen Repräsentationen und hochzentralisierten Organisationszüge der Industriegesellschaft, der Arbeiterbewegung und ihrer Parteien schwinden seit einem Vierteljahrhundert rapide. Der Entstrukturierungseifer der postindustriellen Gesellschaftseliten hat öffentliche Güter dezimiert, intermediäre Brücken zwischen Gesellschaft und Staat abgebrochen, Bindungen gelockert – und so kulturell-soziale Vakuen der Integration hinterlassen. Wo immer in den letzten zwanzig Jahren in Europa unorganisierte und unvorhergesehene Krawalle ausbrachen, dort wird man verlässlich auf solche gesellschaftliche Leerstellen, auf entbundene Räume, sodann: auf die Rückkehr des „Mobs“ treffen.

Und man wird ebenfalls darauf stoßen, dass sich die politische Linke zuvor still und grußlos aus diesen Sozialquartieren der Gesellschaft verabschiedet hat. Die frühere Organisationskraft und -kontinuität der Linken hatte im 19. und 20. Jahrhundert noch dafür gesorgt, dass die Energien und Aktivitäten der Unterschichten nicht nach kurzen Höhepunkten rasch wieder abflachten und versandeten, sondern verstetigt und institutionell stabilisiert wurden. Die ideologischen Deutungsansprüche der Linken hatten dem Alltagsunmut, der Verbitterung und Wut in der „Underclass“ Sinn, Richtung und Ziel gegeben. Zu solchen Organisations- und Sinngebungsleistungen ist die Linke bereits seit Jahren nicht mehr in der Lage

Und wo die Zukunftsversprechen der traditionellen Organisationen und Ideologien verschwunden sind, da kehrt der Kult des Augenblicks, die Befriedigung der Unmittelbarkeit, der Endorphinenausstoß der direkten Aktion zurück. In diesen Aktionen erfährt der sonst Ohnmächtige einen kurzen, aber berauschenden Moment der Macht. Er sieht die Angst, den Schweiß, die Panik im Gesicht des verhassten Gegners. Nun steht er gar im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit, ist Held in den Aufnahmen der Straßenschlachten. Natürlich fehlt dann auch nicht das uralte Symbol des Feuers, das Licht in die Dunkelheit einer verabscheuten Gegenwart bringen soll, das alles Böse auslöscht, jegliche Privilegien in Asche verwandelt – auf diese Weise, für die Stunden des „Kampfes“ jedenfalls, die ersehnte Egalität herstellt.

Gefährlich wird es für die Träger der herrschenden Ordnung, wenn der wirtschaftliche Wachstumszyklus sich jäh abschwächt und neuen, erwartungsfrohen, dynamisch vorpreschenden Elitenanwärtern der Mittelschichten der Aufstieg plötzlich versperrt ist. Diese Kandidaten des Aufstiegs aus der Mitte verfügen über enorme Qualifikationen und erreichen doch nicht das, wofür sie sozialisiert worden sind, was als Ziel aller individuellen Anstrengungen firmierte. Die Diskrepanz, das Ungleichgewicht, die aus den Fugen geratene Balance bringt den Brennstoff hervor, welcher das Feuer der Gesellschaftskritik und der Revolte entfacht. Und die Diskrepanz zwischen exzellenter Bildung hier, trüber beruflicher Perspektive dort in ein- und derselben Person hat geschichtlich den Motor der massenhaften Insurrektion am stärksten ins Laufen gebracht. Wenn sich nun der blockierte Mittelschichtakademiker und der Straßenkämpfer des prekarisierten Mobs treffen, in der Aktion gemeinsam begegnen – dann wir es gefährlich für die etablierte soziale Ordnung und ihre Nutznießer.

Gewiss: Mit der Schwäche der früher rekrutierungsmächtigen Großorganisationen hat der Zusammenhalt der Individuen durch kollektive Zugehörigkeiten abgenommen. Für netzwerkarme Einzelne bedeutet das oft Isolation, Marginalisierung, auch Apathie. Doch die organisatorische Bindungslosigkeit und sozialkulturelle Entwurzelung kann auch zu einer vergleichsweise raschen Mobilisierung für neue Massenbewegungen führen, die mit einfachen Slogans, mit der Parole der unmittelbaren Aktion und Tat Sinn in die Leere des organisatorisch verwaisten Individuums zu bringen vermögen.

So also könnte ein Stück vorindustrieller Protestgeschichte zurückkehren. Mit der Phase des berechenbaren, pazifizierten Konflikts zwischen hoch formalisierten Großstrukturen im industriellen Kapitalismus scheint es mehr und mehr vorbei zu sein. Die verknüpfenden und abfedernden intermediären Puffer sind rarer geworden. Auch das wird die Schwelle sinken lassen, mit der sich Zorn und Frustration in spontane, schwer einhegbare Militanz übersetzt. Die Barrikaden und Feuernächte in den europäischen (Vor-)Städten der letzten Jahre gaben einen Vorgeschmack darauf, dass in der Strukturlosigkeit der organisationsfreien Lebensräume –von den integrierten Bürgern dann ratlos und ängstlich als „sinnlos“ empfundene – Gewalt eruptiv ausbrechen kann, besonders in solchen Gesellschaften, in denen die jungen Erwachsenenkohorten dominieren und Aufwärtsmobilitäten durch massenhafte innergenerationale Konkurrenz in fiskalisch schwierigen Zeiten fraglich sind.

Aber selbst die innernationale Mobilitätsbarriere muss nicht zwangsläufig in der Rebellion kulminieren. Mobilität nach außen ist seit langem weltweit ein probates Revolten- und Revolutionskompensat. Die Despoten unterentwickelter Länder exportierten über Jahrzehnte ihre abgebremsten und frustrierten Eliten – bis 2010 auch nicht ohne Erfolg – nach außen, bevor diese das Volk zum Sturm auf die Paläste treiben können. Auch der wilhelminische Obrigkeitsstaat war froh, dass er etliche seiner Demokraten, Sozialisten und Anarchisten durch Auswanderung loswurde.

In Deutschland müssen die Regenten daher im Grunde um ihre Machtpositionen nicht panisch bangen. Das Land ist alt und wird es für die nächsten fünfzig Jahre bleiben. Das schmälert die Konkurrenz zwischen den erfolgshungrigen Aufstiegseliten, mindert künftig wohl die Blockade von Karrieren. Doch was ist mit den engagierten Studierenden aus Portugal, aus Spanien, aus Griechenland, aus Italien? Sie verlassen ihre Heimat und verteilen sich in den Ländern, deren ökonomische Perspektive nicht ganz so finster erscheinen. Erleben wir auch hier die Wiederkehr vorindustrieller Zeiten, als revolutionäre Handwerker und gescheiterte Akademiker, die Weitlings und Marxens, sich durch Wanderungen nach Zürich, Paris, Brüssel, London, zusammenfanden, zusammenschlossen, die Idee der gesellschaftlichen Veränderung europaweit streuten und die Anhängerschaft vermehrten? Ein Hauch von Proudhonismus liegt in der Luft.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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