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Die Quanten-Gurus

Robert Lorenz |  10. Mai 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz über die Physiker Niels Bohr und J. Robert Oppenheimer und deren Status als wissenschaftliche Gurus.

Der Däne und Nobelpreisträger Niels Bohr (1885-1962) und der Amerikaner Julius Robert Oppenheimer (1904-1967) waren nicht nur brillante Vertreter ihres Fachs, der theoretischen Physik. Für ihre Zeitgenossen und Kollegen waren sie mehr: Meister, Gurus, Heilande. Daraus speiste sich eine Autorität, die nicht nur in fachlichen Spezialdiskussionen galt, sondern auch im Stande war, politisches Handeln zu lenken. Ihren Status leiteten die Physiker aus diversen Ressourcen ab. Zuallererst fiel schon ihre außergewöhnliche Erscheinung ins Auge, womit sie sich von anderen Fachkollegen deutlich abhoben.

Quelle: Philosophy of Science

Oppenheimer war schlaksig, hager – bisweilen wirkte er ausgezehrt –, insgesamt von einem asketischen Äußeren. Dabei wirkte er auf sein Umfeld ungemein attraktiv: Viele Frauen waren nach einer Konversation geradezu hingerissen von ihm, ja, eigentlich schienen sämtliche Menschen seinem großartigen Charme, seinem europäischen Gestus und seinem – wie manche zu erkennen meinten – „magischen Blick“ zu erliegen. Überdies bemerkten und anerkannten so gut wie alle seiner Kollegen in fast allen Fachangelegenheiten seinen überragenden Intellekt. Obendrein war er höchst sprachbegabt, trieb es mit diesem Talent weit genug, um irgendwann auch Sanskrit zu beherrschen – fortan verschenkte er die Schrift „Bhagavad Gita“ und benannte seinen Wagen nach dem indischen Vogelgott „Garuda“. Überhaupt pflegte er ein extravagantes Auftreten. Sein Mund war stets mit einer Zigarette bewehrt, um gegen Nervosität anzukämpfen und Hungergefühle zu unterdrücken. Er fuhr einen Sportwagen, trug edle Kleidung und einen Schlapphut.

Bohr war körperlich das genaue Gegenteil: Er war von kräftigerer Statur, seinen Kopf dominierten buschige Augenbrauen und kolossale Gesichtszüge. Im Widerspruch zu seiner eher grobschlächtig anmutenden Gestalt war er im Umgang mit Menschen herzlich, geradezu sanftmütig. Seine oft endlos scheinenden Gedankenreihen trug er mit leiser, dezenter, vorsichtiger Stimme behutsam vor. Dem Eindruck nach gebot er über ein schier unerschöpfliches Wissensreservoir. Wenn Bohr etwas voraussagte, dann fassten seine Zuhörer dies weniger als eine Prognose denn als eine Prophezeiung auf. Jede Millisekunde seines Lebens, so schien es, war vom Denken, von physikalischen Problemen und ihrer Lösung bestimmt. Bohr, so erzählten sich die Physiker jener Zeit bewundernd, sehe man die Anstrengung des Denkens in überirdischen Sphären an seiner schmerzverzerrten Physiognomie geradezu an.

Was im Kopf des Dänen vorging, konnte nur groß und etliche Königreiche wert sein. Die Gemeinde insbesondere junger Physiker gab sich daher Bohr vollends hin, was sich in eigenen Vokabeln ausrückte: Man lauschte andächtig den „Bohr-Festspielen“, einer Vorlesungsreihe in Göttingen, oder ließ sich vom „Bohrischen“, den genialen Gedanken des Meisters, elektrisieren. In ihm erblickten viele eine Extremform, ein unerreichbares Ideal ihrer selbst. Für die Experten der Physik war der Däne eine gottgleiche Gestalt, von der sie sich durch neue Denkwege geistige Erlösung erhofften. Werner Heisenberg, der intellektuelle Star der Kernphysik in den 1920er Jahren und spätere Nobelpreisträger, der all seinen Mentoren als außergewöhnliches Talent und herausragend origineller Denker galt, mit dem nur wenige seiner Kommilitonen mithalten konnten, tat alles dafür, um ein oder zwei Semester an Bohrs Lehrstuhl in Kopenhagen sein zu dürfen. Bohr war vermutlich der einzige Mensch, dem sich Heisenberg unterlegen fühlte und den er als Lehrmeister akzeptierte.

Nicht viel anders war es bei Oppenheimer auf der anderen Seite des Atlantiks. Während seiner Zeit als Doktorand in Göttingen galt er wissenschaftlich noch als unbeschriebenes Blatt, hatte sich mit einigen Aufsätzen in die illustre Riege ideenreicher und begeisterter Nachwuchsphysiker eingetragen. Doch zurück in den Vereinigten Staaten war er plötzlich der Prophet, der die quantenphysikalischen Geheimnisse rund um das Atom enthüllte und in dessen Umfeld sich ambitionierte Studenten und Doktoranden mit dem komplizierten, aber unglaublich hinreißenden Komplex der Quantenmechanik vertraut machen konnten. Die Veranstaltungen des jungen Dozenten, der eigentlich erst am Anfang seiner universitären Karriere stand, erhielten schnell großen Zulauf.

Darin ist ein weiteres Charakteristikum der Gurus zu sehen: Die Fähigkeit, im Grunde konventionelle Veranstaltungen zu unvergesslichen Events zu machen. Universitäre Vorlesungen und Seminare gerieten bei ihnen zu einem besonderen Erlebnis, das in Erzählungen obendrein ins Mythische übersteigert wurde. Oppenheimer begeisterte sein Auditorium durch eine geschliffene, dennoch exaltierte Rhetorik: Ohne jegliche Notiz sprach er in druckreifen Sätzen, rauchte dabei aber Kette, gebärdete sich vor der Tafel durch ruckartige Bewegungen wie ein Derwisch und redete hektisch, als reiche die Zeit eines Menschenlebens nicht aus, um die nötigen Erkenntnisse noch rechtzeitig auszusprechen. Manche wechselten seinetwegen die Universität. Viele Mitglieder seiner wachsenden Schülergemeinschaft richteten ihren Alltag und ihre Lebensweise nach Oppenheimer aus. Wohin er ging, gingen auch sie. Pendelte er von Semester zu Semester, so hatte er im Schlepptau einige seiner Leute, die am anderen Standort notfalls zu billiger Miete in Gartenhütten hausten. Aus wissbegierigen Schülern wurden folgsame Jünger.

Eine dritte Fähigkeit bestand in der Ausrichtung integrativer Treffen. Oppenheimer lud Studenten und Mitarbeiter regelmäßig zu sich nach Hause, um dort starke Martinis und mexikanisches Chili zu kredenzen, musisch über Kunst und Literatur zu parlieren oder einen Film anzusehen. Eine Zeitlang traf man sich bei ihm Abend für Abend zu Tee und Kuchen – nicht selten bis zwei oder drei Uhr nachts – oder speiste in Restaurants, wobei er anschließend die Rechnung beglich. Seine Anhänger betrieben einen regelrechten Oppenheimer-Kult, indem sie ihn in vielen Aspekten seiner Erscheinung imitierten: Sie ahmten Gestik und Mimik nach, spotteten – wie er – über Tschaikowsky, lasen philosophische Bücher und rauchten dieselbe Zigarettenmarke. Auch Bohr integrierte seine Entourage aus intellektuell ambitionierten Nachwuchswissenschaftlern durch gemütliches Beisammensein oder vitalisierende Abstecher in die freie Natur.

Und die Quanten-Gurus waren weitaus stärker als andere in der Lage, gewisse Funktionen zu erfüllen. So stifteten sie erstens mit einer quasi-religiösen Anziehungskraft Sinn und inspirierten ihre Anhänger, die von ihnen ja irgendwie auch spirituelle Erleuchtung erwarteten. Ferner vermittelten sie ihnen das Gefühl, Großes stünde demnächst in ihrem Umfeld bevor. Allem Anschein nach waren sie in der Lage, im Gegensatz zu den meisten anderen in unübersichtlichen und komplexen Situationen schlagartig Klarheit zu schaffen und den Ausweg zu weisen. Jedermann buhlte daher um ihre Gunst und suchte ihre Nähe, für die vieles in Kauf genommen wurde. Sie nährten den Glauben an ihre besondere Berufung durch den Rückzug in die Abgeschiedenheit des einsamen Denkers zwecks besessenen Arbeitens – man traute ihnen ohne Weiteres zu, mit ihren Erkenntnissen der Physik nach Belieben revolutionäre Wendungen geben zu können.

Zweitens erlaubte diese Apotheose – die Vergöttlichung – ihren Kollegen, eigene Schwächen zu relativieren und die Überlegenheit der Gurus durch ihre schlicht überirdische Außergewöhnlichkeit rational zu erklären, ohne dabei gravierenden Schaden am persönlichen Selbstwert zu erleiden.

Drittens mobilisierten Bohr und Oppenheimer ungeahnte Kräfte. Mit der ehrgeizigen Absicht, sich ihnen zu beweisen und für einige Momente auf dieselbe Ebene des Denkens zu gelangen, versuchten viele ihrer Anhänger, das Maximum aus der eigenen Leistungsfähigkeit herauszuholen. Durch schnelle Auffassungsgabe, die Fähigkeit zum intuitiven Verständnis, zur sofortigen Übersicht wie auch zur Konklusion und präzisen Fokussierung entscheidender Punkte beschleunigten sie Denkprozesse und Arbeitsabläufe.

Am stärksten zeigte sich dies bei Oppenheimer. Er gilt als „Vater der Atombombe“ – darin liegt sein historisches Schicksal. In Los Alamos, jenem Ort im US-amerikanischen New Mexico, an dem sich zwischen 1942 und 1945 tausende von Menschen einfanden, um schleunigst vor ihren Kontrahenten im nationalsozialistischen Deutschland eine einsatzbereite Atomwaffe zu konstruieren, war er nicht nur der wissenschaftliche Leiter des „Manhattan Project“. Nein, Oppenheimer avancierte zu einer charismatischen Figur, deren schiere Anwesenheit bereits ausreichte, um die übrigen Kernphysiker zu beflügeln und sie zuvor unüberwindbar scheinende Barrieren nehmen zu lassen. Er stimulierte die Gedankenkraft der ihm unterstellten Kollegen, gab wegweisende Impulse und integrierte – nicht zuletzt im Rahmen ausschweifender Cocktail-Partys – die heterogene Truppe aus charakterlich und ideologisch überaus unterschiedlichen Mathematik- und Physikdenkern. Darunter befanden sich Koryphäen wie die späteren Physik-Nobelpreisträger Eugene P. Wigner oder Hans Bethe. Ohne Oppenheimers Einsatz und Anziehungskraft wäre die Atombombe im August 1945 vermutlich noch nicht Realität geworden.

Ihre guruhafte Existenz prädestinierte Bohr und Oppenheimer zudem, auch außerhalb ihres Metiers als Repräsentanten ihrer Kollegen zu wirken. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg war sich die Physikergemeinde im nunmehr hereingebrochenen Zeitalter der Atombombe – in dem der Menschheit zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit zur Vernichtung ihrer selbst gegeben war – ihres Verhaltens nicht mehr sicher. Die Atombombenabwürfe über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki hatten sie irritiert. Die verunsicherten Wissenschaftler verlangten nach weltpolitischen Regularien für den Umgang mit dem Risiko allumfassender Zerstörung und richteten dabei ihre Sehnsüchte nach einer tauglichen Lösung durch die Politik an Oppenheimer und Bohr, die den Erfolg dieses heiklen politischen Vorhabens gewährleisten sollten.

Vor allem Oppenheimer gebot über den hierfür nötigen Einfluss. Als Leiter des erfolgreichen Atombombenprogramms war er mit einem Schlag neben Albert Einstein zum bedeutendsten und prominentesten Wissenschaftler seiner Zeit emporgestiegen. Sein Konterfei zierte auflagenstarke Zeitschriften, er gehörte wichtigen Gremien an und hatte direkten Zugang zum US-Präsidenten. Ihm traute man zu, seinen kürzlich gewonnenen Einfluss auf die Politik, seine offenbare Nähe zur Macht, für ethisch annehmbare Beschlüsse einzusetzen. Eine unter vielen Wissenschaftlern populäre Vorstellung bestand in der freigiebigen Offenheit gegenüber der Sowjetunion, die ebenfalls fieberhaft an einer eigenen Nuklearwaffe zu arbeiten schien. Indem man Stalin die Konstruktionspläne für die Bombe unterbreitete, würde sich dieser mit der Einrichtung eines internationalen Gremiums einverstanden erklären, das fortan jeglichen Gebrauch atomarer Technologie überwachen und auf diese Weise einen Atomkrieg unterbinden könnte. Doch im Weißen Haus und der US-Army fanden derlei Gedanken keine Freunde, galten sie doch als naiv und utopisch. Niemals, so war man sich dort sicher, würden die Sowjets sich solcher Regularien unterwerfen und den Verlockungen eines atomaren Waffenarsenals widerstehen können. Überdies unterschätzten Militärs wie Politiker das Tempo des sowjetischen Atomprogramms, das den Kreml-Herren viel früher als von den USA erwartet eigene Nuklearsprengköpfe liefern sollte.

Und Oppenheimers Stern sank: Weil er sich mit seinem als arrogant und herabwürdigend empfundenen Auftreten schnell viele Feinde unter den Mächtigen machte und sich zudem der vom Militär gewünschten Entwicklung einer noch weitaus verheerenderen Wasserstoffbombe widersetzte, legten ihm seine Gegner nun seine Nähe zur Kommunistischen Partei zur Last. Das FBI, das Oppenheimer lange Zeit gründlich observiert hatte, nutzte sein Beobachtungsmaterial, um den unbequemen, inzwischen vielerorts als Querulanten und Aufwiegler empfundenen Physiker zu demontieren. Im antikommunistischen Klima der späten 1940er und frühen 1950er Jahre musste er viele Demütigungen und Niederlagen ertragen. Den Frieden brachte er seinen Anhängern zwar nicht. Doch mit zunehmendem Abstand zu jenen Ereignissen geriet der politisch tragisch Gescheiterte zu einer mythischen Gestalt – war „Oppie“, wie ihn viele jovial, liebevoll, bisweilen sogar ehrfürchtig nannten, erst Recht zu einer grandiosen, geradezu überirdischen Persönlichkeit gewachsen.

Irgendwann war aber das Zutrauen in die messianische Persönlichkeit ins Unermessliche gewachsen, überstiegen die angetragenen Aufgaben deren Möglichkeiten. Selbst dann hatten sich noch viele auf die gewohnt erfolgreiche Problemlösungsfähigkeit verlassen und das zu vollbringende Heil fest erwartet. Darin liegt eine beträchtlich düstere Kehrseite der Guru-Autorität: Sie fördert blinden Gehorsam, bei dem Entscheidungen und Ratschläge des Gurus nicht hinterfragt oder kritisiert, gleichzeitig übertriebene Erwartungen formuliert werden. Dabei drohen jedoch Guru und Gefolgschaft leicht einer kollektiven, wechselseitig verstärkten Illusion zum Opfer zu fallen, denselben Irrtümern zu unterliegen.

Schließlich waren es auch Oppenheimer und Bohr selbst gewesen, die zunächst etliche Physiker von der Legitimität des politischen Handelns der US-Regierung überzeugten und ermutigten, ihre pazifistischen Neigungen hinter den Zwang zum Sieg in einem mutmaßlichen Wettlauf mit den Deutschen um die Atombombe zurückzustellen und sich nach Los Alamos zu begeben bzw. ihre von Zweifeln belastete Arbeit an einem atomaren Sprengkopf fortzusetzen. Gemeinsam mit den meisten anderen Kernphysikern jener Tage hegten Oppenheimer und Bohr die optimistische Hoffnung, dass durch die gegenseitig abschreckende Existenz von Kernwaffen letztlich ein Gleichgewicht erreicht werden könnte, das Kriege auf alle Zeiten verhindert. Gemeinsam scheiterten sie.

Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Mit dem politischen Einfluss von Physikern hat er sich auch in einem Artikel über die Erklärung der Göttinger 18 von 1957 befasst, erschienen im Sammelband „Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells“


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