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Die langen Schatten des Börsen-Booms

David Bebnowski und Michael Lühmann |  13. Mai 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Michael Lühmann und David Bebnowski über die Generation der „Börsen-Boomer“ vor dem Hintergrund des Westerwelle-Liberalismus

Eigentlich war schon alles vorbei, als Guido Westerwelle in den Parteivorsitz der FDP gelangte. An einem unscheinbaren Tag im März 2001, zwei Monate bevor Westerwelle FDP-Vorsitzender wurde, erreicht der Börsenindex Nemax (Neuer-Markt-Index) seinen historischen Höchststand. Die dotcom-Blase, die den überdrehten Marktliberalismus zuvor befeuert hatte, implodierte und riss in den folgenden 31 Monaten etliche Anleger aus ihren Träumen von hohen Spekulationsgewinnen. Sechsundneunzig Prozent seines Wertes – weit über 200 Milliarden Euro – gingen im Neuen Markt verloren. Der Glaube an das große Glück an den Finanzmärkten wurde tief erschüttert.

Für Guido Westerwelle und seine Jünger jedoch galt weiterhin nicht die rasante Wertsteigerung, sondern eben dieser Zusammenbruch als Ausnahme. Aber woher kam dieser Hype ums schnelle Geld, der eine Partei, einen Vorsitzenden und zumindest den männlichen Teil einer Wähler-Generation so nachhaltig beeindruckte? Denn bis ins Jahr 2011 hinein scheinen vor allem die heute ca. 30-35-jährigen Männer dem Credo Westerwelles besonders verfallen. Natürlich ist diese Generation auch Heimat der Globalisierungskritik, dennoch erreicht die FDP eben vor allem im männlichen Teil dieser Altersgruppe ihre höchsten Zustimmungswerte. Man wird ihnen kaum Unrecht tun, sie als „Börsen-Boomer“ zu bezeichnen.

Die Grundlagen für dieses Phänomen reichen zurück in die siebziger Jahre, in die Zeiten der Ölkrisen, als die goldenen dreißig Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Ende kamen. Nach Jahrzehnten von Planbarkeit und Machbarkeit rückten jetzt erstmals Krisen wie Krisenmetaphorik ins Zentrum. Als Gegenentwurf zum vermeintlich überkommenen keynesianischen Planungsdenken wurde in der Folge ein Neoliberalismus propagiert, der die Ökonomie als oberste Leitwissenschaft behandelte. Die Wende der FDP 1982 kennzeichnet diesen neuliberalen Spurwechsel besonders deutlich. Auch wegen der Revolutionen von 1989 wurde dieser Kurs auf Regierungsebene jedoch nicht mit einer solchen Konsequenz durchgesetzt wie beispielsweise in Großbritannien. Und eben dies verstärkte die freiliberale Abkapselung und führte zur Steigerung der marktwirtschaftlichen Orthodoxie in der FDP. Die weitere Entfesselung der Märkte bis hin zum 10. März 1997, dem Tag, an welchem der Nemax an der Frankfurter Börse das Licht der Welt erblickte, wurde hier mit besonderem Wohlwollen begleitet.

Tatsächlich bündelten sich im Nemax der Zukunftsoptimismus der Börsianer mit dem der Bio-Tech- und Internet-Industrie. Intershop, t-online und GPC Biotech figurierten als Fixsterne der Zukunftshoffnung. Der n-tv-Börsen-Anchorman Friedhelm Busch und eben nicht zuletzt auch Guido Westerwelle gaben die Priester eines religiös anmutenden Börsenwahns. Er sollte nahezu drei Jahre anhalten und eine Vielzahl junger Unterstützer – die gläubigen „Börsen-Boomer“ – in seinen Bann ziehen. Verdenken konnte man es ihnen kaum. Denn das simple Versprechen ewig währenden Wachstums lieferte attraktive Orientierungspunkte in der überkomplexen Moderne. Seit Mitte der Neunziger löste diese Weltanschauung die tradierten Bestände des verlässlichen rheinischen Kapitalismus ab. Und die heranwachsende Generation sog diese vermeintlich neuen Gewissheiten auf – schließlich kündeten hohe Arbeitslosigkeit, Globalisierungsdruck und ein scheinbar überlasteter Sozialstaat vom Ende der Zukunftssicherheit.

An ihre Stelle konnte leicht ein verstärktes Bekenntnis zu Leistungsdruck und Eigenoptimierung treten. Begleitet wurde dieser Wandel auch semantisch. Vom „Umbau des Sozialstaates“ wurde schon 1996 gesprochen, auch von „Outsourcing“ und „Flexibilisierung“, allesamt Anwärter für das „Unwort des Jahres“ 1996. „Sparpaket“ und „Reformstau“ lauteten die „positiven“ Gegenparts. Diese Semantiken deuten auf eine Ausweitung wirtschaftsliberaler Denkfiguren in andere gesellschaftliche Sphären. Bekanntlich gelang es in den folgenden Jahren der SPD, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen. Davon künden bis heute das Schröder-Blair-Papier, die Agenda 2010 sowie die Erzählung vom „Vorsorgenden Sozialstaat“.

Und mit dem Verschwinden einer stärker steuernden Wirtschaftspolitik verlor sich die heranwachsende Kohorte immer weniger in Ideen eines planbaren politischen Morgen. Entsprechend dienten als Helden nun kaum mehr die Kritiker der gesellschaftlichen Zustände, sondern die Akteure der Aktien und Wirtschaft. Der greise Börsen-Guru André Kostolany oder der so erfolgreiche, später gescheiterte Jungunternehmer Lars Windhorst galten vielmehr als neue Vorbilder. Börsen-Weisheiten dominierten die Bestsellerlisten. Jeder konnte das schnelle Geld machen, der Boom des Neuen Marktes schuf Jungmillionäre und Aufsteiger. Plötzlich galt als rückständig, wer nicht auch in den Markt ging, neu am Markt platzierte Aktien nicht zu bewerten wusste, wer nicht sicher war im Börsenlatein. Die ARD schaltete Börsennachrichten vor die Tagesschau, in den gymnasialen Oberstufen wurden Börsenplanspiele eingeführt.

All dies sind weiche Indikatoren für einen Diskurswechsel in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Im Verlauf der neunziger Jahre stellte sich bei den nachwachsenden Alterskohorten zumindest ein Richtungswechsel weg vom zukunftspessimistischen Lamento hin zu einem brausenden Wirtschaftsoptimismus ein. Die Söhne schienen den neoliberalen Leistungsimpetus stärker aufgesogen zu haben als den latenten Pessimismus ihrer friedens- und ökologiebewegten Eltern. Kurzum, die postmaterialistische Werterevolution schien ihren Nachwuchs in den neunziger Jahren verloren zu haben. Bereits 2001 diagnostizierten Meinungsforscher jene Zeitenwende: Der Anteil der postmateriellen Einstellungen bei den zwischen 1978 und 1983 Geborenen hatte sich halbiert.

Und ihr Apologet war Guido Westerwelle. Wenn auch einer anderen Generation entstammend, in der er als Liberaler eher als Außenseiter galt, wurde er zum Vorbild. Denn er neidete  den Karriereoptimisten ihren Aufstiegswillen nicht, sondern lebte diese Attitüde irgendwo zwischen Guidomobil und TV-Containern vor. Hierdurch lassen sich Teile der Triebkräfte erklären, die der FDP ausgerechnet in jener Generation der „Börsen-Boomer“ im Vergleich mit anderen Kohorten die höchsten Zustimmungswerte verleihen. Sie, die „Börsen-Boomer“ bilden eine Generation, die den Leistungs- und Eigenverantwortungsimpetus stärker in sich aufgesogen hat, als solche Generationen, die noch innerhalb des soliden Netzes des Wohlfahrtstaates sozialisiert wurden. Das Versprechen ewig währender Prosperität und der Planbarkeit des sozialen Aufschwungs, der – auch versorgende – Marsch durch die Institutionen gehörte nicht mehr zum sozialisatorischen Inventar dieser Jahrgänge.

Denn in dieser Generation existierten konkrete Zukunftsängste – und sie galt es mit ausgefahrenem Ellenbogen zu bewältigen. Die Massenarbeitslosigkeit, das Ende der sicheren Rente, die aufkommenden prekären Arbeitsverhältnisse waren Bestandteile der alltäglich erfahrbaren Lebenswelt dieser Generation. Erhebliche Teile von ihr reagierten hierauf keineswegs mit Verweigerung, Kritik oder gar Aufbegehren. Vielmehr passten sie sich an die Verhältnisse an und begannen sich und ihre Leistung zu optimieren. Im Fitnessstudio wie beim Erwerb der vielgerühmten soft-skills wurde versucht, der eigenen Persönlichkeit weitere erfolgversprechende Facetten zu verleihen. Ulrich Bröckling spricht von der Subjektivierungsform des „unternehmerischen Selbst“, die sich allmählich herausbildete. Und da das Heil der Börsen-Boomer in der Wirtschaft und nicht in der Politik lag, machten sie politischen Einfluss, wenn überhaupt, nur bei Wahlen geltend – und wählten die FDP.

Hiervon konnte die FDP über ein Jahrzehnt mit dem Vorsitzenden Guido Westerwelle profitieren. Bis in den März 2009 erreichte sie bei der Sonntagsfrage unter den 25 bis 35-Jährigen Spitzenwerte. Auch die Wirtschaftskrise des Jahres 2009 hat am Festhalten am Westerwelleschen Marktfreiheitsimpetus nicht viel geändert, sondern – im Gegenteil – die Zustimmung zur FDP in dieser Altersgruppe auf historische Höhen getrieben. Die Wahlen in Baden-Württemberg jedoch haben den Vorsitzenden und das ideologische Leitbild der Generation der „Börsen-Boomer“ weggespült. An der Spitze der Partei stehen nun mit Philipp Rösler, Daniel Bahr und Christian Lindner drei Vertreter dieser Generation. Da Frauen in dieser Kohorte immer eher grüne Präferenzen hegten, als dass sie der FDP zugetan waren, verwundert es nicht, dass die Spitze der FDP von jungen Männern dominiert wird. Und nun scheinen ausgerechnet die Grünen der FDP durch ihr Versprechen einer generationengerechten, nachhaltigen Welt das Wasser abzugraben. Der „mitfühlende Liberalismus“ des Generalsekretärs Christian Lindners scheint kaum Strahlkraft zu entwickeln, um den Bedeutungsverlust der FDP aufzuhalten. Ohne den krakeelenden Westerwelle scheint die Gelegenheit für die programmatische Neuorientierung indes günstiger als in den vergangenen fünfzehn Jahren. Fraglich bleibt aber, ob vor dem Hintergrund einer in Aussicht stehenden neuen Dotcom-Blase und der kräftig anziehenden Konjunktur die „Börsen-Boomer“ diesen Kurs mittragen werden.

David Bebnowski und Michael Lühmann sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Beide beschäftigen sich in ihrer Forschung regelmäßig mit dem Generationenbegriff.



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