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Die Gräben zuschütten

Michael Lühmann |  28. Juni 2010 |   |  Drucken

[kommentiert]: Michael Lühmann widerspricht Franz Walter.

Joachim Gauck, ostdeutscher Revolutionär, Pfarrer, Bürgerrechtler, ein Berufener, der sich selbst auch für vieles berufen fühlt, ein „vergifteter Knochen“? Ein ewig Gestriger, der die Sozialdemokratie geißelte, den Adenauerschen Antikommunismus pflegt und den Hohepriester der Moral mit harter Staatsanwaltsattitüde gibt. Ein liberal-konservativer Hardliner, der ob seiner politischen Einstellungen unwählbar ist für die bundesrepublikanische Sozialdemokratie, für das gesamte linke Projekt?

Es ist ein sehr einseitiges Bild, das, nicht nur hier, von Joachim Gauck gezeichnet wird. Während Karl D. Bredthauer versucht, Joachim Gauck mit der Totalitarismus-Keule zu erschlagen, versucht es Franz Walter, indem er Gauck zum harten Antikommunisten stilisiert, der im 21. Jahrhundert nicht angekommen sei, sondern, so Walter, ideologisch irgendwo in der Vormoderne der Adenauer-Republik der 50er bis 70er Jahre steckengeblieben scheint. Und nicht zuletzt schmeißt Lafontaine mit Wackersteinen aus dem sprichwörtlichen Glashaus, auf das keiner sich traue, zurückzuwerfen.

Bredthauer legt in den Blättern für deutsche und internationale Politik Gauck in einer äußerst selektiven Wiedergabe eines Interviews von 1991 die Gleichsetzung der beiden deutschen Diktaturen in den Mund und schafft es, oh Wunder, Gauck als Wiedergänger der Totalitarismustheorie zu entlarven. Da ist der Weg nicht mehr weit, Namen wie Martin Hohmann (der vor nicht wenigen Jahren vom jüdischen „Tätervolk“ sprach) oder auch den NS-Marinerichter Hans Filbinger in einem Absatz mit Gauck zu nennen und somit vor einem „geschichtspolitischen Offenbarungseid“ zu warnen.

Walter hingegen rückt Gauck in die Nähe der Westerwelle-FDP, deren problematische Aufarbeitungsgeschichte und Positionierung nach 1945 plötzlich im Raum steht, um zu zeigen, in welch schwierigen geschichtspolitischen Gewässern der rot-grüne Bewerber zu kreuzen pflegt. Walter macht indes das gleiche, was er Gauck zwischen den Zeilen vorwirft, die bundesrepublikanische Linken und „die Linke“ an ihrer Vergangenheit zu messen. Wiederzufinden in der Figur der ungehörigen Sozialismus-Kritik Gaucks – an den 68ern, den Ostpolitikern bis heute zur „Linken“.

Warum eigentlich schlägt Gauck eine solch harte Welle der Kritik entgegen? Wieso wird gar unter dem Verweis auf eine postmoderne Hindenburg-Stimmung im deutschen Bürgertum gegen diesen Kandidaten polemisiert. (Auf die gleiche Wahl bezieht sich im Übrigen auch der, in der Debatte auf der anderen Seite stehende, Hubertus Knabe). Dabei ist Gauck zwar kein Parteipolitiker wie Wulff, aber er taugt, als Mitbegründer des Neuen Forum und ehemaliger Abgeordneter der Volkskammer, auch nicht als Symbol der Parteiengegnerschaft der Weimarer Republik.

Ganz im Gegenteil, müsste man doch eigentlich froh sein, im Jahr Zwanzig der deutschen und europäischen Einheit, einen wie ihn als Kandidaten für das Bundespräsidialamt aufstellen zu können, einen, der wie nur wenige für die geglückte jüngste deutsche Geschichte steht! Mag sein, dass man sich am Pathos, der da mitschwingt, stört. Aber warum eigentlich? Seit 1989 ist die deutsche Geschichte um eine geglückte und friedliche Revolution reicher. Doch vielleicht ist es ja genau dies, woran die bundesrepublikanische Linke, gemeinsam mit ihren ostdeutschen Pendants, so sehr leidet. Es war nicht ihr Projekt.

Denn Gauck erinnert daran, dass die 68er in nicht unwesentlichen Teilen den falschen Propheten hinterher rannten (woran bereits Rudi Dutschke bisweilen verzweifelte). Auch daran, dass die Ostpolitik Brandts zwar für das deutsch-deutsche Verhältnis förderlich war, aber vor allem die Stabilisierung des Status Quo, also die Existenz der zweiten deutschen Diktatur stabilisierte – nicht umsonst sind die frühen siebziger Jahre der absolute Tiefpunkt der DDR-Opposition. Und nicht wenige Oppositionelle verzweifelten am Dialog zwischen SED und SPD, dessen Scheitern nur wenige Sozialdemokraten so klug reflektierten, wie deren Verhandlungsführer Erhard Eppler.

Das wütende Anrennen gegen Gauck scheint mithin nur eine weitere Fortsetzung des noch längst nicht ausgestandenen Deutungsstreits um die jüngste deutsche Geschichte zu sein. Die bundesrepublikanischen 68er und die Generation der Enkel reiben sich daran, dass ihr Projekt vor der Geschichte gescheitert ist und dass, auf der anderen Seite, der bürgerlich-liberale Drang zur Freiheit des Individuums obsiegt hat. Die Generation der West-68er mag einen „Schweinestaat“ liberalisiert haben, die Generation der Ost-68er aber hat deren Projektionsfläche eingerissen, die SED-Diktatur niedergerungen und dem Freiheitsbegriff eine andere Nuance mitgegeben.

Ist diese so einfache bürgerlich-konservative Lesart durchgängig richtig? Natürlich nicht. Und deshalb sollte die Verständigung über Vergangenes nicht an der Projektionsfläche Gauck in die alten Gräben verfallen, weil beide Gräben Abgründe offenbaren. Die Debatte um Gauck sollte vielmehr zur kritischen Reflexion der Vergangenheit und der Vergangenheitsdebatten anhalten. So erinnert etwa das plötzliche Auftauchen Gaucks daran, wie wenig rühmlich alle Parteien mit ihrem bürgerrechtlichen Erbe umgegangen sind.

Hinzu kommt, die Person Gauck ist, wie auch die Geschichte der DDR, wesentlich ambivalenter, als sie in vielen Kommentaren ausfällt. Gauck ist nicht nur unumstrittener Kämpfer für die Freiheit, aber eben auch nicht der Antikommunist adenauerscher Prägung. Gauck steht als ehemaliger Chef der Stasi-Unterlagenbehörde für das Unrecht jenseits der Mauer vor 1989 und erinnert gleichzeitig an nicht wenige Ungerechtigkeiten im Zuge der Aufarbeitung. Gauck ruft das Versprechen der Freiheit von 1989 ins Gedächtnis, zeigt aber in seinen Reden auch, wo die Absolutheit der Freiheit an die Grenzen der Solidarität stößt.

Kurzum, die Ambivalenz des historischen Urteils von und über Joachim Gauck lädt zur weiteren Verständigung über die deutsche Vergangenheit ein (ebenso etwa die Manfred Stolpes). Dass dies nicht einfach zu haben ist, daran erinnert Alexander Cammann jüngst in der Zeit, als er feststellte, dass „vergangenheitspolitischen Kämpfe notwendig [bleiben].“ Ganz gleich, wie die Wahl zum Bundespräsidenten ausgeht, es bleibt zu hoffen dass diese Dimension der Nominierung Gaucks nicht wieder untergeht und diese historischen Grabenkämpfe noch ein weiteres Jahrzehnt die Oberhand gewännen.

Michael Lühmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er beschäftigt sich intensiv mit der deutsch-deutschen Geschichte.


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