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Die Fußstapfen von Franz Josef Strauß

Klaudia Hansich |  16. März 2018 |   |  Drucken

[kommentiert:] Klaudia Hanisch mit einigen Bemerkungen zum bayerischen Charisma aus Anlass der Vereidigung von Markus Söder.

Edmund Stoiber lud anlässlich seiner Verabschiedung als Ministerpräsident zum Empfang in die Münchner Residenz mit Böllerschützen und Trachtenvereinen; Horst Seehofer lud für seinen Abschied als bayerischer Landesvater zur letzten Kabinettssitzung, um „sein Tagewerk zu erledigen“[1] – so wie er es jeden Dienstag tat. Ein Mitglied der CSU hat das bei einer Parteiveranstaltung folgendermaßen zusammengefasst: Viele Nachfolger von Strauß wollten ihn nachahmen; Max Streibl versuchte sich als Strauß, ebenso wie Edmund Stoiber und Günther Beckstein. Sie alle seien daran gescheitert. Seehofer sei der einzige, der es nicht einmal versucht habe – und das sei auch gut so.

Auch wenn das Nahbare und ein wenig Rührselige, was Seehofer innewohnt, immer wieder zur Zielscheibe politischer Satire wurde, gelang es ihm dennoch, fast zehn Jahre als bayerischer Ministerpräsident zu bestehen. Nachdem er noch 2007 als Parteivorsitzender abgelehnt worden war, kehrte er nach der Wahlschlappe 2008 von Berlin nach Bayern zurück.[2] Seehofer sagt heute in Interviews, dass er schon damals nicht als Retter, sondern als Notnagel auf die bayerische Weltbühne getreten sei.[3] In den Folgejahren bewährte er sich mit seiner ruhigen Art als Krisenmanager, bis die Flüchtlingskrise die Union erschütterte und die CSU bei der Bundestagswahl 2017 ein desaströses Ergebnis von 38,8 Prozent erzielte. Zwar beteuerte Seehofer stets, dass die CSU nicht wegen der bayerischen, sondern wegen der Bundespolitik schlecht abgeschnitten habe, doch wurde diese Erklärung in Bayern partout nicht angenommen. Seehofer sei viel zu wankelmütig im Umgang mit der Kanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik, so die Vorwürfe. Auch die ungeklärte Nachfolge sowie die angekündigte und einige Jahre später wieder zurückgenommene Rückzugserklärung als Ministerpräsident sollten sich rächen. Viele Beobachter warteten vergeblich, dass Seehofer endlich sein Ass im Ärmel zücken möge für das Vorhaben, seine Nachfolge an Markus Söder vorbei zu regeln; auf die Offenbarung des genialen Masterplans, den er immer vorgegeben hatte zu besitzen.[4] Seitdem wurde viel über Seehofers Glaubwürdigkeit und Gesundheit gesprochen, einen Aufbruch vor den Landtagswahlen 2018 traute ihm kaum jemand mehr zu.

Söders Wahl zum Ministerpräsidenten bedeutet die Rückkehr der CSU zur Traditionslinie der polarisierenden Führungspersönlichkeiten. Für viele Journalisten steht jetzt schon fest, dass Söder die alte CSU verkörpert, wie sie im Rest der Republik über Jahrzehnte gleichermaßen verabscheut und doch auch mit widerwilligem Respekt bestaunt wurde.[5] Er gibt sich gerne selbstbewusst und – anders als Seehofer –unbelastet von allzu viel Bemühen um Demut. Durch den gewonnenen Machtkampf in der CSU bewies er Zielstrebigkeit und Geschick. Das lag nicht zuletzt an seinem Netzwerk, das er als Chef der Jungen Union und als Generalsekretär über die Jahre gesponnen hatte. Im Bayerntrend 2018 schätzen drei Viertel der Befragten seine Führungsstärke und sind überzeugt, dass Söder zu Bayern passt. Auch 58 Prozent der AfD-Wähler sind der Meinung, Söder werde ein guter Ministerpräsident. Im Vergleich mit der SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen sprechen sich sogar 85 Prozent der AfD-Wähler für Söder aus, das sind vier Prozent mehr als unter den CSU-Anhängern.[6]

Die Wirkung, die der Politiker Söder in Bayern entfalten kann, lässt sich in Passau beim Politischen Aschermittwoch der CSU – einer geradezu plakativen Ausdrucksform der politisch-kulturellen Hegemonie der CSU und dem Paradebeispiel für politische Folklore – wie unter einem Brennglas beobachten.[7] Gebetsmühlenartig wird hier vor etwa 4000 CSU-Anhängern die einmalige Erfolgsgeschichte des Landes und der besonderen Rolle Bayerns im Bund betont.[8] Aus der Tradition eines Viehmarktes erwachsen, fanden hier nach alter Bauerntradition stets kantige und wortgewaltige Charakterdarsteller ihre Bühne. Franz Josef Strauß drückte dieser Veranstaltung mit seinen 35 Aschermittwochsreden seit 1953 wie kein anderer seinen Stempel auf. Die Süddeutsche Zeitung beschrieb, wie die Schaar an Journalisten einprägsame Bilder „bayrischer Lebensart“ sammelte und auf den Moment wartete, „wenn Franz Josef Strauß die Sau rausließ und gegen Liberale, Gewerkschaften, Intellektuelle und andere Staatsfeinde hetzte.“[9] Viele Jahre später bejubeln die begeisterungswilligen und inzwischen den eher väterlich-gemütlichen Seehofer gewöhnten CSU-AnhängerInnen Markus Söder als neuen Hoffnungsträger. Die Lust an Provokation und die Derbheit der Sprache wirken bei Söder authentisch und reißen die Besucher tatsächlich mit. Charismaforscher sprechen in solchen Fällen von einer krypto-erotischen Beziehung, die zwischen Redner und Publikum entstehe.

Typisch bayrisches Charisma[10] wird oft mit dem Begriff des Bazi in Verbindung gebracht, was annähernd einen Schelm und Schlingel meint. Als Ur-Bazi gilt kein anderer als Franz Josef Strauß. Der Begriff, der aus der bäuerlichen Kultur kommt, umschreibt eine spezifische Beziehung zur Obrigkeit und der persönlichen Konkurrenz. Jene ist durchdrungen von Raffinesse und einer Lust am Taktieren, dabei vor allem dem eigenen Vorankommen verschrieben. Neben der Bazi-Raffinesse werden in den Sozialwissenschaften frei nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto fünf Komponenten von Charisma ausgemacht, die auch für die bayrische Spielart von Bedeutung sind: 1.) Mirum, das Besondere, Verblüffende, auch Fremdartige, 2.) Tremendum, das Schreckliche, Unheimliche, 3.) Fascinas, das Lockende, Anreizende, Faszinierende, 4.) Majestas, das Große, Überragende, 5.) Energicum, das mitreißend Leidenschaftliche. Strauß bewies seine Majestas vor allem durch sein rhetorisches Geschick. Seine Reden bei den Aschermittwochskundgebungen dauerten oft mehr als drei Stunden, ohne dass sie auf den Saal ermüdend wirkten. Das Schillernde der Persönlichkeit ergibt sich insbesondere durch das Tremendum, Affären und Skandale können diese Eigenschaft noch zusätzlich unterstreichen. Dass Seehofer Söder bekanntlich „charakterliche Schwächen“ attestierte, muss sich also für letzteren nicht zum Nachteil ausgewirkt haben.

Als Generalsekretär organisierte Söder von 2004 bis 2007 selbst den Politischen Aschermittwoch; der gelernte Fernsehjournalist gilt als derjenige, der nach einer Studienreise in den USA, inspiriert vom Parteitag der Republikaner, stärker auf moderne Technik und Showelemente setzte. Dieser Trend ist mittlerweile in den Hintergrund gerückt, das Zugpferd heißt seit einigen Jahren wieder Traditionspflege. 2018 wirkte das Bühnenbild mit viel Holzoptik und bayerischen Girlanden noch rustikaler als in den Jahren davor. Neben der zunehmenden Zurschaustellung von bayrischer Symbolik und Brauchtum ist beim Politischen Aschermittwoch auch die Rückkehr zum Fastengebot zu beobachten. Während in den 1970er Jahren vor der Halle Würstchen verkauft und in den Neunzigern Schweinswürstl, Leberkäs und sogar Gyros serviert wurden, gibt es heute Fischsemmeln und Brezeln.[11] Bier wird jedoch trotz Faschingsausklang weiterhin in der typisch bayerischen Dosis der Mass – also in 1-Liter-Krügen – ausgeschenkt.

Nun handelt es sich bei dieser Traditionspflege keinesfalls um eine Rückkehr zu den Wurzeln der Partei, wie dies einige CSU-Politiker der Öffentlichkeit glaubhaft machen möchten. Die Strategie der Nutzung politischer Folklore übernahm die CSU von der Bayernpartei relativ spät, und zwar erst in den 1970er Jahren. Davor war die Ästhetik der CSU-Aschermittwochsveranstaltung schlicht und vergleichsweise modern gehalten. Darüber hinaus warf sie der regionalpatriotischen Bayernpartei über viele Jahre den Missbrauch bayerischer Symbole vor und schmähte die Partei als eine, „die das Bayerntum durch Bayerntümlerei pervertierte: ein Gsund-san-ma-Verein mit krachledernem Image in weiß-blauer-Oktoberfest-Aura, eine Partei, die Gedenkfeiern, Fahnenweihen, Trachtenfeste und Heimattage anstelle von bayrischer Politik betreibe und für chauvinistische parteipolitische Agitation mißbrauche.“[12] In den Siebzigern wurde in der CSU gar diskutiert, ob die Aschermittwochskundgebungen überhaupt noch mit dem Image einer modernen Volkspartei vereinbar seien.[13]

Erst später hat sich die CSU auf die Fahnen geschrieben, die sich im Untergang befindende und oft nur noch rudimentär überlieferte parochial-katholisch geprägte Kultur zu verwalten. Der Politikwissenschaftler Alf Mintzel führt in seiner Analyse der CSU-Hegemonie aus: „Die CSU-Eliten und die bayrische Staatsregierung können mit Fug und Recht als ‚ethnische Unternehmer‘ bezeichnet werden, die über die ethnisch-kulturelle und dabei insbesondere über die religiös-konfessionelle Ebene ein ethno-bayrisches Identitätsmanagement betreiben, mit dem ‚Bayerisches‘ und ‚Nichtbayerisches‘, Eigenes und Fremdes, Inklusion und Exklusion markiert werden.“[14] Heute sollen die überbordende bayerische Symbolik und das allgegenwärtige Brauchtum die Einheit zwischen Bayern und CSU darstellen. Die Überzeichnung dieser Inszenierung bis hin zu realsatirischen Zügen wird dabei bewusst in Kauf genommen. Bezeichnend ist, dass schon in den 2000ern das Modell der CSU mit ihrem offensiven Identitätsmanagement zum Vorbild für nationalkonservative bis rechtspopulistische Parteien in Ostmitteleuropa wie die polnische PiS und den ungarischen Fidesz wurde.[15]

Worin Söder mit Seehofer übereinstimmt, ist die Diagnose, dass der Mythos CSU in seiner Wirkungskraft gefährdet sei. Die AfD dürfe für die CSU nicht das sein, was die LINKE für die SPD sei. Die AfD sei keine Ersatz-Union, sie sei nicht bürgerlich und ihre Funktionäre stünden der NPD teilweise näher als der Union, so Söders Urteil während des politischen Aschermittwochs. Die nationalkonservativen Wähler möchte er jedoch erreichen: durch ethno-bayrisches Identitätsmanagement und den Fokus auf den ländlichen Raum, jenseits des Glamours der bayerischen Metropolen und Clusterbildung. Inwieweit sein in der Landtagsfraktion bejubeltes milliardenschweres 10-Punkte-Programm vom Wahlvolk als Aufbruch wahrgenommen wird, wird sich jedoch auch am politischen Geschick und der Beständigkeit seines spezifischen bayerischen Charismas entscheiden. Schon Max Weber schrieb dazu: „Wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen, ästhetischen oder sonstigem Standpunkt aus ‚objektiv‘ richtig zu bewerten sein würde, ist natürlich begrifflich völlig gleichgültig: allein darauf, wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den ‚Anhängern‘ bewertet wird, kommt es an.“[16] Beispiele von Politikern, deren Majestas und Tremendum bald wieder verflogen sind, gibt es zur Genüge. Der Druck auf Söder, bei der Landtagswahl am 14. Oktober dieses Jahres zu liefern, ist immens. Trotz des demonstrativen Selbstbewusstseins und seiner Rauflust scheint auch bei Söder immer wieder eine Nervosität und Sensibilität durch, die er etwa bei Merkels und Seehofers subtilen Seitenhieben während des Parteitages Mitte Dezember 2017 nicht gänzlich zu verstecken vermochte.

 

Klaudia Hanisch ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung und beschäftigt sich u.a. mit der Entwicklung der CSU.

 

[1]     Schnell, Lisa: Sein Tagewerk ist erledigt, in: Süddeutsche Zeitung, 13.03.2018.

[2]     Die CSU war bei der Landtagswahl von 60,7 auf 43,4 Prozent gestürzt und die Hegemonie in Bayern wurde empfindlich in Frage gestellt.

[3]     Beck, Sebastian u.a.: Erfolge, Dank und eine Demontage. Interview mit Horst Seehofer, in: Süddeutsche Zeitung, 03./04.03.2018.

[4]     Deininger, Roman/Wittl, Wolfgang: Der Horst spielt doch nur, in: Süddeutsche Zeitung, 21.04.2017.

[5]     Vgl. Deininger, Roman/Wittl, Wolfgang: Schmerzfrei, in: Süddeutsche Zeitung, 05.12.2017.

[6]     O.V.: Kontrovers BayernTrend 2018. CSU laut Umfrage auf Tiefstand, Söder mit Vertrauensvorschuss, in: BR, 10.01.2018, URL, , URL: https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/kontrovers/bayerntrend-landtagswahl-2018-kontrovers-januar-100.html [eingesehen am 16.03.2018].

[7]     Als Politische Folklore versteht man hier ein Handeln, das ritualisierte Formen von Brauchtum, welches eine regionale Verbundenheit und eine bestimmte Tradition aufweist, für politische Zwecke funktionalisiert, Wasner, Barbara: Der Politische Aschermittwoch seit 1919, Passau 1999.

[8]     Ebd., S. 64.

[9]     So die Süddeutsche Zeitung am 14.06.1991.

[10]   Wasner, Der Politische Aschermittwoch, S. 67.

[11]   Vgl. die Berichterstattung der Passauer Neuen Presse vom 05.03.1992, S. 3 und vom 04.03.1976, S. 2.

[12]   Wolf, Konstanze: CSU und die Bayernpartei. Ein besonderes Konkurrenzverhältnis. 1945–1980, Köln 1982, S. 110.

[13]   Riehl-Heyse, Herbert: CSU. Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat, München 1979, S. 107.

[14]   Mintzel, Alf: Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Erfolg. Gewinner und Verlierer, Passau 1998, S. 91. Dass das nicht zwangsläufig mit der Anerkennung der kirchlichen Autorität zusammengeht, legte schon Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen dar. Säkularismus bezeichnete er als eine Säule der CSU und gab Anekdoten zum Besten, in denen er unbequeme Forderungen wichtiger Kirchenhierarchen rhetorisch geschickt abschmettern konnte. Heute sieht auch kaum jemand etwas Verwerfliches daran, dass ein fränkischer Protestant Ministerpräsident wird.

[15]   Krzemiński, Adam: Rzeczpospolita Bawarska, in: Politika, 28.01.2006, S. 51–53. Heute diskutieren die CSU und ihre KritikerInnen, inwieweit und in welchen Belangen Fidesz ein Vorbild für die CSU sein kann.

[16]   Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 140.


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