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Die Entdeckung des Unbewussten

Julian Schenke |  23. September 2014 |   |  Drucken

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[kommentiert]: Julian Schenke über den Grundgedanken Freuds und die heutige Rezeption.

Unvoreingenommene Gespräche über Sigmund Freuds psychoanalytische Theorie zu führen, ist nicht einfach. Freud wird heute vielfach belächelt und eklektisch rezipiert, selten jedoch ganz erfasst. Für die einen ist er schlicht durch die moderne Psychologie überholt, für die anderen nach wie vor auf eine kaum greifbare Weise attraktiv. Themen wie Religion und Antisemitismus bewegen Sozialwissenschaftler gelegentlich zu psychoanalytischen Exkursen, „wenn die allgemein angenommene Herrschaft des Rationalen in Frage gestellt scheint“[1]. Freuds späte kulturtheoretische Schriften haben dafür auch einiges an Vorarbeit geleistet. Ein wohliger Mystizismus scheint stets mitzuschwingen, allerdings gerät der entscheidende Grundgedanke Freuds in den Hintergrund: die Entdeckung des Unbewussten.

Freud ist augenzwinkernd akzeptiert, zu Kulturgut geworden als stirnrunzelnder Intellektueller mit Zigarre, der ob seiner therapeutischen Autorität immer wieder auch im Feuilleton und in Onlinedebatten auftaucht, doch nie ohne eine große Portion Skepsis. Aus Freuds Werk werden heute oftmals nur Theoriefetzen wie der vom Ödipuskomplex wahrgenommen, man verbindet mit ihm einen trivialen sexuellen Determinismus des psychischen Innenlebens. Christian Stöcker bezeichnete Freud zu dessen 150. Geburtstag im Jahr 2006 auf Spiegel Online als den „Überschätzten“ und meinte: „In Wahrheit ist Freud für die Psychologie der Gegenwart irrelevant“[2], von Wert einzig „als Wegbereiter des Gedankens, dass man Menschen im Gespräch heilend zur Seite stehen kann, als Tabubrecher und vor allem als Ideengeber für die großen Theoretiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Lacan, Barthes, Derrida, Foucault.“[3] Damit vertritt Stöcker eine – vor allem in den Sozial- und Kulturwissenschaften gängige elaborierte Variante der „Veraltungsthese“, die Freud auf einen Vorläufer des Poststrukturalismus reduziert und sich dagegen auf etablierte Paradigmen heutiger Psychologie beruft.

Missliebige Aspekte von Freuds Theorie leichthin abzutun ist ebenso so üblich wie der umgangssprachliche Gebrauch bestimmter von ihm geprägter Begriffe: Dies habe man „verdrängt“, jenes sei ein „Freud’scher Versprecher“. So entsteht der Eindruck, man sei schon aufgrund der zeitlichen Distanz nicht mehr verpflichtet, einen Blick in das Original zu werfen. Allein jedoch der Blick in Freuds stilistisch und didaktisch sehr sorgfältige Vorlesungen zeigt, wie wenig die gängigen Vorurteile mit der durchaus präzisen Theorie verbindet. Noch lange vor der berühmten Trinität von Über-Ich, Ich und Es war es die Entdeckung des Unbewussten anhand neurotischer Symptome, die Freuds Theorie motivierte. Im Anschluss an seine Arbeit als Neurologe sammelte er Belege, revidierte und erweiterte ständig seine Annahmen. Wo andere in neurotischen Symptomen eine Fehlfunktion der Psyche sahen, vermutete Freud einen verborgenen Sinn. Er bezeichnete das Unbewusste als den Ursprung aller Triebkräfte, als „inneres Ausland“[4] jenseits der persönlichen Kontrolle. Das bewusste, triebbeherrschende Ich war für Freud erst ein Produkt des Sozialisationsprozesses.

Dass er sich bei der Spurensuche vor allem durch Theorie fortbewegte und auf schwache Indizien angewiesen war, war ihm dabei so bewusst wie seinen Zuhörern. Dennoch sprach die Erklärungskraft, die für Freud immer eine naturwissenschaftliche war, auf dem Gebiet der Neurosen für sich: Freud entwarf ein Konfliktmodell der menschlichen Psyche, das erklärte, wie der geistige Haushalt zwischen Triebregungen und Realitätsansprüchen vermittelt, er erklärte damit auch die Herkunft der Symptome und vermochte so praktisch Patienten zu heilen. Die konstitutive Rolle des Unbewussten als ursprüngliche Quelle aller innerpsychischen Energien ist dabei sehr viel ernster zu nehmen als die Trivialität, „dass viele Funktionen unseres Geistes ohne bewusstes Zutun ablaufen“[5]. Die Neuerung Freuds ist, das Bewusstsein inklusive seiner fragilen Errungenschaften als bloße Spitze des Eisbergs, selbst ein System mit eigenen Gesetzen, zu identifizieren.

Auf noch dünnerem Eis steht die Kulturtheorie Freuds: Die Unterdrückung von Triebenergien soll die großen Leistungen von Kultur und Zivilisation, die soziale Organisation und die Moralsysteme ermöglicht haben. Doch wie das Individuum, so lebe auch die Menschheit „nie ganz in der Gegenwart“[6]: Verdrängte Triebansprüche hämmern gegen die Tore der Kultur, aggressiv und destruktiv. Das Unbehagen in der Kultur bestehe in der Ahnung, dass die Menschen sich durch den Zivilisationsprozess mehr Versagungen abringen, als ihnen der bürgerliche „Kulturstaat“ an persönlichem Glück zurückerstatten kann. Trotzdem: Zivilisation sei Fortschritt, etwas Höheres als die bloße Triebbefriedigung. „Wo Es war, soll Ich werden“[7], therapeutisch wie gesellschaftlich. Ein Dilemma.

In der Zwischenkriegszeit wurden von linken Psychoanalytikern erste Versuche unternommen, die Freud’schen Erkenntnisse als „Hilfswissenschaft“ systematisch in soziologische Studien einfließen zu lassen, um den Faschisierungsprozess in der deutschen Arbeiterschaft zu erklären. Die dort entwickelten psychoanalytischen Interpretationsmethoden mündeten später in Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ und in die nach Kriegsende geführten Gruppendiskussionen über „Schuld und Abwehr“– Pionierarbeit auf dem Gebiet. Heute scheint man diese Arbeiten höchstens noch halbherzig als Produkte ihrer Zeit zu würdigen, mag ihnen aber kaum mehr substanzielle Entdeckungen zuzugestehen.

Nach Freuds Tod blühte ein psychoanalytischer Revisionismus, vor allem unter US-amerikanischen Psychologen und Soziologen (darunter viele deutsche Emigranten), auf. Man übernahm dabei in erster Linie die Terminologie, beschnitt die eigentliche Theorie aber um die zentrale Stellung des Unbewussten. Das daran hängende Konfliktmodell des psychischen Apparats inklusive gesellschaftskritischer Interpretierbarkeit wich harmonischeren Modellen von Störung und Wiederherstellung des psychischen Gleichgewichts.[8]

Vielleicht hat es daher historische Gründe, dass die Tragweite Freuds heute so häufig übersehen wird. Allerdings deckt sich das Unbehagen am Unbewussten verblüffend genau mit früher Kritik am jüdischen Psychologen Freud, der er antwortete, indem er sich in eine Reihe mit den „großen Kränkungen“ der „naiven Eigenliebe“ der Menschheit durch Kopernikus und Darwin stellte:

„Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr im eigenen Hause ist, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht. […] Daher die allgemeine Auflehnung gegen unsere Wissenschaft […]“[9]

Ist das Ignorieren dieser unangenehme Pointe, des eigentlichen Theoriegehalts, Zeichen einer narzisstischen Kränkung der Leser? Natürlich verfährt Freud hier beinahe anmaßend, seine Orthodoxie ist sicher nicht das letzte Wort dazu. Ohne eine Rekonstruktion des Originals ist jedoch nur schwer über dessen Wert zu urteilen, auch in sozialwissenschaftlicher Hinsicht. Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, den auch Stöcker wiedergibt, der sich dabei auf Wolfgang Prinz, den ehemaligen Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, beruft, ist schnell erhoben. Allerdings kennt auch bspw. die qualitative Sozialforschung dieses Problem: Der naturwissenschaftliche Empirismus wird gerne als selbstverständliche und einzig zulässige Wissenschaftstheorie postuliert, um theorielastige Projekte zu denunzieren.

Doch Freuds Stärke war nicht ein hieb- und stichfester Empirismus, sondern die faszinierende Erklärungskraft. Natürlich vermag auch die wissenschaftliche Entwicklung alte Erkenntnisse zu entwerten; dies im Falle Freuds und seines Unbewussten aber einfach zu unterstellen, ist bestenfalls schlechter Stil.

Julian Schenke ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Dieser Text macht den Auftakt zu unserer Blogreihe zum 75sten Todestag von Freud.

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[1] Claussen, Detlev: Über Psychoanalyse und Antisemitismus Zur Regeneration der authentischen Kritischen Theorie, in: Ders.: Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen,Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2000, S. 106-129, hier S. 106.

[2] Stöcker, Christian: 150 Jahre Sigmund Freud: Der Überschätzte. In: Spiegel Online, 05.05.2006. URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/150-jahre-sigmund-freud-der-ueberschaetzte-a-414462.html [eingesehen am 21.08.2014].

[3] Ebd.

[4] Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse [1916-1933]. In: Sigmund Freud Studienausgabe, Band 1. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 496.

[5] Stöcker 2006.

[6] Vgl. Freud 2009, S. 505.

[7] A. a. O., S. 516.

[8] Vgl. etwa Strachey, James: Sigmund Freud. Eine Skizze seines Lebens und Denkens, in: Sigmund Freud Studienausgabe, Band 1, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 25. Vgl. auch Adorno, Theodor W.: Die revidierte Psychoanalyse [1952], in: Soziologische Schriften I. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972, S. 20 ff.

[9] Freud 2009, S. 283 f.


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