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Die doppelte Tragik des Großmeisters

Robert Lorenz |  27. August 2012 |   |  Drucken

[Göttinger Köpfe]: Robert Lorenz über den Physiker und Nobelpreisträger James Franck anlässlich dessen 130. Geburtstags.

Theodor Heuss charakterisierte Göttingen einst als „eine kleine Stadt, durch die aber die Ströme der Welt gehen“[1]. Dafür war der experimentelle Physiker James Franck beispielhaft: Er wirkte in der Pionierzeit der Atomphysik, verkehrte mit großen Geistern (Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, J. Robert Oppenheimer u.v.a.) und beteiligte sich am Bau der ersten Atombombe. Allein diese Umstände machen ihn, der vor 130 Jahren am 26. August 1882 geboren wurde, auch jenseits des Kreises seiner Schüler und Kollegen zu einer faszinierenden Persönlichkeit.

Franck wurde im kaiserzeitlichen Hamburg in die Familie eines jüdischen Bankkaufmanns geboren. Zunächst studierte er Jura und Wirtschaft, setzte sich dann aber gegen den Willen des Elternhauses durch und begann 1902 in Heidelberg ein Physikstudium – Einsteins Relativitätstheorie (1905) stand zu diesem Zeitpunkt noch aus, das Fach bot kaum Karrierechancen, weshalb dessen Wahl daher mehr als mutig war und von leidenschaftlichem Interesse zeugte. Doch damit war Franck das biografische Glück beschieden, just zu jenem Zeitpunkt zur Physik hinzuzustoßen, als sich diese Disziplin in den jungfräulichen Anfängen einer revolutionären Epoche befand.

Daher auch stieg er schnell auf, gehörte im Nu zur naturwissenschaftlichen Weltspitze. 1906 promovierte er, 1911 folgte die Habilitation, 1916 wurde er Assistenzprofessor. Im Jahr des Kriegsbeginns, 1914, schoss er gemeinsam mit Gustav Hertz Elektronen auf Atome – durch diese Arbeiten avancierte er zu einem der Gründungsväter der Quantenmechanik, was ihm für das Jahr 1925 den Nobelpreis eintrug. Insgesamt belief sich seine Forschungsleistung auf rund 170 Veröffentlichungen. In keinem halbwegs vollständigen Verzeichnis bedeutender Physiker darf heute sein Name fehlen.

Doch bereits 1921, als er als Leiter des Zweiten Physikalischen Instituts nach Göttingen kam, zählte er zu den Großmeistern seines Fachs. In seinen Kolloquien fand sich die Crème de la Crème der selbst im globalen Maßstab hervorragenden Göttinger Naturwissenschaften ein: Max Born, Richard Courant, Hermann Weyl oder David Hilbert. Wer bei Franck promovieren wollte, musste seine Befähigung zuerst in Experimenten nachweisen und Kolloquien bestehen. Überdies war Franck ein auch im Ausland begehrter Forscher, gastierte als Vortragsreisender in den frühen 1920er Jahren in Niels Bohrs Kopenhagener Institut for Teoretisk Fysik, das sich damals gerade zur „Hauptstadt der Atomphysik“[2] aufschwang. Franck mehrte folglich die Reputation von Universität und Stadt, kamen doch Studenten und Doktoranden aus aller Herren Länder allein seinetwegen angereist – und das, obwohl in Göttingen neben ihm so berühmte Gestalten wie Max Born und Richard Courant lehrten und forschten. In der Bunsenstraße bildeten Born, Franck und Robert W. Pohl ein famoses Dreiergespann, das sich gegenseitig ergänzte und im mathematischen wie physikalischen Genius die Nachfolge des legendären Triumvirats aus Felix Klein, David Hilbert und Hermann Minkowski antrat. Pohl hielt die Vorlesungen, die Franck hasste; Francks Intuition und Borns Mathematikwissen verbanden sich zu großen Forschungsleistungen. Ihre Studenten und Mitarbeiter firmierten scherzhaft als die Bornierten, die Franckierten und die Pohlierten.

Man merkt schon: Franck verlebte seine schönsten Jahre vermutlich in Göttingen. Dort vermischten sich zwischen 1921 und 1933 aufs Herrlichste wissenschaftliche Arbeit, private Freundschaft und alltägliche Freizeitgestaltung. Studenten, die ihn herzlich „Papa Franck“ nannten, konnte es passieren, dass sie Franck spontan auf der Straße begegneten, dieser von seinem Fahrrad abstieg und sich eindringlich über den Stand von Studium und Experimenten erkundigte. Franck tauchte tief ein in die Geselligkeit, die ihm Göttingen als seltene Kombination von mittelstädtischer Beschaulichkeit und weltbürgerlicher Offenheit bot. Die malerische Umgebung und das historische Ambiente verbargen die damals große Bedeutung der Stadt für die Hightech-Forschung. Mitarbeiter, Studenten und Doktoranden lud er in sein Haus ein, besuchte sie nötigenfalls im Krankenhaus; man spielte bei dem Mathematikgiganten Courant Quartett, lieferte sich im Institutsgebäude Ping-Pong-Duelle, wanderte den Nikolausberg hinauf oder vergnügte sich bei Tanztees oder Tanzabenden. Das gemeinsame Musizieren, die geselligen Debatten und die freizeitlichen Ausflüge an die naturbelassenen Stadtränder Göttingens waren für Franck nicht zuletzt ein Ausgleich zur antisemitischen Neigung vieler Bürger. Noch in den 1950er Jahren schwärmte er gegenüber Schülern und Kollegen von dem „Geist von Göttingen“[3]. Und auch andere Koryphäen jener Tage kamen in ihren Memoiren auf Göttingen zu sprechen, „das freundliche Städtchen der Villen und Gärten am Hang des Hainbergs“[4], dessen Idylle müde Denker angeblich beschwingen konnte.

Obendrein war Francks Göttinger Lehrstuhl genau auf dessen Vorlieben und Forschungsbedürfnisse zugeschnitten. So war er weitgehend von der üblichen Pflicht entbunden, die großen Physikvorlesungen zu halten. Denn Franck favorisierte die informelle und erfrischende Atmosphäre eines lebhaften Kolloquiums gegenüber der einseitigen Konfrontation mit einer Studierendenmasse in einem Hörsaal – zumal er vor öffentlichen Vorträgen oft furchtbar nervös wurde. Praktische Seminare hielten seine Assistenten ab, während er dort sporadisch und exklusiv auftauchte, um sich persönlich mit einzelnen Studenten über den Fortgang von Experimenten auszutauschen. In der Göttinger Atmosphäre fand das lockere und fürsorgliche Wesen Francks und Borns eine kongeniale Entsprechung. Zur Freude ihrer Schüler und Kollegen ließen die beiden nichts von der gebieterischen und unnahbaren Aura wilhelminischer Ordinarien und Geheimräte spüren. Als warmherzige und unvoreingenommene, zugleich erstrangige Lehrmeister waren sie, wie Einstein und Planck, Vertreter einer neuen Wissenschaftlergeneration.

Doch 1933 fand all das ein jähes Ende. Göttingen war schon lange vor der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ eine Hochburg der NSDAP gewesen, die dort bei Wahlen in den 1920er Jahren stets mehr als im Reichsdurchschnitt erhielt. Die seinerzeit auflagenstärkste Tageszeitung, das Göttinger Tageblatt, ergriff bereits in den frühen 1920er Jahren mit einer tendenziösen Berichterstattung entschieden Partei für die Nationalsozialisten. Doch Hitlers Reichskanzlerschaft verschlimmerte diesen bedrückenden Zustand um ein Vielfaches. Während manche noch so lange wie möglich auszuharren suchten, verließ Franck das Land, um dessen Wertschätzung er sich lange Zeit bemüht hatte, sehr früh, im Herbst 1933. Aus Protest gegen den im April 1933 beschlossenen „Arierparagraphen“, der als jüdisch klassifizierte Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst entfernen sollte, und in Solidarität mit betroffenen Mitarbeitern trat Franck mit einer empörten Stellungnahme über den schmählichen Umgang mit jüdischen Patrioten als „Fremde und Feinde des Vaterlandes“[5] von seinem Lehrstuhl zurück – obwohl er als Weltkriegsveteran zum damaligen Zeitpunkt auf seiner Stelle hätte verbleiben können. Der Abschied vollzog sich ebenso schmerzhaft wie pathetisch: „Die Heimat bleibt immer Deutschland“[6], soll er gesagt haben, während die Behörden seinen Emigrationsantrag als erwünschte Auswanderung genehmigten.

Notgedrungen verließ Franck also jene Stadt und jenes Land, für die er so vieles geleistet hatte. Wenn auch nicht emotional, so fiel ihm die Emigration beruflich allerdings leichter als manchem Kollegen. In Göttingen hatte er kaum noch experimentiert – obgleich er in der quantenphysikalischen Hochzeit noch Autor einiger wichtiger Aufsätze war –, sondern Doktorarbeiten betreut und Kolloquien geleitet. Er hatte seinen Nobelpreis schon. Der ebenfalls ausgewanderte Born hingegen arbeitete seinerzeit noch fieberhaft an seinen Forschungen, strebte nach der Nobel-Würde, wurde also neben dem sozialen auch aus einem intensiven Berufszusammenhang gerissen. Und als etablierter Champion der Physik konnte sich Franck dank seines Weltrufs und seiner zahllosen Kontakte im Gegensatz zu jüngeren oder weniger bedeutenden Kollegen nach der Auswanderung schnell wieder festigen – in den Vereinigten Staaten fanden die Francks eine neue Heimat. Dort arbeitete er als Professor, zunächst in Baltimore (1935), dann in Chicago (1938). Endgültig schien sein früheres Leben geendet zu haben, als 1942 seine Frau Ingrid starb. 1946 heiratete er dann seine ehemalige Assistentin Hertha Sponer.

Ein weiteres, politisiertes Kapitel in Francks Leben begann mit dem Zweiten Weltkrieg. Chicago war ein wichtiger Bestandteil des US-Atomwaffenprojekts, das 1942 Fahrt aufnahm. Franck gehörte einem Team an, das an der Herstellung von waffenfähigem Plutonium arbeitete. Der Bau der Atombombe war ein revolutionäres Geschehen. Eine ganze Armee von jungen, aufstrebenden Wissenschaftlern nutzte das milliardendollarschwere „Manhattan Project“ als einmalige Gelegenheit, um mit noch nie dagewesenen Ressourcen in neue Wissensbereiche vorzustoßen, gigantische Forschungsapparaturen zu konzipieren und den intellektuellen Austausch mit Kollegen zu vertiefen; fast jeder von ihnen rechtfertigte seine Arbeit an der Atombombe – einer militärischen Massenvernichtungswaffe bislang ungekannten Ausmaßes – mit dem Argument, einer Kernwaffe aus dem nationalsozialistischen Deutschland zuvorzukommen, die damals zu befürchten stand. Nachdem das NS-Regime im Mai 1945 zusammengebrochen war, galt der Bau dann der Beendigung des Kriegs im Pazifik.

Franck gehörte zu jenen Physikern, die sich früh um die damals unabsehbaren politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Baus von Kernwaffen Gedanken machten. Damit avancierte er zum Vorkämpfer eines politischen Bewusstseins der Atomphysiker. Franck und seine Mitstreiter kamen zu dem Schluss, dass die moralische und politische Reife der Menschheit mit dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht Schritt gehalten habe, nukleare Bomben die Existenz der menschlichen Spezies bedrohten und folglich ein internationales Kontrollgremium erforderten. Francks Ansichten fasste eine von ihm angeführte Forschergruppe im Juni 1945, wenige Tage vor dem ersten Atomtest, in dem sogenannten „Franck-Report“ zusammen. Darin plädierten die Wissenschaftler für den Aufbau einer internationalen Kontrollkommission und rieten von einem überraschenden Einsatz der neuen Waffe in Japan dringend ab. Die nach Franck benannte Schrift war ein historisches Zeugnis, das die Sorge und das Verantwortungsbewusstsein der mehrheitlich im Selbstverständnis unpolitischen Wissenschaftler dokumentierte.

Franck und seine Kollegen betrachteten sich als die geistigen Schöpfer der Bombe und leiteten daraus das Recht und zugleich die Pflicht ab, die politischen Entscheider zu beeinflussen – in der Hoffnung, Regierung und Armee würden die Existenz der Atombombe gegenüber anderen Mächten offenlegen und einen Rüstungswettlauf unterbinden. Sie formulierten die Idee, die Atomwaffe auf neutralem Boden vorzuführen, ohne dafür auch nur ein einziges Menschenleben zu riskieren. Mit den unvermittelten Atombombenabwürfen über den japanischen Großstädten Hiroshima und Nagasaki im August 1945, die mit einem Mal eine unfassbare Zahl von Menschenleben auslöschten, zerschlugen sich diese Pläne. Statt friedensstiftende Offenheit praktizierten Behörden und Militärs strikte Geheimhaltung. Francks Versuch, Politiker durch direkten Kontakt und unter Rückgriff auf die fachliche Autorität eines wissenschaftlichen Experten zu beeinflussen, war gescheitert. An den Forschungsstätten schlossen sich die desillusionierten Wissenschaftler in diversen Vereinigungen zusammen, etwa der Atomic Scientists of Chicago oder der Association of Los Alamos Scientists, die sich für eine nationenübergreifende Kontrolle der Kernwaffen starkmachten, während die US-Regierung und die amerikanische Armee im Gegensatz dazu versuchten, ihr vorläufiges Monopol aufrechtzuerhalten. Für Forscher wie James Franck bestand hingegen aus eigener Erfahrung kein Zweifel an der Unzähmbarkeit wissenschaftlichen Erkenntnisdrangs; sie wussten, dass eine sowjetische Atombombe nur eine Frage der Zeit war.

Fortan lebte Franck mit der doppelten Tragik seiner Forscherlaufbahn: Die nationalsozialistische Diktatur hatte ihm das Göttingen der Physiker geraubt, die amerikanische Politik sich mit dem Resultat hunderttausender Toter über seine Bedenken hinweggesetzt. Nach dem Krieg versöhnten sich wenigstens Göttingen und Franck, der die Ehrenbürgerwürde erhielt. Der große Physiker verstarb dort im Mai 1964 während einem seiner zahlreichen Besuche in einem Hotel. Gesundheitlich war es mit ihm vorher schon mit mehreren Herzattacken bergab gegangen. Eine melancholisch-romantische Deutung käme wohl zu dem Schluss, Franck sei an sentimentalem Herzen gestorben, schien er doch seit seinem Weggang 1933 nicht mehr so glücklich wie in den Göttinger Jahren gewesen zu sein.

Dr. Robert Lorenz ist wiss. Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Heuss 1951 zitiert nach Nissen, Walter: Göttingen gestern und heute. Eine Sammlung von Zeugnissen zur Stadt- und Universitätsgeschichte, Göttingen 1972, S. 108 (Dok. 163).

[2] Siehe Meyenn, Karl v./Stolzenburg, Klaus: Einführung, in: dies./Sexl, Roman U. (Hrsg.): Niels Bohr. 1885-1962. Der Kopenhagener Geist in der Physik, Braunschweig/Wiesbaden 1985, S. 20-35, hier S. 30.

[3] Siehe Haasen, Peter: Max Born und James Franck in der Akademie der Wissenschaften, in: Kamp, Norbert (Mitverf.): James Franck und Max Born in Göttingen. Reden zur akademischen Feier aus Anlaß der 100. Wiederkehr ihres Geburtsjahres, Göttingen 1983, S. 12-13, hier S. 13.

[4] Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik, München 2006, S. 50.

[5] Franck zitiert nach Rathenau, Gerhart W.: James FranckJames Franck und Max Born in Göttingen. Reden zur akademischen Feier aus Anlaß der 100. Wiederkehr ihres Geburtsjahres, in: Kamp, Norbert (Mitverf.), Göttingen 1983, S. 14-28, hier S. 25.

[6] Franck zitiert nach Maier-Leibnitz, Heinz: James Franck, in: Hassler, Marianne/Wertheimer, Jürgen (Hrsg.): Der Exodus aus Nazideutschland und die Folgen. Jüdische Wissenschaftler im Exil, Tübingen 1997, S. 59-70, hier S. 68.


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