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Der unterschätzte Protest

Pepijn van Dijk |  13. März 2013 |   |  Drucken

[kommentiert]: Pepijn van Dijk über die Front deutscher Äpfel und DIE PARTEI

Typen von Protestierenden gibt es viele und häufig eilt ihnen ein ganz unterschiedlicher Ruf voraus. Im Folgenden soll es aber nicht um schon bekannte Typen gehen, sondern um einen anderen, einen oft belächelten und nicht richtig ernstgenommenen Typus: den satirischen Aktivisten. Während andere Protestbewegungen ihre Forderungen offen propagieren oder einfach nur Stärke symbolisieren wollen, ist die Methode des satirischen Protestes subversiver: Seine Waffe ist der Spiegel, seine Methode zumeist die Ironie.  Er nimmt die Symbole des Gegners auf und verwendet sie gegen ihn. Anhand zweier Beispiele sollen hier die Funktionsweise des satirischen Protests und das Weltbild des satirischen Aktivisten  beleuchtet werden. Denn wie eine neue Studie des Instituts für Demokratieforschung über Bürgerproteste in Deutschland zeigt, hat auch der satirische Protest ein durchaus seriöses Anliegen.[1]

Den ersten Vertreter dieses Typus stellt die „Front Deutscher Äpfel“ dar, auch kurz „Apfelfront“ genannt. 2004 wurde sie vom Leipziger Aktionskünstler Alf Thum gegründet, der heute innerhalb der Organisation nur noch als „Führer“ tituliert wird. Die Bewegung sollte eine Reaktion auf den Einzug der NPD in den sächsischen Landtag sein. . Ihre Ziele sind ebenso klar wie ironisch: Man tritt ein für die Reinhaltung des deutschen Obstbestands, wozu man u.a. dezidiert eine Schließung der Grenzen für Südfrüchte und eine Beseitigung faulen Fallobstes fordert. Ihr gesamtes Repertoire hat die Bewegung  der alten und neuen Sprache der Rechtsextremen abgekupfert, auch ihre Homepage wurde kurzerhand in eine „Weltnetzseite“ umbenannt, das Forum in ein „Brett“.

Auch ihr Auftreten und ihre Symbole erinnern an die der NSDAP: schwarzer Anzug, Fahnenschmuck und Armbinden sind ihre Insignien. Und so kommen sie, wenn Nazis eine Demonstration anmelden, und brüllen den Rechten durch das Megaphon auf ironische Weise dasselbe zurück, was diese in voller Ernsthaftigkeit grölen. „Indem man eine Person lächerlich macht, macht man sie unglaubwürdig. Ich glaube, das ist eine der stärksten und wichtigsten Waffen, die wir gegen solche Leute haben[2]“, erklärt freudig ein Aktivist. Die Aktivisten stellen zumeist Bekanntes aus der Lebenswelt dar, wovon manches aber unter- und manches überrepräsentiert wird.

Lässt sich der Zuschauer dabei auf ein gewisses Rätselspiel ein, kann der Mechanismus der Satire seine Wirkung entfalten. Wenn nun der Zuschauer die bekannten Elemente erkennt, wird er sich aufgrund der neuen Bezüge auch selbst neu positionieren und somit neu über ein Thema nachdenken. Er setzt sich also mit dem thematischen Anliegen der Aktivisten auseinander und solidarisiert sich am Ende idealtypischerweise mit ihnen. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Apfelfront ihre Kritik an der NPD durch eine (satirische) Verwendung und Verfremdung rechtsextremer Symboliken zum Ausdruck bringt, indem sie den Zuschauer zwingt, dieses kopierte Auftreten in neue Relationen zu setzen.

Genauso agiert auch eine andere Vertreterin des satirischen-Protests: „Die PARTEI“. Mittlerweile über 10 000 Mitglieder stehen hinter dieser Organisation, die 2004 vom ehemaligen Titanic-Chefredakteur und heutigen Bundesvorsitzenden der Partei, Martin Sonneborn, gegründet wurde. Wohl selten sei die „Zeit günstiger für ein derartiges Unterfangen“ gewesen, resümierte dieser später, „die Politikverdrossenheit im Lande ist größer denn je […] Eine wählbare Alternative aber, eine seriöse Protestpartei, ist nicht in Sicht“[3] – das nahm man dann einfach spontan selbst in die Hand. In den letzten sieben Jahren tratt Die PARTEI bei zahlreichen Wahlen an, fuhr Ergebnisse ein, die nach eigenen Angaben jeweils die besten Ergebnisse „seit dem Krieg“ waren, gründete zahlreiche Landes- und Ortsverbände und schließlich sogar eine Jugendorganisation, die „Hintnerjugend“.

Dass man eine „obskure und populistische Partei[4]“ sei, das gibt man gerne zu, betont es gar. Und nicht umsonst hat man als zentrale Forderung den Wiederaufbau der Mauer gewählt. Ansonsten enthält das Programm der Partei vor allem hohle Phrasen,  im Wahlkampf plakatiert sie konsequenterweise „Inhalte überwinden“ und retourniert Fragen zum Wahlprogramm mit dem Hinweis, dass Wahlprogramme nichts seien, über das man reden solle. Die PARTEI knüpft damit an die allgemeine Parteienverdrossenheit an und spitzt deren Kritik zu. Wenn Martin Sonneborn in Fernseh-Interviews jeder Frage mit einem „ich danke für diese Frage und möchte erstmal eine andere beantworten“ begegnet, dann karikiert er nur das Ausweichen und Phrasendreschen, das man anderen Politikern oft vorwirft. Und wenn er Inhalte überwinden will, dann persifliert er die Worthülsen der etablierten Parteien, hinter denen sich oft nicht allzu viel verbirgt.

Sonneborn nutzt bekannte Muster der politischen Klasse und entlarvt sie. Man mag dies alles für eine Spaßbewegung halten, doch steckt dahinter ein mitunter geschlossenes Weltbild. In dessen Zentrum steht die These einer verkommenen, sich medial prostituierenden Polit-Klasse, die längst die Bindung zur Bevölkerung verloren habe und sich nur noch nach dem richte, was gerade opportun sei. Viele Aktivisten mutmaßen ebenso, dass die Politik ohnehin durch die großen Lobbyverbände gesteuert werde. Das Ärgerliche dabei sei aber, dass sich die Politiker gleichsam als integer inszenieren würden, wohingegen unter Putin eine fast befreiende Ehrlichkeit herrsche. Genau gegen diese Inszenierung des Integren richtet man sich dann ebenfalls.

Aus einer Position des „Ich habe es doch durchschaut“ versuchen die Aktivisten die beklagte Inszenierung durch ihre Gegeninszenierung platzen zu lassen. Man selbst habe es dabei als „aufmerksamer“ und „informierter Mensch“ etwas einfacher, „ein paar Parolen zu durchblicken“. So nehmen sie aus ihrer eigenen Sicht eine Position als „Störer“ des Systems ein, wobei es ihnen dabei nicht um eine besondere Zielsetzung gehe, die dem Zuschauer mit auf den Weg gegeben werden solle. Anders als bei anderen Protest-Aktivisten, die den Rezipienten häufig von einer Ansicht überzeugen wollen, geht es dem satirischen Aktivisten vielmehr zunächst nur um eine Störung der politischen Wahrnehmung und der Prozesse der politischen Kommunikation und nicht um die Darbietung einer Lösung[5].

So handelt es sich beim satirischen Protest eben nicht nur um einen reinen Spaß-Protest, sondern durchaus um einen, der mit Satire seinen durchaus ernsthaften politischen Anliegen Ausdruck verleihen möchte.

Pepijn van Dijk ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zusammen mit Lars Geiges und Tobias Neef hat er im jüngst erschienen Sammelband „Die neue Macht der Bürger“ u.a. einen Artikel über satirische Proteste in Deutschland verfasst.


[1] Walter, Franz u.a. (Hrsg.): Die neue Macht der Bürger. Was motiviert Protestbewegungen?, Hamburg 2013.

[2] Interview unter http://www.netz-gegen-nazis.de/category/lexikon/front-deutscher-aepfel einsehbar (Zuletzt aufgerufen am 16. Januar 2012, 16.41 Uhr).

[3] Sonneborn, Martin: Das PARTEI Buch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt, Köln 2009.

[4] Ebd.

[5] Tiefergehender zu all dem: vgl. die angegebene Studie (FN 1).


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