Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Der unberechenbare Wähler

Teresa Nentwig |  16. Dezember 2013 |   |  Drucken

[analysiert:] Teresa Nentwig über das veränderte Wahlverhalten der Franzosen bei der Präsidentschaftswahl 2012

In Frankreich dreht sich das gesamte politische Leben um ein zentrales Ereignis: die alle fünf Jahre stattfindende Präsidentschaftswahl. Wenn es wieder so weit ist, wie zuletzt im Frühjahr 2012, dann blickt beinahe die ganze Welt gebannt auf unser Nachbarland. Aufgrund ihrer Bedeutung – der Staatspräsident nimmt im politischen System Frankreichs eine, wenn nicht sogar die zentrale Stellung ein – dient die Präsidentschaftswahl immer wieder auch als Forschungsobjekt für die Politikwissenschaft. Einer der Politologen, die sich zuletzt ausführlich damit beschäftigt haben, ist Luc Rouban, der am Zentrum für politische Studien (CEVIPOF) der prestigeträchtigen Eliteuniversität Sciences Po in Paris arbeitet.

Rouban hat jeweils die Ergebnisse des zweiten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen von 1988 und 2012 untersucht und dabei mithilfe einer logistischen Regressionsanalyse die Variablen herausgearbeitet, die das Verhalten der Wählerinnen und Wähler bei ihrer Wahlentscheidung beeinflusst haben. Das zentrale Ergebnis seiner Studie ist höchst interessant: Die Stimmabgabe, die im Jahr 1988 noch durch die Klassenzugehörigkeit bzw. durch kollektive Anliegen geprägt worden war, wurde 2012 im Wesentlichen von privaten bzw. persönlichen Interessen beeinflusst. Es hat sich also – in den Worten Roubans – ein Wandel vom vote de classe zum vote privatif vollzogen.[1]

Im Einzelnen ist damit gemeint, dass die Franzosen zunächst noch, im Jahr 1988, ihre Stimme hauptsächlich in Abhängigkeit ihres ausgeübten Berufes (Landwirt(in), Universitätsprofessor(in), Ingenieur(in)…) beziehungsweise ihres beruflichen Status (Angestellte(r) im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft, Selbstständigkeit, Arbeitslosigkeit…) abgegeben haben. Diese Einflussfaktoren haben jedoch im Laufe der Jahre ihre Erklärungs- wie auch ihre Vorhersagekraft verloren. Heute hingegen nehmen vor allem Variablen Einfluss auf das Wahlverhalten, die in den Privatbereich der Franzosen fallen, darunter beispielsweise die Religion, die Generationszugehörigkeit und der eigene Immobilienbesitz.

Um noch konkreter zu werden: Ausschlaggebend dafür, ob man 1988 für François Mitterrand oder Jacques Chirac gestimmt hat, war an erster Stelle die Religionszugehörigkeit, an zweiter Stelle der ausgeübte Beruf und an dritter Stelle der berufliche Status. Beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2012 hat sich die Reihenfolge der Variablen hingegen verschoben: An erster Stelle stand zwar nach wie vor die Religion, deren Bedeutung für die Wahlentscheidung sogar noch zugenommen hat. Doch an zweiter Stelle war die Generationszugehörigkeit der Wählerinnen und Wähler dafür maßgebend, ob sie für François Hollande oder für Nicolas Sarkozy gestimmt haben. An dritter Stelle folgte schließlich der Immobilienbesitz, der 1988 noch den vierten Platz eingenommen hatte. Der berufliche Status hingegen landete erst auf Platz vier, der ausgeübte Beruf auf Platz fünf. Die Faktoren, die das Wahlverhalten erklären, fielen also im letzten Jahr hauptsächlich in den privaten bzw. familiären Bereich der Franzosen.

Ähnlich dürfte es auch in Zukunft sein. Das heißt, es kann beispielsweise passieren, dass ein Lehrer, der einem traditionell linken Milieu angehört und linke Werte teilt, bei der nächsten Wahl einen Kandidaten der Rechten wählt, weil er verhindern möchte, dass die Immobilien seiner Schwiegermutter künftig einem höheren Steuersatz unterliegen. Rouban spricht vor diesem Hintergrund von einer privatisation[2] der Stimmabgabe. Die Identifikation mit kollektiven Interessen sei hingegen immer weniger gegeben.

In seiner im Oktober dieses Jahres veröffentlichten Studie führt Rouban diese Veränderungen des Wahlverhaltens auf zwei Ursachen zurück. Zum einen habe die Wirtschaftskrise eine wichtige Rolle gespielt. Zu einer Zeit, in der ein großer Teil der Franzosen den sozialen Abstieg fürchte oder sogar selbst in der eigenen Familie erlebe, waren Faktoren wie die generationelle Zugehörigkeit oder der eigene Haus- und Grundbesitz von einer größeren Relevanz als früher. Angesichts einer ungewissen Zukunft dächten die Wählerinnen und Wähler also egoistischer als noch vor zwei, drei Jahrzehnten, so Rouban. Zum anderen nennt er die „Fragmentierung der Berufswelt“[3] als einen Grund für das gewandelte Wahlverhalten. In vielen Bereichen – von den Arbeitern über die Angestellten bis hin zu den Beamten – könne man beobachten, dass die Identifikation mit den eigenen Tätigkeiten abnehme, so der Politikwissenschaftler.

Die Folgen des gewandelten Wahlverhaltens sind laut Rouban mannigfaltig. Zunächst einmal stehen wir einer „immer undurchsichtigeren Gesellschaft“[4] gegenüber. Die sozialen Netzwerke legen zwar das Gegenteil nahe – sie stehen für Transparenz –; doch da bei vielen Wählerinnen und Wählern die Wahlentscheidung von persönlichen Kalkülen abhängig ist, die nicht immer rationalisierbar sind, ist die Gesellschaft letztlich opaker geworden. Anders ausgedrückt: Die Zahl der atypischen Wähler(innen) nimmt zu; bei immer mehr Wählerinnen und Wählern ist schwer vorherzusagen, für welche Partei bzw. für welchen Kandidaten sie am Ende stimmen.

Die Folgen für die Parteien sind gravierend: Zum einen verlieren sie Teile ihrer traditionellen Wählerschaft; zum anderen wird es für sie immer schwieriger, um Wählerinnen und Wähler zu werben. Die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) galt traditionell als Partei der Arbeiter, während die Sozialistische Partei (PS) bisher als Partei der Lehrer bezeichnet wurde. Die bürgerlich-konservative UMP hingegen wurde traditionell von Angehörigen liberaler Berufe bzw. von leitenden Angestellten des Privatsektors gewählt. Heute jedoch ist diese enge Verknüpfung von Parteien und sozioprofessionellen Kategorien obsolet. Die PCF, die PS und die UMP professionalisieren sich infolgedessen; sie werden – in den Worten Roubans – zu „Allerweltsparteien mit verschwommenen ideologischen Grenzen“[5].

Von dieser Entwicklung profitiert laut Rouban die Front National (FN), denn sie schart diejenigen Wählerinnen und Wähler um sich, die sich von der „gewöhnlichen Politik“[6] im Stich gelassen fühlen. Ihre Wählerschaft ist äußerst bunt: von jungen Leuten, die prekär beschäftigt sind, über Arbeitslose bis zu Beamten des unteren Dienstes – sie alle machen aus der FN eine Partei der oubliés[7], also der Zurückgelassenen. Vor allem die Arbeiter, die früher der Linken ihre Stimmen gegeben haben, sind in den letzten Jahren mehrheitlich zu der von Marine Le Pen geführten Partei übergewechselt.

Roubans Studie wurde vom CEVIPOF in der Reihe „Herausforderungen: Die Kommunalwahlen 2014“ veröffentlicht. In der Tat: Für die PS, die UMP, die PCF und auch die Grünen stellen die Kommunalwahlen, die am 23. und 30. März 2014 stattfinden, eine Herausforderung dar, denn Umfragen sagen ihnen einen Dämpfer voraus. Die FN hingegen dürfte, verglichen mit der Kommunalwahl 2008, erhebliche Zugewinne verzeichnen. Insbesondere die PS, die derzeit den Staatspräsidenten, den Premierminister und fast alle Minister(innen) stellt, sucht derzeit regelrecht verzweifelt nach Wegen, um den Aufstieg der rechtsextremen Partei einzudämmen.

Das veränderte Wahlverhalten hat allerdings nicht nur Folgen für die Parteien, sondern auch für die Meinungsforschungsinstitute und die Politikwissenschaft: Zum einen sind Erklärungsmuster, die allein auf den Berufen der Umfrageteilnehmer(innen) und ihrer Schichtzugehörigkeit beruhen, nur noch bedingt aussagekräftig. Erforderlich ist deshalb eine Ausdifferenzierung der Untersuchungskategorien. Zum anderen hat die verstärkte Unberechenbarkeit des Wahlaktes zur Folge, dass das Wählerverhalten besser mit qualitativen Studien (etwa mit narrativen Interviews) als mit standardisierten Umfragen erfasst werden kann.

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Rouban, Luc: Du vote de classe au vote privatif, CEVIPOF – Les enjeux: Elections municipales 2014, Nr. 1 (Oktober 2013), S. 1.

[2] Zit. nach Montvalon, Jean-Baptiste de: „On est passé d’un vote de classe à un vote privatif“, in: Le Monde, 06.11.2013 (Interview mit Luc Rouban).

[3] Rouban, Luc: Du vote de classe au vote privatif, a. a. O., S. 1.

[4] Zit. nach Montvalon, Jean-Baptiste de: „On est passé d’un vote de classe à un vote privatif“, a. a. O.

[5] Zit. nach ebd.

[6] Zit. nach ebd.

[7] Zit. nach ebd.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge