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Der Selbstbetrug der „Ökos“

Christoph Hoeft |  20. Oktober 2010 |   |  Drucken

[analysiert]: Eine kritische Analyse der ökologischen Bewegung von Christoph Hoeft.

Fast scheint es, als gehe ein neues Gespenst um in Europa: das Gespenst der ökologischen Bewegung. Egal ob in Deutschland, Frankreich oder Schweden: Grüne Parteien eilen momentan von Wahlerfolg zu Wahlerfolg, „grüne“ Konsumentenbewegungen wie z. B. LOHAS finden einen stetig wachsenden Unterstützerkreis, ebenso wie zivilgesellschaftliche ökologische Organisationen – Europas Zukunft scheint grün zu sein. Und das, so will man sagen, ist wahrlich Rettung in letzter Minute. Denn ohne eine starke grüne Bewegung wäre es wohl kaum möglich, die immer dringlicheren umweltpolitischen Aufgaben entschlossen anzugehen. Dass aber dieser grüne Aktivismus tatsächlich eine ökologische Wende einleiten könnte, wird vom Soziologen Ingolfur Blühdorn vehement bestritten.

Denn trotz aller politischen und gesellschaftlichen Debatten um Klimawandel, Artensterben  und Ölkatastrophen sieht er eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen in weiter Ferne. Anstelle einer fundierten Analyse der Ursachen von Umwelt-Problemen werde lediglich eine oberflächliche Beschäftigung mit den Symptomen initiiert, die sich oft in politischem Aktionismus erschöpfe. Die meisten der eingeleiteten Gegenmaßnahmen seien nicht ausreichend und bewegten sich in einem normativen Rahmen, der die ökologische Nicht-Nachhaltigkeit der kapitalistischen Prinzipien des Wachstums und der Akkumulation von Wohlstand ignoriere. Die Schlüsselprinzipien von Produktion, Handel und Konsum – die eigentlichen Ursachen unseres nicht-nachhaltigen Verhaltens – blieben weitgehend unangetastet.

Nur scheinbar habe eine komfortable Mehrheit der westlichen Gesellschaften mittlerweile eingesehen, dass allein ein radikaler Wandel unserer eigenen Lebensweise die drohende Zerstörung unserer Umwelt abwenden könne. Tatsächlich gebe es aber einen stillschweigenden Konsens, zentrale Prinzipien und Strukturen westlicher Konsum-Demokratien, egal ob nachhaltig oder nicht, beizubehalten.

Dies wirkt auf den ersten Blick verwirrend, wird aber von Blühdorn mit Bezug auf einen grundlegenden Wertewandel erklärt. Die Utopien und Ideale, die die Anfänge der ökologischen Bewegungen in den 70er und 80er Jahren geprägt haben und die oftmals unter dem Label „Postmaterialismus“ zusammengefasst worden sind, hätten mittlerweile ihre Bedeutung verloren. Statt der Vision eines völlig neuartigen Lebens im Einklang mit der Natur prägten nunmehr Gegenwartsbezug, Realismus und Pragmatismus die spätmoderne Gesellschaft. Der erhoffte Ausstieg aus dem kapitalistischen System sei dem Kampf um bessere Teilhabe an der Mainstream-Kultur gewichen, Selbstverwirklichung und die Herausbildung einer individuellen Identität würden größtenteils durch Konsum erreicht.

Die Folge dieser Entwicklung sei laut Blühdorn, dass grundlegende kapitalistische Strukturen und Prinzipien nicht verhandelbar seien. Stattdessen werde Kapitalismus, die eigentliche Ursache des Problems, nun als dessen Lösung präsentiert. Dies werde unter anderem in den Strategien der nachhaltigen Entwicklung und der ökologischen Modernisierung deutlich: Beide seien die gängigsten Ansätze für ökologische Politik, obwohl sie in letzter Konsequenz tief im kapitalistischen Denken des Wachstums und des Konsums verwurzelt seien.

Auf diese Weise habe sich eine Politik der Nicht-Nachhaltigkeit herausgebildet, die sich in einem deutlichen Mangel an politischem Willen und einer strukturellen Unfähigkeit, eine wirklich radikal andere Gesellschaftsordnung anzustreben, äußere. Stattdessen bilde sich ein System heraus, das die Konsequenzen der nicht-nachhaltigen Politik relativiere und überspiele und diese so nicht länger inakzeptabel erscheinen lasse. Darüber hinaus gebe es gesamtgesellschaftliche Anstrengungen, den Glauben, dass ökologisch-demokratische Ideale weiterhin das Leitbild politischen Handelns seien, zu reproduzieren. Diese Selbstbeschreibung, die vielmehr eine unterbewusste Selbsttäuschung sei, diene der Versöhnung der widersprüchlichen Positionen, auf der einen Seite radikalen Wandel zu fordern, auf der anderen Seite aber den Status quo unter allen Umständen zu verteidigen.

Und an dieser Stelle kommt schließlich auch die ökologische Bewegung wieder ins Spiel: Diese diene weniger der tatsächlichen Durchsetzung ihrer propagierten Ziele, sondern sei vielmehr ein physischer und diskursiver Raum, in dem Individuen, Gruppen und die Gesellschaft eigentlich bedeutungslos gewordene Ideale weiterhin vorführen und erleben können. Indem sie ökologisch-demokratische Ideale wahrnehmbar machen, komme sozialen Bewegungen eine wichtige Funktion zu, mit der sie helfen, die eigentlich nicht-nachhaltige Gesellschaft trotzdem zu stabilisieren. Die eigentliche Signifikanz sozialer und ökologischer Bewegungen liege also nicht in Opposition und politischem Wandel, sondern in der Demonstration, Performance und dem Erleben von Autonomie und alternativer Identität.

Ökologische Bewegungen ermöglichen so ihren Aktivisten, ihren Wunsch nach Nachhaltigkeit und alternativer Lebensweise auszuleben, ohne tatsächlich aus dem allumfassenden System austeigen zu müssen. Sie hätten auf diese Weise eine ähnliche Funktion wie Freizeitparks: Auch diese ermöglichten ihren Besuchern ein temporäres Abtauchen in eine völlig andere Welt, ohne die Realität tatsächlich zu verändern. Eine kurze Erholung in den Vergnügungen des Freizeitparks mache die im Anschluss folgende Tristesse des Alltags erträglicher, ohne die eigentliche Wurzel der Unzufriedenheit zu berühren. Die erlebte Autonomie und politische Aktivität innerhalb des „Freizeitparks“ erlaube so auf der anderen Seite totale Anpassung an das System außerhalb dieser Arena.

Dieser Ansatz, der ökologischen Aktivismus als nicht wirklich an Veränderung interessierte Selbsttäuschung beschreibt, muss sich den Vorwurf des Pessimismus und Zynismus vorwerfen lassen. Blühdorn beschwichtigt diese Kritiker allerdings, indem er darauf hinweist, dass die gesellschaftliche Selbsttäuschung keineswegs als bewusste Strategie missverstanden werden dürfe. Auch werde nicht behauptet, dass politisches Engagement nie ernst gemeint und per se sinnlos sei. Konkrete Veränderungen, die erreicht wurden, sollen nicht abgewertet werden. Darüber hinaus sei die Ebene der Analyse nicht auf der Ebene der handelnden Individuen. Die beschriebene Selbsttäuschung sei vielmehr eine Antwort auf bestimmte Probleme auf der gesellschaftlichen bzw. systemischen Ebene.

Der Höhenflug grüner Parteien sowie die zahlreichen Formen ökologischer Aktivität und grüner Lifestyles sind aber aus dieser Sicht tatsächlich kein Grund für hoffnungsvolle Prognosen: Solange nicht jeder und jede Einzelne die Nicht-Nachhaltigkeit des eigenen Lebensstils einsieht und entsprechend radikal zu ändern bereit ist, kann auch der Triumphzug der ökologischen Bewegung die umweltpolitischen Probleme nicht wirklich lösen. Bis dahin ist auch die Wahl einer grünen Partei lediglich ein weiteres Kapitel der gesellschaftlichen Selbsttäuschung.

Christoph Hoeft ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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