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Der „rote Welfe“

Teresa Nentwig |  27. Juni 2012 |   |  Drucken

[präsentiert:] Teresa Nentwig über den ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf

Als der erste niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf Ende 1961 starb, gab es kaum einen Nachruf, in dem nicht vom „roten Welfen“ die Rede war. In der Tat: Es war ungewöhnlich, dass ein sozialdemokratisches Parteimitglied – Kopf gehörte der SPD seit 1919 an – freundschaftliche Verbindungen zum Welfenhaus unterhielt. Am 6. Mai 1953 beispielsweise, anlässlich seines 60. Geburtstags, stieß Kopf mit dem Erbprinzen Ernst August von Hannover vor dem Gästehaus der Niedersächsischen Landesregierung in Hannover an. Ein Foto des Umtrunks erschien einen Tag später mit einem ausführlichen Text in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Rund ein Jahr später, im Juli 1954, führte Hinrich Wilhelm Kopf Ernst August und dessen Frau Ortrud, Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, durch das Bundeshaus in Bonn, was sogar einen Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervorrief, die dieses Ereignis – mit einem Augenzwinkern – als willkommene Abwechselung im eintönigen politischen Alltag lobte. Doch lag hierin eine Eigenschaft von Kopfs politischer Führung, die für die Landesbildung keine unwesentliche Rolle gespielt hatte.

Aber zunächst: Kopfs Nähe zur Welfenfamilie blieb nicht auf öffentlichkeitswirksame Auftritte beschränkt. So pflegte er mit den Mitgliedern des Welfenhauses auch einen Austausch in politischen Fragen, zum Beispiel im Sommer 1946. Damals amtierte Kopf als Oberpräsident der Provinz Hannover und setzte sich überaus engagiert für die Gründung eines Landes Niedersachsen ein. Seine Denkschrift „Grundsätzliches zur Bildung eines Landes Niedersachsen“ vom 1. Juni 1946 ließ er dem Vater von Erbprinz Ernst August, dem ehemaligen Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Ernst August, zukommen. Dieser antwortete mit einem längeren Schreiben.

Insbesondere aber waren es die öffentlichen Auftritte mit Angehörigen der Welfendynastie und die mediale Berichterstattung darüber, die Kopf zu Ansehen im konservativ-welfischen Milieu verhalfen. Dieses war in der Nachkriegszeit in Teilen Niedersachsens noch sehr stark vertreten. Die konservativ orientierten Bürger machten bei Wahlen zwar nicht gleich ihr Kreuz bei der SPD, aber Kopfs überparteiliches Auftreten trug immerhin dazu bei, dass die Repräsentanten des konservativen Lagers den niedersächsischen Ministerpräsidenten als verlässlichen Partner ihrer Parteien ansahen. Vor diesem Hintergrund ist ein Gespräch zu sehen, das im April 1948 zwischen Kopfs Pressechef Walter Zechlin und dem damaligen niedersächsischen Wirtschaftsminister Alfred Kubel stattfand. Auf Kopfs Beinamen „der rote Welfe“ anspielend, urteilte Zechlin: „Kopf ist für die SPD in Niedersachsen ein großer Aktivposten!“[1]

Doch nicht überall kam das Auftreten des niedersächsischen Ministerpräsidenten als „roter Welfe“ so positiv an. Insbesondere an der SPD-Parteibasis hagelte es immer wieder Kritik. So etwa im Jahr 1954, als Kopf an der Taufe des jungen Ernst August, heute Ehemann von Prinzessin Caroline von Monaco, teilnahm:

„Ich habe ursprünglich angenommen, daß es den patriarchalischen Sitten des Landes Niedersachsen entspricht, daß das Regierungs-Oberhaupt der Taufe jedes Bürgers beiwohne, habe mich dann aber sehr bald belehren lassen müssen, daß es sich hier um einen Einzelfall handelt.

Nun muß ich Ihnen ehrlich gestehen, daß ich die Gründe, die Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, zu einer so demonstrativen Geste bewegten, nicht ganz verstanden habe. Die erbprinzliche Familie ist schließlich ein x-beliebiger Bürger unseres Vaterlandes wie Sie und ich. Es ist mir auch bisher nicht bekannt geworden, daß eines ihrer Mitglieder sich besondere Verdienste um die Bundesrepublik oder Niedersachsen erworben habe […].

Auch sind Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ein hervorragender Vertreter eben jener Partei, der in allererster Linie das historische Verdienst zufällt, die atavistische Monarchie von Gottes Gnaden in Deutschland eliminiert zu haben und ungeachtet aller Schwierigkeiten, die demokratische Deutsche Republik schuf. […]

Ich muss Ihnen auch gestehen, daß derartige Demonstrationen der SPD mich irgendwie verwirren […].“[2]

Mit diesen Worten wandte sich ein Genosse an Hinrich Wilhelm Kopf. Aber nicht nur an der SPD-Parteibasis stießen Kopfs gute Verbindungen zum Welfenhaus auf Ablehnung. Auch unter den sozialdemokratischen Ministern fanden sich Kritiker, beispielsweise als 1951 die Hochzeit von Ernst August und Ortrud in der hannoverschen Marktkirche anstand: Landesfinanzminister Alfred Kubel war sich zwar bewusst, dass Kopf „allzu gerne ginge“[3]. Doch er warnte seinen Parteikollegen eindringlich vor dem entstehenden „Welfenrummel“[4] – mit Erfolg, denn Kopf sagte schließlich seine Teilnahme an der Hochzeit ab.

In den meisten Fällen ließ sich der niedersächsische Ministerpräsident von solcher Kritik jedoch nicht beeindrucken. Vielmehr stand er zu seinen überparteilichen Verbindungen, wie das folgende Zitat aus dem Jahr 1959 zeigt: „Allerdings ist es nicht so, daß ich nur Kontakt mit Menschen meiner eigenen Partei oder Anschauung hätte. Ich habe mich vielmehr immer, und wie ich glaube mit Erfolg, bemüht, meine Freunde und Gesprächspartner gerade auch in Kreisen zu finden, die mir politisch nicht ohne weiteres eng verbunden sind.“[5]

Genau das war die Offenheit nach allen Seiten hin, die sich als ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gründung des Landes Niedersachsen erwiesen hatte. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zunächst welfisch-konservative Kreise, die die Niedersachsen-Idee verfolgten. Kopf, der seit dem 1. Mai 1945 als Regierungspräsident des Regierungsbezirks Hannover amtierte, ließ sich davon nicht abschrecken. Gerade indem er auf die Repräsentanten des welfisch-konservativen Milieus zuging, gelang es ihm, den Niedersachsen-Gedanken aus diesem exklusiven Rahmen herauszulösen und in den eigenen Kompetenzbereich zu integrieren. Und zwar äußerst erfolgreich, denn am 23. November 1946 wurde er zum ersten Ministerpräsidenten eben jenes neuen Landes Niedersachsen ernannt. Zwar spielten auch noch viele weitere Faktoren eine entscheidende Rolle, dass es Ende 1946 zur Landesgründung kam – darunter vor allem die deutschlandpolitischen Akzentsetzungen der britischen Besatzungsmacht. Doch Kopfs forsches und gleichzeitig integratives Auftreten darf dabei keineswegs unterschätzt werden.

Kopfs Offenheit nach allen Seiten beeinflusste nicht nur den Prozess der Landesbildung, sondern sie stellte auch einen wichtigen Erfolgsfaktor seiner Ministerpräsidentschaft dar. Indem er auf alle Bevölkerungsgruppen zuging und so weit wie möglich Distanz zu seiner eigenen Partei wahrte, stieg er zum überparteilichen „Landesvater“ Niedersachsens auf.

Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Sie schreibt ihre Dissertation über Hinrich Wilhelm Kopf und hat gemeinsam mit Frauke Schulz und Christian Werwath das Buch „Die Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen: Landesväter und Landesmanager“ herausgegeben.

Abbildung 1:

Halali! Hinrich Wilhelm Kopf, Ernst August und Heinrich Hellwege bei der Jagd.

Quelle: Privatarchiv Katarina Ludwig, München

Abbildung 2:

Prosit! Am 6. Mai 1953, anlässlich seines 60. Geburtstags, stieß Hinrich Wilhelm Kopf mit Prinz Ernst August von Hannover vor dem Gästehaus der Niedersächsischen Landesregierung in Hannover an, umgeben von hannoverschen Schützen.

Quelle: Privatarchiv Katarina Ludwig, München

 


[1] Zit. nach: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn (AdsD), Tagebücher Alfred Kubel, Eintrag vom 10.04.1948.

[2] Schreiben von Hans P. Mager an Hinrich Wilhelm Kopf vom 07.06.1954, in: Niedersächsisches Landesarchiv – Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH) V.V.P. 6 Nr. 37.

[3] AdsD, Tagebücher Alfred Kubel, Eintrag vom 14.08.1951.

[4] Ebd.

[5] Schreiben von Hinrich Wilhelm Kopf an Pastor H. Blitz vom 05.10.1959, in: NLA-HStAH V.V.P. 6 Nr. 35.


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