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Der Niedersächsische Landtag – ein Parlament im Schloss

Teresa Nentwig |  5. Januar 2016 |   |  Drucken

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[analysiert]: Teresa Nentwig über die wechselvolle Geschichte des niedersächsischen Landtagsgebäudes.

Unter den deutschen Bundesländern verfügt Niedersachsen über eines der wenigen nach 1945 (fast) neu errichteten Parlamentsgebäude. Damit lässt es sich als Symbol für den Neubeginn der Demokratie ansehen. Wie viele andere Städte auch war Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Als das Kabinett des am 23. August 1946 gebildeten Landes Hannover am 19. Oktober 1946 zu seiner siebten Sitzung zusammenkam, behandelte es unter Tagesordnungspunkt IV die Frage, wo der hannoversche Landtag zukünftig untergebracht werden sollte. Drei Gebäude standen zur Auswahl: neben dem Jagdschloss Springe und dem Schloss Celle die Stadthalle Hannover.

Zu einer Entscheidung kam es zunächst jedoch nicht. Vorerst tagte auch der Landtag des Landes Niedersachsen, das am 23. November 1946 aus den früheren Ländern Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe gebildet worden war, im Neuen Rathaus von Hannover, in dem bereits die hannoverschen Landtagsabgeordneten Unterschlupf gefunden hatten. Vom 13. Mai 1947 an konnte der Niedersächsische Landtag aber schließlich seine Sitzungen in Nebenräumen der hannoverschen Stadthalle abhalten. Für die endgültige Unterbringung fiel dann rasch das im Juli 1943 bei einem Bombenangriff vollständig zerstörte Leineschloss am Rande der hannoverschen Altstadt in die engere Wahl. Dieses ging auf das Jahr 1637 zurück und hatte u.a. als Kloster, Schloss und Regierungssitz, als Armenhaus, Schule und Kaserne gedient.

Nachdem der öffentlich ausgetragene Streit darüber, ob ein demokratisch gewählter Landtag in ein ehemals königliches Schloss einziehen dürfe, mit „Ja“ entschieden worden war, wurde 1954 ein bundesweiter Architektenwettbewerb für den neuen Landtag ausgeschrieben. Als Sieger ging der hannoversche Architekt Dieter Oesterlen, der zwischen 1952 und 1976 auch als Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Technischen Hochschule Braunschweig lehrte, aus dem Wettbewerb hervor. Nachdem die Landtagsabgeordneten 1956 mit 72 zu 65 Stimmen entschieden hatten, das neue Parlament nach Oesterlens Plänen bauen zu lassen, konnten die Bauarbeiten im Jahr darauf beginnen.

Oesterlen bewahrte vom Schloss die Außenmauern einschließlich des Portikus und des Wintergartens, gestaltete jedoch das gesamte Gebäudeinnere neu, ergänzte den Portikus durch eine Freitreppe und baute an der Ostseite einen neuen Flügel mit dem Plenarsaal an. Dieser Teil setzt sich in seiner Schlichtheit von der barocken und klassizistischen Fassade des früheren Schlosses ab. Auf diese Weise und zusätzlich mit der „einfache[n] und nüchterne[n] Gestaltung“[1] der Räumlichkeiten, die „der Tradition des Neuen Bauens“[2] entsprach, gelang Oesterlen, „die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Dieser schöpferische Gedanke war die Grundidee der Planung“[3], so der Architekt im Jahr 1964.

Den Plenarsaal, „das eigentliche Herz des Landtages“[4], versah Oesterlen mit einer „fensterlosen Fassade“, „um keine neue Fensterfassade der historischen klassizistischen Fassade entgegenzusetzen und alles Gewicht dem Portikus zu geben“[5], den er mit großen Glastüren und Fenstern ausstattete. Der Plenarsaal erhielt aber eine teilweise verglaste Decke, die gedämpftes Tageslicht hineinlassen sollte. Denn das „Hineinströmen von Tageslicht“, so Oesterlen, „in den im allgemeinen heutzutage nur künstlich ausgeleuchteten Raum (vergleiche auch Plenarsitzungssaal in Stuttgart) ist von psychologisch belebender Wirkung, die den Abgeordneten bei den oft Tage dauernden Plenarsitzungen ihre Arbeit erleichtern dürfte“.[6]

Die feierliche Einweihung des neuen Landtagsgebäudes erfolgte schließlich am 11. September 1962 in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke. Unmittelbar darauf setzten jedoch die ersten Probleme ein: „Lauter! – Es ist nicht zu verstehen! – Die Übertragung ist miserabel, Herr Präsident!“[7], „Herr Präsident, es ist kein Wort zu verstehen!“[8], „Lauter sprechen!“[9]. Derartige Ausrufe waren in den ersten Monaten nach der Einweihung an der Tagesordnung. Die Schwierigkeiten mit der Akustik konnten zwar bald gelöst werden; doch richtig zur Ruhe ist das Landtagsgebäude nie gekommen. So gab es schließlich 2002 einen Architekturwettbewerb, der eine bedachtsame Sanierung des Plenarsaals vorsah. Doch der Umbau wurde aus Kostengründen vertagt.

Im November 2008 setzte dann eine breite und hitzige Diskussion um das Landtagsgebäude ein. Immer mehr wurden z.B. die schlechte Belüftung, die ungünstige energetische Situation, der fehlende barrierefreie Zugang sowie der unzureichende Platz für Besucher und Journalisten kritisiert. Vor allem aber sorgte die geschlossene Fassade des Plenarsaals vermehrt für Unmut: Sie zeuge vom mangelnden Demokratieverständnis der Nachkriegszeit. „Diesem Postulat“, so die Architekturhistorikerin Anne Schmedding, „liegt die Überzeugung zugrunde, dass ein Parlament demokratischer sei, wenn die Fassade seines Gebäudes transparent ist.“[10]

Und so kam es, dass sich die CDU, die SPD, die FDP und anfangs auch die Linkspartei für den Abriss des alten Plenarsaals und seinen Neubau aussprachen. Lediglich die Grünen wollten an dem Plenartrakt als „wichtige[m] Zeugnis der Architektur der Nachkriegsmoderne“ und „geschichtsträchtige[m] Symbol für die Demokratie des jungen Bundeslandes Niedersachsen“ festhalten. Unterstützung erhielten sie u.a. von einem renommierten Kurator des New Yorker Museum of Modern Art: „Ein Abriss wird weit über Deutschland hinaus einen nachhaltigen und dauerhaften Schaden für das Ansehen der Stadt, des Landes und seiner Vertreter in der Öffentlichkeit nach sich ziehen“, schrieb Andres Lepik an Landtagspräsident Hermann Dinkla; denn der Landtag sei „über seine architektonische Qualität hinaus auch […] einer der wenigen Symbolbauten für die Demokratie der Bundesrepublik, für den Neuanfang nach 1945“. In dieser Debatte, so kann zusammenfassend festgehalten werden, traten die unterschiedlichen Positionen deutlich zutage; wobei sowohl die Anhänger als auch die Gegner eines Abrisses letztlich ähnlich argumentierten: In einem Landtagsgebäude sollte Demokratie nicht nur ausgeübt werden, sondern auch nach außen hin sichtbar sein.

Aus einem erneuten Wettbewerb zum Umbau des seit 1983 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ging schließlich Anfang 2010 der Kölner Architekt Eun Young Yi als Gewinner hervor; an der Stelle des alten Plenarsaals wollte er einen tempelartigen Neubau aus Glas errichten. In die Riege der Kritiker des Abrisses reihte sich nun auch die Fraktion der Linken ein: Aufgrund der aktuell „katastrophalen Entwicklung der Landes- und Kommunalfinanzen“ sei man gegen das rund 45 Millionen Euro teure Bauprojekt. Neben der Witwe des 1994 verstorbenen Oesterlen und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege wandten sich zudem zahlreiche Bürgerinnen und Bürger gegen einen Neubau. 150 von ihnen kamen am Morgen des 16. März 2010 zu einer Demonstration in Landtagsnähe zusammen, übten also ihr Recht auf Meinungsfreiheit aus und forderten ihr Mitbestimmungsrecht ein. Doch die meisten Abgeordneten ließen sich davon nicht beeindrucken: 91 von 152 stimmten an diesem Tag für die Neubaupläne Yis.

Die Proteste gegen den Abriss des Plenarsaals verstummten dennoch nicht, und am Ende kam alles anders: Nicht wegen der Proteste, sondern angesichts drohender Kostensteigerungen auf mindestens siebzig Millionen Euro entschieden sich die Baukommission des Niedersächsischen Landtages und sämtliche Fraktionen Ende 2012 gegen den Neubau und für eine Sanierung samt Umbau. „Planerisches Ziel ist es“, so Landtagspräsident Bernd Busemann Mitte 2013, „das in seiner äußeren Gestalt zu erhaltende Plenargebäude im Innern nach den gewachsenen Bedürfnissen des Landtags im Geist der Architektur Oesterlens neu zu interpretieren“.

Inzwischen stehen vom Landtagsgebäude nur noch die Außenmauern. Nachdem es vollständig entkernt worden war, konnten im Sommer 2015 die Aufbauarbeiten beginnen. Falls es nicht zu erneuten Verzögerungen kommt – Anfang 2015 stellte sich heraus, dass die Außenwände Roststellen im Stahlbeton aufweisen und daher mit einer weiteren Schicht Beton ummantelt werden müssen –, soll dieser „Neubau im Altbau“ im Sommer 2017 fertig – und damit die „unendliche Geschichte um die Grundsanierung des niedersächsischen Landtags“ beendet sein. Bis dahin tagen die Abgeordneten im nahegelegenen Forum des Georg-von-Cölln-Hauses, „das als Interims-Plenarsaal hergerichtet“ worden ist. Was die Landespolitik betrifft, verfügt Niedersachsen aktuell also über zwei „Orte der Demokratie“: einen provisorischen und einen, der den Anforderungen der Gegenwart entsprechend umgebaut wird.

Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung und forscht u.a. zu niedersächsischer Landesgeschichte.

Foto 1: Der Portikus des Leineschlosses mit Westflügel.

Quelle: Landtag Niedersachsen, Foto: Tom Figiel

Foto 2: Außenansicht des Plenarsaalgebäudes im Juli 2013. Die durchgehenden Fenster gehören zur Wandelhalle.

Quelle: Landtag Niedersachsen, Foto: Tom Figiel

Foto 3: Im April 2015 waren der Umbau und die Sanierung des Plenarsaals in vollem Gange.

Foto: Teresa Nentwig

Foto 4: Das Landesdenkmal „Die Göttinger Sieben“ vor dem Plenarsaalgebäude. Es stammt von dem Bildhauer Floriano Bodini und ist 1998 errichtet worden.

Foto: Teresa Nentwig

Foto 5: Die erste Plenarsitzung am 24. September 2014 im umgebauten Forum des Georg-von-Cölln-Hauses gegenüber der Marktkirche.

Quelle: Landtag Niedersachsen, Foto: Tom Figiel

 

[1] Dengler, Frank: Bauen in historischer Umgebung. Die Architekten Dieter Oesterlen, Gottfried Böhm und Karljosef Schattner, Hildesheim/Zürich/New York 2003, S. 182.

[2] Ebd.

[3] Oesterlen, Dieter: Parlamentsgebäude für den Niedersächsischen Landtag, Hannover, in: Bauen + Wohnen, Jg. 18 (1964), H. 2, S. 79–84, hier S. 79.

[4] Ebd., S. 80.

[5] Ebd., S. 79.

[6] Ebd., S. 80.

[7] So die Zurufe; siehe Stenographischer Bericht über die 66. Sitzung des Niedersächsischen Landtages am 14.09.1962, Sp. 3780.

[8] So der Abgeordnete Richard Langeheine; siehe Stenographischer Bericht über die 74. Sitzung des Niedersächsischen Landtages am 30.11.1962, Sp. 4144.

[9] So ein Zuruf; siehe Stenographischer Bericht über die 79. Sitzung des Niedersächsischen Landtages am 06.02.1963, Sp. 4481.

[10] Schmedding, Anne: Dieter Oesterlen (1911–1994). Tradition und zeitgemäßer Raum, Tübingen/Berlin 2011, S. 194.


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