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Der Niedergang der FDP (1/4)

Franz Walter |  11. September 2014 |   |  Drucken

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[analysiert]: Franz Walter analysiert Etappen von Niedergang und Aufschwung der Liberalen in Deutschland.

Die Freien Demokraten im unaufhaltsamen Niedergang? Diese Frage wird seit den Landtagswahlen in Sachsen wieder vermehrt öffentlich diskutiert. Die FDP stellt – erstmals – keine Minister mehr, weder im Bund noch in den Ländern. In Umfragen liegt sie nun schon seit Monaten konstant unter fünf Prozent. Doch hat die Erosion des parteipolitischen Liberalismus einen langen Vorlauf. Franz Walter hat darüber bereits Ende 1995 in einem Kolloquium der sozialwissenschaftlichen Fakultät referiert, das Drama der FDP früh – aber eben auch zu früh – antizipiert. Wir dokumentieren den damaligen Vortrag aus Gründen anhaltender Aktualität. In den kommenden Tagen folgen die weiteren Teile.

Der Niedergang der FDP. Doch ich möchte historisch zunächst noch eine Stufe vorher ansetzen. Denn einen Niedergang erlebten die Liberalen schon früher, schon vor der FDP. Aber der Liberalismus regenerierte dann offensichtlich. Schließlich war die FDP gleichsam die Regierungspartei schlechthin in der alten Bonner Republik. Ich frage daher im Folgenden nach den Ursachen des Zerfalls des parteipolitischen Liberalismus vor 1933, versuche dann die Bedingungen für die Renaissance der liberalen Partei nach 1945 herauszuarbeiten, bevor ich schließlich und am ausführlichsten auf die Gründe für die neuerliche Erosion der Liberalen, in Gestalt der FDP, eingehe. Ich hoffe, dass am Ende dann auch der analytische Zusammenhang zwischen diesen drei – auch historischen – Ebenen deutlich wird.

Zunächst also der geschichtliche Vorspann. Ich will mich dabei kurz fassen.

Die Liberalen waren die Partei schlechthin in der Reichsgründungsära, also in den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das war wahrscheinlich die beste Zeit für die Liberalen überhaupt. Ihr Einfluss jedenfalls war beträchtlich. Ihre Wähleranteile betrugen nahezu fünfzig Prozent. Dann aber ging es bergab. Am Ende des Kaiserreichs vereinten sie nur noch ein Viertel der Aktivwähler auf sich. Doch der eigentliche Absturz ins Bodenlose erfolgte in den Weimarer Jahren, schon ab 1920. Zum Ausgang der Republik jedenfalls fielen nur noch 2,9 Prozent der Wählerstimmen auf eine der beiden liberalen Parteien.

Was waren nun die Ursachen für diese ja doch dramatische, im Übrigen für die deutsche Geschichte verhängnisvolle Erosion der bürgerlichen Mitte? Ich möchte die Faktoren, die mir wichtig erscheinen, hier nur auflisten, um die Zeit für mein Referat nicht zu überdehnen.

1) Nach der Reichseinigung besaßen die Liberalen keine zugkräftige Zukunftsidee mehr. Die deutsche Einheit war realisiert. Auch die anderen Ziele der Liberalen waren überwiegend erreicht. Es wurde bürgerlich gewirtschaftet. Das Deutsche Reich war im Ganzen rechtsstaatlich verfasst, mit Presse- und Organisationsfreiheit, mit einer beträchtlichen Autonomie von Bildung, Wissenschaft und Kunst. Das war das, was die Liberalen im Kern angestrebt hatten. Die parlamentarische Republik gehörte nicht zu den zentralen Anliegen der Liberalen. Kurz – und das ist etwas, was auch für die Interpretation des Niedergangs der FDP gelten mag – : die Liberalen gerieten in eine Krise, eben weil sie erfolgreich gewesen waren.

2) Vor allem auf die junge Generation im Bildungsbürgertum, die traditionelle Trägerschicht der Liberalen, übte der Liberalismus keinen Reiz mehr aus. Die Liberalen galten den jungen Gebildeten als Bewegung von gestern, als anachronistisch, verstaubt, überholt. Die Jugend des Bildungsbürgertums ging nach rechts, schon im Kaiserreich, massiv dann in der Weimarer Republik.

3) Nach rechts ging auch ein Teil des gewerblichen Mittelstandes. Vor allem die wirtschaftlichen Krisen förderten diesen Abkopplungsprozess von den liberalen Parteien, zunächst die Große Deflation ab 1873, dann und vor allem die Inflation in den frühen 1920er Jahren; schließlich – aber schon gar nicht mehr so entscheidend – die Jahre der Weltwirtschaftskrise. In Krisen – aber nicht nur dann – reagierte ein großer Teil des alten Mittelstandes antiliberal, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das erlebten wir ebenfalls nach 1945, auch der FDP bereitete das Schwierigkeiten.

4) Den Liberalen rutschte also der Unterbau weg. Die organisatorischen Fundamente der Liberalen waren sowieso nicht mehr stabil. Hier unterschieden sich die Liberalen erheblich von den Sozialdemokraten oder auch der Zentrumspartei. Die liberalen Bürger waren eher Individualisten, keine Parteifunktionäre. Mit der Fundamentalpolitisierung der deutschen Gesellschaft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gerieten die Liberalen in Schwierigkeiten. Die Etablierung kollektiver Großstrukturen im Partei- und Verbandswesen unterminierte das liberale Honoratiorenwesen.

5) Dazu hatten sich um die liberale Partei auch keine parteipolitisch eindeutig zugeordneten Milieustrukturen gelegt. Gewiss, es existierten bürgerliche Sport-, Gesangs- und Schützenvereine, die bis in die frühen 70er Jahre des 19. Jahrhunderts an den Liberalen orientiert waren. Aber die primäre Ausrichtung dieser Vereine war national, nicht liberal. Als beides nicht mehr zwingend übereinstimmte, entwickelte sich das Vereinsumfeld mit der Dynamisierung des Nationalismus nach rechts. Im Übrigen brauchten Liberale eine homogene Gegenkultur auch deshalb – im Gegensatz zu den Sozialdemokraten und Katholiken – nicht aufzubauen, weil sie eben honorable Bürger waren, gleichsam Teile des Establishments, nicht ausgegrenzte oder gar verfolgte Gruppierungen.

Das alles unterhöhlte schließlich die Fundamente des Liberalismus in Deutschland bis 1933. In den sozialkulturellen Raum, den die Liberalen besetzt hatten und der nun frei wurde, drangen dann bekanntlich die Nationalsozialisten ein.

Den vollständigen Vortrag  gibt es hier zum Download.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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